Alle Beiträge von Sabine Weber

Verbrecherische Geheimnisse und betörende Madrigalklänge. Thomas Larchers erste Oper ist auf DVD nachzuhören!

1949 hat Yasushi Inoue ein Drama über Fremd- und Hintergehen, Geheimniskrämerei und Einsamkeit in der Novelle “Das Jagdgewehr “1949 veröffentlicht. 60 Jahre später hat der Schweizer Komponist Thomas Larcher die Novelle vertont. Bei den Bregenzer Festspielen wurde sie uraufgeführt. Jetzt ist sie auf DVD nachzuerleben. Es geht um einen Mann, der seine Frau Midori mit deren Cousine Saiko unmittelbar nach der Hochzeit betrügt. Saiko schwört, sich umzubringen, sobald Midori von diesem „Verbrechen“ erführe. Midori weiß von Anfang an von diesem Verhältnis, schweigt aber. Als Saiko tödlich erkrankt, offenbart Midori ihr Wissen. Saiko hat auch vor ihrer Tochter Shoko geschwiegen. Shoko erfährt durch ein Tagebuch von dem Verhältnis ihrer Mutter zum Onkel. Das Schweigen ist Drama! Das Geheimnis lüften drei Briefe, die die drei Frauen unabhängig von einander an den Mann, Geliebten und Onkel Josuke Misugi schreiben. Der übermittelt sie an einen Poeten, der ihn einsam mit Gewehr durch den Schnee hat stapfen sehen und darüber ein Gedicht verfasst hat, in dem sich der einsame Jäger wiedererkennt und ihn kontaktiert. Daraus hat Friederike Gösweiner ein Libretto verfasst, hat die Briefe zu Parallelhandlungen verstrickt, die Thomas Larcher zu einer eiskalten aber das Herz quetschende Kammeroper vertont hat. Jetzt ist sie auf DVD nachzuerleben. (Von Sabine Weber)
DAs Jagdgewehr von Thomas Larcher ist jetzt auf DVD nachzuerleben. Sie wurde bei ihrer Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen aufgenommen Verbrecherische Geheimnisse und betörende Madrigalklänge. Thomas Larchers erste Oper ist auf DVD nachzuhören! weiterlesen

Leidenschaftlich und persönlich: der französische Sinfoniker Albéric Magnard!

Albéric Magnard war Zeitgenosse Claude Debussys und eine noch randständigere französische Komponistenpersönlichkeit als Albert Roussel. Dirigent Fabrice Bollon und das Philharmonische Orchester Freiburg machen sich derzeit beim Label Naxos in Koproduktion mit dem SWR zu dessen musikalischen Anwälten. Nach seinen vier Sinfonien kehren sie mit ihrer dritten CD und Magnards Konzertouvertüre op 10, seinen Hymnen op. 14 und op. 17, und einer Suite d’orchestre dans le style ancien op. 2 sogar zu seinen sinfonischen Anfängen zurück. (Von Sabine Weber)
Leidenschaftlich und persönlich: der französische Sinfoniker Albéric Magnard! weiterlesen

Viel “hohes c” mit Samuel Mariño

Wenn ein Sopranist am Opernhimmel erscheint sind spektakuläre Töne angesagt! Samuel Mariño ist Venezolaner, 26 Jahre alt und ist mit hohem c sehr großzügig. Jendenfalls auf seiner Debüt-CD beim Label Orfeo in Koproduktion mit dem Deutschlandfunk und den internationalen Gluck-Festspielen mit Arien von Händel und Gluck. Seine musikalischen Partner sind das Händelfestspielorchester Halle unter Michael Hofstetter. (Von Sabine Weber)

Viel “hohes c” mit Samuel Mariño weiterlesen

Beethrifft 2020: Was uns zu denken gibt!

 

Beethoven-Logo des Bärenreiterverlags. Der hat einen interessanten Trailer auf seiner Netzseite veröffentlicht.

(3. Mai 2020) Natürlich vergessen wir Beethovens 250. Geburtstag nicht! Trotz Corona-allmächtig-allüberall. Zufällig stolpere ich über einen kleinen Trailer, der vorführt, wie wir in diesen Zeiten von der Arbeit der Notenentzifferer, der Urtextforscher, der Verlage, die “spreaden”, nicht zuletzt von verständigen Interpreten, die davon infiziert neu ansetzen, lernen können. Lassen wir dahingestellt, dass, auf Beethoven bezogen, natürlich auch ein großer Musikverlag meint, nur mit Mondschein- und Neunteklängen Werbung machen zu können. Immerhin hört man in diesem Trailer auch den mittleren Satz der cis-moll Sonate op. 27 Nr. 2, zu dem meine Klavierprofessorin mal meinte, „das sei das unterschätzte Alpenblümchen zwischen den (Berg-)Gipfeln (1. und 3. Satz). Immerhin gibt es auch kurz Streichquartett. Und wie Jonathan del Mar, Beethovenforscher und Herausgeber einer neuen Urtext-Edition, in Beethovens Rasumowsky-Quartett einem angeblich falschen Ton Recht verschafft, ist bemerkenswert… Oder einem scheinbar wiederkehrenden Rhythmus-Modell eine ‘Andersartigkeit’ einfordert. Auch Beethoven wird im Detail gern überhört wenns anders einfacher geht! Das gibt in heutigen Zeiten zu denken. Es ist meist komplexer, als Vordergrundermittler es für die schnelle Formatierung gern hätten. Seien wir um die dankbar, die im Hintergrund die gründliche Arbeit auch gegen Widerstand nicht scheuen, Fragen aufwerfen und kritisch bleiben. Hier zum Trailer.

