Alle Beiträge von Sabine Weber

„Au Monde!“ Daniel Zapico bearbeitet Prachtstücke aus Versailles für die Theorbe und versetzt den Hörer in profunde Schwingung

Klassikfavori wünscht allseits einen guten Start ins Neue! Hier mit einer Geschichte, die im letzten Jahr beginnt: Kurz vor Weihnachten schickt mir ein Kollege eine CD, die erst einmal liegen bleibt, die Ferien über auf dem Stapel wartet, dann im Neuen Jahr wie nebenbei in den Player wandert und bereits bei den ersten Tönen innehalten lässt. Horchen und Staunen ob der Klänge. Tief, profund, dennoch weich und französisch, bekannt und doch ganz anders. Hits aus der Zeit des französischen Stile Classique – ich gebe es gleich zu, meine Lieblingsepoche! – bearbeitet von dem asturischen Theorbisten Daniel Zapico für sein Instrument! (Von Sabine Weber) „Au Monde!“ Daniel Zapico bearbeitet Prachtstücke aus Versailles für die Theorbe und versetzt den Hörer in profunde Schwingung weiterlesen

Elektra von Dmitri Tscherniakov in Hamburg

Dezember, Weihnachtszeit!
Weihnachtsopern gehören in das Programm jeder bürgerlichen Oper. Und es wäre auch nicht so, dass an der Hamburgischen Staatsoper nicht eine „Hänsel und Gretel“ Premiere gefeiert hätte. Derzeit läuft in der Oper am Gänsemarkt allerdings auch ein Stück, das seinem Komponisten den Beinamen Bürgerschreck eingejagt hat. Richard Strauss „Elektra“ in der Regie von Dmitri Tscherniakov, der nicht gerade zimperlich ist und Opernhandlung gern in Gesellschaftsszenarien hinein implementiert, um diese dann zu sprengen. Unser Opernexperte Klaus Kalchschmid analysiert im Gespräch mit Sabine Weber im podcast favori. Die Oper der Woche auch ein ungwöhnliches Finale, das einem dieser grausigen schwedischen Krimi entnommen sein könnte. Elektra von Dmitri Tscherniakov in Hamburg weiterlesen

„Moving Picture“ – ein Gerhard Richter Bild malt sich im Film selbst zu live-Musik von Rebecca Saunders

„Moving Picture (946-3)“ liegt eine Idee von Gerhard Richter zugrunde, die er in seinem Buch „Patterns. Divided Mirrored Repeated“ 2011 entwickelt hat. Autorin und Filmemacherin Corinna Belz hat sie nach zehn Jahren Beschäftigung mit Richters Gedanken jetzt filmisch umgesetzt. Die Kölnerin begleitet den öffentlichkeitsscheuen, ebenfalls in Köln ansässigen Maler bereits über Jahrzehnte. „Moving Picture“ ist nach „Das Kölner Domfenster“ (2007), der den World Media Gold Award gewann und nach „Gerhard Richter Painting“ von 2011, mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet, ihr dritter Film über Richter. Belz hat bei der filmischen Umsetzung auch mit Richter zusammengearbeitet. Richter skizziert die mathematischen Prinzipien, die als Möglichkeiten einer filmischen Umsetzung Bildsequenzen erzeugen sollen und schlägt auch eines seiner Bilder (946-3) als filmische Grundlage vor. Aus dem Scan des Bildes entwickelt die Regisseurin das strenge Verfahren von Teilung, Spiegelung und Wiederholung und durch die Zerlegung in Einzelbilder im filmischen Prozess eine verblüffende Vielfalt an Formen und Farben. Die haben wiederum Komponistin Rebecca Saunders zu einer Soundscape inspiriert, zu der Trompeter Marco Blaauw mit experimentellen Klängen live performed. Ursprünglich als Welturaufführung für den Kölner Romanischen Sommer 2020 geplant, hat das multimediale Gesamtkunstwerk am 11. Dezember im Filmforum seine NRW-Premiere gefeiert. (Von Sabine Weber) „Moving Picture“ – ein Gerhard Richter Bild malt sich im Film selbst zu live-Musik von Rebecca Saunders weiterlesen

