Lyrisch, dramatisch, bezaubernd! Solen Mainguené wird als Manon in Freiburg bejubelt!

Elsa Dreisig war zuletzt die Manon-Entdeckung in Hamburg. Solen Mainguené dürfte ihr in der Manon-Oper Jules Massenets in Freiburg jetzt den Rang ablaufen. (Im Titelbild mit Joshua Kohl – Des Grieux – in Feierlaune. Foto: Paul Leclaire) Nicht nur ist sie äußerst attraktiv und erfüllt von unschuldig bis charmant-verführerisch bis zuletzt den aus Männersicht unwiderstehlichen französischen Frauentyp, wie eine Mischung Emmanuelle Seigneur, Sophie Morceau, Catherin Deneuve. Schauspielerisch umwerfend, aber auch stimmlich, als Französin perfekt im Sprech-Timbre liefert sie berührende Momente. Joshua Kohl als Des Grieux, vom Vater aus der wilden Beziehung in Paris entführt, kann ihr selbst im Schutz der Kirche und in Priestersoutane nur kurz Widerstand leisten. Mainguenés subtil gestaltete pianissimo-Passagen in ihrer Verführungsarie „Ist’s nicht meine Hand“, 3. Akt, lassen es sogar im Zuschauerraum knistern. Das Philharmonische Orchester des Theaters Freiburg unter der Stabführung des ersten Kapellmeisters am Haus, Ektoras Tartanis, geht mit dem französischen Klang exquisit um. (Von Sabine Weber) Lyrisch, dramatisch, bezaubernd! Solen Mainguené wird als Manon in Freiburg bejubelt! weiterlesen

Zwei merowingische Königinnen in Blutfehde. Guiraud/Saint-Saëns/Dukas‘ „Frédégonde“ mit großartiger Stummfilm-Regie!

Das Finale fährt dermaßen unter die Haut, dass die Haare zu Berge stehen! Das hat man in Brüssel letztlich ja so vermisst. Das Publikum sitzt in der Dortmunder Oper in den Logen hinten und starrt gebannt auf die Filmleinwand, wo sich auf einem gigantischen Schachbrett das Drama final zuspitzt! Kronprinz Merowig hat sich in die besiegte Gegenkönigin Brunichild, die er bewachen sollte, verliebt, sie auch noch geheiratet. Die amtierende Königin Frédégonde rast und schickt den ihr hörigen König Hilperic vor, ihn vorzuführen. Der Prinz liefert sich aus Sohnesliebe  dem Vater aus. In diesen merowingischen Zeiten keine gute Idee. Und da liegt er schon gedemütigt und verurteilt auf dem Boden. Die Ex-Gegenkönigin schreit um Gnade, die Hofleute schreien um Gnade. Der Chor, der bisher immer zum Publikum hin gesungen hat, hat sich umgedreht und schreit um Gnade. Das Orchester dreht auf. Da rammt sich der hilflose Prinz selbst ins Messer von Frédégonde. Schockstarre. Was hat dieses „merwongische Damengambit“ nur so dermaßen zugespitzt, das einem Hören und Sehen vergeht? (Von Sabine Weber) Zwei merowingische Königinnen in Blutfehde. Guiraud/Saint-Saëns/Dukas‘ „Frédégonde“ mit großartiger Stummfilm-Regie! weiterlesen

Wagners „Rheingold“ historisch informiert gesprochen, gesungen, gespielt…

In Berlin dampft gerade der Ring von Stefan Herheim. Da kommt in Köln ein ganz anderes Ringprojekt zum Tragen. Concerto Köln unter Kent Nagano präsentiert „Das Rheingold“ historisch informiert. Unter dem Motto „Wagner-Lesarten“ werden seit einigen Jahren neue Herangehensweisen an die Partitur erforscht. Ich erinnere mich noch gut an den ersten historisch informierten Holländer mit der Capella Coloniensis unter Bruno Weil. Jetzt also der Ring im historisch informierten Neuklang, dem Symposien und Workshops vorausgingen. Vier Wagner-Oboen wurden neu gebaut, die Wagnertuben kennt man ja. Hier sind sie allerdings auch neu gebaut worden wegen des Stimmtons 453 hz. Ritterbratschen sind wohl out, weil die riesigen, von Wagner präferierten Bratschen wohl unspielbar bleiben. Dafür wurden besondere Sing- und Sprechgewohnheiten erprobt, die Wagners Diva Wilhelmine Schröder-Devrient zur Begeisterung von Wagner entwickelt und geprägt haben soll. Und sogar eine rekonstruierte Pädagogik der Sprachbewältigung und Erlernung der Partitur, von Wagner autorisiert, sei hier zum Zug gekommen. Gestern war die Probe aufs Exempel. Und einiges Unerhörte war in den zweieinhalb Stunden ohne Pause tatsächlich zu bemerken. (Von Sabine Weber)

Ein ntr-Mitschnitt der Zaterdagmatinee aus Amsterdam inklusive eines Interviews mit Kent Naganos ist derzeit online nachzuhören!!!

