Archiv der Kategorie: Uraufführung

Dijon präsentiert eine neue Kafka-Oper, für die Brice Pauset detailreiche Hörassoziationen erfindet

Kafkas Gedankenwelt sei antidramatisch, hat Hans Heinz Stuckenschmidt einmal behauptet. Dennoch haben Komponisten Kafka-Werke auf die Opernbühne gebracht. Gottfried von Einem Kafkas Roman „Der Prozess“ 1953. Hans Werner Henze hat die Erzählung „Ein Landarzt“ 1951 zu einer Rundfunkoper verarbeitet und 1996 revidiert. Gunter Schuller hat 1966 „Die Heimsuchung“ zu einer Jazz-Oper in den Südstaaten weiterentwickelt, Roman Haubenstock-Ramati im gleichen Jahr „Amerika“ durch eine den Interpreten Raum gebende graphische Notation. „La porta delle legge/ Vor dem Gesetz“ hat Salvatore Sciarrino 2009 aufgegriffen. Philip Glass hat zweimal Kafka mit minimalistischen Musikklängen erfasst: „In the Penal Colony/ In der Strafkolonie“ 2000 und „Der Prozess“ 2015. Was treibt sie an, die surrealen Szenarien mit schuldlos Schuldigen, Ausgestoßenen, Abgewiesenen, Ausgelieferten und mit kalter Grausamkeit und Sadismus konfrontierten Söhnen, jedenfalls sind es zumeist Männer um die es geht, Stimmen zu geben und Bühnenräume zu öffnen? Für den französischen Komponisten Brice Pauset ist es die prophetische Kraft hinter den zumeist auch noch beklemmend kalt und nüchtern erzählten Begebenheiten. Die drei Erzählungen, die er jetzt aktuell für die Oper Dijon zu einer dreiaktigen Oper gefügt hat, verhandeln seiner Meinung nach brennend aktuelle Themen. In „Das Urteil“ den Generationenkonflikt, die ältere Generation beharrt auch um den Preis, dass sie die Kinder opfert, in „Die Verwandlung“ geht es darum, was passiert, wenn ein Familienmitglied nicht mehr der Norm entspricht, der Sohn wird ja zum Käfer und erlebt, wie ihm die Menschlichkeit abgesprochen wird. „In der Strafkolonie“ geht es um eine sadistische Tötungsmaschine, von der ein Offizier seine Daseinsberechtigung ableitet. Diese Erzählungen hat Kafka zwischen 1912 und 1915 verfasst. Er wollte sie als Trilogie oder Erzählband unter dem Titel „Strafen“ zusammen veröffentlichen. Strafen – Les châtiments – hat Brice Pauset jetzt seine Oper überschrieben, und verwirklicht das Vorhaben nach mehr als 100 Jahren. Am 12. Februar war die Uraufführung. (Von Sabine Weber) Dijon präsentiert eine neue Kafka-Oper, für die Brice Pauset detailreiche Hörassoziationen erfindet weiterlesen

Beethrifft 2020. Beethoven ein Alptraum? Igudesman & Joo nähern sich am Oslofjord dem Titanen mit Humor

(Igudesman & Joo. Foto: Julia Wesely) Sind die riesigen Schatten, die das Beethovenjahr schon im letzten Jahr vorausgeworfen hat im eigentlichen Beethovenjahr bereits im Januar ein Alptraum geworden? Ein Beethoven-Alptraum, weil das medial gigantisch angerollte Beethovenjahr uns mit Beethovens Musik alptraumartig verfolgt? Und ist unser Umgang mit seiner Musik, sind unsere Beethoven-Hörgewohnheiten nicht schon längst ein Alptraum? Darüber sind, man glaubt es sofort, bereits Bücher geschrieben worden! Seine Klaviersonate Nummer 14 in cis-moll, bekannt unter Mondscheinsonate, war jedenfalls schon zu Lebzeiten so populär, dass Beethoven verzweifelt ausrief, dass er doch viel besseres komponiert hätte! Aber noch etwas anderes pointieren der Geiger Aleksey Igudesman und Hyung-ki Joo, Pianist, zusammen das Duo Igudesman & Joo. In dem vom Oslo Philharmonic bestellten und für das Orchester konzipierten Humor-beladenen Beethoven-Programm ist „Beethoven‘s Nightmare“ das Titel-gebende Stück dieser Show. Und da geht es um die Taubheit des Meisters. Am 8./ 9. und 10. Januar ist „Beethoven‘s Nightmare“ im Osloer Konzerthaus aus der Taufe gehoben worden. (Von Sabine Weber)

