Archiv der Kategorie: Oper

„Die Vögel“ von Walter Braunfels on demand aus München für 9,50€. Lohnt es sich? Klassikfavori-Kritiker Klaus Kalchschmid findet „Ja“!

Am 30. November 1920 – also vor genau 100 Jahren – wurden „Die Vögel“ von Walter Braunfels am Münchner Hof- und Nationaltheater uraufgeführt. Nun wären sie in fünf Vorstellungen endlich wieder am selben Ort zu erleben gewesen – in einer Neuinszenierung von Frank Castorf. Doch die vierte vollendete Oper des 1882 geborenen Komponisten – nach „Falada“ (1905), „Prinzessin Brambilla“ (1908) und „Ulenspiegel“ (1913) – konnte am 30. Oktober nur einmal vor gerade mal 50 Zuschauern gezeigt werden. Die applaudierten am Ende mit einer Intensität, als müssten sie für die nicht erlaubten, über 2000 möglichen Besucher mitklatschen. Aber via kostenlosem Livestream konnte ein zahlreiches, internationales Publikum die Premiere vor dem PC verfolgen. (Von Klaus Kalchschmid) „Die Vögel“ von Walter Braunfels on demand aus München für 9,50€. Lohnt es sich? Klassikfavori-Kritiker Klaus Kalchschmid findet „Ja“! weiterlesen

Barock-Voguing in Aachen? In exaltiert aufwendigen Kostümen wird Cavallis „Calisto“ zu einer besonderen Show, die dem Stück gekonnt auf den Zahn fühlt!

Jetzt sind alle Theaterhäuser geschlossen! Aber gestern ging noch etwas in Aachen über die Bühne, das ihres/seines gleichen sucht. Stichwort: Barock-Voguing! Eine frühbarocke Oper von Francesco Cavalli – die Musiker des Sinfonieorchesters spielen auf Originalklanginstrumenten – wird zur Voguing-Show. Wie am Abend zuvor in Frank Castorfs Münchener „Die Vögel“ (klassikfavori berichtet weiter oben) ist die Ästhetik und das Voguing den 1970ern entlehnt. Aber das Theater Aachen kommt ohne Trash und sexistische Machobetonung aus. Dabei steht ein Macho im Zentrum. Jupiter, der aus Lustgewinn sein Geschlecht ändert und täuscht! Ludger Engels Regie gelingt es, in Aachen mit Opulenz den Nerv von Francesco Cavallis „Calisto“ zu treffen. In einer Oper, in der sich alles um Geschlechtercamouflage dreht, lässt Engel exaltierte Selbstdarstellung an tragische Grenzen stoßen. Sexuelle Hörigkeit wird entlarvt und mit köstlichem Humor ausgestellt. (Von Sabine Weber) Barock-Voguing in Aachen? In exaltiert aufwendigen Kostümen wird Cavallis „Calisto“ zu einer besonderen Show, die dem Stück gekonnt auf den Zahn fühlt! weiterlesen

Jiddischer Humor im Kochtopfmodus – Mieczysław Weinbergs „Masel Tov“ in Düsseldorf!

Der Oper am Rhein in Düsseldorf gelingt kurz vor dem Lockdown noch eine Repertoire-Entdeckung. Die Aufführung von Mieczysław Weinbergs 1975 komponierter Konversationsoper nach Scholem Alejchems Theaterstück „Masel Tov“ für vier Solisten und Kammermusikorchester. Die Düsseldorfer Symphoniker bringen unter der Leitung von Ralf Lange die schroff-schräge, aber immer fein austarierte Klangwelt Weinbergs in der Kammerfassung Henry Kochs von 2012 auf den Punkt. Auch der unprätentiös untergejubelte jiddische Tonfall wird herausgekitzelt! Der schwarze Humor Alejchems, aus dessen Theaterstück Weinberg das Libretto eigenhändig entworfen hat, wirft in den anderthalb Stunden kaum Fragen auf. Und ist auch nicht wirklich zum Lachen. Der jiddische Galgenhumor von “Masel Tov” ist dennoch herrlich komödiantisches Musiktheater. In Düsseldorf, weil die singenden und schauspielernden Solisten aus dem Düsseldorfer Ensemble sich großartig in ihre Rollen werfen! (Von Sabine Weber)
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Eine entzückende Komische Oper nach Calderón de la Barca von Joachim Raff in Regensburg: „Dame Kobold“ in der Regie von Brigitte Fassbaender

