Die Klammer ist Verzweiflung! Nach der fulminanten Fidelio-Inszenierung im Januar kombiniert das Theater Bonn jetzt eine neukomponierte Briefszene von Manfred Trojahn mit Beethovens Oratorium Christus am Ölberge

Manfred Trojahn ist Bühnenmusik- und Opernerfahren. Als der in Düsseldorf lebende und lehrende Komponist gefragt wurde, für diesen Abend zum Beethovenjahr 2020 einen Prolog zu Beethovens Oratorium „Christus am Ölberge“ zu liefern, hat möglicherweise die Vertonung von Beethovens Heiligenstädter Testament sogar im Raum gestanden. In diesem erschütternden Dokument, von Ludwig van Beethoven in Heiligenstadt bei Wien verfasst, berichtet er verzweifelt von seiner medizinisch nicht mehr abzuwendenden Taubheit. Ein Selbstbekenntnis Beethovens, dem sein störrischer Umgang mit Menschen durchaus bewusst war, der sogar Selbstmord erwägt, sich dann aber zur rettenden Kunst bekennt. Ein Jahr darauf entsteht „Christus am Ölberge“. In dem Oratorium geht es um Jesus im Garten Gethsemane, der fleht, der Kelch möge an ihm vorüber gehen, der sich dann aber in sein Schicksal findet. Die Parallelpersepktive zum Heiligenstädter Testament ist greifbar. Trojahn fügt eine weitere Krisen-Parallele hinzu, den Chandos-Brief, den Hugo von Hofmannsthal 1902 verfasst und veröffentlicht hat. In dieser inzwischen zur Schullektüre gewordenen Briefszene geht es um die existentielle Krise eines Schriftstellers. Hofmannsthal nimmt darin die Rolle des jungen englischen Lord Chandos ein, der sich als literarisches Frühgenie der Aufklärung seinem Freund und Förderer, dem Philosophen und Empiriker Francis Bacon erklärt. Ihm seien plötzlich Begriffe und Abstraktionsebenen flöten gegangen. Überwältigt von Einzelphänomenen fände er keinen Zusammenhang mehr, nur Einzelphänomene könne er noch beschreiben, in denen er sich verlöre. Klaus Bertisch hat den Text geschickt eingekürzt. Und Manfred Trojahn hat ihm musikalisch eine bühnentaugliche Dramatik beigebracht. Im Theater Bonn spannt sich ein szenischer Bogen über menschliche Verzweiflung, von einer zeitgenössischen Monologszene hin zu Beethovens selten zu hörendem Oratorium – nach der Pause –, das hier auch Bühnendramatik entwickelt! (Von Sabine Weber)
(8. Februar 2020, Theater Bonn) Der geheime Fokus in diesem nach der Fidelio-Premiere zweiten Bonner Beethovenexperiment ist das Heiligenstädter Testament von 1802. Oder anders ausgedrückt: menschliche Verzweiflung in einer Krisensituation. Doch die beiden Werke sind musikalisch äußerst unterschiedlich. Manfred Trojahns Musik zu Ein Brief. Reflektive Szene für Bariton, Streichquartett und Orchester ist fein, lyrisch, subtil, kammermusikalisch gehalten mit Englischhorn, Bassklarinette oder Harfentönen in den tiefsten Registern in solistischem Einsatz. Das Streichquartett erinnert an Alban Bergs Lyrische Suite. Die Textur erfindet immer andere Farben, ist durchzogen von Klang-Motiven, Rhythmen auch mal durchgehaltenen Tönen, über weite Strecken gestenhaft und geisterhaft wie die Gedanken, die Lord Chandos in diesem Brief entwickelt. Den Gesang scheint Trojahn Bariton Holger Falke auf den Leib geschrieben zu haben.

Holger Falke (Lord Chandos). Foto: Thilo Beu

Eine Art Parlando, das stellenweise mal an Schönbergs Pierrot lunaire erinnert, dem Solisten aber auch gebremste Aufschreie im Kopfregister abverlangt, vor allem aber – allein auf der Bühne – Spiel, Regung und Haltung und Handlung entfesselt, die den 40 minütigen Monolog tragen. Jedes Wort durchlebt Falke textverständlich fürs Publikum und schafft es, den Moment der Erfindung von Gedanken und Bildern leibhaftig zu vergegenwärtigen. Dafür, dass es um Schreibblockade geht, sind die Worte Hofmannsthal nämlich ungemein poetisch, mit blumigen Bilder und Metaphern versehen, verhandeln Mythologie und Philosophie. Es handelt sich also paradoxerweise um ein absolut sprachgewandtes Drama über den angeblichen Verlust der Sprache!

