Die erste ChefdirigentIN in Köln! Marie Jacquot stellt erste Spielzeit des WDR Sinfonieorchesters vor
Das Gürzenich-Orchester unter François-Xavier Roth hatte, was Programmierung, Originalität und Mischung aus Alter und Neuer Musik betrifft, immer die Nase vorn. Mit Marie Jacquot als Chefdirigentin dürfte ab nächster Spielzeit das WDR Sinfonieorchester mit wehenden Fahnen vorbeiziehen. Wenn die nächsten vier Jahre halten, was Jacquot verspricht. (Von Sabine Weber)
(10. April 2026, Köln) Und das ist anzunehmen. Denn nicht nur die erste Frau steht an einem der beiden ersten Kölner Pulte. Auch eine der zurzeit ziemlich gefragten Persönlichkeiten am Dirigentenpult. Als der Dresdener Staatskapelle auf ihrer Tournee (2024) ihr Chef Christian Thielemann abhandenkam und Jacquot in der Kölner Philharmonie für ihn einsprang, waren die Dresdner begeistert. Trotz wenig Probenzeit vermochte Jacquot, eine eigene Interpretation auf die Beine zu stellen. Darüber äußerten sich Musiker nach dem Konzert bekennend begeistert. Als sie vor dem WDR Sinfonieorchester Bruckners Siebte leitete, bekannte sie sich mutig zu einer „konservativen“ Interpretation. Das hieß damals, Tiefenschärfe hörbar zu machen, ohne alles auf die Wuchtallüren-Karte zu setzen (siehe Klassikfavori). An der Kopenhagener Oper ist sie Chefdirigentin, weil sie, wie sie in einem Interview mit klassikfavori erklärte, in der dänischen Hauptstadtoper nicht mit zu vielen Repertoireaufführungen belastet und von Verwaltungsanforderungen aufgefressen würde, wie möglicherweise an einem deutschen Haus. Denn noch brauche sie Zeit, sie zu entwickeln.
1000 Uraufführungen schon im Studium
In den deutschsprachigen Ländern fühlt sich Marie Jacquot zuhause. Die gebürtige Pariserin lebt in Graz, ihr Mann ist Österreicher, und sie spricht fließend Deutsch. In Weimar und Wien hat sie studiert, an der Oper am Rhein den Dirigieralltag an einem Opernhaus kennengelernt, in Würzburg ihre erste Kapellmeisterstelle angetreten und ist bis zur nächsten Spielzeit noch Erste Gastdirigentin in Wien. Vor Neuer Musik kennt sie keine Berührungsängste, sei sie doch in Wien die einzige Dirigierstudentin gewesen, die sich nicht vor den Uraufführungen der jungen Komponisten-Kommilitonen gedrückt habe. Nach dem Studium blickte sie bereits auf gefühlte „1000 Uraufführungen“ zurück.
Souveränität und Präzision
Ihr glaubt man gern. Zugewandt, ehrlich, vor allem offen ist sie auch im Gespräch. Starallüren interessieren sie nicht. Männliches Dompteurgehabe ohnehin nicht. Das ist ja auch passé, fast passé… Jedenfalls erwartet Köln eine frische, neugierige Dirigentin, die mit beachtlicher Souveränität für Präzision und Qualität der Interpretationen einstehen dürfte. Und die ihre Musiker begeistert.
Offizieller Antritt am 18. September 2026
In ihrem Antrittskonzert am 18. September 2026 lässt sie Populäres auf Rarität und Klangextase treffen. Mit Chopins 2. Klavierkonzert (Chopinwettbewerb-Gewinnerin Yuliana Avdeeva), Augusta Holmès’ Poème sinfonique Andromède und Skriabins Poème de l’extase. In einem folgenden Konzert bringt sie den französischen Komponisten Thierry Escaich mit einem Viola-Konzert (Solist: Antoine Tamestit) ins Philharmonie-Programm. Mit Iveta Apkalna an der philharmonischen Klaisorgel eine Orgelsinfonie von Camille Saint-Saëns. Damit geht es auf Tournee nach Linz, Innsbruck, Salzburg und Hamburg. Im Mai nächsten Jahres hebt sie im Rahmen von „Acht Brücken. Musik für Köln“ ein neues Werk von Johannes Maria Staud aus der Taufe. Wie schön, dass die auf der Kippe stehenden Acht Brücken nächstes Jahr noch einmal stattfinden. Dass es Hinwendungen zu Nicht-Klassik-Affinen mit der Filmmusiknummer gibt, sind wir schon vom WDR3 Radioprogramm gewohnt. In diesem Fall verbindet sich die Filmmusik von Der Herr der Ringe mit dem Filmjubiläum und Filmprojektionen in der Kölner Lanxess-Arena und in Oberhausen. Da wird Marie Jacquot aber nicht am Pult stehen…