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Ein Tierbändiger und dressierte Ballerinas. In Brüssel treibt Lulu-Hannigan die Jungfrau-Aktie in den Keller und wird gefeiert!

Und heute geht es in die letzte Runde der Wiederaufnahme-Produktion von Alban Bergs „Lulu“ nach Texten von Frank Wedekind. (Dernière 18. November 2021) Krzysztof Warlikowski hat seine Regie von 2012 (seit 2014 auf DVD) völlig auf die Ausnahmekünstlerin Barbara Hannigan zugeschnitten. Und Lulu-Hannigan zeigt, was sie zu bieten hat: viel Haut, einen perfekten Body und maximalen sportlich-körperlichen Einsatz, um dem männlichen Personal Schaden zuzufügen. Dabei meistert sie die irre-schwere Partie (Spitzentöne, Koloraturen, Sprechgesang) über drei Stunden scheinbar mühelos (vollendete dreiaktige Cerha-Fassung, uraufgeführt 1979 an der Pariser Opéra Garnier). Bo Skovhus als Dr. Schön wie man ihn kennt und liebt – auch zu großem menschlichem Ausdruck fähig – ist ein perfekter Gegenspieler und zuletzt als Jack The Ripper auch ihr Schicksal. Das Orchestre Symphonique de la Monnaie spielt unter Alain Altinoglu – immer lautstarker Jubel, wenn er im Graben erscheint – wie auf Bergs Klänge abonniert und hat sämtliche bei der Premiere monierten Probleme ausgeräumt! (Von Sabine Weber) Ein Tierbändiger und dressierte Ballerinas. In Brüssel treibt Lulu-Hannigan die Jungfrau-Aktie in den Keller und wird gefeiert! weiterlesen

Sagt wer nein zur Feierei? Die Oper Frankfurt feiert Karneval mit Carl Nielsens „Maskerade“! Köln könnte neidisch werden…

Freilich mit 3 G Regel. Mit Carl Nielsens komischer Oper „Maskarade“ (dänisch) in der Regie von Tobias Kratzer darf Frankfurt eine Repertoire-Entdeckung verbuchen! Nielsen und sein Librettist Vilhelm Andersen haben ein kongeniales Plädoyer für Ausgelassenheit und Feierfreude hingelegt. Für die Jugend gegen konservative Altersmissmut. Andersen, ein damals anerkannter Literaturwissenschaftler und Lehrstuhlinhaber, hat nebenbei gern seine Schauspielbegabung im studentischen Amateurtheater eingebracht. Und war wohl prädestiniert, die von Ludvig Holberg in seinem Schauspiel vorgelegten Begegnungen à la Molière – Auseinandersetzungen und Streitgespräche zwischen Sohn, Vater, Mutter, zweier Hausangestellter und einem Geschäftsfreund – zu einem hintersinnig-witzigen Spiel zu machen, das von Wortkaskaden bestimmt wird. Sagt wer nein zur Feierei? Die Oper Frankfurt feiert Karneval mit Carl Nielsens „Maskerade“! Köln könnte neidisch werden… weiterlesen

Liebeslyrik als Verrat gegen sich und das Gegenüber: „L‘amour de loin“ von Kaija Saariaho treibt den mittelalterlichen Troubadour Jaufré in den Tod

Wieviel an der Legende vom okzitanischen Troubadour Jaufré Rudel historisch ist, trägt zur Handlung von Kaija Saariahos „L‘amour de loin“ nicht wirklich bei. Verdient dennoch Erwähnung. Denn historisch verbürgt ist, dass Jaufré sich 1147 dem zweiten Kreuzzug anschließt, für den Bernhard von Clairvaux und Hildegard von Bingen in Köln predigen und werben! Jaufré kommt nicht bis zum Heiligen Grab, sondern nur bis Tripolis und stirbt – die Legende beginnt – in den Armen einer französischen Gräfin, die dort auf der Zitadelle sitzt, einer Stellung der Kreuzfahrer . In seinem Werk „La fleur inverse“ über die Kunst der Troubadoure (1994) nährt Jacques Roubauds in einer zusammen getragenen „Vida“ des Troubadours einen Verdacht. Die Gräfin Clémence von Toulouse sei von vornherein das einzige Ziel Jaufrés gewesen. Denn Pilger hätten ihm von ihrer Schönheit derart vorgeschwärmt, dass Jaufré sie als unerreichbare Geliebte zunächst aus der Ferne bedichtet, besingt, sie aber dann leiblich sehen will. Roubaud wird als Librettist angefragt. Das vollendet dann der libanesische Autor Amin Maalouf, Librettist weiterer Opern Saariahos. 2000 wird „L‘amour de loin“ bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Und ist ein tödliches Unterfangen mit Projektionen im Liebesspiel zwischen Mann und Frau geworden. Der Kreuzzug spielt keine Rolle, dafür psychoanalytische Untertöne. Auch in der Regie von Johannes Erath. (Von Sabine Weber) Liebeslyrik als Verrat gegen sich und das Gegenüber: „L‘amour de loin“ von Kaija Saariaho treibt den mittelalterlichen Troubadour Jaufré in den Tod weiterlesen

