Archiv der Kategorie: Oper

Tschaikowskys „Jungfrau von Orléans“ als mythisches Kriegsdrama in Düsseldorf und „Die Zauberin“ als Sozialdrama in Frankfurt

Das zweite Adventwochenende präsentiert gleich zwei staunenswerte Tschaikowsky-Raritäten. Sowohl „Die Jungfrau von Orléans“ von 1881 – auf ein eigenes Libretto nach Schiller und russischen Übersetzungen -, wie auch „Die Zauberin“ auf ein Libretto von Ippolit Schpaschinsky lassen einen auf viele Emotionslagen differenziert eingehenden Tschaikowsky hören. Wie er den Chor als tragende Handlungsmasse und Kommentator in einem Drama einsetzt an der Oper am Rhein in Düsseldorf, und welche Möglichkeiten er am Rande des Experimentellen ausschöpft an der Frankfurter Oper. Beide Opern entstehen übrigens zwischen den beiden Puschkin-Opern „Eugen Onegin“ und „Pique Dame“. Da reizt doch ein Vergleich. (Von Sabine Weber) Tschaikowskys „Jungfrau von Orléans“ als mythisches Kriegsdrama in Düsseldorf und „Die Zauberin“ als Sozialdrama in Frankfurt weiterlesen

Donizettis „Lucrezia Borgia” überzeugt am Aalto in Essen mit fantastischen Sängern!

Gateano Donizettis „Lucrezia Borgia“ ist Belcanto vom Feinsten. Sie steht und fällt mit ihren Sängern, schon allein, weil die Handlung nicht wirklich trägt. Wie dieses Melodramma dennoch publikumswirksam funktioniert, war gestern im Aalto -Theater in Essen in einem Sängerfest vom Feinsten zu erleben. Und Ben Baurs Regie hat sich dem wohlweislich untergeordnet. So haben wir das Essener Publikum noch selten erlebt. Begeisterter Applaus nach fast jeder Arie oder Szene. Beim Auftritt von Andrea Sanguinetti im Graben wird im Publikum sogar aufgestanden, um einen zugewandten Blick des Dirigenten zu erhaschen. Und dabei mussten kurz vor der Premiere zentrale Rollen umbesetzt werden, was dem Haus glänzend gelungen ist! (Von Sabine Weber) Donizettis „Lucrezia Borgia” überzeugt am Aalto in Essen mit fantastischen Sängern! weiterlesen

„Stiffelio!” Oder wie Verdi puritanische Moral scheitern und an der Bibel sich wieder aufrichten lässt!

Zwischen „Luisa Miller“ und „Rigoletto“ entsteht „Stiffelio“. Kurz vor der Premiere greift die Zensur ein. Eine Pfarrersfrau, die fremd geht und zur Scheidung gezwungen wird, das sind doch keine Opernsujets. Dazu jede Menge Bibelzitate, das erregt im katholischen Italien den Verdacht der Blasphemie. Nach zahlreichen für Verdi frustrierenden Umarbeitungen verschwindet „Stiffelio“ von der Bildfläche. Partiturmanuskripte der Urfassung werden 100 Jahre später zufällig aber wieder gefunden. Verdi hatte deren Zerstörung befohlen. 1968 wird der originale „Stiffelio“ im Teatro Regio in Parma unter Peter Maag „uraufgeführt“ und sogar erstmals aufgenommen. Das ist aber noch nicht der Durchbruch. Dass derzeit sich Aufführungen häufen vielleicht schon. Einige sind sogar mit großem Erfolg in die Annalen eingegangen. Parma 2020, vor allem Strasbourg letztes Jahr. Im Dezember diesen Jahres wird „Stiffelio“ am Aachener Theater über die Bühne gehen. In Kooperation mit der Opera national du Rhin hat jetzt „Stiffelio“ aber erst einmal die Saison in Dijon eröffnet. Unter Maestra Debora Waldman in der Regie von Bruno Ravella. Und die Premiere im Auditorium ist geradezu euphorisch gefeiert worden. (Von Sabine Weber) „Stiffelio!” Oder wie Verdi puritanische Moral scheitern und an der Bibel sich wieder aufrichten lässt! weiterlesen

Wenn Hässlichkeit tödlich ist. Ein Doppelabend mit „Zwerg“ und „Petruschka“ in Köln