Das reinrassige Ei! Braunfels „Die Vögel“ und Traumata der beiden Weltkriege kongenial verschränkt und schlüssig erzählt von Nadja Loschky

Wie aktuell die Dramen beziehungsweise Komödien aus dem antiken Athen sein können, erleben wir immer wieder. Aristophanes‘ Komödie „Die Vögel“ (414 v. Chr.), von Walter Braunfels auf ein selbst verfasstes Libretto 1920 zu einem lyrisch-phantastischen Musikspiel in zwei Aufzügen verwandelt, war bei seiner Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper auch ein großer Erfolg. Die anlässlich des 100. Geburtstages des Werks im letzten Jahr am Uraufführungsort München von Frank Castorf besorgte Inszenierung weniger. Geriet sie doch sehr trashig bis lieblos, trotz großartigem Sängeraufgebot und im Orchester gelungener Ausführung. Regisseurin Nadja Loschky zeigt jetzt in Köln, wie brisant und politisch Braunfels‘ „Vögel“ gedeutet werden können und dass eine schlüssige Erzählung die Anspielung auf Hitchcocks „Die Vögel“ (wie bei Castorf) nicht braucht. Dabei wird auch nicht die Poesie und das Märchenhafte dieser Fabel vergessen, in allen Bildern unterstützt von fantasievollen Kostümen der Kostümbildnerin Irina Spreckelmeyer. (Von Sabine Weber)
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Lyrisch, dramatisch, bezaubernd! Solen Mainguené wird als Manon in Freiburg bejubelt!

Elsa Dreisig war zuletzt die Manon-Entdeckung in Hamburg. Solen Mainguené dürfte ihr in der Manon-Oper Jules Massenets in Freiburg jetzt den Rang ablaufen. (Im Titelbild mit Joshua Kohl – Des Grieux – in Feierlaune. Foto: Paul Leclaire) Nicht nur ist sie äußerst attraktiv und erfüllt von unschuldig bis charmant-verführerisch bis zuletzt den aus Männersicht unwiderstehlichen französischen Frauentyp, wie eine Mischung Emmanuelle Seigneur, Sophie Morceau, Catherin Deneuve. Schauspielerisch umwerfend, aber auch stimmlich, als Französin perfekt im Sprech-Timbre liefert sie berührende Momente. Joshua Kohl als Des Grieux, vom Vater aus der wilden Beziehung in Paris entführt, kann ihr selbst im Schutz der Kirche und in Priestersoutane nur kurz Widerstand leisten. Mainguenés subtil gestaltete pianissimo-Passagen in ihrer Verführungsarie „Ist’s nicht meine Hand“, 3. Akt, lassen es sogar im Zuschauerraum knistern. Das Philharmonische Orchester des Theaters Freiburg unter der Stabführung des ersten Kapellmeisters am Haus, Ektoras Tartanis, geht mit dem französischen Klang exquisit um. (Von Sabine Weber) Lyrisch, dramatisch, bezaubernd! Solen Mainguené wird als Manon in Freiburg bejubelt! weiterlesen

Zwei merowingische Königinnen in Blutfehde. Guiraud/Saint-Saëns/Dukas‘ „Frédégonde“ mit großartiger Stummfilm-Regie!

