Archiv der Kategorie: Premierenbesprechungen

Gounods “Faust” mit EKG-Befund und gesprochenen Dialogen

Im Saal 1 im Staatenhaus bilden langgezogene schwarze Ellipsen als Rahmen hintereinander gebaut die Bühne.  Ein magischer Raum mit Tiefe. Vorne sitzt das Gürzenich-Orchester. Wann eine solche Großbesetzung zuletzt zu erleben war, können wir kaum noch erinnern: großer Streicherapparat, doppeltes Holz, vier Harfen, gewaltiges Blech, eine zwei-manualige Orgel mit Fußpalen, eine oftmals wirbelnde Pauke, auch das für die französischen Revolutionsorchester erfundene schaurige Riesen-Tam-Tam hat nicht gefehlt. Links im Raumhintergrund versteckt bis hinter die Tribünenränge der Chor. Eine opulente Premiere also, die mit der frühen Faust-Fassung, also gesprochenen Dialogen (siehe das Interview mit Dramaturgin Birgit Meyer), auch in neue Dimensionen vorstößt! Und François-Xavier Roth spricht für den Teufel, während er mit seinem dunkelgrünen Faber-Castell-Bleistift Orchestermassen und Bühnengeschehen unter Obacht hält! (Von Sabine Weber) Gounods “Faust” mit EKG-Befund und gesprochenen Dialogen weiterlesen

Roland Schwab inszeniert den “Bajazzo” als düster-schwarze Tragikomödie für Essen

(Titelfoto: Matthias Jung) Das Abonnements-Publikum haben wir in Essen doch immer eher als reserviert erlebt. Nach der kurzfristig freigegebenen Premiere am Aalto-Theater stehende Ovationen! Ruggiero Leoncavallos „I Pagliacci“ – „Der Bajazzo“ – ist ja auch ein Publikumsstück. Mit herrlich eingängiger Musik. Und der berühmtesten Tenor-Arie aller Zeiten. Angeblich ist das die erste Arie, die je auf Schallplatte gebannt wurde. „Ridi Pagliacci – Lache Pagliacci“! Zu Lachen gibt es allerdings wenig. Regisseur Roland Schwab taucht die zwei Akte von etwas über 70 Minuten Länge in bitter-düsteres Schwarz und inszeniert mehr Tragik als Komödie, die auf einer Bühne auf der Bühne stattfindet. Bajazzo liegt von vornherein in Ketten, an denen sein Gegenspieler Tonio zerrt. (Von Sabine Weber) Roland Schwab inszeniert den “Bajazzo” als düster-schwarze Tragikomödie für Essen weiterlesen

„Hoffmanns Erzählungen“ auf fantastischem 3D-Bühnenboden in Zürich

Les Contes d‘Hoffmann” weicht von Jacques Offenbachs bisherigen Operettenspötteleien ab. Es geht nicht um in Intrigen verstricktes Götterpersonal (Orpheus in der Unterwelt) oder usurpierendes Wurzelgemüse (König Karotte) oder einen Hund (Barkouf), der besser regiert als alle Männer zusammen, wenn er von einer Frau geführt wird. In “Hoffmanns Erzählungen”, so der deutsche Titel, bringt Offenbach einen deutschen Schriftsteller ins Opernrepertoire. E.T.A. Hoffmann, der mit seinen Schauerromanen (Die Elexire des Teufels oder Der Sandmann) die literarische Romantik mit begründet hat. Zudem war er Musikschriftsteller, ein Mozartfan, den Vornamen Amadeus hat er sich selbst zugelegt, und er hat auch komponiert. Jetzt war er als Opernrolle in Zürich in der Streamingpremiere am 11. April 2021 zu erleben. Die ist auf der Seite der Züricher Oper noch bis Ende April als Video on demand kostenlos verfügbar. Das Sängerensemble ist vom Feinsten. Saimir Pirgu, ein Pavarottischützling, singt die Titelrolle. Sabine Weber im Gespräch mit Klaus Kalchschmid fragt in diesem „Podcast favori. Die Oper der Woche“ aber auch nach, ob Offenbachs Bühnen-Hoffmann in der Regie von Andreas Homoki in irgendeiner Weise auf den realen Hoffmann verweisen könnte… „Hoffmanns Erzählungen“ auf fantastischem 3D-Bühnenboden in Zürich weiterlesen

Aida als Historienstudie aus dem Blick französischer Kolonialisten und pianissimo Tönen in höchsten Lagen!

