Stars und junge Stimmen in den Lockdown-Montagsstücken in München! Klassikfavori fasst die letzten drei zusammen. Bevor es diesen Montag mit „La Bohème“ weiter geht!

Diana Damrau, Klaus Florian Vogt, Thomas Hampson und Jonas Kaufmann – Die wöchentlichen Montagsstücke der Bayerischen Staatsoper in München locken mit Stars und vielfältigen Programmen von Monteverdi und Purcell bis Strauss und Mahler vor den Bildschirm. Es gibt viel Oper! (Von Klaus Kalchschmid)

Ballo Barocco halbszenisch mit Werken von Purcell und Monteverdi, Strauss-Lieder mit Diana Damrau und Klaus Florian Vogt, ein Konzert des Opernstudios und eine komplette szenische Oper gibt es am 30. November: Puccinis La Bohéme, zwar eine alte Inszenierung aber mit Jonas Kaufmann!

Eine komplette Oper ist eher die Ausnahme! Ähnlich den 13 Montagskonzerten im Mai/Juni an der Bayerischen Staatsoper [siehe Klassikfavoribericht] präsentieren die wöchentlichen „Montagsstücke“ dennoch vokale Kostbarkeiten aus dem leeren Münchener Nationaltheater nach Hause. Allesamt noch als Video on demand abrufbar.

Montagsstück III: Zueignung: Diana Damrau, Asher Fisch, Bayerische Staatsorchester. Foto Wilfried Hösl
Montagsstück III: Zueignung: Klaus Florian Vogt, Asher Fisch, Bayerische Staatsorchester. Foto: Wilfrie Hösl

(Montagsstück III vom 16. November 2020) „Habe Dank“ singen Diana Damrau und Klaus Florian Vogt am Ende der Zueignung. Wir können es im Plural nur wiederholen: „Habet Dank!“ – für einen wunderbaren Strauss-Abend mit dem Staatsorchester unter Leitung von Asher Fish! Auf das erste Hornkonzert mit Johannes Dengler folgen, unterbrochen nur vom Duett-Concertino für Klarinette und Fagott mit Streichorchester und Harfe, 15 mehr oder minder berühmte Lieder. Abwechselnd und mit bezauberndem Sopran- oder Tenorschmelz singen Damrau und Vogt unter anderem Ständchen, Cäcilie, Heimliche Aufforderung, Allerseelen und Morgen!

Montagsstück IV: Yajie Zhang, Eliza Boom. Foto: Wilfried Hösl

Im letzten Montagskonzert (Montagsstück IV vom 23. November) faszinieren junge Sängerinnen und Sänger. Das neue Opernstudio präsentiert einen musiktheatralischen Abend. Kein Konzert in Abendgarderobe, kommt aber nur im Outfit leger daher. Eigentlich geplant als intimer Abend mit Klavier im Barock-Juwel des Cuvilliés-Theaters mit Publikum, gibt es nun die Arien und viele Ensembles aus Mozarts La clemenza di Tito, Charles Gounods Faust und Gaetano Donizettis Don Pasquale auf der großen Bühne des Nationaltheaters.

Montagsstück IV: Come ti piace: Ewa Danilewska (Klavier), Christian Valle, George Vîrban. Foto: Wilfried Hösl

Drei ganz unterschiedliche Tenöre (eine schöne Mozart-Stimme: James Ley, mit mediterranem Schmelz: der Kolumbianer Andres Aguedelo, eher ein Rossini-Tenor: George Vîrban) sind Titus, Faust, Ernesto und Eisenstein. Drei Soprane (schon mit einer gewichtigen Stimme ausgestattet: Eliza Boom als Vitellia und Rosalinde, eher lyrisch: Sarah Gilford und Juliana Zara) präsentieren ebenfalls Arien, wie sie auch mit ihren Tenor-Kollegen mal launig, mal leidenschaftlich verliebt im Duett singen. Dann gibt es da noch die Mezzosopranistin Yajie Zhang als Mozarts Sesto und Gounods Marthe Schwertlein, die kernigen Baritone Andrew Hamilton (Dr. Falke) und Theodore Platt (Dr. Malatesta) sowie den Bassisten Christian Valle – unter anderem als Mephisto und heiratssüchtiger alter Don Pasquale.