Kai Kluge (Jesus), Ilse Eerens (Seraph), Tänzerinnen und Tänzer des Folkwang Tanzstudio. Foto: Thilo Beu

Ebenso paradox ist Beethovens Oratorium Christus am Ölberge. Das Oratorium ist weniger Passion als Jesus-Oper! Die Angstnacht Jesu vor der Gefangennahme und die Gefangennahme hat Beethovens Librettist Franz Xaver Huber zugrunde gelegt, dem schon zu Beethovens Lebzeiten Ungeschicklichkeit und Unverhältnismäßigkeit in Bild- und Wortwahl vorgeworfen wurde. Beethoven hat das Textoriginal allerdings verteidigt, konnte es ihn doch zu einer dramatische Musik inspirieren. Gleich in der ersten großen Arie – nach einer düsteren Trauerouvertüre in c-moll – hadert Jesus extrem und äußerst menschlich mit seinem Schicksal. Er will nicht sterben und begehrt wütend auf. Hat Beethoven hier möglicherweise autobiografisch seine Schicksalswut subsumiert? Die Florestan-Arie am Beginn des zweiten Aktes von Fidelio drängt sich jedenfalls auf. Mit dem jungen Tenor Kai Kluge, vom Ensemble Stuttgart nach Bonn verpflichtet, steht im zweiten Teil eine ebenso packende und ihren wahnsinnig schwierigen Part stemmende Schicksalsfigur im Zentrum. In weiß japanisch anmutende Gewänder gekleidet (Kostüme Andrea Schmidt-Futterer) sitzt er im zweiten Teil schon während der Ouvertüre wie Dürers Melancholia brütend auf dem riesigen Buch, das in der Mitte der Bühne auf dem Boden liegt. Und ist das Pendant zum schwarz gekleideten Lord Chandos im ersten Teil, der auch schon sitzend, liegend und um das Buch herum agiert hat. Das Buch im grauen Halbrund ist auf der Bonner Bühne einziger Gegenstand vor und nach der Pause und eine sinnbildliche Klammer der Verzweiflung. Im ersten Teil für das Werk, das Chandos nicht in Angriff nehmen kann. Es klappt sich wie ein Laptop auf und lässt Motive von Bildkünstlern der Renaissance den Raum durch-geistern. Verlorene mythologische Themen, die früher literarische Werke sein konnten. Im zweiten Teil ist das Buch die Bibel, an der Vorhersehung zweifelt Jesus. Aufgestellt kommt immerhin der tröstende – blausamten wie die Mutter Jesu gekleidete – Seraph-Engel heraus. Koloratursopranistin Ilse Eerens lässt in der zweiten großen Partie in Beethovens Oratorium einen strahlend klaren, dennoch angenehmen Ton hören und schwebt zudem mühelose in Höhen und Koloraturen fast wie die Königin der Nacht. Regisseurin Reinhild Hoffman hat sich als Choreografin einen Namen gemacht. Natürlich setzt sie Balletttanz ein, hier zehn Tänzerinnen und Tänzer aus dem Essener Folkwang-Ballett-Ensemble. Das wäre vielleicht nicht nötig gewesen, hilft aber dennoch, von einigen Ungereimtheiten im dramaturgischen Verlauf abzulenken oder die bad vibrations des hadernden Jesus szenisch zu erweitern. Der Gefangennahme geben sie mit spitzen Speeren eine Theatralik, zudem halten sie den unvermittelt wie einen Verbrecher agierenden Petrus (Sekhoon Moon) in Schach, der hier auch schwarz gekleidet ist, nicht grau wie die anderen Jünger. Der Chor und Extrachor des Theater Bonn hat in Beethovens Oratorium erwartungsgemäß eine tragende Rolle. Er stellt die Jünger dar oder die Soldaten und begleitet auch im Background Duette und Arien. Das Beethovenorchester im Orchestergraben unter Dirk Kaftan liefert die musikalisch notwendig Substanz für den Ausdruck, der sich auf der Bühne zu Szenen zusammensetzt. (Siehe Interview mit Dirk Kaftan nach der Aufführung) Wunderbar das Cellosolo zu „auf mir Vater, ruht Dein Gesicht!“ In diesem Oratorium, das wegen seiner Hypridgestalt – Oratorium ohne Erzähler, Oper ohne dramaturgisch ausgefeilte Handlung – gemieden wird, gibt es in Bonn musikalisch Wunderbares zu entdecken. Das Liebes-Terzett Jesus-Seraph-Petrus muss noch erwähnt werden, das allerdings auch ein Beispiel für eine unvermittelte plötzlich-Botschaft ist. Am Schluss findet sich Jesus in sein Schicksal in einem fast unerträglichen Jubel mit Siegesmusik, die an eine gewonnene Schlacht erinnert. Da kommt ein besonderer Regieeinfall zum Zug. Der Siegesjubel wird unterbrochen und Holger Falke rezitiert das Heiligenstädter Testament. Da wird der eigentliche Fokus fassbar. „Nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühle…“ Auch dieser Botschaft darf der Jubel gelten, der hier geschickt umgebogen wird in einen auf die Kunst! Ein gewagter und gelungener szenischer Musiktheaterabend, der der Bühnenwelt eine neu Briefszene schenkt und einem selten gespielten Beethoven-Werk Gehör verschafft!
Deutschlandfunk Kultur strahlt einen Mitschnitt der Premiere am 15. Februar 2020 um 19.05 aus.
SWR2 Abendkonzert am 8. April 2020 um 20.04 Uhr.

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