„Irgendwie seicht, schon sehr seicht!“ „Na halt wie RTL…“ „Und auch kitschig…“ „Aber kitschig kann ja auch mal ganz schön sein!“ So der Loriot-Dialog zweier junger Männer nach der zweiten Vorstellung der feinen Spieloper „Dame Kobold“ von Joachim Raff (1822-1882) in Regensburg. Sie fand vor etwa 180 Besuchern im nur 514 Plätze bietenden Theater am Bismarckplatz aus dem frühen 19. Jahrhundert statt. Derweilen ging der zeitgleich aufgeführte Verdi’sche „Macbeth“ am Nationaltheater in München mit seinen 2100 Plätzen vor gerade mal 50 Besuchern über die Bühne. Die Bayerische Landeshauptstadt hatte den Inzidenzwert von 100 überschritten, Regensburg aber noch nicht. Es war zugleich die vorerst letzte Vorstellung dieser bemerkenswerten Ausgrabung, denn am Montag schließen leider alle Theater und Opernhäuser der Republik wieder bis mindestens zum 30. November. (Von Klaus Kalchschmid)
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Mussorkskys „Boris Godunov“ in Zürich groß besetzt mit überragendem Michael Volle in der Titelpartie

Chor und Orchester werden zwar live aus dem Probensaal in die Zürcher Oper übertragen, aber die Solisten singen und spielen ohne Abstand auf der Bühne. (Siehe dazu auch ein Klassikfavori-Vergleich) So funktioniert in jeder Hinsicht Mussorgskys „Boris“ in Barrie Koskys Inszenierung mit dem großartigen Michael Volle in der Titelpartie. Nicht nur wer die Muppets-Show gesehen hat, muss schmunzeln, wenn der auf der Bühne abwesende Chor dort aus Büchern in verschiedenen Regalen plappert. Sie blättern sich quasi lippensynchron auf und zu, herrlich! Dass das Orchester ebenfalls weitgehend aus exzellenten Lautsprechern im Graben tönt, ist vor allem dann, wenn gesungen wird, kein Problem. Auch nicht in der Balance von Instrumental- und Vokalstimmen. (Von Klaus Kalchschmid)

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Zemlinskys Fin-du-siècle-Oper „Der Traumgörge“ erstmals in Frankreich! Ein Besuch an der Opéra de Dijon!

“Träumen und Spielen“ sind letzte Worte von Görge und Gertraud in “Der Traumgörge”. Der Traumgörge ist ein Träumer. Görge versenkt sich in Bücher und überlässt seine lebenslustige Braut Grete lieber dem bodenständigen Hans, weil ihm im Traum eine Märchenprinzessin begegnet. Er macht sich auf die Suche nach ihr, gerät in einen Dorfmob, der eine Frau als Hexe denunziert und ihr Haus abfackelt. In ihr erkennt Görge seine Märchenprinzessin. “Der Traumgörge” ist ein Märchen! Daran ändern auch im zweiten Akt die Anspielungen auf eine Revolution gegen Kaiser Napoléon wenig. Sie bringen in Dijon allerdings große Ensembles und eine andere Farbe – Rosenrot und Feuerrot – in die ansonsten zumeist nächtliche traumhafte Stimmung. (Von Sabine Weber) Zemlinskys Fin-du-siècle-Oper „Der Traumgörge“ erstmals in Frankreich! Ein Besuch an der Opéra de Dijon! weiterlesen

