Archiv der Kategorie: CD-Besprechungen

Camille Saint-Saëns! Palazzetto Bru Zane erforscht dessen Opernschaffen

„Samson et Dalila“ hat es ins Repertoire geschafft. Doch Camille Saint-Saëns (1835-1921), Titulaire an der Madeleine, also Organist und Pianist, vor allem sinfonischer Komponist, der bis ins hohe Alter hinein für Frankreich untypisch großartige kammermusikalische Werke wie Sonaten für Holzblasinstrumente schreibt nicht zu vergessen: die erste französische Stummfilmmusik vorlegt – er hat zeitlebend versucht, die Opernbühne zu erobern. Auch seine französischen Kollegen Bizet, Berlioz oder Massenet kämpften da mit Widerständen. Ob es an Charles Baudelaire lag, der beim Besuch einer Tannhäuser-Aufführung in Paris 1870 ein spirituelles Erlebnis in der Größenordnung einer „schwindelerregenden Opium-Vorstellung“ erlebt und mit seiner anschließenden Schrift der „Wagner-Rausch“ einen Wagner-Hype in Paris ausgelöst hat?
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Goebel mit dem Orchestre de l‘Opéra Royal und la Tempesta unter Bismuth erweisen Versailles großartige Reverenzen

Gleich zwei CD-Veröffentlichungen laden Ende Februar in das beeindruckende Opernhaus des Château de Versailles ein. Reinhard Goebel, ehemals barocker Virtuosengeiger und spiritus rector der Musica Antiqua Köln, heute ein bis unter die Haarspitzen mit Erfahrungen aus der historischen Aufführungspraxis gewappneter Dirigent, lässt das seit 2019 dort inthronisierte Königliche Opernorchester informiert tanzen. Patrick Bismuth und La Tempesta mit fünfköpfigem Sängerensemble – verleihen einem allegorischen Bühnenspiel von André Campra neuen Glanz. Die verschollene Partitur hat Bismuth als Zufallsfund aus der Mediathek von Saint-Denis gezogen. Ihr Thema: Krieg und Frieden in einem neuen Jahrhundert! Mit pädagogischem Fingerzeig also und höchst aktuell. Im Mai 1700 wurde es erstmals am Collège de Louis-Le-Grand mit Jesuitenschülern aufgeführt. (Von Sabine Weber)

Les Caractères de la Danse Du Bourgois Genilhomme à Orphée. Chateau de Versailles Spectacles. CVS055

(2. März 2022) In diesen Zeiten möchten wir doch gern in heile arkadische Welten flüchten und mit Fragonards Schaukeldame in Rosa auf dem Booklet über Rosen und Amouretten den Schuh fliegen lassen. Heute wie damals sind solche glücklichen Momente natürlich Blasen gewesen. Kriege gegen Spanien, die Niederlande, Deutschland, der pfälzische Erbfolgekrieg hat des Sonnenkönigs Frankreich letztendlich ruiniert und eine elende Hungersnot heraufbeschworen. Aus der Entfernung betrachtet lässt sich die arkadische Blase allerdings wunderbar aufblasen. Zumal sie mit französischer Musik des Stile classique und des aufziehenden galanten Rokokos vom Feinsten gefüllt werden kann.

Reinhard Goebel und Musica Antiqua Köln machten mit diesem Repertoire für die Einspielung der Filmmusik zu Le Roi danse bereits vor 20 Jahren Bekanntschaft. Zum Film über Jean-Baptiste Lully und seinem Aufstieg am Hofe Ludwigs XIV. lieferte Lully natürlich auch die Musik. Als musikalischer Zeremonienmeister eines durch den Sonnenkönig neu heraufbeschworenen kulturellen Nationalstolzes natürlich beste Filmmusik. Freilich mit Goebel als Spezialist für hochvirtuoses italienisches und deutsches Violin-dominiertes Repertoire, damals als deutscher Beitrag aus Köln ein „muss“, weil Filmförderung von dort kam, klang es irritierend ruppig, Goebels Bon goût eher kantig. Zwanzig Jahre später hat es sich gemildert. Mit dem Orchestre de l‘Opéra Royal klingt es geradezu irritierend weich, was auch an der indirekten Mikrofonierung liegen könnte, aber auch an den etwas verschwommenen, wenig konturierten Innenstimmen und den auffallend zurückgenommenen Akzentuierungen, beispielsweise der Auftakte.