Blick auf den Eingang des Osloer Konzerthauses. Foto: Sabine Weber

(8. Januar 2020, Oslo Konsertus) Und natürlich spielt auch die Neunte eine Rolle. Und es darf und soll gelacht werden! Das Duo Igudesman & Joo inszeniert eine Sekundenreise durch Beethovens Sinfonik mit vielen Gedankenstrichen! Die Schläge von Beethovens Fünfter werden mit Ha-Ha-Ha-Hahhh zu einem Lacher. Und der Anfang der Schicksalssymphonie später zu einem Lach-Chor, der in Beethovens Alptraum, dem Titel-gebenden Stück des Abends, das Publikum im ausverkauften Osloer Konzerthaus für einen Moment sogar ziemlich irritiert! Hyung-ki Joo, der das Oslo Philharmonic Orchestra dirigiert, dreht sich zum Publikum um und reißt den Mund bei jedem “Ha” wie beim Schrei von Edvard Munch auf. Ebenso die Musiker des Oslo Philharmonic, die den Chor geben. Bittere Lacher? Es geht in diesem Moment ja auch um den Hörsturz Beethovens. Auf die „quasi una fantasia“-Dreiklangsbrechungen der Mondscheinsonate – von einer Harfe gespielt – wird das Heiligenstädter Testament – gelesen vom österreichischen Schauspieler Cornelius Obonya – vom Band zugespielt. Wobei die Sprache zunehmend nah und fern rückt, dumpf wird, bis sie verzerrt. Und ausgerechnet die Schönklänge der Mondscheinsonate werden kakophonisch gestört, mutieren zu einem Geräuschband, worauf sich immer wieder ein bohrender Tinnitus-Ton legt. Beim Hören glaubt man wirklich, einen Gehörsturz zu erleben. Und es hätte in dieser eindrücklichen Szene Aleksey Igudesmanns als Mimen gar nicht gebraucht, der sich mit Beethovenperrücke und Schreibfeder an einen Tisch setzt und zu kratzenden Schreibgeräuschen ein etwas lächerliches Bild abgibt. Anschließend übernimmt er allerdings das Dirigat. Denn Hyung-ki Joo setzt sich an den Flügel und wirft sich in den ziemlich virtuosen Klavierpart des letzten Satzes dieser Sonate. Der Alptraum hat zwei Teile. Angefeuert wird er jetzt von der Solo-Schlagzeugerin des Abends, Lucy Landymore, die eigens für dieses Programm engagiert wurde.
Dieses Stück bringt eine nachdenklich bittere Note ins Programm, das sich die meiste Zeit aber in einer herzerfrischenden Komik-Komfortzone tummelt. „Comedy-like“ und auch clownesk moderiert von Igudesman und Joo im Wechsel. Sie jonglieren mit Wortbedeutungen, „For Elise“ – „For a Lease“ – „A little Bit Hoven“, wobei die Witze nicht immer gleich gut sind, aber dem nicht so kundigen Klassikpublikum offensichtlich einladende Brücken bauen. Worauf die für das Oslo Philharmonic arrangierte und komponierte Musik dann sofort zündet. Und die fordert durchaus den Musikkenner heraus ohne den Laien abzuhängen! Aber es macht Spaß, Bekanntes herauszuhören. Etwa Motive aus Beethovens frühen Klaviersonaten, das Kopfmotiv der Opus 2, Nr. 1 beispielsweise, oder aus späten Sinfonien, wie etwa dem Thema des Zweiten Satzes von Beethovens 7. Sinfonie. Sie werden für ein Minimalmusik-Experiment übereinander geschichtet. Die Fünfte wird in einen swingenden „Take Fife“- Fünfer-Rhythmus zu einem Big-Band-Erlebnis. Und die 9. Sinfonie wird auf neun Sekunden reduziert. Das Duo Igudesman & Joo extrahiert, fokussiert, pointiert, und führt damit Hörgewohnheiten genüßlich ad absurdum. Die Mondscheinsonate war ja schon zu Beethovens Zeiten so populär, dass Beethoven darüber verzweifelte. Und wenn Beethoven wüsste, wie populär erst „Für Elise“ geworden ist! Dieses Klavier-Albumblatt nehmen die beiden nach besten Kräften auseinander, verarbeiten es zu eigenen Variationen, und noch in einem Zugaben-Stück gibt es eine Elise, zu der Elektronikbeatkünstler Dandario eine Spur hinzu konzipiert hat. Die Idee zu den Arrangements und ihre Ausarbeitung übernehmen die beiden in engem Passspiel immer selbst. Und sie lieben es, genreübergreifend zu kommunizieren. Jazz, Funk, Swing, Elektronik, Fusion und Improvisation. Alles ist dabei und gipfelt in den Joyful-Variations – nochmals die Neunte! Die „Schöne-Freude-Götterfunken-Melodie“ wird im Finale der Show Schlangenbeschwörung, Flamencosong, Samba-Rhythmus, Broadway Musical, Ta-ke-tina Raga-Rhythmus oder begleitet arabischen Mugham-Gesang. Mit von der Partie ist auch die norwegische Jazzsängerin Julie Dahle Aagård. Auch wenn wir in dieser Show nicht wirklich Neues über Beethoven erfahren, sie ist zum Beethovenjahr ein befreiend humoristischer Beitrag: „mal ganz anders“. Unterhaltend und durchaus mit Anspruch: Aleksey Igudesmann, gebürtiger Sankt Petersburger, die Schirmmütze ist sein Markenzeichen, greift immer wieder zur Geige. So, wie Hyung-Ki Joo, ein Brite südkoreanischer Abstammung, immer wieder am Klavier sitzt. An der Yehudi-Menuhin-Schule haben sie sich kennengelernt und zusammengeschlossen. Und sie sind nicht nur virtuos, sondern auch mit akrobatischem Einsatz dabei, hier, wenn beispielsweise Igudesman auf einem Minibogen Beethovenmotive zu wilden rhythmischen Patterns gewaltig laut steigert oder Joo die beiden Anfangstöne von „Für Elise“ unentwegt wiederholt und sich dabei unter den Flügel legt, gähnt, schläft und … weiter spielt. Und schlafend von unten auch noch nach den Anfangsakkorden von Erik Saties Gymnopédie greift und trifft! Eine kollektive Zirkusnummer ist – ausgehend von Beethovens Violinkonzert – ein Zappen durch weitere Violinkonzerte, wobei Joo zappt und Igudesmann und das Oslo Philharmonic Orchestra in Sekundenschnelle an eine betreffende Stelle springen und spielen. Mendelssohn d-moll, Bergs „Andenken an einen Engel“, Bachs a-moll, die kleine Nachtmusik und wieder Beethoven D-dur.