Orchestrale Kammer-Fassungen für „Eugen Onegin“, “Cavalleria Rusticana“ und „Wozzeck“ in München und Stuttgart zeigen Chance und Scheitern in Zeiten von Corona

Auf der Bühne kaum eine Berührung, im Orchestergraben des Münchner Gärtnerplatztheaters 24 Musiker, die einen spannenden Röntgenblick auf Tschaikowsky erlauben. Stuttgart: nur ein paar Streicher, die Bläser auf der Hinterbühne, der Chor im Rang: so funktioniert Mascagni nicht. Wozzeck gelingt an der Bayerischen Staatsoper in der halben Besetzung von 50 statt 100 Musikern erstaunlich gut. Wie unterschiedlich die Opernhäuser von München und Stuttgart mit Corona-Beschränkungen auf der Bühne und im Graben umgehen! (Von Klaus Kalchschmid) Orchestrale Kammer-Fassungen für „Eugen Onegin“, “Cavalleria Rusticana“ und „Wozzeck“ in München und Stuttgart zeigen Chance und Scheitern in Zeiten von Corona weiterlesen

„Sun & Sea” im Finale der KunstFestSpiele Herrenhausen! Drei bemerkenswerte Litauerinnen zeichnen verantwortlich

Titelfoto von links nach rechts: Lina Lapelytė (Musikerin, Sounddesignerin, Bildhauerin, Performerin), Rugilė Barzdžiukaitė (Theater- und Filmregisseurin, Bühnenbildnerin, Filmemacherin), Vaiva Grainytė (Schriftstellerin)
Unaussprechliche Namen, die ich mir erst einmal vorsprechen lasse. Es ist plötzlich saukalt im Herrenhausener Garten in Hannover. Dennoch wollen die drei das Interview open-air auf der Georgen-Terrasse draußen machen. Sie befindet sich neben der DHC-Halle, wo ihre Prestige-trächtige und immer noch innovative Performance im Finale der KunstFestSpiele Herrenhausen noch einmal gezeigt wird.

Sun & Sea. Foto: Sabine Weber

„Sun & Sea“ heißt sie und – es ist viel darüber berichtet worden– Über die scheinbar dokumentarische Strandszene mit Darstellern, darunter Kinder, Statisten, aus denen sich Sängerdarsteller herauslösen. Alle im Badekostüm. Immer wieder meldet sich singend jemand zu Wort. Während gelesen, gestrickt, Federball gespielt, im Sand gewühlt oder aufs Mobiltelefon geschaut wird. Eine elektronische Orgel vom Band liefert über Lautsprecher Begleitung. Wie auch die Gesänge bestehen sie meist aus wenigen Tönen, die sich Pattern-artig immer wieder wiederholen. Das hat etwas Meditatives. Wir, die Zuschauer und -hörer, bewegen uns auf einem oberen Rundlauf und beobachten in „Möwenperspektive“. Und lauschen den teilweise poetisch verpackten, vom Inhalt her oft trivialen, dennoch hintersinnigen gesungenen Gedankengängen. Eine Turbo-Mamma ist stolz, in welchen roten, blauen, grünen, blauen, mediterranen etc. Meeren sie und ihr Sohn sich schon getummelt haben. Ihr Schoßhund kläfft dazwischen. Wie gut, dass es im Barrier Riff ein Hotel gibt und Piña Colada angeboten wird. Der Ex-Mann einer Frau ist im Urlaub mit seiner Freundin ertrunken! Er war doch ein guter Schwimmer? Ein Mann mit profunder Bassstimme lamentiert über Arbeitsbelastung. Selbst am Strand könne er nicht loslassen. Dann dreht einer fast durch, weil ihm ein Tumor im Kopf diagnostiziert wurde und er jetzt sofort Shrimps essen muss. Choreinlagen kommentieren oder greifen auf. Der Strand singt und summt. Die Kinder wirbeln ungerührt dazwischen, buddeln im Sand oder führen Scheinkämpfchen gegeneinander. Ein korpulenter Mann erhebt sich mühsam und reckt sich Sonnengruß-mäßig nach oben und verharrt. Wer auf das Handtuch des anderen tritt und es mit Sand beschmutzt entschuldigt sich. Alle sind nett zueinander, sitzen aber dennoch unbeteiligt nebeneinander. Zwei junge Frauen leihen sich von einem männlichen Pärchen die Federballschläger aus, ansonsten gibt es kaum Kontakt. Seltsam berührt einen dieses Szenarium, über das keiner lacht. Vielleicht, weil die Gedankengänge entlarvend eigenen ähneln? Sind wir nicht die Touristen, die sich da auf den Handtüchern und den Liegestühlen räkeln? Ein Blick auf uns selbst, wie wir uns immer wieder eincremen oder Wasser zur Kühlung aufsprühen. Plötzlich stinkt es erbärmlich, beschwert sich eine Sängerin. Hundekot, Fischreste, Müll drückt durchs Handtuch! „Was ist nur falsch mit diesen Leuten, die Hunde zum Strand mitnehmen?“ Gehören die, gehören wir hier hin? Was machen wir mit uns und unserer Welt…
Und wer sind die drei im Damen-Trio, die hier so sanft und ohne Zeigefinger Fragen aufwerfen?