Das Finale fährt dermaßen unter die Haut, dass die Haare zu Berge stehen! Das hat man in Brüssel letztlich ja so vermisst. Das Publikum sitzt in der Dortmunder Oper in den Logen hinten und starrt gebannt auf die Filmleinwand, wo sich auf einem gigantischen Schachbrett das Drama final zuspitzt! Kronprinz Merowig hat sich in die besiegte Gegenkönigin Brunichild, die er bewachen sollte, verliebt, sie auch noch geheiratet. Die amtierende Königin Frédégonde rast und schickt den ihr hörigen König Hilperic vor, ihn vorzuführen. Der Prinz liefert sich aus Sohnesliebe  dem Vater aus. In diesen merowingischen Zeiten keine gute Idee. Und da liegt er schon gedemütigt und verurteilt auf dem Boden. Die Ex-Gegenkönigin schreit um Gnade, die Hofleute schreien um Gnade. Der Chor, der bisher immer zum Publikum hin gesungen hat, hat sich umgedreht und schreit um Gnade. Das Orchester dreht auf. Da rammt sich der hilflose Prinz selbst ins Messer von Frédégonde. Schockstarre. Was hat dieses „merwongische Damengambit“ nur so dermaßen zugespitzt, das einem Hören und Sehen vergeht? (Von Sabine Weber) Zwei merowingische Königinnen in Blutfehde. Guiraud/Saint-Saëns/Dukas‘ „Frédégonde“ mit großartiger Stummfilm-Regie! weiterlesen

Wagners „Rheingold“ historisch informiert gesprochen, gesungen, gespielt…

In Berlin dampft gerade der Ring von Stefan Herheim. Da kommt in Köln ein ganz anderes Ringprojekt zum Tragen. Concerto Köln unter Kent Nagano präsentiert „Das Rheingold“ historisch informiert. Unter dem Motto „Wagner-Lesarten“ werden seit einigen Jahren neue Herangehensweisen an die Partitur erforscht. Ich erinnere mich noch gut an den ersten historisch informierten Holländer mit der Capella Coloniensis unter Bruno Weil. Jetzt also der Ring im historisch informierten Neuklang, dem Symposien und Workshops vorausgingen. Vier Wagner-Oboen wurden neu gebaut, die Wagnertuben kennt man ja. Hier sind sie allerdings auch neu gebaut worden wegen des Stimmtons 453 hz. Ritterbratschen sind wohl out, weil die riesigen, von Wagner präferierten Bratschen wohl unspielbar bleiben. Dafür wurden besondere Sing- und Sprechgewohnheiten erprobt, die Wagners Diva Wilhelmine Schröder-Devrient zur Begeisterung von Wagner entwickelt und geprägt haben soll. Und sogar eine rekonstruierte Pädagogik der Sprachbewältigung und Erlernung der Partitur, von Wagner autorisiert, sei hier zum Zug gekommen. Gestern war die Probe aufs Exempel. Und einiges Unerhörte war in den zweieinhalb Stunden ohne Pause tatsächlich zu bemerken. (Von Sabine Weber)

Ein ntr-Mitschnitt der Zaterdagmatinee aus Amsterdam inklusive eines Interviews mit Kent Naganos ist derzeit online nachzuhören!!!

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Ein Tierbändiger und dressierte Ballerinas. In Brüssel treibt Lulu-Hannigan die Jungfrau-Aktie in den Keller und wird gefeiert!

Und heute geht es in die letzte Runde der Wiederaufnahme-Produktion von Alban Bergs „Lulu“ nach Texten von Frank Wedekind. (Dernière 18. November 2021) Krzysztof Warlikowski hat seine Regie von 2012 (seit 2014 auf DVD) völlig auf die Ausnahmekünstlerin Barbara Hannigan zugeschnitten. Und Lulu-Hannigan zeigt, was sie zu bieten hat: viel Haut, einen perfekten Body und maximalen sportlich-körperlichen Einsatz, um dem männlichen Personal Schaden zuzufügen. Dabei meistert sie die irre-schwere Partie (Spitzentöne, Koloraturen, Sprechgesang) über drei Stunden scheinbar mühelos (vollendete dreiaktige Cerha-Fassung, uraufgeführt 1979 an der Pariser Opéra Garnier). Bo Skovhus als Dr. Schön wie man ihn kennt und liebt – auch zu großem menschlichem Ausdruck fähig – ist ein perfekter Gegenspieler und zuletzt als Jack The Ripper auch ihr Schicksal. Das Orchestre Symphonique de la Monnaie spielt unter Alain Altinoglu – immer lautstarker Jubel, wenn er im Graben erscheint – wie auf Bergs Klänge abonniert und hat sämtliche bei der Premiere monierten Probleme ausgeräumt! (Von Sabine Weber) Ein Tierbändiger und dressierte Ballerinas. In Brüssel treibt Lulu-Hannigan die Jungfrau-Aktie in den Keller und wird gefeiert! weiterlesen