Das Oslo Philharmonic Orchestra. Foto: C.F. Wesenberg

Das Oslo Philharmonic, gerade hat es sein 100jähriges Bestehen gefeiert, hat offenkundig seinen Spaß, wenn man in die Gesichter der Musiker schaut. Das Publikum im ausverkauften Osloer Konzerthaus goutiert diese Show mit stehenden Ovationen. Also ein gelungener Auftakt für das große Beethovenfest, das in Oslo vom 5. bis zum 15. November stattfindet und auch in das wunderbare Opernhaus am Oslofjord einlädt. Eröffnet wird das norwegische Beethovenfest aber nicht mit dem Opernorchester, sondern mit dem Oslo Philharmonic – dann wieder ganz ernst – und Beethovens Missa Solemnis.

In Wien kein Beethrifft, sondern fantastische Ausstellungen und die Derniere der hybriden Grand Opéra “Orlando” von Olga Neuwirth

Foto: Sabine Weber

Ist es ein Sakrileg, nach Wien zu reisen und sich um Beethoven 250 aber auch gar nicht zu scheren? Hier wirft er seine Schatten selbstverständlich auch voraus. Das berühmte Beethoven-Portrait mit wild um den Kopf stehenden Haaren ist überdimensional auf Häuserfassaden plakatiert! Und haben nicht die Österreicher den deutschen Beethoven zu einem Österreicher gemacht? Dafür den österreichischen Hitler zu einem Deutschen! Von wegen blöde Redewendung. In Wien gibt es noch immer einen Dr.-Karl-Lueger-Platz, benannt nach dem Wiener Bürgermeister, der Hitlers antisemitische Rhetorik nachweislich vorformuliert hat – und auch die Endlösungs-Idee mitgeliefert hat. (Siehe klassikfavori Luegers Parlamentsrede vom Mai 1894 in Wien, zitiert bei der Ruhrtriennalen Produktion RT19 „Von den letzten Tagen…“) Und erst 2012 wurde der Dr- Karl-Lueger-Ring in Universitätsring umbenannt. Wäre Hitler im Bewusstsein der Österreicher ein Österreicher hätte sich Österreich bewegt und auch den Lueger-Platz längst umgewidmet! (Von Sabine Weber)

