Archiv der Kategorie: Oper

“Béatrice et Bénédict” von Berlioz – Die Kölner Oper punktet mit Spielfreude und perfekt austariertem Klangsinn

Und das in jeder Hinsicht! Denn schon die Ouvertüre mit ihren huschenden Gesten mit Akzentpausen ist eine Herausforderung. François-Xavier Roth, wie immer mit Bleistift als Dirigierstäbchen in der rechten Hand, leitet sichtbar entspannt, dennoch souverän das Gürzenich-Orchester. Es sitzt sichtbar rechts vom Bühnenbild. Das zeigt eine Kulisse mit Rundbogen-Arkaden und eine typisch italienische Straßenfassade mit Fensterläden und einem Platz davor für die großen Chorszenen. Und mit dem Chor, der die sizilianische Gesellschaft am Ort vorstellt, lebendig durchmischt von Alt bis Jung, Blind, fein, heruntergekommen, Männern und Frauen, bricht es los. Und immer wieder wird die Gesellschaft von dem urkomischen Kapellmeister Somarone zu einer Probe am Platz zusammengestaucht. Denn er wittert seine Chance, mit einem Auftritt berühmt zu werden. (Von Sabine Weber) “Béatrice et Bénédict” von Berlioz – Die Kölner Oper punktet mit Spielfreude und perfekt austariertem Klangsinn weiterlesen

„Shirine“ von Thierry Escaich wird an der Oper in Lyon uraufgeführt – Was für eine Genese!

Nach „Claude“ 2013 – feiert jetzt „Shirine“ ihre Weltpremiere in Lyon. Beides Opern von Thierry Escaich. Die erste Oper hatte einen prominenten Librettisten, Robert Badinter, ehemals Justizminister der Mitterrand-Regierung. Er verarbeitete die Novelle „Claude Geux“ von Victor Hugo, in der Hugo die Todesstrafe anprangert, die schon zu dessen Zeiten vor allem sozial Benachteiligte getroffen hat. Eine Oper von historischer Relevanz also, zumal Badinter die Guillotine auch abgeschafft hat. Das Libretto zu Escaichs zweiter Oper, ebenfalls ein Auftrag der Lyoner Oper, hat der afghanisch-französische Schriftsteller Atiq Rahimi verfasst, Prix de Goncourt-Preisträger, also der höchsten Auszeichung für Schriftsteller in Frankreich. Seine Vorlage: ein Epos des persischen Dichters Nizami aus dem 12. Jahrhundert. Es handelt von der Liebe zwischen einem persischen Prinzen und einer armenischen Prinzessin, die sich erst im Liebestod vollzieht. Diese persische Weltliteratur trifft in Lyon auf modernes Musiktheater. (von Sabine Weber) „Shirine“ von Thierry Escaich wird an der Oper in Lyon uraufgeführt – Was für eine Genese! weiterlesen

Weiterleben im Datenstrom! „Upload“ von Michel van der Aa in Köln entwickelt eine kunstvoll mediale dennoch zwischenmenschliche Dystopie!

„Ewig leben, doch erst sterben!“ klingt im christlichen Sinne banal. In der Deutschen Erstaufführung von Michel van der Aas „Upload“ geht es um einen etwas anderen Sterbeprozess. Ein Mensch wird vorher „gescannt“, dessen typische Bewegungen, Emotionen, Vorlieben und was messbar, erfassbar ist, hoch geladen für eine digitale Ewigkeit, die präsent bleibt (Mind-Uploading). Dann mischt sich das Cyberbild dieses Masterminds in eine menschliche Begegnung. Cybervater trifft auf reale Tochter. (Von Sabine Weber)

Weiterleben im Datenstrom! „Upload“ von Michel van der Aa in Köln entwickelt eine kunstvoll mediale dennoch zwischenmenschliche Dystopie! weiterlesen

Der Held steif im Glaskasten – Dortmund zeigt Spontinis Fernand Cortez

Gaspare Spontini war ein erfolgreicher Opernkomponist. Im französischen Empire oder in Berlin werden dessen italienische Opern gefeiert. Er wurde von Kaisern hofiert. Und im Auftrag des französischen Kaisers Napoleon I. schreibt er 1809 auch „Fernand Cortez oder Die Eroberung von Mexico“, um Werbung für einen aktuellen französischen Feldzug zu machen. Dafür wird die Eroberung von Tenochtitlan, der Hauptstadt des Aztekenreiches, zum Thema und Fernand Cortez zur stilisierten Heldenfigur, die für Napoleon stehen soll. Mit wahrer Geschichte hat das nichts zu tun. Und die Oper-Propaganda zündet auch nicht, weswegen Spontini das Werk mehrmals umarbeitet, letztendlich auch wegen des Sturzes Napoleons. Eine dritte Fassung entsteht 1824 für Berlin, auf ein ins Deutsche übersetztes Libretto. Diese Fassung ist jetzt in Dortmund in französischer Fassung über die Bühne gegangen. (Von Sabine Weber)

Der Held steif im Glaskasten – Dortmund zeigt Spontinis Fernand Cortez weiterlesen

Verdis „Don Carlo“ in Essen: Robert Carsen inszeniert eine klaustrophobische Vision der Ausweglosigkeit