Dass Jean-Baptiste Lullys Tanzsätze zu Molières Stück Le Bourgeois Gentilhomme einen 16-Fuß bekommen, ist nicht stilecht, aber akzeptabel. Erst mit Rameau sollte das Orchester in der Tiefe rumpeln. Die Tanzsätze der 4. Szene zu dessen Pygmalion-Einakter – als solche zwar nicht Air des differents Caractères überschrieben – sind aber tatsächlich eine Folge von pétits mouvements de danses wie die Caractères-de-la-Danses-Miniaturen Jean-Ferry Rebels, die angeblich einer Charakterfolge der Frankreich zugehörigen Provinzen entsprechen sollte. Interessanterweise sei Rebels Tanzmusik die erste gewesen, mit der Damen aufs französische Parkett gebeten wurden, so Goebel, womit sie die ewig männliche Kriegsgötterei mildern konnten. Rameau konnte auf die Tänzerin Marie Sallé in seinen Tanzopern fest setzen. Und hat auch Anspruch auf den 16-Fuss der Kontrabässe, wobei er auch mal petites flûtes in Terzen zwitschern lässt. Dennoch, so richtig schwungvoll geraten die Rameautänze noch nicht, die eigentlich zum Besten zählen, was Rameau komponiert haben soll…

Mit Christoph Willibald Glucks Tänzen aus Orphée et Eurydice entwickeln Klang und Darstellung mit einem Mal Selbstbewusstsein und Charakterstärke. In der Ouvertüre schon allein der Hörner wegen! Im Maestoso eröffnen sie furchterregend das Tor für die Furien der Unterwelt. Ihr Tanz hat verblüffende Ähnlichkeit mit Don Juans Höllenfahrt aus Glucks nach dem Frauenheld benannter Ballettmusik. In einer Don-Juan-Vorstellung soll das Wiener Theater bis auf die Grundmauern abgefackelt worden sein.

Wolfgang Amadeus Mozarts Ballettmusik zu Idomeneo ist die Schlussapotheose dieser französischen Tanzgenealogie in die Wiener Klassik hinein, wobei Mozarts Chaconne eigentlich keine ist, wie Goebel in seinem rekurrierenden Begleittext wissend erläutert. Gekonnt liefert er Bogen und die Erklärung dazu, warum mit Lullys Tanzmusik seinen Anfang nahm, was bei Mozart furios mit Pauken endet.

André Campra, Le Destin Du Nouveau Siècle. Château de Versailles Spectacles. CVS061

Die Wieder-entdeckung und Wiederaufführung von André Campras allegorischem Spiel Le Destin Du Nouveau Siècles ist ein Coup: beste Musik, Airs, Récits und großartige Choreinlagen. Die hatte man ja schon mit dessen Opern-Ballett L‘Europe galante auf dem Plan. Dazu – wie könnte es auch hier anders sein – großartige Tanzmusik. Noch bis in die Romantik müssen auf französischen Bühnen immer Ballette sein. Also hier barocke Menuette, Giguen, Musetten – seltsamerweise keine Sarabanden – die das heraufziehende Jahrhundert begleiten, beflügeln, Kriegern Ruhm und Prestige, den Pazifisten Kunst und Kultur bringen. Leider muss der Zwischensieg des Friedens im dritten und letzten Teil wieder dem Krieg Platz einräumen, der als unvermeidbar ins Bild zu gehören hat. Angesichts des aktuellen Kriegs unfassbar. Der Vierzehnte führte unentwegt Krieg, das hatten die angehenden Schüler zu begreifen. Konzentrieren wir uns lieber darauf, dass die Musikausbildung in dem Jesuitenkolleg Louis-Le-Grand damals ambitioniert gewesen sein muss. Heute ist das Gymnasium immer noch die erste Pariser Adresse für gesellschaftliche Aufsteiger in Paris. Allerdings inzwischen weniger in musischer Hinsicht. Die Chöre für die damaligen Zöglinge sind anspruchsvoll, die Tänze nicht minder. Heute wird ganz sicher nicht mehr getanzt. Die Aufführungen dieses Jesuitenkollegs sollen damals sogar eine Stadtattraktion gewesen sein. Und Komponisten wie Charpentier, Colasse und eben Campra haben dafür komponiert, damit die besten Choreographen die Tänze entwickeln konnten. Die Götter, der allegorisierte Frieden sowie der Krieg bekommen von großartigen Solisten (Florie Valiquette, Claire Lefilliâtre, Marc Mauillon, Mathias Vidal, Thomas van Essen) ihre Stimme geliehen, fein austariert konturiert klingen die Instrumente unter Patrick Bismuths Leitung. Vielleicht ist die allegorische Trouvaille insgesamt ein bisschen zu lang. Aber wunderbare französische Bühnenmusik des Stile classique, die hier erstmals auf CD gebannt erscheint.