Sagt wer nein zur Feierei? Die Oper Frankfurt feiert Karneval mit Carl Nielsens „Maskerade“! Köln könnte neidisch werden…

Freilich mit 3 G Regel. Mit Carl Nielsens komischer Oper „Maskarade“ (dänisch) in der Regie von Tobias Kratzer darf Frankfurt eine Repertoire-Entdeckung verbuchen! Nielsen und sein Librettist Vilhelm Andersen haben ein kongeniales Plädoyer für Ausgelassenheit und Feierfreude hingelegt. Für die Jugend gegen konservative Altersmissmut. Andersen, ein damals anerkannter Literaturwissenschaftler und Lehrstuhlinhaber, hat nebenbei gern seine Schauspielbegabung im studentischen Amateurtheater eingebracht. Und war wohl prädestiniert, die von Ludvig Holberg in seinem Schauspiel vorgelegten Begegnungen à la Molière – Auseinandersetzungen und Streitgespräche zwischen Sohn, Vater, Mutter, zweier Hausangestellter und einem Geschäftsfreund – zu einem hintersinnig-witzigen Spiel zu machen, das von Wortkaskaden bestimmt wird. Sagt wer nein zur Feierei? Die Oper Frankfurt feiert Karneval mit Carl Nielsens „Maskerade“! Köln könnte neidisch werden… weiterlesen

Liebeslyrik als Verrat gegen sich und das Gegenüber: „L‘amour de loin“ von Kaija Saariaho treibt den mittelalterlichen Troubadour Jaufré in den Tod

Wieviel an der Legende vom okzitanischen Troubadour Jaufré Rudel historisch ist, trägt zur Handlung von Kaija Saariahos „L‘amour de loin“ nicht wirklich bei. Verdient dennoch Erwähnung. Denn historisch verbürgt ist, dass Jaufré sich 1147 dem zweiten Kreuzzug anschließt, für den Bernhard von Clairvaux und Hildegard von Bingen in Köln predigen und werben! Jaufré kommt nicht bis zum Heiligen Grab, sondern nur bis Tripolis und stirbt – die Legende beginnt – in den Armen einer französischen Gräfin, die dort auf der Zitadelle sitzt, einer Stellung der Kreuzfahrer . In seinem Werk „La fleur inverse“ über die Kunst der Troubadoure (1994) nährt Jacques Roubauds in einer zusammen getragenen „Vida“ des Troubadours einen Verdacht. Die Gräfin Clémence von Toulouse sei von vornherein das einzige Ziel Jaufrés gewesen. Denn Pilger hätten ihm von ihrer Schönheit derart vorgeschwärmt, dass Jaufré sie als unerreichbare Geliebte zunächst aus der Ferne bedichtet, besingt, sie aber dann leiblich sehen will. Roubaud wird als Librettist angefragt. Das vollendet dann der libanesische Autor Amin Maalouf, Librettist weiterer Opern Saariahos. 2000 wird „L‘amour de loin“ bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Und ist ein tödliches Unterfangen mit Projektionen im Liebesspiel zwischen Mann und Frau geworden. Der Kreuzzug spielt keine Rolle, dafür psychoanalytische Untertöne. Auch in der Regie von Johannes Erath. (Von Sabine Weber) Liebeslyrik als Verrat gegen sich und das Gegenüber: „L‘amour de loin“ von Kaija Saariaho treibt den mittelalterlichen Troubadour Jaufré in den Tod weiterlesen