Archiv der Kategorie: Oper

Zwei merowingische Königinnen in Blutfehde. Guiraud/Saint-Saëns/Dukas‘ „Frédégonde“ mit großartiger Stummfilm-Regie!

Das Finale fährt dermaßen unter die Haut, dass die Haare zu Berge stehen! Das hat man in Brüssel letztlich ja so vermisst. Das Publikum sitzt in der Dortmunder Oper in den Logen hinten und starrt gebannt auf die Filmleinwand, wo sich auf einem gigantischen Schachbrett das Drama final zuspitzt! Kronprinz Merowig hat sich in die besiegte Gegenkönigin Brunichild, die er bewachen sollte, verliebt, sie auch noch geheiratet. Die amtierende Königin Frédégonde rast und schickt den ihr hörigen König Hilperic vor, ihn vorzuführen. Der Prinz liefert sich aus Sohnesliebe  dem Vater aus. In diesen merowingischen Zeiten keine gute Idee. Und da liegt er schon gedemütigt und verurteilt auf dem Boden. Die Ex-Gegenkönigin schreit um Gnade, die Hofleute schreien um Gnade. Der Chor, der bisher immer zum Publikum hin gesungen hat, hat sich umgedreht und schreit um Gnade. Das Orchester dreht auf. Da rammt sich der hilflose Prinz selbst ins Messer von Frédégonde. Schockstarre. Was hat dieses „merwongische Damengambit“ nur so dermaßen zugespitzt, das einem Hören und Sehen vergeht? (Von Sabine Weber) Zwei merowingische Königinnen in Blutfehde. Guiraud/Saint-Saëns/Dukas‘ „Frédégonde“ mit großartiger Stummfilm-Regie! weiterlesen

Ein Tierbändiger und dressierte Ballerinas. In Brüssel treibt Lulu-Hannigan die Jungfrau-Aktie in den Keller und wird gefeiert!

Und heute geht es in die letzte Runde der Wiederaufnahme-Produktion von Alban Bergs „Lulu“ nach Texten von Frank Wedekind. (Dernière 18. November 2021) Krzysztof Warlikowski hat seine Regie von 2012 (seit 2014 auf DVD) völlig auf die Ausnahmekünstlerin Barbara Hannigan zugeschnitten. Und Lulu-Hannigan zeigt, was sie zu bieten hat: viel Haut, einen perfekten Body und maximalen sportlich-körperlichen Einsatz, um dem männlichen Personal Schaden zuzufügen. Dabei meistert sie die irre-schwere Partie (Spitzentöne, Koloraturen, Sprechgesang) über drei Stunden scheinbar mühelos (vollendete dreiaktige Cerha-Fassung, uraufgeführt 1979 an der Pariser Opéra Garnier). Bo Skovhus als Dr. Schön wie man ihn kennt und liebt – auch zu großem menschlichem Ausdruck fähig – ist ein perfekter Gegenspieler und zuletzt als Jack The Ripper auch ihr Schicksal. Das Orchestre Symphonique de la Monnaie spielt unter Alain Altinoglu – immer lautstarker Jubel, wenn er im Graben erscheint – wie auf Bergs Klänge abonniert und hat sämtliche bei der Premiere monierten Probleme ausgeräumt! (Von Sabine Weber) Ein Tierbändiger und dressierte Ballerinas. In Brüssel treibt Lulu-Hannigan die Jungfrau-Aktie in den Keller und wird gefeiert! weiterlesen

Sagt wer nein zur Feierei? Die Oper Frankfurt feiert Karneval mit Carl Nielsens „Maskerade“! Köln könnte neidisch werden…

Freilich mit 3 G Regel. Mit Carl Nielsens komischer Oper „Maskarade“ (dänisch) in der Regie von Tobias Kratzer darf Frankfurt eine Repertoire-Entdeckung verbuchen! Nielsen und sein Librettist Vilhelm Andersen haben ein kongeniales Plädoyer für Ausgelassenheit und Feierfreude hingelegt. Für die Jugend gegen konservative Altersmissmut. Andersen, ein damals anerkannter Literaturwissenschaftler und Lehrstuhlinhaber, hat nebenbei gern seine Schauspielbegabung im studentischen Amateurtheater eingebracht. Und war wohl prädestiniert, die von Ludvig Holberg in seinem Schauspiel vorgelegten Begegnungen à la Molière – Auseinandersetzungen und Streitgespräche zwischen Sohn, Vater, Mutter, zweier Hausangestellter und einem Geschäftsfreund – zu einem hintersinnig-witzigen Spiel zu machen, das von Wortkaskaden bestimmt wird. Sagt wer nein zur Feierei? Die Oper Frankfurt feiert Karneval mit Carl Nielsens „Maskerade“! Köln könnte neidisch werden… weiterlesen

