Archiv der Kategorie: Diskussion

Regie und Theater: Das Deutsche Theatermuseum München präsentiert mit zahlreichen historischen Bühnenbild-Entwürfen die Anfänge eines typisch deutschen Phänomens, das als „Regietheater“ nicht zuletzt in der Oper verunglimpft wurde und wird!

(Bühnenbild von Emil Pirchan zu König Richard III. in der Regie von Leopold Jessner) Max Reinhardt gegen Leopold Jessner, später Fritz Kortner gegen Gustaf Gründgens, in jüngster Zeit dann Peter Zadek, Claus Peymann und Peter Stein gegen- und miteinander: Die Kämpfe um Werktreue und individuelle, oftmals radikal subjektive Aneignung eines (Musik-)Theatertextes wurden nicht erst seit 1968 immer wieder ausgefochten. Dieser Konflikt begannen schon vor 100 Jahren.  Und die Anfänge des Regietheaters warten mit sensationell radikalen Bühnenbildentwürfen aus. Derzeit zu sehen im Theatermuseum München. (Von Klaus Kalchschmid)
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Horror im Badischen Staatstheater!

Dr. Jekyll und Mister Hyde? Stevensons Erzählung über eine böse Menschennatur, die sich heimlich von der guten abspaltet, sollte ein bisschen den Horror kitzeln. Jetzt bekommt die Gothic Novel aus dem 19. Jahrhundert im Badischen Staatstheater in Karlsruhe eine Verkörperung, wie man sich das tragischer nicht vorstellen könnte. (Von Sabine Weber) Horror im Badischen Staatstheater! weiterlesen

Das Theater Krefeld und Mönchengladbach öffnet seine großen Bühnen im Juni für 22 Vorstellungen

Erster Sonderspielplan für Krefeld Mönchengladbach unter Corona-Bedingungen
Sopranistin Sophie Witte aus dem Ensemble. Foto: Simon Erath

Wie schön, mal wieder in einem Opernhaus zu sein! Die Einladung zur Pressekonferenz ins Glasfoyer der Oper Krefeld kam zwar sehr kurzfristig. Das Hygienekonzept des “Sonderspielplans” ist ja auch erst Freitag durchgewunken worden. Die heilige Kuh der Corona-Bedingungen! Vier Arbeitstage später sitzen der Generalintendant vom Theater Krefeld und Mönchengladbach, Michael Grosse, GMD Mihkel Kütson, Operndirektor Andreas Wendholz und Schauspieldirektor Matthias Gehrt an einem langen Board – immer ein Platz frei zwischen ihnen – und erklären den ersten Sonderspielplan unter Corona-Bedingungen im Juni. An Tischchen, die mit Abstandsgebot verteilt im Foyer stehen, sitzen die Journalisten. (Von Sabine Weber)

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HAT DIE RUHRTRIENNALE 2020 NOCH EINE CHANCE?

(Foto: Gebläsehalle Duisburg von Joerg Brueggemann) Bereits am 22. April wurde die Ruhrtriennale als eines der ersten internationalen Festivals abgesagt. Das Aushängeschild der Festivals in NRW hat der Lockdown der Corona-Pandemie früh getroffen. Gegen den Wunsch der Intendantin Stefanie Carp, die vom Kultusministerium nur wenige Stunden vor der Entscheidung in Kenntnis gesetzt wurde. Dabei böten die kolossalen Hallen, Kokereien und Maschinenhäuser der einstigen Schwer- und Stahlindustrie-Ruinen doch enorm viel Platz, um Abstandsregelungen für die Künstler und das Publikum einzuhalten. Das Angebot umfasst ja auch nicht nur Musiktheater-, Schauspiel- und Tanzprojekte, sondern auch Installationen mit Video und Lichtprojektionen. (Siehe Pressemeldung Zur Absage der Ruhrtriennale 2020) Museen werden derzeit im Rahmen der Corona-Lockerungen wieder geöffnet. Die Theater öffnen Ende Mai, freilich unter komplizierten Hygienebedingungen. Aber auch diesen Anforderungen könnte man sich in den Ruhrtriennalen-Hallen mit entsprechend geschultem Personal stellen. Der Kulturrat NRW hat die NRW-Landesregierung jedenfalls aufgefordert, wenn Kulturbereiche noch in diesem Monat wieder geöffnet werden, auch die Ruhrtriennale wieder stattfinden zu lassen. In einer angepassten und kondensierten Version. Worum könnte es gehen? Die Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp stellt sich den Fragen von klassikfavori! HAT DIE RUHRTRIENNALE 2020 NOCH EINE CHANCE? weiterlesen

Beethrifft 2020: Was uns zu denken gibt!

 

Beethoven-Logo des Bärenreiterverlags. Der hat einen interessanten Trailer auf seiner Netzseite veröffentlicht.