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Olga Neuwirths „Orlando“ feiert an der Staatsoper in Wien Uraufführung

Und für die erste abendfüllende Uraufführung einer Komponistin an der Wiener Staatsoper seit 150 Jahren werden alle Register gezogen. Olga Neuwirths Orlando nach Woolfs gleichnamigem Roman – in Wien verkörpert von Kate Linsley – kommt sogar im hier und jetzt an! (Von Klaus Kalchschmid)
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im Strudel der Hyperinflation 1923. die Oper “Wolf unter Wölfen” von Søren Nils Eichberg ist am Theater Koblenz uraufgeführt worden und sucht Parallelen zu Heute

Tobias Haaks (Wolfgang Pagel) und Marcel Hoffmann (Conferencier). Foto: Matthias Baus

Oper wendet sich offenbar wieder der großen, vor allem umfangreichen Literatur zu! Im April hat die Umsetzung von Jonathan Littells 1400seitigem Roman „Les bienveillantes“/ „Die Wohlgesinnten“, die Biografie eines fiktiven Wehrmachtsoldaten und minutiöse Beschreibung von Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg, in Antwerpen für Furore gesorgt. Nicht weniger opulent ist Hans Falladas Roman „Wolf unter Wölfen“ von 1937, der jetzt am Koblenzer Theater seine Uraufführung als Musiktheater erlebt hat. Er spielt im Hyperinflationsjahr 1923 und fokussiert Menschen quer durch alle Gesellschaftsschichten und Milieus, die versuchen, sich während der rasanten Geldentwertung über Wasser zu halten. Berlin und das Landgut Neulohe sind die Spielorte. Die Krise der Weimarer Republik offenbart Parallelen zur Heute. John von Düffel hat nicht von ungefähr während der Bankenkrise 2009 diesen Roman zu einem Schauspiel destilliert. Jetzt hat er die Vorlage noch einmal kondensiert, damit Søren Nils Eichberg sie im Auftrag des Koblenzer Theaters vertonen konnte. Bereits vor zwei Jahren ist Eichberg am Deutschen Eck als Opernkomponist gefeiert worden. Unter der Leitung von Karsten Huschke in der Regie von Waltraut Lehner, unterstützt von Bühnenbildner Ulrich Frommhold hat Eichbergs Science-Fiction-Oper „Glare“ die deutsche Erstaufführung erlebt. Und alle zeichnen für „Wolf unter Wölfen“ im Graben und auf der Bühne wieder verantwortlich! Die Uraufführung war am 23.11.2019 am Theater Koblenz. Welche Gedanken sich das Kreativ- und Produktionsteam über diese neue Oper gemacht hat und einiges über den Entstehungsprozess können Sie im folgenden Gespräch erfahren. im Strudel der Hyperinflation 1923. die Oper “Wolf unter Wölfen” von Søren Nils Eichberg ist am Theater Koblenz uraufgeführt worden und sucht Parallelen zu Heute weiterlesen

Diese Liebe lässt kalt! Die Uraufführung von Chaya Czernowins „Heart Chamber“ wirft Fragen auf!