Siehe auch weitere Beethrifft 2020-Beiträge auf Klassikfavori: Beethrifft 2020-Oper Bonn; Beethrifft 2020 Gürzenich-Orchester. U.a.

Gaspare Spontinis “Die Eroberung von Mexiko” auf DVD beim Label Dynamic

Das italienische Label Dynamic darf sich die Weltpremiereneinspielung von „Die Eroberung von Mexiko“ auf die Fahnen schreiben. Jedenfalls die der Urfassung dieser Historien-Oper mit mehr als drei Stunden Musik. Bei der Uraufführung im Pariser Théâtre de l‘Academie Impériale 1809 ist Kaiser Napoleon I. dabei. Er hat „Die Eroberung von Mexiko“ und den Konquistadoren Fernand Cortez als Titelhelden bei Gaspare Spontini auch bestellt. Der laufende Feldzug gegen Spanien sollte eine ideologisch-musikalische Überhöhung bekommen. Cortez hatte seinen geostrategischen Krieg um Gold als katholische Mission gegen Menschenopfernde Atzteken verbrämt. Der Europa-Erschütterer Napoleon will sich als Befreier der Spanier von der blutrünstigen katholischen Inquisition ins Licht setzen. Der spanische Feldzug endet allerdings im Desaster. Die Oper wird nach zwanzig Aufführungen abgesetzt. Um aufführungswürdig zu bleiben, verändert Spontini. Und was für eine Volte in der Aufführungsgeschichte! Die Cortez-Oper gelangt in einer vierten Fassung nach Berlin, diesmal zurechtgestutzt für eine neue Weltordnung. Friedrich Wilhelm III. lässt „Die Eroberung von Mexiko“ aufführen, um den Sieg über Napoleon zu feiern! Ein kurioser Bedeutungswandel! Und die Oper bleibt auf Siegerseite! Das Opernfestival Maggio Musicale in Florenz ist letztes Jahr anlässlich 500 Jahre Eroberung Mexikos zu ihren Anfängen zurück gesprungen. Das Manuskript der Urfassung dieser Spektakel-Oper mit großen Massenszenen ist neu gesichtet worden. Das Label Dynamic hat aufgezeichnet. Nachzuerleben ist, dass bei der Aufführung im Teatro Maggio Musicale Fiorentino im Oktober 2019 nicht an Aufwand gespart worden ist. Die Regie von Cecilia Ligorio zeigt sich allerdings der Wucht des Stoffes nicht gewachsen. (Von Sabine Weber)

Spontinis Cortez-Oper auf DVD. Die Weltersteinspielung mit Dario Schmunck in der Titelrolle ist beim Maggio Musicale fiorentino entstanden

Gaspare Spontinis “Die Eroberung von Mexiko” auf DVD beim Label Dynamic weiterlesen

Zum Jahrestag der Katastrophe in Notre-Dame am 15. April

Mit Kerzenlicht in der Hand sitzen die Domchöre von Notre-Dame im Hochaltar. Ein Jahr nach der Notre-Dame-Katastrophe ist die Kathedrale immer noch eine ungesicherte Baustelle
Die Chöre der Maîtrise Notre-Dame de Paris im Chorraum. Foto P. Lemaître

(15. April 2020) Zum Jahrestag der Notre-Dame-Katastrophe ist die Frage berechtigt: Wann werden die Chöre der Maîtrise Notre-Dame de Paris wohl wieder in ihrer Bischofskirche eine Messe oder eine Vesper singen? “In fünf Jahren sei die Kathedrale wieder aufgebaut”, hat der französische Präsident unmittelbar nach der Brandkatastrophe am 15. April 2019 markig verkündet. Ein Jahr später ist man immer noch mit der Schadenssichtung beschäftigt. Von Wiederaufbau und Restaurierung noch keine Spur.  Zum Jahrestag der Katastrophe in Notre-Dame am 15. April weiterlesen

Beethrifft 2020! Otto Klemperer hat Erklärungen für Beethoven-Stille, die nichts mit Corona zu tun hat!