(3. Mai 2020) Natürlich vergessen wir Beethovens 250. Geburtstag nicht! Trotz Corona-allmächtig-allüberall. Zufällig stolpere ich über einen kleinen Trailer, der vorführt, wie wir in diesen Zeiten von der Arbeit der Notenentzifferer, der Urtextforscher, der Verlage, die “spreaden”, nicht zuletzt von verständigen Interpreten, die davon infiziert neu ansetzen, lernen können. Lassen wir dahingestellt, dass, auf Beethoven bezogen, natürlich auch ein großer Musikverlag meint, nur mit Mondschein- und Neunteklängen Werbung machen zu können. Immerhin hört man in diesem Trailer auch den mittleren Satz der cis-moll Sonate op. 27 Nr. 2, zu dem meine Klavierprofessorin mal meinte, „das sei das unterschätzte Alpenblümchen zwischen den (Berg-)Gipfeln (1. und 3. Satz). Immerhin gibt es auch kurz Streichquartett. Und wie Jonathan del Mar, Beethovenforscher und Herausgeber einer neuen Urtext-Edition, in Beethovens Rasumowsky-Quartett einem angeblich falschen Ton Recht verschafft, ist bemerkenswert… Oder einem scheinbar wiederkehrenden Rhythmus-Modell eine ‘Andersartigkeit’ einfordert. Auch Beethoven wird im Detail gern überhört wenns anders einfacher geht! Das gibt in heutigen Zeiten zu denken. Es ist meist komplexer, als Vordergrundermittler es für die schnelle Formatierung gern hätten. Seien wir um die dankbar, die im Hintergrund die gründliche Arbeit auch gegen Widerstand nicht scheuen, Fragen aufwerfen und kritisch bleiben. Hier zum Trailer.

Siehe auch weitere Beethrifft 2020-Beiträge auf Klassikfavori: Beethrifft 2020-Oper Bonn; Beethrifft 2020 Gürzenich-Orchester. U.a.

Zum Jahrestag der Katastrophe in Notre-Dame am 15. April

Mit Kerzenlicht in der Hand sitzen die Domchöre von Notre-Dame im Hochaltar. Ein Jahr nach der Notre-Dame-Katastrophe ist die Kathedrale immer noch eine ungesicherte Baustelle
Die Chöre der Maîtrise Notre-Dame de Paris im Chorraum. Foto P. Lemaître

(15. April 2020) Zum Jahrestag der Notre-Dame-Katastrophe ist die Frage berechtigt: Wann werden die Chöre der Maîtrise Notre-Dame de Paris wohl wieder in ihrer Bischofskirche eine Messe oder eine Vesper singen? “In fünf Jahren sei die Kathedrale wieder aufgebaut”, hat der französische Präsident unmittelbar nach der Brandkatastrophe am 15. April 2019 markig verkündet. Ein Jahr später ist man immer noch mit der Schadenssichtung beschäftigt. Von Wiederaufbau und Restaurierung noch keine Spur.  Zum Jahrestag der Katastrophe in Notre-Dame am 15. April weiterlesen

Beethrifft 2020! Otto Klemperer hat Erklärungen für Beethoven-Stille, die nichts mit Corona zu tun hat!

Otto Klemperer gehörte zu den charismatischen Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Prag, Hamburg, Straßburg sind seine Stationen. Seit 1917 Kapellmeister an der Köln Oper wird er 1923 dort auch Generalmusikdirektor. Er verschafft dem Opernhaus und sich selbst ein großes Renommee und wird wohl nicht von ungefähr als “Kl’Empereur” apostrophiert. Er soll autoritäre Züge an den Tag gelegt haben. Klemperer hat auch komponiert, unter anderem sechs Sinfonien. In Thomas Manns Roman Doktor Faustus von 1947 dirgiert er die Uraufführung von Leverkühns “Opus Apocalipsis cum Figuris”. Klemperer soll sich dazu geäßert haben: „Ein sehr gutes Werk, ich bin drin!” Klemperers  Meinung galt. Auch zu Beethoven anlässlich einer Interview-Umfrage 1927:

“Was kann man über Beethoven sagen, außer, dass er ein Genie war und dass ich hoffe, eines Tages, falls ich lang genug lebe, fähig zu sein, seine Musik so zu spielen, wie sie gespielt werden sollte? Ich glaube nicht, dass Beethoven auf die heutigen Komponisten irgend einen Einfluss ausübt. Er war ein Romantiker, war subjektiv. Sie sind objektiv. Sie kehren zu Bach zurück. Wenn Sie mich fragten, wie man den 100. Todestag Beethovens am besten beginge, würde ich Ihnen antworten: seine Musik ein Jahr lang nicht aufzuführen. Sie wird zu viel gespielt!”