(18. Februar 2021, online-Premiere aus der Opéra national de Paris) Giuseppe Verdis “Aida”: zur Feier der Eröffnung des Suezkanals vom ägyptischen Vizekönig bestellt! 1871 in Kairo in einem gerade neu eröffneten Opernhaus aufgeführt! “Aida” ist ganz klar eine Festoper mit Pomp and circumstance. Aida als Historienstudie aus dem Blick französischer Kolonialisten und pianissimo Tönen in höchsten Lagen! weiterlesen

Sozialdrama mit Kindsmord – Leoš Janáčeks “Jenůfa” spielt sich in Berlin in eiskaltem Raum ab

Auch das macht digitale Technik möglich. Zwei Online-Premieren am selben Tag könnten wir Dank Aufnahmetechnik nacheinander verfolgen. Dann wird bekannt gegeben, dass die aktuelle Freischütz-Produktion aus München (siehe podcast-Besprechung) sowie diese Jenůfa aus der Staatsoper unter den Linden in Berlin sogar weitere 30 Tage im Stream kostenlos verfügbar bleiben! Beides Sozialdramen, die zu Morden führen. (Von Sabine Weber) Sozialdrama mit Kindsmord – Leoš Janáčeks “Jenůfa” spielt sich in Berlin in eiskaltem Raum ab weiterlesen

Die Opéra Comique mit Mondonvilles „Titon et l‘Aurore“ versilbert Schäferidylle und vergoldet Musik! Und kommt im Stream nach Hause!

Jean-Joseph Cassanéa de Mondonvilles „Titon et l‘Aurore“ ist selbst für romantische Opernfans eine märchenhafte Repertoire-Entdeckung. Zumal der musikalische Altmeister William Christie (ohne Mundschutz) sie leitet und das von ihm gegründete Ensemble Les Arts Florissants im Graben (mit schwarzem Mundschutz) musiziert. Der USAmerikaner aus Buffalo hat Ende der 1970er die Wiederentdeckung des Stile classique in Frankreich eingeleitet, entschieden vorangetrieben, unter anderem im Haus der Opéra Comique mit einer gefeierten Tragédie en musique von Jean-Baptiste Lully. Bis auf den heutigen Tag unvergessen ist dieser „Atys“. Ein ganz besonderes Augenmerk legte Christie aber stets auf Jean-Philippe Rameau. Dessen Balletteinlagen-Musik sei das Beste überhaupt, was diese Zeit hervorgebracht habe. Und ein Tambourin kann da mal fast aus der Kurve fliegen. Die Pastorale héroïque „Titon et l‘Aurore“ erinnert vom ersten Moment an die Wucht, den Schwung und die tänzerische Eleganz, die Vorgänger Rameau in seine Partituren gelegt hat. Mondonville verkörpert nach Lully und Rameau die dritte classique-Generation, die Christie erobert. Alle haben die französische Sprache in den melodischen Fluss eingefügt und umgekehrt, den melodischen Fluss an der Aussprache der französische Sprache orientiert. (Von Sabine Weber) Die Opéra Comique mit Mondonvilles „Titon et l‘Aurore“ versilbert Schäferidylle und vergoldet Musik! Und kommt im Stream nach Hause! weiterlesen

Live aus der Wiener Staatsoper als Stream: Hans Werner Henzes grandios leidenschaftliches Musikdrama nach dem Roman „Gogo no Eiko“ von Yukio Mishima mit Bo Skovhus