Ist Behinderung hässlich? Wir alle kennen das Starren auf Menschen, die anders sind als wir. In Oscar Wildes Kunstmärchen „Der Geburtstag der Infantin“ wird eine Behinderung, noch schlimmer, zur Belustigung. Und, fatal, der Behinderte, ein Zwerg, weiß nicht, dass er „behindert“ ist. Will sagen, lebt in seiner Blase, wird aber gezwungen, seine Blase zu verlassen und stirbt daran. Alexander Zemlinskys Einakter „Der Zwerg“, 1922 unter Otto Klemperer in Köln uraufgeführt, lädt Facetten dieses Dramas symbolistisch auf. Die Oper Köln erinnert in einer Neuproduktion an die Uraufführung vor 100 Jahren und übernimmt mit Igor Strawinskys „Petruschka“ auch die Stückkombination des Uraufführungsabends, in einer neuen Choreografie von Richard Siegel für sein Ballet of Difference. (Von Sabine Weber) Wenn Hässlichkeit tödlich ist. Ein Doppelabend mit „Zwerg“ und „Petruschka“ in Köln weiterlesen

Die Opernstadt der Frauen heißt Nancy! Unaufgeregt sensationell punkten hier Maestra Jacquot und Regisseurin Bernreitner mit Prokofjews „Drei Orangen“

Dass Marie Jacquot und Anna Bernreitner hier in Nancy für die aktuelle Produktion von Sergej Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ zusammentreffen, hat mit dem Intendanten Matthieu Dussouillez (37) zu tun. Er hat zu seinem Antritt 2019 bereits eine junge cheffe d’orchestre aus Polen, Marta Gardolińska (32) in die lothringische Hauptstadt geholt. Ein Goldgriff. Das Orchestre de l’Opéra de Lorraine überzeugt im Graben à point. Jetzt unter Marie Jacquot (32), die, wie auch Regisseurin Anna Bernreitner (36) ebenfalls der Intendant engagiert hat. Die Niederösterreicherin Bernreitner hat übrigens mal eine Oper in sämtlichen Wiener Schwimmbädern aufführen lassen während  des laufenden Badebetriebs. Und Jacquot hat über die Neue Musik zur Oper gefunden. Mehr darüber gleich in zwei Interviews. Denn Klassikfavori hat die beiden nach der Premiere getroffen, die Regisseurin unmittelbar im Anschluss und die Dirigentin am Tag darauf. Es gibt also hier keine gewöhnliche Kritik. Aber einiges konnte über die Produktion und die Frauen natürlich in Erfahrung gebracht werden und warum ausgerechnet Nancy uns vormacht, wie Oper mit flacher, junger, weiblicher Hierarchie geht. (Die Fragen stellt Sabine Weber) Die Opernstadt der Frauen heißt Nancy! Unaufgeregt sensationell punkten hier Maestra Jacquot und Regisseurin Bernreitner mit Prokofjews „Drei Orangen“ weiterlesen

(Religions-)Hass als Triebkraft in der Dortmunder „La Juive“. Eine musikalische Sternstunde trotz Circumstances …

An einem Mahnmal an der Treppe des Theaterplatzes liegen Blumenkränze. Zum Gedenken an die Novemberpogrome. Das Theater Dortmund steht, wo früher die Synagoge stand. Daran sollte mit „La Juive“ von Jacques Fromental Halévy erinnert werden. Halévy, ein deutschstämmiger Jude, hat erstmals Antisemitismus, oder christlichen Antijudaismus auf die Opernbühne gebracht. Mit all seinen brutalen Auswirkungen auf Menschen. Leider wird in Dortmund aber auch daran erinnert, dass Antisemitismus ein derzeit medial unbeherrschbares und unberechenbares Thema ist. Um Documenta-Bashing zu verhindern, sind kurz vor der Premiere Experten zur Observation gebeten worden. Hernach war Regisseur Lorenzo Fioroni entlassen. Zwei Wochen vor der Premiere. Angeblich nicht kontextualisierter antisemitischer Kostümdetails wegen, auf die Fioroni nicht zu verzichten bereit war. Der junge niederländische Regisseur Sybrand van der Werf ist eingesprungen. (Von Sabine Weber) (Religions-)Hass als Triebkraft in der Dortmunder „La Juive“. Eine musikalische Sternstunde trotz Circumstances … weiterlesen

Offenbachs Schöne Helena ist in Hagen äußerst verführerisch!