Gefragt wurde er auch anlässlich des Beethovenjahrs 1970 vom Südwestfunk Baden-Baden: “Warum spielen wir heute noch Beethoven?” Otto Klemperer: “Ich habe sehr viel über Ihre Frage nachgedacht. Beim allerbesten Willen – ich weiß kein Antwort. Soll ich etwa sagen “wegen der einmaligen Musik”? Das weiß ja jeder. Oder “wegen der sichern Kasse-Einnahme”? Auch das ist höchst evident! Mit anderen Worten, ich weiß wirklich keine Antwort und muss es deshalb mit Bedauern ablehenen, an Ihrer Rundfrage teilzunehmen”.
Beide Zitate sind nachzulesen in Otto Klemperer. Anwalt guter Musik. Henschel Verlag Berlin 1993

Beethrifft 2020 am 6. Januar. Gedanken zur Neunten im Radio und einer Neueinspielung von zwei Beethoven-Streichquintetten

Wie wirkt sich die 9. Sinfonie am Sonntagmorgen aus? Im Radio eine Einführung und anschließend die ersten beiden Sätze zu Spiegeleiern und Heilandt-Kaffee! Der Mann kommt rein und ruft sofort: „Beethoven?“ – „Ja, die Neunte!“ „Die Neunte? Warum?“ Daraufhin Schweigen. Die Neunte, weil … Beethovenjahr! Aber nur die ersten beiden Sätze, weil sie insgesamt – in der längsten Version – sogar 75 Minuten dauert. Und wer braucht sonntagsmorgens schon die direktive finale Freudenakklamation des letzten Satzes, werden sich die Programmplaner gedacht haben. Ein Musikjournalist und Redakteur hat es sogar gewagt, das Finale dieser Neunten auf eine möglich Überschätzung hin neu zu bewerten. Friedrich Schillers “Ode an die Freiheit” war ja sogar mal verboten. Regimentsmedikus Schiller wurde vom württembergischen Herzog wegen unbotmäßig schriftstellerischem Einsatz und Theaterbesuches die Schriftstellerei insgesamt untersagt. So dichtet er 1785 auf Bitten seines Freundes Christian Gottfried Körner für eine Freimaurerloge sozusagen heimlich. Schiller hielt die Ode nicht für ein Welten-verbrüderndes Meisterwerk. „Es habe keinen Wert für die Welt und die Dichtkunst…“, schreibt er seinem Freund. Aber die von Schiller überschwänglich beschworenen – natürlich männlich determinierten – Gesellschaftsideale werden das Retro-Bekenntnis zu den niedergemachten Idealen der französischen Revolution. Deshalb greift sie auch Beethoven im restaurativen Metternich-Wien demonstrativ wieder auf, freilich erst öffentlich, als das Verbot sich erledigt hatte. Gedanken für ein nicht-gehörtes Finale! Frühstück beendet und jetzt zu aufmerksam gehörten Streichquintetten in einer Neueinspielung (ALP 585)! Da gibt es wirklich etwas zu entdecken. (Von Sabine Weber)

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Notre-Dame, seine Musiker und seine Musiktraditionen!

(Beitragsbild: Die Choralschola, die Maîtrise zu Notre-Dame im Chorraum zu Notre-Dame während einer Messe – vor dem 15. April! Aufgenommen von P. Lemaître)

Nach Nine-Eleven ist ein neues Datum in der Welt: Quatre-Quinze!

Am 15. April hat ein Dachstuhlbrand die Notre-Dame-Kathedrale in Paris zu einer Ruine gemacht. Die französische Nation ist durch Mark und Bein erschüttert worden. Das Unglück hat – Gott sei Dank – kein Menschenleben gefordert und ist auch keinem Terroranschlag geschuldet. Aber ein nationales Wahrzeichen ist beschädigt. In aller Munde sind die “Grande Travaux”, mit denen französische Präsidenten in Paris monumentale Zeichen setzen. Valéry Giscard d’Estaing mit dem Umbau des Musée d’Orsay. Mitterand mit der Pyramide du Louvre und der neuen Bibliothèque nationale. Jetzt will Emmanuelle Macron sein Zeichen mit einem sensationell gestalteten Wiederaufbau der Kathedrale setzen. Am Denkmalschutz vorbei unter der Aufsicht eines Generals.

Yves Castagnet an seiner Chororgel - vor dem Brand. Foto: Yves Castagnet
Yves Castagnet an seiner Chororgel – vor dem Brand. Foto: Yves Castagnet

Aber wer denkt an die Musiker der Kathedrale, die es ganz konkret getroffen hat? Die 60 Sänger der Choralschola zu Notre-Dame, die fünf Organisten, drei Titulaire der großen romantischen Cavaillé-Coll-Orgel, unter ihnen Olivier Latry, und vor allem Yves Castagnet.

Er ist Titulaire der Chororgel und zuständig für die tägliche musikalische Gestaltung der Liturgie und die Begleitung der Sänger in den Messen. Wie es weitergehen soll, und warum eine große Tradition weitergeführt werden muss, hören Sie in diesem Podcast. Yves Castagnet ist verständlicher Weise auch zweieinhalb Monate danach von den Ausmaßen der Zerstörung immer noch noch sehr betroffen.

Weitere Informationen zur Maîtrise de Notre-Dame.