Archiv der Kategorie: CD-Besprechungen

Beethrifft 2020 am 6. Januar. Gedanken zur Neunten im Radio und einer Neueinspielung von zwei Beethoven-Streichquintetten

Wie wirkt sich die 9. Sinfonie am Sonntagmorgen aus? Im Radio eine Einführung und anschließend die ersten beiden Sätze zu Spiegeleiern und Heilandt-Kaffee! Der Mann kommt rein und ruft sofort: „Beethoven?“ – „Ja, die Neunte!“ „Die Neunte? Warum?“ Daraufhin Schweigen. Die Neunte, weil … Beethovenjahr! Aber nur die ersten beiden Sätze, weil sie insgesamt – in der längsten Version – sogar 75 Minuten dauert. Und wer braucht sonntagsmorgens schon die direktive finale Freudenakklamation des letzten Satzes, werden sich die Programmplaner gedacht haben. Ein Musikjournalist und Redakteur hat es sogar gewagt, das Finale dieser Neunten auf eine möglich Überschätzung hin neu zu bewerten. Friedrich Schillers “Ode an die Freiheit” war ja sogar mal verboten. Regimentsmedikus Schiller wurde vom württembergischen Herzog wegen unbotmäßig schriftstellerischem Einsatz und Theaterbesuches die Schriftstellerei insgesamt untersagt. So dichtet er 1785 auf Bitten seines Freundes Christian Gottfried Körner für eine Freimaurerloge sozusagen heimlich. Schiller hielt die Ode nicht für ein Welten-verbrüderndes Meisterwerk. „Es habe keinen Wert für die Welt und die Dichtkunst…“, schreibt er seinem Freund. Aber die von Schiller überschwänglich beschworenen – natürlich männlich determinierten – Gesellschaftsideale werden das Retro-Bekenntnis zu den niedergemachten Idealen der französischen Revolution. Deshalb greift sie auch Beethoven im restaurativen Metternich-Wien demonstrativ wieder auf, freilich erst öffentlich, als das Verbot sich erledigt hatte. Gedanken für ein nicht-gehörtes Finale! Frühstück beendet und jetzt zu aufmerksam gehörten Streichquintetten in einer Neueinspielung (ALP 585)! Da gibt es wirklich etwas zu entdecken. (Von Sabine Weber)

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Neuer Counter-Star – Jakub Józef Orlinski

(Foto: Jiyang Chen) Klassikfavori startet ins Neue Jahr mit einer Entdekkung von Musikjournalist und Kritiker Klaus Kalchschmid. Er beobachtet die Countertenorszene schon seit Jahren und hat sich aktuell von Jakub Józef Orlinskis Charme und seinem fulminant musikalischen Singen bezirzen lassen. Und es ist dem Publikum offenkundig auch so ergangen. Beispielsweise beim ausverkauften Liederabend in der Frankfurter Oper, wo Orlinski im letzten Jahr auch als Titelheld von Händels „Rinaldo“ seine professionellen Breakdance-Fähigkeiten unter Beweis gestellt hat, oder – neben Andreas Scholl – in „Rodelinda“. Das Kassenpersonal der Zürcher Oper, an der er gerade als Cyrus in der szenischen Version von Händels „Belshazzar“ Furore gemacht hat, nennt ihn nur noch „Schatz“. Sogar die Bildzeitung schwärmt: „Er könnte Student sein. Model. Oder Fitnesstrainer. Denkt man aber nur, bis der attraktive Kerl den Mund aufmacht…“ (von Klaus Kalchschmid)
Wer den 28-jährigen Countertenor aus Polen noch nicht live erleben konnte hat Gelegenheit im deutschsprachigen Raum bei den Händelfestspiele Karlsruhe. Dort übernimmt er im Februar 2020 die Titelpartie in „Tolomeo“.


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CD Favoriten!

