Beethrifft das Gürzenich-Orchester und seine aktuelle Beethoven-Séance 2020: Ausschnitte aus Beethovens Werk im Fluss mit zeitgenössischer Avantgarde

(Foto: Holger Talinsky) Ein Beethoven-Akadamie-Revival also. Im April 1800 hat Ludwig van Beethoven seine erste Akademie im Wiener Hofburgtheater veranstaltet. Mit Ausschnitten aus seiner gerade erst fertig gestellten Ersten Sinfonie, seines Septetts, dazu eine Sinfonie von Mozart und Beethoven fantasierte dazu auch noch auf dem Klavier. Ein buntes zeitgenössisches Programm also. „Die interessanteste Akademie seit langer Zeit“ schreibt ein Rezensent, auch wenn in den Sinfonien alle Bläser doppelt besetzt zu der Streicherbesetzung als „Übergewicht“ moniert wurden. Riesig und gewichtig ist die Besetzung des Gürzenich-Orchesters bei seinem aktuellen Beitrag zum Beethovenjubiläum 2020 in allen Stimmgruppen. Acht Kontrabässe, acht Hörner, vierfaches Holz, inklusive einer Bassklarinette und jeweils vier Trompeten und Posaunen, eine über das gesamte hintere Halbrund verteilte Schlagwerkgruppe. Die Harfe fehlt auch nicht. Denn das Gürzenich-Orchester unter seinem Chef François-Xavier Roth verbindet Ausschnitte aus Beethoven-Sinfonien mit gewaltigen Neue-Musik-Klängen, mit Helmut Lachenmanns „Tableau“ für groß besetztes Orchester, mit „Photoptosis“ von Bernd Alois Zimmermann. Isabel Mundry und Francesco Filidei haben sogar im Auftrag für dieses Konzert komponiert. Aufgemischt mit Klavierklängen aus Beethovens 5. Klavierkonzert oder dessen Bagatellen, mit Pierre-Laurent Aimard als Solisten des Abends. (Von Sabine Weber)
(10. Februar 2020, Kölner Philharmonie) Und natürlich beginnt es mit dem ersten Satz von Beethovens Mondscheinsonate! Quasi una fantasia.  Denn dieses Konzert will Fantasie sein und Fantasie anregen, zumindest das Visionäre und Fantastische des Avantgardistischen in der Musik – damals Beethoven und heutig Zeitgenössisches – zum Gesamtkunstwerkereignis machen. In einem Fluss folgen Werke und Werkausschnitte aufeinander. Die Titelliste wird erst nach dem Konzert ausgegeben. Auf das Hören und Konzentrieren im Moment ist alles angelegt. Es gibt sogar Lichtregie! Die Dreiklänge aus Beethovens Klaviersonate Nr. 14 in cis-moll wabern von irgendwo her in den Raum. Nicht gespielt von Pierre-Laurent Aimard jedenfalls, der nur bedeutungsvoll die Hände über die Tastatur hält, während François-Xavier Roth vor dem schweigenden Orchester zu dirigieren beginnt. Kommt es vom Band? Oder von der Seite, da sitzt nämlich Orchesterpianist Paolo Alvares ebenfalls an einem Flügel. Irgendwann setzt leicht verschoben Aimard ein. Ein Stereo-Effekt. Ein Hauchen und Wischen fährt aus dem Orchester fährt aus dem Hintergrund dazu. Ein Pusten durch die geschlossenen Hände vorm Mund. Und schon spielen die beiden Pianisten tatsächlich im Duett, teilen sich Dreiklänge wie Frage und Antwort auf. In dieser Innigkeit setzt plötzlich das Orchester an. Spannung… Dann werden die Instrumente einfach wieder abgesetzt. Einzelne Gruppen drehen den Kopf in verschiedene Richtungen oder senken ihn zum Boden, während weiterhin hauchende, wischende, oder reibende Momente dazwischen fahren. Isabel Mundry hat dieses gestische Klangtheater konzipiert,  Orchesterfragemente zu Beethoven I-V als Ein-, Zu-, Überleitung für dieses Konzert. Die heftigen Attacken, die an die Mondscheindreiklänge anschließen, gehören dann aber wohl schon zu Helmut Lachenmanns Tableau für Orchester. Das ist bis auf den heutigen Tag avantgardistische Musik geblieben. Eine „musique instrumentale concrète“, die den Instrumentenklang neu definiert, wie der Komponist über dieses Werk von 1988/89 schreibt. Eine Mixtur rhythmisierter Geräusche als „Stellprobe magischer Requisiten“ und belebt durch unkonventionelle Spieltechniken. Das Riesenorchester ist in vielen Einzelaktionen gefordert, bis es in einem sehr tonalen Akkord steckt, jenem, mit dem Beethovens Erste Sinfonie beginnt. Damals allerdings eine Unerhörtheit. Dieser Anfangsakkord, ein Dominantseptakkord, galt damals als Dissonanz. Und er löst sich noch nicht einmal in die Tonika auf! Beethoven leitet sein sinfonisches Werk mit einem Schwebezustand ein, einer Möglichkeit des Wohin auch immer. Natürlich kommt auch, was alle kennen. Die vorbildliche Exposition! In der Durchführung rutscht es mit einem Dominantseptakkord als Orchester glissandi aber wieder ab. Isabel Mundry übernimmt. Dieser Art werden noch Beethovens Vierte, erster Satz, und der Finalsatz aus der Fünften als Phänomen und Ausgangspunkt für Neues eingebunden. Letzterer mit seinem frenetisch in die Länge gezogenen Schluss rundet die erste Hälfte ab. Während man selbst noch immer mit dem „was war nochmal was“ beschäftigt ist, zeigen sich in der Pause befragte musikalische Laien unvoreingenommen begeistert von dem Neu-Hören zwischen und zu den Beethoven-Inseln. Was da los ist im Orchester! Das bereitet offenkundig Vergnügen am Experiment.