Otto Klemperer gehörte zu den charismatischen Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Prag, Hamburg, Straßburg sind seine Stationen. Seit 1917 Kapellmeister an der Köln Oper wird er 1923 dort auch Generalmusikdirektor. Er verschafft dem Opernhaus und sich selbst ein großes Renommee und wird wohl nicht von ungefähr als “Kl’Empereur” apostrophiert. Er soll autoritäre Züge an den Tag gelegt haben. Klemperer hat auch komponiert, unter anderem sechs Sinfonien. In Thomas Manns Roman Doktor Faustus von 1947 dirgiert er die Uraufführung von Leverkühns “Opus Apocalipsis cum Figuris”. Klemperer soll sich dazu geäßert haben: „Ein sehr gutes Werk, ich bin drin!” Klemperers  Meinung galt. Auch zu Beethoven anlässlich einer Interview-Umfrage 1927:

“Was kann man über Beethoven sagen, außer, dass er ein Genie war und dass ich hoffe, eines Tages, falls ich lang genug lebe, fähig zu sein, seine Musik so zu spielen, wie sie gespielt werden sollte? Ich glaube nicht, dass Beethoven auf die heutigen Komponisten irgend einen Einfluss ausübt. Er war ein Romantiker, war subjektiv. Sie sind objektiv. Sie kehren zu Bach zurück. Wenn Sie mich fragten, wie man den 100. Todestag Beethovens am besten beginge, würde ich Ihnen antworten: seine Musik ein Jahr lang nicht aufzuführen. Sie wird zu viel gespielt!”

Gefragt wurde er auch anlässlich des Beethovenjahrs 1970 vom Südwestfunk Baden-Baden: “Warum spielen wir heute noch Beethoven?” Otto Klemperer: “Ich habe sehr viel über Ihre Frage nachgedacht. Beim allerbesten Willen – ich weiß kein Antwort. Soll ich etwa sagen “wegen der einmaligen Musik”? Das weiß ja jeder. Oder “wegen der sichern Kasse-Einnahme”? Auch das ist höchst evident! Mit anderen Worten, ich weiß wirklich keine Antwort und muss es deshalb mit Bedauern ablehenen, an Ihrer Rundfrage teilzunehmen”.
Beide Zitate sind nachzulesen in Otto Klemperer. Anwalt guter Musik. Henschel Verlag Berlin 1993

Ein hyperintensives Soloprogramm mit der Geigerin Liv Migdal, Glanzmomente der französischen Oper im 18. Jahrhundert singt Chantal Santon und New York hat beim Jaro-Label den Blues!


Solistisches Violin-Repertoire ist hyperintensiv. Schon die Suggestion von Mehrstimmigkeit bei nacheinander gespielten Tönen, die sich im Ohr zu Melodien fügen, hat etwas Magisches. Akkordisches Spiel auf mehreren Saiten hebt die Limits der vier Saiten dieses Melodieinstruments auf. Ein “Trompe l‘oreille”, bei der die Hörer, so sie sich drauf einlassen, unwillkürlich mitwirken. Für die Solistin ist das Herausforderung pur. Die Anfang Dreißigjährige Liv Migdal aus Herne hat darauf eine souveräne Antwort. Direkt zur Rezension

Französische Barockopern sind Ausstattungsoper und auch heute Herausforderung für Regie- und Kostümfach nebst dem Bühnenbau. Das ist mit der letzten Rameau-Produktion “Les indes galantes” der Pariser Oper im hauseigenen live-streaming-Angebot derzeit noch zu erleben. Die Zeitumstände schaffen neue Angebote. Für die nach heutigem Verständnis oft magere Handlung gibt es Orchestermusik vom Feinsten. Und mit Grandezza. Es rumpelt schauerlich im Tumult und pfeift in den höchsten lieblichen Tönen. Ein Gewitter muss immer sein. Ebenso sind elegante, pfiffige und kollektive Tanzeinlagen ein „muss“! Ein Riesenchor ist gefragt bei Angst und Schrecken. Eifersucht und Wut sind zelebrierte Gefühlszustände. Herzergreifende Liebesbezeugungen in den Airs tendres aber das i-Tüpfelchen! Das ist alles auf der neuen Einspielung von Chantal Santon Jeffery, begleitet vom Purcell Choir und dem Orfeo Orchestra unter György Vashegyi auch zu hören. Direkt zur Rezension

Ein Abend in New York? Vielleicht jetzt besser nicht! Diese Stadt steht unter Schockstarre. Sie gilt aktuell als das Epizentrum der Corona-Pandemie in den USA, derzeit sogar weltweit, wie ich gerade lesen musste. Da kommt die CD An evening in New York mit ihrem leicht melancholischen Sound gerade recht. Eine Stadt, einsam wie in „I am Blue“, der sanft swingt. Mitsamt gezupftem Banjo-Solo! (Von Sabine Weber)
Direkt zur Rezension

Ein hyperintensives Soloprogramm mit der Geigerin Liv Migdal, Glanzmomente der französischen Oper im 18. Jahrhundert singt Chantal Santon und New York hat beim Jaro-Label den Blues! weiterlesen