Dass sich wunder alle Welt. Lieder zum Advent mit Les Escapades. Christophorus CHR77287.
Himmlische Weyhnacht. Festliche Gesänge von Luther bis Bach mit Bell’Arte Salzburg. Berlin Classics 0300687BC
(von Sabine Weber)

Am Wochende ist erster Advent! Und die Weihnachtsmärkte puffen diese Botschaft schon mächtig durch die Luft. Tee-, Glühwein-, Wurst- und so allerlei Fressständen durchziehen bereits die Plätze. Zu überhören ist es auch nicht. In Popversion dudeln die klassischen Weihnachtslieder im schlimmsten und häufigsten Fall verkitscht vorgetragen von Rudi Carell- oder Nico Haak – Klonen. Jedenfalls ist das so in der Kölner Innenstadt. Da scheint es geboten daran zu erinnern, was es mit den klassischen Advents- und Weihnachtsliedern eigentlich auf sich hat. Wann und vor allem wie sie auch klingen können. Diese Zeit hat einen musikalisch reichhaltigen Klangschatz über Jahrhunderte geprägt.
Dass sich wunder alle Welt
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Das Kammerorchester Carl Philipp Emmanuel Bach löst sich auf und winkt unter Hartmut Haenchen zum letzten Mal mit den drei letzten Sinfonien von Wolfgang Amadeus Mozart!

Berlin Classics Best.Nr. 0300587BC
Berlin Classics Best.Nr. 0300587BC

Wer den Dirigenten Hartmut Haenchen im Juni, im Toulouser Opern-Orchestergraben zur Richard Straussens Daphne-Premiere erlebt hat, konnte sich davon überzeugen, dass der Anfang 70jährige ein unermüdlicher Kämpfer für die Partitur geblieben ist – auch gegen ein widerständiges Orchester (siehe Premierenbericht). Davon kann natürlich beim Carl Philipp Emmanuel Bach Kammerorchester keine Rede sein! Obwohl Haenchen als junger Schweriner Generalmusiker gerade seines Amtes enthoben, weil er sich den musikalisch inakzeptablen Wünschen zu einem Staatstragenden Fest nach DDR-Maßstab nicht gefügt hat – kürt ihn das Carl Philipp Emmanuel Bach Kammerorchester im Berliner Osten 1980 zu seinem Chef. Das war die Wahl für einen musikalischen Überzeugungstäter! Und der laut Stasi-Akten als „Staatsfeind“ geführte Dirigent ist hartnäckig! Er schwört sein Ensemble auf den Namensgeber ein. Und da Aufführungen schwierig sind, konzentriert man sich auf Aufnahmen. Die Gesamtaufnahme aller 18 Sinfonien von Carl Philipp Emmanuel Bach geht dann auch als eine Pionierleistung in die Geschichte ein. Vor allem im Westen sorgt sie für Furore und Preise, in der DDR für Reputation, vor allem Devisen und leitet die Rehabilitierung ein. 1986 darf Haenchen sogar mit dem Segen Honeckers seinen ersten Auslandsjob in Amsterdam antreten. All das sind sicherlich Gründe, warum Haenchen seinem Kammerorchester bis zuletzt die Treue gehalten und mitgeholfen hat, auch die Wende ohne nennenswerte staatliche Hilfe zu überleben und eine eigene Reihe im Berliner Konzerthaus zu gestalten. Aber jetzt ging es nicht mehr weiter mit dem ehrenamtlichen Engagement von Musikern, Solisten und auch des Dirigenten.

Mit den drei letzten Sinfonien von Wolfgang Amadeus Mozart ist im Mai diesen Jahres im Berliner Konzerthaus ein fulminanter Schlussstrich gezogen worden. Der Bundespräsident höchst persönlich saß im Publikum. Die jetzt erschienene Live-Aufnahme krönt und beschliesst eine Serie von ungefähr 50 Aufnahmen. Auch auf dieser letzten stellt Haenchen noch einmal alle Vorzüge des Orchesters en nuce vor: eine kammermusikalisch durchdachte Musizierweise zugunsten eines absolut transparenten Klanges. Den Mut zu gezügelten und ausmusizierten Tempi, wie beispielsweise im ersten Satz der g-moll Sinfonie Nr. 40. Details scheinen auf, die so gern mit Schwung überfahren werden. Das Vibrato bei den Streichern ist wohl dosiert. Ein Dirigent der Klangorgien ist Haenchen ja auch nie gewesen. Lieber schenkt er den kleinen und für das große Ganze bei Mozart doch auch so wesentlichen Momenten Bedeutung und arbeitet sich an ihnen hingebungsvoll ab. Das Carl Philipp Emmanuel Bach Kammerorchester setzt die Ideen hervorragend um. Man spürt die Symbiose zwischen Musiker und Dirigent. Es sind in jedem Moment hörbar beglückende drei letzte Sinfonien!
Sabine Weber

CD-Favoriten: Rival Queens! Vivica Genaux und Simone Kermes veranstalten barockes Diventheater und schleudern mit Arienkostbarkeiten nur so um sich!