Pierre-Laurent Aimard. Foto: Holger Talinsky

Im zweiten Teil steht dann der Pianist im Vordergrund, unter anderem mit Beethovens fünftem Klavierkonzert, aus dem Komponist Francesco Filidei mit humoristischem Talent zitiert, Patterns entwickelt und komische Klangantworten, auch mit unkonventionellen Mitteln wie Hupe, Windrad oder Elektroschocker aus dem Orchester. Die Variationen der Arietta aus Beethovens letzter Klaviersonate, die mit extremer Klangspreizung zwischen tiefer Begleitung hoher Melodie ansetzt, gehört bis zur jazzig punktierten Variation ganz allein dem Solisten Aimard. Der wie in Trance vom Podium schreitet, während die gewaltige Klangkomposition Photoptosis ausbricht. Jene durch die monochrom blauen Schwammbilder von Yves Klein inspirierte Komposition von Bernd Alois Zimmermann von 1968. Wie der Lichteinfall Nuancen in den monochrom blauen Reliefbildern hervorruft, die im Riesenformat und inzwischen ganz schön verstaubt das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen zieren, so bei Zimmermann durch Einzelaktionen im Gesamtklang. Auch Zitate werden aus dem Klang ans Ohr gespült. Eine Stelle aus Wagners Parsifal und natürlich Beethovens Neunte ganz deutlich!
In dieser Beethoven-Séance hat man Beethoven natürlich zu keinem Zeitpunkt so gehört, wie man ihn vom Gürzenich-Orchester unter dem Dirigat von Roth gewöhnt ist und erwarten würde, auch wenn die Trompetenspieler doch tatsächlich zu ventillosen Instrumenten gegriffen haben. Im berühmten Marsch (Allegretto) der Siebten Sinfonie, der natürlich nicht gefehlt hat, durfte ein Kontrafagott mitspielen, und das Fagott wurde in einer Solopassage verdoppelt. Irritierende Effekte! Aber wenn man diese Instrumente schon mal wegen der Neuen Musik da hat… Beethovens Musik, bestimmte Motive oder Harmoniefolgen, Abschnitte, konnten umso mehr als Möglichkeit für Neues gehört werden. Beethoven als Weichenstellung in neue Richtungen, das ist in vielen Momenten des Konzerts spürbar gewesen und hat auch Erwartung geschürt. Was passiert jetzt!? Also eine ungewohnt neue Hörerfahrung! Auch wenn das Bearbeiten von Beethoven ja eigentlich eine alte Geschichte ist! Aber welche der bisher erzählten Geschichten im Beethovenjubiläumsjahr 2020 sind komplett neu?
Mit dieser Beethoven-Séance geht das Gürzenich-Orchester auch auf Tournee
Sonntag, 16.02.2020, 20 Uhr Prinzregententheater in München
Montag, 17.02.2020, 20 Uhr Auditorium Maurice Ravel in Lyon
Freitag, 21.02.2020, 19.30 Uhr Southbank Centre in London
Montag, 24.02.2020, 20 Uhr Elbphilharmonie in Hamburg
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