Je nach Stück erstrahlt der ebenso bedrückend gähnend-leere, wie optisch berückend-schöne Zuschauerraum des Nationaltheaters stahlblau (Titus), in Grüngold (Faust), hellblau silbrig mit leichtem Rosée-Stich Don Pasquale oder – für den Ball-Akt der Fledermaus – karmesinrot leuchtend mit festlich strahlenden Kandelabern an den Rängen.

Alle Konzerte sind noch unterschiedlich lange auf der Website über www.staatsoper.de/tv abrufbar, das 24-Stunden Ticket für ein Konzert kostet 4,90 Euro. Kostenlos ist der jeweilige Livestream.

Am 30. November (20.15 Uhr) gibt es „La Bohème“ mit Jonas Kaufmann; am 7. Dezember (20.15 Uhr) das für diesen Tag ursprünglich mit Publikum geplante Akademiekonzert mit dem Bayerischen Staatsorchester unter Leitung von Krzysztof Urbański. Auf dem Programm Werke von Beethoven (Ouvertüre zu „Coriolan“), Mahler („Kindertoten-Lieder“ mit Thomas Hampson) und Antonín Dvořák (7. Symphonie). Die Reihe der Montagsstücke wird wöchentlich bis zum Ende des erneuten Lockdowns fortgesetzt.

Außerdem: die Premiere der Neuinszenierung des „Falstaff“ (natürlich ohne Publikum) am 2. Dezember ist als kostenlos zu erlebender Livestream zu verfolgen. Unter Leitung von Michele Mariotti (Regie: Mateja Koležnik) singt Wolfgang Koch die Titelpartie.

„Die Vögel“ von Walter Braunfels on demand aus München für 9,50€. Lohnt es sich? Klassikfavori-Kritiker Klaus Kalchschmid findet „Ja“!

Am 30. November 1920 – also vor genau 100 Jahren – wurden „Die Vögel“ von Walter Braunfels am Münchner Hof- und Nationaltheater uraufgeführt. Nun wären sie in fünf Vorstellungen endlich wieder am selben Ort zu erleben gewesen – in einer Neuinszenierung von Frank Castorf. Doch die vierte vollendete Oper des 1882 geborenen Komponisten – nach „Falada“ (1905), „Prinzessin Brambilla“ (1908) und „Ulenspiegel“ (1913) – konnte am 30. Oktober nur einmal vor gerade mal 50 Zuschauern gezeigt werden. Die applaudierten am Ende mit einer Intensität, als müssten sie für die nicht erlaubten, über 2000 möglichen Besucher mitklatschen. Aber via kostenlosem Livestream konnte ein zahlreiches, internationales Publikum die Premiere vor dem PC verfolgen. (Von Klaus Kalchschmid) „Die Vögel“ von Walter Braunfels on demand aus München für 9,50€. Lohnt es sich? Klassikfavori-Kritiker Klaus Kalchschmid findet „Ja“! weiterlesen

„Written on skin“. Benjamin Lazar gibt sein Regiedebüt an der Oper Köln am 1. Dezember 2020 und erklärt seine Herangehensweise an zeitgenössische Oper!

Eigentlich hätte am 22. November Premiere sein sollen. Die Probenphasen haben sich nach hinten verlagert. Aber die Kölner Oper ist guter Dinge, dass die Premiere von George Benjamins „Written on Skin“ am 1. Dezember auch vor Publikum stattfinden kann. Die Proben laufen auf Hochtouren im Staatenhaus, derzeitige Ausweichspielstätte der Kölner Oper. Und nicht nur zu dieser Probe. Noch zwei weitere Premieren sind in Arbeit. Das Staatenhaus ist ja groß genug. Der Kantinenbereich ist dennoch erstaunlich leer. Geselligkeit ist offensichtlich nicht das Gebot der Stunde. Vor Benjamin Lazar, an einem Stehtisch abseits, fahre ich das Mikrofon aus. Für mein erstes Interview mit Mundschutz. Der Regisseur will es so! (Die Fragen stellt Sabine Weber)
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Rhetorik oder Romantik. Ein Vergleichsversuch von Beethovens drei letzten Klaviersonaten auf Hammerflügel mit Paul Badura-Skoda und auf dem modernen Steinway mit Fabrizio Chiovetta