Sony Classical Best.Nr. 88843023662
Sony Classical Best.Nr. 88843023662

„Gemeiner, Grausamer, Verräter! …“ Wut steht Diven meist gut zu Gesicht! Aus eher leisen Registern entwickelt Simone Kermes ihren Zündstoff. Plötzlich bricht es dann messerscharf hervor. Und schon verlöscht die Flamme wieder in zischenden Sprachlauten, um an anderer Stelle wirkmächtig wieder aufzulodern. Vivica Genaux liebt eher den Frontalangriff. Mit Schmelz, Volumen und schier nicht zu bremsenden Koloratursalven zwingt die USAmerikanierin den Gegner in die Knie. Oder die Gegnerin? Diventheater ist schon immer Karrierefördernd gewesen! Das hat der legendäre Zickenkrieg von Francesca Cuzzoni (Parma) und Faustina Bordoni (Venedig) bereits Anfang des 18. Jahrhunderts bewiesen. Und weitaus mehr Komponisten als bekannt, haben sich darum gerissen, den Damen das Arsenal zu füllen. Wer hätte je von Giuseppe Arena einen Tito, von Geminiano Giacomelli einen Scipione oder Attilio Ariosti einen Lucio Vero auf der Bühne erlebt? Mit 12 Arien in Weltersteinspielung wartet die CD auf, das sind Pfunde! Gut, nur Arien. Und ob die Opern zu Aufführungen taugen ist damit noch nicht gesagt. Aber was zu hören ist, ist hochexplosives Rüstzeug für gurgelgeläufige Diven. Und Kermes und Genaux, so unterschiedlich sie in ihrem Timbre und Singverhalten auch sein mögen, ergänzen sich großartig, beispielsweise im Duetto di Cloefide e Poro aus Cleofide von Johann Adolf Hasse. Das haben die Cuzzoni und die Bordoni damals nicht hinbekommen. Auf der Londoner Bühne des King’s Theatre sind sie aus ihren Rollen gefallen und haben sich offen angegiftet. Ein Skandal! Zur Freude des Publikums, der Pamphletisten und Karikaturisten. Das hat die Fan-Gemeinden natürlich gespalten. Schwer zu sagen, wem man auf dem nachgestellten Schlagabtausch der aktuellen CD den Vorzug gibt. Die Stimme der Kermes ist nicht groß, klingt manchmal auch eng. Ihre Kadenz vor dem Da capo in Villanel la nube estiva ist trotz der Spitzentontiraden Geschmackssache. Aber sie wagt etwas, ist außerdem eine Virtuosin in der Ausgestaltung kleiner und überaschender Details, weswegen man ihr affektgeladene Manirismen auch sofort verzeiht. Es knistert, wenn sie singt! Der Mezzo der Genaux, mit deutlich mehr Vibrato, ist immer kurz vor der Explosion. In den Koloraturen scheint sich die Stimme schon einmal fast zu überschlagen und bekommt sogar manchmal etwas ravissant bellendes. Das sprudelnd Wilde wirkt aber nie unkultuviert, eben nur wie aus einem Urgrund hervorbrechend. Die unterschiedlichen Qualitäten der Damen ergänzen sich perfekt. In der Gegenüberstellung und im Duett. Hier stehen sich zwei ebenbürtige Diven gegenüber, und man könnte sich beim Hören vorstellen, wie sie sich wutschnaubend die Perücken vom Kopf zupfen und dann Mitleidheischend dem Publikum Dekolleté und Leid ofenbaren. Sie werden ja auch bestens angeheizt von der Cappella Gabetta, geleitet von Andrés Gabetta. Wer italienische Barockopern und Koloraturstarke Diven im Extremeinsatz liebt, der ist mit dieser CD wirklich gut bedient!
Sabine Weber

Elisabeth Leonskaja erhält den International Classical Music Award für ihre CD „Paris“!

Leonskaja[2]
Elisabeth Leonskajas erhält den International Classical Music Award für ihre CD „Paris“!

Sabine Weber

Das Wort Karriere vermeidet die Pianistin, die zu den allergrößten ihrer Zunft gehört. Stattdessen spricht die Starpianistin Elisabeth Leonskaja lieber davon, dass sie sich wie eine hungrige Studentin fühle. Elisabeth Leonskaja erhält den International Classical Music Award für ihre CD „Paris“! weiterlesen