Chaya Czernowin zählt zu den radikalen Avantgardekomponistinnen und zu den erfolgreichen, die aufgeführt werden. Ihre musikalische Sprache integriert elektronische Klänge ebenso wie Geräusche. Mit ihren Werken will die israelisch-amerikanische Komponistin zum Hinhören animieren, aber auch zum Nachdenken anregen. Seit 20 Jahren auch mit Musiktheater. In ihrer Erstlingsoper „Pnima… ins Innere“ hat sie, Tochter von Holocaust-Opfern, den Umgang mit Erinnerungen der Nachfolgegenerationen thematisiert. In „Adama“, als Einlegeoper für das Mozartopernfragment „Zaïde“ zum 250. Mozartjubiläum, die Unfähigkeit einer Israelin und eines Palästinensers, sich über kulturelle Gegensätze hinweg zu setzen. Infinite Now, ihr bisher größtes Opernwerk, ist in Koproduktion mit der Opera Vlaanderen und dem Nationaltheater in Mannheim entstanden. Es handelt von Kriegserfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg, überlagert von der surrealen Erzählung „Heimkehr“ einer chinesischen Autorin. Für ihr jüngstes Musiktheaterprojekt Heart Chamber hat sie sich einem abstrakten Sujet verpflichtet, nämlich der Erforschung der Liebe. Welche Ängste und Vorbehalte lösen reale Berührungsmomente aus, welche Reaktionsmuster rufen sie hervor? Doch die 90 Minuten lassen einen ratlos zurück. Denn wenn diese Beziehungsunfähigkeit Liebe sein soll, müsste die Menschheit bald aussterben! (Sabine Weber) Diese Liebe lässt kalt! Die Uraufführung von Chaya Czernowins „Heart Chamber“ wirft Fragen auf! weiterlesen

Die Uraufführung von Philippe Manourys Lab.Oratorium. Der Erlebnisbericht einer Choristin zwei Monate später!

Das war sicherlich ein Höhepunkt dieser Konzertsaison. Im Mai hat Philippe Manoury seine dem Gürzenich-Orchester und der Kölner Philharmonie gewidmete Trilogie mit dem Lab.Oratorium für Stimmen, Orchester und Live-Elektronik vollendet und das aktuelle Thema Flucht und Drama im Mittelmeer in einem grenzüberschreitenden Projekt umgesetzt. Unter der Leitung von François Xavier Roth wurde das Publikum umringt und durchflutet von Klängen und Akteuren, zu denen Amateure gehören sollten und gehört haben. Eine Sängerin aus dem Lab.Chor ist noch mehr als einen Monat später voller Eindrücke. Wir sitzen in einer Bar. Die Partitur des Lab.Chores liegt auf dem Tisch, mit Unterschriften von François Xavier Roth und Philippe Manoury. Ziemlich unleserlich! Aber Elisabeth Fétizon wollte sie sich unbedingt signieren lassen. Sie ist Französin, lebt seit 35 Jahren in Köln und hat im Amateurchor der Kölner Uraufführung mitgemacht. Die Erinnerungen sprudeln aus ihr heraus, sodass ich mit dem Schreiben kaum nachkomme. Zufälligerweise war sie auch in Paris, als das Werk seine französische Erstaufführung erfuhr, und konnte im Publikum noch einmal eine völlig neue Perspektive erleben. Hier die Stationen einmaliger Erlebnisse in einer ganz persönlichen Nachlese von Elisabeth Fétizon. Die Uraufführung von Philippe Manourys Lab.Oratorium. Der Erlebnisbericht einer Choristin zwei Monate später! weiterlesen

Die Deutsche Oper Berlin feiert den 200. Geburtstag von Theodor Fontane mit einer neuen Fontane-Oper. Am 28. April war Premiere von Detlev Glanerts „Oceane“! Und es war ein Fest, wie der Komponist am Tag danach in einem Interview verraten hat

Ausverkauft! Zur Uraufführung von Detlev Glanerts „Oceane von Parceval“, frei nach einem gleichnamigen Fragment von Theodor Fontane, quetscht sich das Publikum in die Parkettreihen. Und mit seinen 1850 Plätzen ist die Deutsche Oper Berlin kein kleines Haus! Ist es etwa das Interesse an Neuer Musik, an Theodor Fontane, immerhin vor den Toren Berlins in Neuruppin geboren und ein großer Jubilar dieses Jahr? Oder ist es das Interesse am hier heimisch gewordenen Komponisten? Der Wahlberliner Detlev Glanert lebt hier seit 1987. Als Donald Runnicles, Generalmusikdirektor der Oper und Dirigent des Abends, den Orchestergraben betritt, brandet mehr als Beifall auf! Erwartung und Vorabbestätigung zugleich. Alles steht unter einem guten Stern an diesem Abend. Das Sängerensemble ist großartig besetzt: mit Doris Soffel als Grande Dame und Hotelbesitzerin, mit Maria Bengtsson in der Hauptrolle und Tenor Nikolai Schukoff als ihrem Paarpartner. Die finnisch-schwedische Bengtsson ist ein gefragter Berliner Liebling und eine der wenigen, die derzeit an allen drei Opernhäusern der Hauptstadt zu erleben ist. Also das Sängerensemble und eine feinsinnig bis großartig aufgefächerte Musik, die auch mit rapiden Stimmungsumschwüngen und rasanten Wechseln von Gruppen- und Ensembleszenen für Tempo sorgt, überzeugen an diesem Abend. Dazu die beeindruckende Videoprojektionen eines Meeres, das von der gigantischen Hohlkehle im Bühnenhintergrund bis in den Orchestergraben brandet. Für einen heutigen Komponisten muss das eine Bestätigung sein. Zumal Detlev Glanert einer der wenigen ist, die nur vom Komponieren leben. Und dennoch ist die Aufregung am Tag der Premiere groß. Unser Interview wird auf den Tag danach verlegt. Wie man sich nach diesem Erfolg fühlt, musste die erste Frage sein. (Das Interview führte Sabine Weber) Die Deutsche Oper Berlin feiert den 200. Geburtstag von Theodor Fontane mit einer neuen Fontane-Oper. Am 28. April war Premiere von Detlev Glanerts „Oceane“! Und es war ein Fest, wie der Komponist am Tag danach in einem Interview verraten hat weiterlesen