„Au Monde!“ Daniel Zapico bearbeitet Prachtstücke aus Versailles für die Theorbe und versetzt den Hörer in profunde Schwingung

Klassikfavori wünscht allseits einen guten Start ins Neue! Hier mit einer Geschichte, die im letzten Jahr beginnt: Kurz vor Weihnachten schickt mir ein Kollege eine CD, die erst einmal liegen bleibt, die Ferien über auf dem Stapel wartet, dann im Neuen Jahr wie nebenbei in den Player wandert und bereits bei den ersten Tönen innehalten lässt. Horchen und Staunen ob der Klänge. Tief, profund, dennoch weich und französisch, bekannt und doch ganz anders. Hits aus der Zeit des französischen Stile Classique – ich gebe es gleich zu, meine Lieblingsepoche! – bearbeitet von dem asturischen Theorbisten Daniel Zapico für sein Instrument! (Von Sabine Weber) „Au Monde!“ Daniel Zapico bearbeitet Prachtstücke aus Versailles für die Theorbe und versetzt den Hörer in profunde Schwingung weiterlesen

Kurz vor Weihnachten: Neue CD Aufnahmen mit Jaroussky und Orlinski

Sie gehören beinahe zwei Generationen von Countertenören an und doch singen Philippe Jaroussky, geboren 1978, und der gerade mal 30 Jahre alte Jakub Józef Orlinski in einer, und beide in der höchsten Liga: Hier der erfahrene Franzose mit einer kaum mehr überschaubaren Diskographie, dort der Newcomer aus Polen, der freilich auch schon großartige Auftritte auf den Bühnen Europas – und zuletzt in der Met – hatte, sowie bereits zwei fantastische Solo-Alben veröffentlicht hat. Mit „Anima Aeterna“ knüpft er an seine Debüt-CD „Anima Sacra“ von 2018 an. (Von Klaus Kalchschmid) Kurz vor Weihnachten: Neue CD Aufnahmen mit Jaroussky und Orlinski weiterlesen

Eine Ausnahmesängerin! Julia Varady zum 80. Geburtstag!

Julia Varady zum 80. Geburtstag. Eine 10 CD Box der Orfeo-Recording.

Heute feiert Julia Varady ihren 80. Geburtstag! Eine 10 CD-Box der Orfeo-Recordings durchstreift das Lebenswerk dieser großen Sängerin. Klaus Kalchschmid mit persönlichen Eindrücken einer Bühnenpersönlichkeit, die ihm Mitte der 1970er zum ersten Mal begegnet ist. Eine Ausnahmesängerin! Julia Varady zum 80. Geburtstag! weiterlesen

Seliges Fest! Les Escapades kommt mit der Weltersteinspielung von Strattners Geistlichen Konzerten heraus

100 Jahre Entwicklung liegen zwischen Heinrich Schütz (*1585), dem Erfinder des Geistlichen Konzerts, und Johann Sebastian Bach (*1685), Schöpfer des gewaltigsten Kantatenwerks aller Zeiten. In dieser Zeitspanne ist Deutschland was Kirchenmusik angeht ein reges Experimentierfeld. Vielfältige Kirchenmusikwerke beflügeln die Entwicklung. Komponiert für Fürstenhöfe, in Städten, für Kirchen. Motetten, geistliche Vokalwerke, geistliche Kompositionen, Psalmvertonungen oder eben geistliche Konzerte, weil Instrumente mittun. Auf seiner neuen CD fügt das Gambenensemble Les Escapades einen Komponisten hinzu, der zu Unrecht vergessen und fortan nicht mehr überhört werden kann. Georg Christoph Strattner. (Von Sabine Weber)