Die letzte Klaviersonaten-Trias sind ein Höhepunkt in jedem Pianistenleben! Ob im Konzert oder als Aufnahme. Insgesamt kommt der Wiener Pianist Paul Badura-Skoda, im letzten Jahr verstorben, sogar auf mehrere Aufnahmen aller 32 Sonaten. Auf Steinway oder Bösendorfer Imperial – mit erweiterter Tastatur und mehr Klang in der Tiefe. 1955 erstehen seine ersten Beethoven-Einspielungen. 1989 vollendet Badura-Skoda einen letzten Zyklus – auf originalen Hammerflügeln! Das Label ARCANA hat Badura-Skodas sämtliche Originalklangeinspielungen in einer Box zum Beethovenjahr im Januar erstmals veröffentlicht. Und die fördert Badura-Skodas Rhetorik und zupackende Dramatik im Spiel hervor, die staunen lässt, wenn man die letzten drei Sonaten hört! Der Schweizer Fabrizio Chiovetta, 1976 in Genf geboren, hat sich unter anderen von Badura-Skoda den letzten Interpretationsschliff geben lassen. Und hat jetzt aktuell und erstmals die letzten drei Beethoven-Sonaten aufgenommen. Chiovetta wirbt damit, sie „ganz in der Tradition der Wiener Klavier-Ikone Paul Badura-Skoda eingespielt!“ zu haben. Im September sind sie bei APARTÉ herausgekommen. (Von Sabine Weber) Rhetorik oder Romantik. Ein Vergleichsversuch von Beethovens drei letzten Klaviersonaten auf Hammerflügel mit Paul Badura-Skoda und auf dem modernen Steinway mit Fabrizio Chiovetta weiterlesen

„Die Zauberflöte“ oder was bedeutet uns Kultur? Eine Sängerin und ein Opernregisseur über Zweitbesetzung, Abstandsregeln auf der Bühne und Zwangspausen im Lockdown in Köln und London

(Titelbild: Aoife Miskelly als Pamina in der Kölner „Zauberflöte”. Foto: Paul Leclaire) Auch die Kölner Oper ist dicht! Für die irische Sopranistin Aoife Miskelly war ihr Auftritt als Pamina am 28. Oktober die vorerst letzte Vorstellung. Sie lebt in London, war zuvor aber Mitglied im Kölner Opernstudio. Sie hat bei der Uraufführung von Detlev Glanerts „Solaris“ 2014 sogar die weibliche Hauptrolle gesungen und ist als Zweitbesetzung der Pamina aktuell an den Rhein zurückgekehrt. In einer Wohnung in der Kölner Innenstadt, wo sie vorübergehend eingezogen ist, sitzt sie neben ihrem Mann, Regisseur Joe Austin, bereits wieder zwischen halb gepackten Koffern. Bei Schwarztee und Kuchen beantworten die beiden noch gern ein paar Fragen, die natürlich von diesem zweiten Lockdown und der Schließung aller Kulturbetriebe geprägt sind. Und auch von der aktuellen „Zauberflöte”. (Die Fragen stellt Lina-Marie Dück)
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Barock-Voguing in Aachen? In exaltiert aufwendigen Kostümen wird Cavallis „Calisto“ zu einer besonderen Show, die dem Stück gekonnt auf den Zahn fühlt!

Jetzt sind alle Theaterhäuser geschlossen! Aber gestern ging noch etwas in Aachen über die Bühne, das ihres/seines gleichen sucht. Stichwort: Barock-Voguing! Eine frühbarocke Oper von Francesco Cavalli – die Musiker des Sinfonieorchesters spielen auf Originalklanginstrumenten – wird zur Voguing-Show. Wie am Abend zuvor in Frank Castorfs Münchener „Die Vögel“ (klassikfavori berichtet weiter oben) ist die Ästhetik und das Voguing den 1970ern entlehnt. Aber das Theater Aachen kommt ohne Trash und sexistische Machobetonung aus. Dabei steht ein Macho im Zentrum. Jupiter, der aus Lustgewinn sein Geschlecht ändert und täuscht! Ludger Engels Regie gelingt es, in Aachen mit Opulenz den Nerv von Francesco Cavallis „Calisto“ zu treffen. In einer Oper, in der sich alles um Geschlechtercamouflage dreht, lässt Engel exaltierte Selbstdarstellung an tragische Grenzen stoßen. Sexuelle Hörigkeit wird entlarvt und mit köstlichem Humor ausgestellt. (Von Sabine Weber) Barock-Voguing in Aachen? In exaltiert aufwendigen Kostümen wird Cavallis „Calisto“ zu einer besonderen Show, die dem Stück gekonnt auf den Zahn fühlt! weiterlesen