Hèctor Parras „Les Bienveillantes“ an der Opera Vlaanderen. Calixto Bieito inszeniert die Opernumsetzung von Jonathan LitTells umstrittenen Roman

Nach Chaya Czernowins Oper „Infinite Now“ im Jahr 2017, in dessen Zentrum der Schrecken des Ersten Weltkriegs stand, hat die Vlaamse Opera in Antwerpen nun eine weitere Oper mit Weltkriegs-Thematik zur Welturaufführung gebracht. Diesmal geht es um die entsetzlichen Verbrechen, die Massaker und den Holocaust  während des zweiten Weltkriegs.
Der katalanische Komponisten Hèctor Parra hat gemeinsam mit dem österreichischen Dramatiker Händl Klaus, der das Libretto verfaßte, Jonathan Littells umstrittenen Roman „Les Bienveillantes“ in eine Opernfassung gebracht. Dazu stießen der katalanische Regisseur Calixto Bieito und der für Neue-Musik-Aufführungen renommierte deutsche Dirigent Peter Rundel – ein Quartett, dass bereits gemeinsam miteinander gearbeitet hat: es hat 2015 mit großem Erfolg die Uraufführung von Hèctor Parras Oper „Wilde“ bei den Schwetzinger Festspielen verwirklicht.

Hèctor Parras „Les Bienveillantes“ an der Opera Vlaanderen. Calixto Bieito inszeniert die Opernumsetzung von Jonathan LitTells umstrittenen Roman weiterlesen

Frankensteins Kreatur ringt in Brüssel um Liebe! Mark Greys abendfüllende Oper “Frankenstein” feiert 200 Jahre nach der Veröffentlichung von Shelleys Novelle ihre Uraufführung am De Munt/La Monnaie

Shelleys 1818 veröffentlichter Schauerroman ist einer der bedeutendsten seiner Gattung und auch oft verfilmt worden. Es ist allerdings schon eine Weile her, dass Kenneth Branagh mit seiner Frankenstein-Verfilmung ins Kino kam. Über Mel Brooks „Frankenstein Junior“ mit Gene Wilder und dem glubschäugigen Marty Feldmann aus den 1970ern können wir heute immer noch lachen. Gedreht wurde diese köstliche Parodie auf den Horror sogar teilweise an den Drehorten der ersten Frankenstein-Verfilmung von 1930 mit Boris Karloff in der Monsterrolle. Derzeit sind Mary Shelley und ihr faustischer Wissenschaftler in Opernhäusern angesagt! Der Schweizer Komponist Michael Wertmüller hat in „Diodati.Unendlich“ am Theater Basel nach dem Movens von Shelleys Wiedererweckungs-Sci-Fi gesucht und ist im Kernforschungszentrum CERN gelandet. Im De Munt/ La Monnaie fokussiert der US-amerikanische Komponist Mark Grey die Seins-Bedingungen der Frankenstein-Kreatur und entdeckt Einsamkeit und Liebessehnsucht im Permafrost! (Von Sabine Weber) Frankensteins Kreatur ringt in Brüssel um Liebe! Mark Greys abendfüllende Oper “Frankenstein” feiert 200 Jahre nach der Veröffentlichung von Shelleys Novelle ihre Uraufführung am De Munt/La Monnaie weiterlesen