Liebeslyrik als Verrat gegen sich und das Gegenüber: „L‘amour de loin“ von Kaija Saariaho treibt den mittelalterlichen Troubadour Jaufré in den Tod

Wieviel an der Legende vom okzitanischen Troubadour Jaufré Rudel historisch ist, trägt zur Handlung von Kaija Saariahos „L‘amour de loin“ nicht wirklich bei. Verdient dennoch Erwähnung. Denn historisch verbürgt ist, dass Jaufré sich 1147 dem zweiten Kreuzzug anschließt, für den Bernhard von Clairvaux und Hildegard von Bingen in Köln predigen und werben! Jaufré kommt nicht bis zum Heiligen Grab, sondern nur bis Tripolis und stirbt – die Legende beginnt – in den Armen einer französischen Gräfin, die dort auf der Zitadelle sitzt, einer Stellung der Kreuzfahrer . In seinem Werk „La fleur inverse“ über die Kunst der Troubadoure (1994) nährt Jacques Roubauds in einer zusammen getragenen „Vida“ des Troubadours einen Verdacht. Die Gräfin Clémence von Toulouse sei von vornherein das einzige Ziel Jaufrés gewesen. Denn Pilger hätten ihm von ihrer Schönheit derart vorgeschwärmt, dass Jaufré sie als unerreichbare Geliebte zunächst aus der Ferne bedichtet, besingt, sie aber dann leiblich sehen will. Roubaud wird als Librettist angefragt. Das vollendet dann der libanesische Autor Amin Maalouf, Librettist weiterer Opern Saariahos. 2000 wird „L‘amour de loin“ bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Und ist ein tödliches Unterfangen mit Projektionen im Liebesspiel zwischen Mann und Frau geworden. Der Kreuzzug spielt keine Rolle, dafür psychoanalytische Untertöne. Auch in der Regie von Johannes Erath. (Von Sabine Weber) Liebeslyrik als Verrat gegen sich und das Gegenüber: „L‘amour de loin“ von Kaija Saariaho treibt den mittelalterlichen Troubadour Jaufré in den Tod weiterlesen

Nasenterror! Serebrennikov inszeniert in München “Die Nase” von Schostakowitsch

Enorm war die Vorfreude auf die erste Premiere unter dem neuen Intendanten Serge Dorny aus Lyon und seinem neuen Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski. Kein bekanntes Prunkstück der „Hausgötter“ Mozart, Wagner oder Strauss, sondern erstmals überhaupt am Nationaltheater „Die Nase“ des 24jährigen Dmitri Schostakowitsch: schrilles, schräges, expressionistisches Musiktheater des frühen 20. Jahrhunderts. Und die Oper eines Russen in der Produktion eines rein russischen Teams! Der großartige, so ungemein fantasievolle und umtriebige russische Film-, Theater- und Opern-Regisseur Kirill Serebrennikov inszenierte nach Musiktheater-Geniestreichen in Zürich („Così fan tutte“), Hamburg („Nabucco“) und zuletzt Wien („Parsifal“) erstmals eine Produktion an der Bayerischen Staatsoper. Wieder konnte er nicht vor Ort sein. Denn auch wenn sein Moskauer Hausarrest nach Aussetzung einer mehrjährigen Strafe wegen angeblicher Veruntreuung von Steuergeldern zur Bewährung mittlerweile aufgehoben ist, besitzt er keinen Pass und kann Russland nicht verlassen. (Von Klaus Kalchschmid) Nasenterror! Serebrennikov inszeniert in München “Die Nase” von Schostakowitsch weiterlesen

Rolf Liebermanns “Leonore 40/45” als Hitler-Zirkus in Bonn

Viele Opern haben nicht überdauert. Dazu zählt auch Rolf Liebermanns “Leonore 40/45”, am Basler Stadttheater 1952 zwar unter großem Erfolg uraufgeführt, doch folgende Aufführungen in Deutschland führen zu „Publikumsaufständen“ (Ulrich Schreiber). An der Mailänder Scala wird sogar mit eisigem Schweigen reagiert. Liebermanns erster Opernversuch verschwindet also von der Bildfläche. Woran hat es gelegen? Damit hat sich das Theater Bonn intensiv auseinandergesetzt und, gefördert vom NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft, zur Premiere ein opulentes Programmheft mit vielen Beiträgen herausgegeben. Vor allem: nach 62 Jahren ist „Leonore 40/45“ in der Regie von Jürgen R. Weber erstmals wieder über eine deutsche Opernbühne gegangen! Eingeleitet von einer beim Kulturwissenschaftler Thomas Bauer bestellten Festrede. Denn mit „Leonore 40/45“ ist die Reihe Fokus 33 (Opern, die nach 1933 verschwunden sind, sollen in Bonn neu diskutiert und aufgeführt werden) eröffnet worden. Und neben einem Kreuz mit Totenkopf unter Soldatenhelm hat Thomas Bauer gegen die ABC-Waffen (Aida, Bohème und Carmen) und den Einerlei-Kanon im heutigen Operngeschäft zugunsten von mehr Vielfalt das Wort geredet. (Von Sabine Weber) Rolf Liebermanns “Leonore 40/45” als Hitler-Zirkus in Bonn weiterlesen