Nasenterror! Serebrennikov inszeniert in München “Die Nase” von Schostakowitsch

Enorm war die Vorfreude auf die erste Premiere unter dem neuen Intendanten Serge Dorny aus Lyon und seinem neuen Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski. Kein bekanntes Prunkstück der „Hausgötter“ Mozart, Wagner oder Strauss, sondern erstmals überhaupt am Nationaltheater „Die Nase“ des 24jährigen Dmitri Schostakowitsch: schrilles, schräges, expressionistisches Musiktheater des frühen 20. Jahrhunderts. Und die Oper eines Russen in der Produktion eines rein russischen Teams! Der großartige, so ungemein fantasievolle und umtriebige russische Film-, Theater- und Opern-Regisseur Kirill Serebrennikov inszenierte nach Musiktheater-Geniestreichen in Zürich („Così fan tutte“), Hamburg („Nabucco“) und zuletzt Wien („Parsifal“) erstmals eine Produktion an der Bayerischen Staatsoper. Wieder konnte er nicht vor Ort sein. Denn auch wenn sein Moskauer Hausarrest nach Aussetzung einer mehrjährigen Strafe wegen angeblicher Veruntreuung von Steuergeldern zur Bewährung mittlerweile aufgehoben ist, besitzt er keinen Pass und kann Russland nicht verlassen. (Von Klaus Kalchschmid) Nasenterror! Serebrennikov inszeniert in München “Die Nase” von Schostakowitsch weiterlesen

Der Deutsche Dirigentenpreis 2021 ist in der Kölner Philharmonie an den Belgier Martijn Dendievel gegangen

Die Dirigierzunft ist gerettet! Denn „es sei eine wahre Freude gewesen, sich mit den Bewerberinnen und Bewerbern zu beschäftigen.“ Markus Stenz, Vorsitzender der Jury des Deutschen Dirigentenpreises, spielt auf das Klasse-Niveau an. Eine Knochenarbeit muss es dennoch gewesen sein. Denn 274 Video-Bewerbungen aus 49 Nationen sind beim Dirigentenforum des Deutschen Musikrates eingegangen und mussten von der 11köpfigen Jury vorab gesichtet werden. Eine Besonderheit dieses hoch dotieren und seit 2017 international ausgeschriebenen Wettbewerbs: Oper und sinfonisches Repertoire werden gleichberechtigt in der Pflichtkür für die besten Nachwuchsdirigentinnen und -Dirigenten angesetzt. Und so waren vom 18. bis zum 23. Oktober auch die beiden Kölner Orchester im Einsatz. Das WDR Sinfonieorchester fürs Sinfonische und das Gürzenich-Orchester für die Opernszenen plus Mitglieder des jungen Opernstudios ergänzt von Sängern des Kölner Ensembles. 10 Bewerbungen aus 9 Nationen schafften es in die Aktivrunde, plus der zwei extra-nominierte Stipendiaten des Forums Dirigieren. Beide haben einen Preis abgeräumt. Schon die öffentlichen Probenphasen waren im Vergleich äußerst spannend. (Von Sabine Weber) Der Deutsche Dirigentenpreis 2021 ist in der Kölner Philharmonie an den Belgier Martijn Dendievel gegangen weiterlesen

Die Musikwelt hat einen Grandseigneur verloren: Bernard Haitink

Mit 92 Jahren hat der niederländische Dirigent ein stolzes Alter erreicht. Klassikfavori hat eines seiner letzten Konzerte miterelebt. Mit immer noch absolut präzisen Handbewegungen hat er das Chamber Orchestra of Europe in der Luxemburger Philharmonie im Februar 2019 kurz vor seinem 90. Geburtstag dirigiert. Interviews durfte er zu diesem Zeitpunkt schon keine mehr geben. Dazu hatte ich 2002 Gelgenheit und habe Sie genutzt, wie in dem folgenden Audio nachzuhören ist… Zu allererst habe ich natürlich gefragt, wie er zum Dirigieren gefunden hat…

Sinnlich, komisch, überwältigend: Filideis Passion “The Read Death” aus Donaueschingen in Köln

(Titelbild: Das SWR Sinfonieorchester beim Abschlusskonzert in Donaueschingen. Foto: SWR/Ralf Brunner) Das Schlusskonzert der traditionsreichen Donaueschinger Tage ist anläßlich 100 Jahre Donaueschinger Musiktage nach Köln gebracht worden. Unter der Leitung von Sylvain Cambreling durchfluten Bild-verhaftete, verspielte bis gewaltige, auch elektronisch unterstützte Klänge zu pandemischen Szenen die Kölner Philharmonie. Eine elitäre Gruppe von Menschen, repräsentiert von fünf Solisten und drei Chorgruppen, schottet sich von der Welt ab und findet doch den Tod. (Von Sabine Weber) Sinnlich, komisch, überwältigend: Filideis Passion “The Read Death” aus Donaueschingen in Köln weiterlesen

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