(Titelbild: Anton Kuzenok, Paris, Angela Davis, Helena. Foto: Björn Hickmann) Zu allererst muss aber das 9-Euro-Ticket erwähnt werden! Nach Corona-bedingtem Ausbleiben des Publikums ist das Theater Hagen in die Bresche geschlagen und hat ein 9-Euro-Ticket für drei Monate und alle Veranstaltungen eingeführt. Über 2300 Tickets sind ab Oktober verkauft worden. Es sei auch schon geäußert worden, dass Vorstellungen so gut gefallen hätten, dass ein Wiederkommen geplant sei, auch zum regulären Preis! Was für ein Erfolg! Offenbachs „Schöne Helena“ – in deutscher Sprache – war natürlich auch sehr gut besucht. Die Stimmung von vornherein in dem sympathischen Theater bestens, und Intendant Francis Hüsers Ansage noch vor dem geschlossenen roten Vorhang, dass nämlich die Hälfte des Chores wegen Krankheitsfällen nur auf der Bühne stehen könne, konnte diesem Abend nichts anhaben! (Von Sabine Weber) Offenbachs Schöne Helena ist in Hagen äußerst verführerisch! weiterlesen

„Intolleranza 2022″ von Luigi Nono im Container! In Wuppertal

Lugi Nonos „Intolleranza 1960“ heißt in dieser Premiere „Intolleranza 2022“. 2021 hatte diese Inszenierung in Wuppertal zwar schon ihre, allerdings nicht öffentliche Premiere – in einer von Corona zerfledderten Saison. Das Regieteam um Dietrich Hilsdorf hat sich daher noch einmal ins Zeug geworfen, fünf Wochen lang geprobt und einiges verändert, um die Aktualität des hochpolitischen Stoffes noch mehr in unserer Realität zu verankern. Nono hatte zwar eine Jahrhundertflut in der Po-Ebene im Kopf, die sich aber problemlos auf die Flutkatastrophe im letzten Jahr beziehen lässt. (Von Sabine Weber) „Intolleranza 2022″ von Luigi Nono im Container! In Wuppertal weiterlesen

Bonn weiter auf Pionierkurs! „Asrael” von Alberto Franchetti überzeugt mit einer dicht gearbeiteten farbigen Partitur!

Komponieren und instrumentieren konnte der „Baronissimo“ Alberto Franchetti, Sohn einer dazumal reichen Familie, von ihr auch gefördert und unterstützt. Er studiert unter anderem in München bei Rheinberger und in Dresden bei Draeseke, von denen er die wagnerischen Weihen erhält. Mit 27 Jahren wird sein Opernerstling „Asrael” am Teatro Reggio Emilia 1888 gefeiert und sofort an anderen Häusern nachgespielt. Die deutsche Erstaufführung findet zwei Jahre später in Hamburg statt. Die Handlung ist symbolistisch-katholisches Erlösungsdrama. Ein Engel namens Asrael fällt im Kampf gegen Luzifer in die Hand der Höllenkämpfer, landet in der Hölle (Vorgeschichte), bekommt aber Landurlaub (hier beginnt die Handlung), wird auf der Erde versucht, dann aber von seiner himmlischen Geliebten gesucht, gefunden und erlöst. Regisseur Christopher Alden übersetzt den Plot (Libretto von Ferdinando Fontana) in ein plausibles Familien-Szenario, in der Gott als Kriegsrasselnder Vater mit Gewehr in der Hand drangsaliert und drillt, im Keller den Pickelhelm aufsetzt, zum Teufel wird und Krieg spielt, bis er altersschwach im Rollstuhl sitzt. (Von Sabine Weber) Bonn weiter auf Pionierkurs! „Asrael” von Alberto Franchetti überzeugt mit einer dicht gearbeiteten farbigen Partitur! weiterlesen

„Rosenkavalier“ und „Frau ohne Schatten“ im Strauss-Hofmannstahl-Wochenend-Doppel. Ein Vergleich!

Bühne Rosenkavalier in der Felsenreitschule. Foto: Anna-Maria Löffelberger
Bühne Frau ohne Schatten am Nürnberger Staatstheater. Foto: Pedro Malinowski

Die beiden ersten eigenständigen Gemeinschaftsarbeiten von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, „Der Rosenkavalier“ (1911) und „Die Frau ohne Schatten“ (1919), an einem Wochenende in Premieren an mittleren Häusern zu erleben, das bedeutet, zwei der anspruchsvollsten und in jeder Hinsicht umfangreichsten Opern von Dichter und Komponist unmittelbar vergleichen zu können. Was kann ein Haus wie das Salzburger Landestheater oder das Staatstheater Nürnberg leisten? Wie bewältigen das die Orchester? Wie kommen die Sänger:innen damit klar; wie die Bühnentechnik? (Von Klaus Kalchschmid) „Rosenkavalier“ und „Frau ohne Schatten“ im Strauss-Hofmannstahl-Wochenend-Doppel. Ein Vergleich! weiterlesen