„Die tote Stadt“ von Korngold eröffnet die Opern-Saison 21/22 in Köln

Und die Hoffnungen sind groß, diese Saison ohne Unterbrechungen live durchspielen zu können. Das Gürzenich-Orchester sitzt in gigantischer Großbesetzung in der Ausweichspielstätte im Staatenhaus rechts sichtbar aufgebaut aber noch auf Coronadistanz mit dem ein oder anderen Plexiglas zwischen den Musikern. Die zwei Harfen schallen neben der Sitztribüne aus einem schwarzen Kasten heraus. Die gewaltigen Choreinlagen nebst Kinderchor kommen aus dem off von hinten oder der Seite oder die Sänger*innen stellen sich in Distanz links zur Bühne auf. (Von Sabine Weber) „Die tote Stadt“ von Korngold eröffnet die Opern-Saison 21/22 in Köln weiterlesen

Ingo Metzmacher gelingt mit Nonos „Intolleranza“ in Salzburg der Spagat zwischen höchster Brutalität und berückender Schönheit

Nach einem wunderbaren Liederabend mit dem französischen Tenor Benjamin Bernheim mit Liedern von Ernest Chausson, Clara Schumann und Johannes Brahms in perfekter deutscher Diktion, feinstem Benjamin Britten und den Zugaben-Perlen mit Strauss‘ Morgen sowie der ungemein differenziert gestalteten großen Arie des Werther aus dem 3. Akt der gleichnamigen Oper von Jules Massenet, die das Publikum im Haus für Mozart zu Ovationen hinreißen, wetterleuchtet und donnert es gewaltig über Salzburg. Heftiger Regen setzt ein. Um 20 Uhr beginnen dann im wieder traumhaft sanften Abendlicht die Glocken aller Salzburger Kirchen samt Dom zu Mariä Himmelfahrt vielstimmig zu läuten – kurz vor der Premiere von Luigi Nonos Intolleranza: was für ein „Theatrum Mundi“ in der katholischen Erzbischofs-Stadt! (Von Klaus Kalchschmid) Ingo Metzmacher gelingt mit Nonos „Intolleranza“ in Salzburg der Spagat zwischen höchster Brutalität und berückender Schönheit weiterlesen

RT_21: Barbara Frey eröffnet ihre neue Ruhrtriennale-Intendanz und spielt fantastisches und bürgerliches Grauen aus: mit Poes „The Fall of the House of Usher“ und Neuwirths „Bählamms Fest“

Böse Ahnungen, die Urängste wachrufen, Schockstarre auslösen: Edgar Allen Poe spielt in seinen Geschichten vor allem mit unserer Schauder-behafteten Vorstellungskraft. Die wurde bei der Eröffnungspremiere des Schauspiels „The Fall of the House of Usher“ in der Regie von Barbara Frey leider nicht herausgefordert. Olga Neuwirth klemmt in ihrem Musiktheater „Bählamms Fest“ nach einem Drama von Leonora Carrington Familienhorror in vier Wände ein. Die Regie des Dubliner Duos Dead Center sprengt die Wände eines Einfamilienhauses und deckt bunt, blutig bis trashig-grotesk Missbrauch an Mensch und Tier auf! (Von Sabine Weber) RT_21: Barbara Frey eröffnet ihre neue Ruhrtriennale-Intendanz und spielt fantastisches und bürgerliches Grauen aus: mit Poes „The Fall of the House of Usher“ und Neuwirths „Bählamms Fest“ weiterlesen

Ära Bachler endet in München mit einem Galaabend. Ein Rückblick

13 Jahre prägte Nikolaus Bachler die Bayerische Staatsoper in München. Mit einem großen, beziehungsreichen Galaabend endeten die diesjährigen Opernfestspiele, die mit halber Platzauslastung im Schachbrettmuster stattfanden, und damit eine Ära. Denn der ehemalige Burg-Schauspieler und Burgtheater-Direktor brachte neue Regiehandschriften nach München und stand stets für streitbares, querständige, oft auch rätselhaftes und das Publikum in jeder Hinsicht forderndes Musiktheater. Nicht zuletzt durch Kirill Petrenko, der 2008 Kent Nagano als GMD des Staatsorchesters folgte, sowie hochkarätige Sängerinnen und Sänger war das musikalische Niveau gleichermaßen hoch. (Von Klaus Kalchschmid)

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