Weltersteinspielung geistlicher Werke von Georg Christoph Strattner beim Label Christophorus

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Sanftmut und Melancholie. Kaori Uemura offenbart die Seele der Viola da gamba

ist der Mensch und bedeutet in Melancholie versunken. In der japanisch-chinesischen Kanji-Kaligraphie zusammengesetzt (wie das englische “You” ausgesprochen) bedeuten sie Milde und Sanftmut oder Freundlichkeit.ist also ein ästhetisches und ein beseeltes Zeichen zugleich. Und ist das Markenzeichen von Kaori Uemuras erster solistisch eingespielter CD. Sie erscheint Anfang Februar beim Label RAMÉE. Und sie ist mit derart seelenvoll gespielter Musik gefüllt, dass frau – selbst Gambistin – darnieder knien möchte. Für das Verständnis der großartigen Gambenmusik eines Tobias Hume, Vater und Sohn Sainte-Colombe, Marin Marais, Carl Friedrich Abel oder Georg Philipp Telemann ist keine Kaligraphie von Nöten. Aber das Zeichen bringt doch zum Ausdruck, was den Charakter oder den Seelenklang der Viola da gamba ausmacht. Jedenfalls, wenn man so spielt wie Kaori Uemura. Ein Hauch Melancholie ist natürlich mit im Spiel. (Von Sabine Weber)

Beim Label RAMÉE (Outhere-Music) aufgenommen. Erscheint Anfang Februar

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Ein überdrehtes Genie und seine eine Symphonie! Das Gürzenich Orchester Köln hat die Symphonie in E-dur von hans Rott aufgenommen!

Abgelehnt, wütend, dann wahnsinnig geworden. Mit 26 Jahren tot. Der österreichische Komponist Hans Rott, ein Zeitgenosse Gustav Mahlers, ist ein tragischer Fall. Das Gürzenich-Orchester in Köln hat sich für das Label CAPRICCIO seiner einzigen Symphonie in E-dur angenommen und gewaltigen Klängen, die zwischen Meistersinger-Festwiese, Parsifal-Entrückung und derbem Ländlertanz chargierend sich zu einer Riesenschlange formen. Das Gürzenich-Orchester zaubert und entfesselt, was es zu entfesseln vermag. Letztes Jahr ist eine erste Hans-Rott-CD vorausgegangen mit Orchestervorspielen und -Suitensätzen. (Von Sabine Weber) Ein überdrehtes Genie und seine eine Symphonie! Das Gürzenich Orchester Köln hat die Symphonie in E-dur von hans Rott aufgenommen! weiterlesen

Beethrifft: Shybayeva nimmt Beethovens Klavierkonzerte ohne Orchester mit Streichquintett auf


Das 3. und 4. Klavierkonzert sind 2019 erschienen. Jetzt ist die zweite Beethoven-CD von Hanna Shybayeva mit dem 1. Klavierkonzert beim Label Naxos herausgekommen. Die Pianistin Shybayeva hat alle Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens auf dem Schirm. Am Flügel! Aber nicht vor Orchester. Shybayeva lässt sich von einem Streichquintett begleiten. Die Bearbeitungen von Vinzenz Lachner sind historisch und offenbaren eine neue Sichtweise auf die Bedeutung der Orchesterfaktur im Verhältnis zum Solopart des Klaviers. Wie die Aufnahme von Pianistin Sophie-Mayuko Vetter hat Shybayevas Beitrag fürs Beethoven-Jahr jedenfalls einen Kick. Sie hat auch ihren eigenen Kopf. Im folgendem Interview lernen Sie Hanna Shybayeva kennen. Zufälligerweise habe ich sie beim Abhören ihrer ersten Aufnahmesession von Beethoven 3 und 4 in Köln getroffen. Das war im Juni letztes Jahr. (Die Fragen stellt Sabine Weber) Beethrifft: Shybayeva nimmt Beethovens Klavierkonzerte ohne Orchester mit Streichquintett auf weiterlesen