Der Vorhang des Essener Aalto-Theaters hebt sich und das Publikum ist sofort gefangen genommen. Nicht im Sinne von Erfreuung oder Faszination. Beklemmung mit Blick auf den klaustrophobischen Raum! Ein kahler, von rohen Betonwänden begrenzter Raum. Die Perspektive ist „steil“, die Verkürzung nach hinten erzeugt „Sog“, das Publikum wird hineingezogen. Kein Entkommen möglich. (Von Jukka Höhe)
Verdis „Don Carlo“ in Essen: Robert Carsen inszeniert eine klaustrophobische Vision der Ausweglosigkeit weiterlesen

„Peter Grimes“ mit Hindernissen – Ein Tag im Leben eines reisenden Musikjournalisten

Die Premiere von Brittens „Peter Grimes“ an der Bayerischen Staatsoper wird auf den 6. März verschoben und prasselt in ein pralles Wochenende. Was im Abstand von Tagen oder einer Woche stattfinden sollte, drängt sich plötzlich in ein Wochenende, was Reibungen und Pannen vorprogrammiert. Ein Protokoll rund um einen Sonntag, an dessen Ende die „Peter Grimes“-Premiere verpasst und doch nicht ganz verpasst wird! (Von Klaus Kalchschmid) „Peter Grimes“ mit Hindernissen – Ein Tag im Leben eines reisenden Musikjournalisten weiterlesen

Warten auf heute! Mit Schönberg und Frank Martin

Arnold Schönbergs „Von heute auf morgen“ wird selten gespielt. Die streng zwölftönige Musik des einstündigen Einakters von 1929 ist für alle Beteiligten anspruchsvoll und kann extrem herb klingen. Wenn man nicht jedes Wort versteht, verpufft außerdem der Witz des Librettos, das Schönbergs Frau Gertrud unter dem Pseudonym Max Blonda verfasst hat.In Frankfurt wird ein Ehekrisenkaleidoskop angestoßen und mit immer neuen Perspektiven aus dem Monodram „Erwartung“ – ebenfalls von Schönberg – und den „Jedermann“-Monologen von Frank Martin weitergesponnen. „Warten auf heute“ – steht über dem Abend. (Von Klaus Kalchschmid)

Warten auf heute! Mit Schönberg und Frank Martin weiterlesen

Wer ein sagt muss auch aus sagen! gamut inc‘s robot-opera wirft mit einem Theaterstück von Čapek Fragen über das Mensch-sein von Maschinen auf

Der tschechische Autor Karel Čapek ist Literatur- und Theaterkennern ein Begriff. Von ihm stammt „Die Sache Makropulos“, die sich, von Leoš Janáček vertont, bis heute zumindest in Opernform präsent hält. Čapeks Kollektivdrama „Rossum`s Universal Robots“ ist übrigens im selben Jahr wie Makropulos, 1921, am Prager Nationaltheater über die Bühne gegangen. Beide Theaterstücke sind gefeiert worden. Jetzt bekommt „R.U.R.“ – eine Abkürzung für „Rossum‘s Universal Robots“ – eine Opernverarbeitung posthum. „robot-opera“ heißt das neue Musiktheater, was wohl darauf anspielen soll, dass Maschinen auch musikalisch mitwirken. Die Designerin und Computermusikerin Marion Wörle bildet zusammen mit dem Komponisten Maciej Śledziecki den Kern von gamut inc. Auf ein Libretto von Frank Witzel haben sie für zwei Solisten, Chor und – natürlich – Musikmaschinen komponiert, inszeniert und Lichtregie geführt. Sieben rotierende Scheiben, nachgebildet nach einem Wsewolod Meyerhold‘schen antirealistischen Experiment, bestimmen das Bühnenbild. (Von Sabine Weber) Wer ein sagt muss auch aus sagen! gamut inc‘s robot-opera wirft mit einem Theaterstück von Čapek Fragen über das Mensch-sein von Maschinen auf weiterlesen

Puccinis Trittico – im Wasser traumatischer Erfahrungen

Richard Strauss verglich Giacomo Puccinis Werk „mit einer delikaten Weißwurst“, die schnell verzehrt werden müsse. Im Gegensatz zu der „kompakt gearbeiteten Salami“ – seine Werke –, die eben doch ein bisschen länger vorhalten würden. Bezüglich des Verfallsdatums hat sich Strauss bei Puccini aus heutiger Sicht eindeutig verschätzt. In den drei Einaktern von 1919, seinem vorletzten Opernprojekt, verfolgte er sogar einen neuen novellistischen Ansatz. Dies anzuerkennen muss man freilich den Puccininischen Wohllaut ertragen können, diese unvergleichliche Mischung aus Sentiment und Pathos. Die Regie von Roland Schwab am Essener Aalto-Theater versucht modern gedacht eine traumatische Spur zu legen. (Von Sabine Weber) Puccinis Trittico – im Wasser traumatischer Erfahrungen weiterlesen

Kosky inszeniert „Das Schlaue Füchslein“ in München – ohne Tiertheater

Leoš Janáčeks vorletzte Oper „Das schlaue Füchslein“ wurde in München seit der letzten Produktion am Nationaltheater vor 20 Jahren (Regie und Ausstattung: Jürgen Rose) immer wieder gespielt – mal als Produktion des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper oder in Koproduktion von Musikhochschule und Gärtnerplatztheater; zuletzt gab es 2018 eine konzertante Aufführung mit dem Symphonieorchester des BR. Nun spielt die Bayerische Staatsoper ebenfalls erstmals die tschechische Originalversion, aber Barrie Kosky verzichtet (fast) ganz auf die Imitation der Bewegungen von Tieren. (Von Klaus Kalchschmid) Kosky inszeniert „Das Schlaue Füchslein“ in München – ohne Tiertheater weiterlesen