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Cavallis Calisto hoch am Himmel in Bonn! Und großartig (historisch informiert) musiziert!

(Titelfoto: Thilo Beu) „Calisto alle stelle“ wird im Prolog und im Schlusschor dieses dramma per musica vom berühmtesten Schüler Claudio Monteverdis gerufen. Aber was hat die unschuldige Nymphe davon, im Himmel als Sternbild entsorgt zu werden? Ovids „Metamorphosen“ hin oder her. Das ist eine Geschichte über eine missbrauchte Frau und Frauen, die ihre Rolle falsch verstehen – dennoch, die Gesangseinlagen sind großartig und ausgestattet mit beschwingten Intermezzi und Ritornellen. (Von Sabine Weber) Cavallis Calisto hoch am Himmel in Bonn! Und großartig (historisch informiert) musiziert! weiterlesen

Michael Hampe inszeniert Mozarts „Zauberflöte” für Köln und erzählt ein Märchen!

(Antonina Vesenina als Königin der Nacht in der aktuellen Kölner Produktion. Foto: Paul Leclaire) Mit Hampe kehrt ein einsamer Rekordhalter nach Köln zurück. 20 Jahre lang war er ohne Querelen Opernintendant. Hier baut er seine Karriere auf und bringt schnell internationales Renommee in die Domstadt, unter anderem, weil er in dieser Zeit von keinem geringeren als Herbert von Karajan in das Leitungsteam der Salzburger Festspiele berufen wird. So manche Produktion wandert hin und her. Hampe lockt die besten Regisseure und Sänger an. Und Köln, in das ihn der damalige Kulturdezernent Kurt Hackenberg als Vierzigjähriger holt und das er 1995 als Sechzigjähriger verlässt, ist Hampe bis auf den heutigen Tag freundschaftlich verbunden. Danach hat er übrigens kein Haus mehr als Intendant übernommen. Als freier Regisseur war er natürlich ausreichend und international gefragt. Dass Intendantin Birgit Meyer ihn für die Saisoneröffnung 20.21. verpflichtet hat, ist eine Verbeugung vor der Tradition und der goldenen Hampe-Ära. Aber auch in Sachen Mozart ist er eine erste Wahl. Nicht nur, weil auf der ersten, zweiten und dritten Stelle seiner Lieblingskomponisten Mozart, Mozart und Mozart stehen. Für Köln hat er nur eine Zauberflöte für Kinder realisiert, mit ihm als Conferencier. Die „volle“ Zauberflöte stand noch auf der Agenda. Corona hat allerdings bei der Umsetzung mit Regie geführt. (Von Sabine Weber) Michael Hampe inszeniert Mozarts „Zauberflöte” für Köln und erzählt ein Märchen! weiterlesen