“Das verratene Meer”:  Am Ende gefriert das Bild über dem Anführer einer Jungs-Gang, der gleich den „Seemann, der die See verriet“ – so der deutsche Titel des Mishima-Romans „Gogo no Eiko“ – mit einem Hammer erschlägt. Black out und – Stille. Nacheinander Auftritt der sieben Sänger sowie einer Sängerin und – Stille. Zuletzt kommt Dirigentin Simone Young auf die Bühne und fordert ihre Musiker im Graben auf, aufzustehen. Da gibt es ein paar Geräusche, und wieder – Stille. (Von Klaus Kalchschmid) Live aus der Wiener Staatsoper als Stream: Hans Werner Henzes grandios leidenschaftliches Musikdrama nach dem Roman „Gogo no Eiko“ von Yukio Mishima mit Bo Skovhus weiterlesen

Anna Bolena – ein Politthriller mit Belcanto-Musik und exzellenten Protagonisten am Münchner Gärtnerplatztheater – halbszenisch als Premieren-Stream

Eigentlich hätte diese Produktion an vier Abenden konzertant gespielt werden sollen. Alle Vorstellungen für November, Dezember und Januar wurden abgesagt. Aber der Proben-Betrieb durfte weitergeführt werden. Und da war sogar mehr Zeit für die Proben. Das kam der Produktion zugute. Gaetano Donizettis Königinnen-Drama „Anna Bolena“ kam halbszenisch auf die Bühne; in einer geschickt reduzierten Orchesterfassung, ohne Publikum aber für alle als Premieren-Stream verfügbar gemacht! (Von Klaus Kalchschmid) Anna Bolena – ein Politthriller mit Belcanto-Musik und exzellenten Protagonisten am Münchner Gärtnerplatztheater – halbszenisch als Premieren-Stream weiterlesen

„Die Tote Stadt“ von Korngold in der Regie von Tatjana Gürbaca mit digitalen Störungen und Ausfällen beim Streaming!

Auf den Tag genau 100 Jahre nach der Uraufführung feiert eine Neuinszenierung von „Die Tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold in Köln Premiere. Die zweite Premiere in dieser Woche nach „Written on Skin”, die es nur online geben konnte. Verantwortlich zeichnet in dieser die mehrfach ausgezeichnete Regisseurin Tatjana Gürbaca. Ein hochkarätiges Ensemble ist auch angetreten! Mit Aušrine Stundyte, der Elektra der diesjährigen Salzburger Festspiele, und Heldentenor Burkhard Fritz in den Hauptrollen. „Die Tote Stadt“ von Wolfgang Korngold sollte das Streaming-Erlebnis der Oper Köln werden! Lag es an der bereits häufiger monierten und berüchtigten Datenreduzierung des Netzanbieters Telekom? Oder waren es doch die technischen Problem der Oper Köln? (Von Sabine Weber) „Die Tote Stadt“ von Korngold in der Regie von Tatjana Gürbaca mit digitalen Störungen und Ausfällen beim Streaming! weiterlesen

Der erste Stream der Kölner Oper: „Written on Skin“ von George Benjamin, in Sand und Haut geschrieben!

(Foto: Paul Leclaire mit Magali Simard-Galdès) Die Dezember-Premiere von “Written on Skin”! Hat nicht sein dürfen. Und sie war doch! Die Oper Köln hat kurzerhand die abgesagte Premiere mit sowieso enorm reduziertem Publikum zu einem Streamingangebot für alle gemacht. Nötig dazu war nur eine Registrierung über die Opernnetzseite. Kurios dort der Spendenaufruf dazu, in den Kategorien der Sitzplätze als Entscheidungshilfe von 0 (Zaungast!) bis 350 € beste Parkettsitze! Die Sicht und das beste Hören beim Streamen hängt ja wohl von den Endgeräten zuhause ab. Auf jeden Fall hat alles wunderbar und auf den Punkt funktioniert. Eine herzliche Ansprache der Intendantin Birgit Meyer an ihr digital angeschlossenes Publikum gab es vorne weg. Und Sicht frei auf die Sandbühnenlandschaft und die drei Engel, die auf dem hinteren Treppenpodest erscheinen. Das Orchester rechts im Hintergrund aufgebaut leitet der Kölner GMD François-Xavier Roth. (Von Sabine Weber) Der erste Stream der Kölner Oper: „Written on Skin“ von George Benjamin, in Sand und Haut geschrieben! weiterlesen