„Singularity“ von Miroslav Srnkas, ein SciFi fürs Cuvillés-Theater

Es ist schon Miroslav Srnkas dritte Oper für die Bayerische Staatsoper: 2011 debütierte der damals 36-jährige tschechische Komponist als Musikdramatiker mit „Make no noise“ nach dem Film „The Secret Life of Words“ von Isabel Coixet während der Münchner Opernfestspiele, Schauplatz: eine Bohrinsel. Die erfolgreiche Kammeroper wurde 2016 bei den Bregenzer Festspielen nachgespielt. Im gleichen Jahr folgte die Uraufführung von „South Pole“ im Münchner Nationaltheater mit Rolando Villazón und Thomas Hampson als Scott und Amundsen auf Südpol-Expedition, 2017 neuinszeniert in Darmstadt. Und nun wieder eine Kammeroper – für das Ensemble des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper im Cuvilliés-Theater! (Von Klaus Kalchschmid)

Mitglieder des Opernstudios. Foto: Wilfried Hösl

(5. Juni 2021) Am Ende glitzern und schimmern die Ränge und die nun leere Bühne des schmucken Rokoko-Schatzkästleins wie unter einer Galaxie von Sternen. Die Protagonisten der Space Opera for Young Voices auf den englischen Text von Tom Holloway, Librettist auch der beiden anderen Srnka-Opern sind nun in der sogenannten Singularity, also der Verschmelzung von menschlicher und künstlicher Intelligenz irgendwo im Weltall der Zukunft angekommen, streiten aber immer noch wie die 85 Minuten zuvor sehr irdisch menschlich bis es plötzlich einen Black Out gibt.

Computer- Kopf- und reale Stimmen kommunizieren

Die erste von dreizehn Szenen kommt fast ganz ohne instrumentale Musik aus, etwa weil sie als einzige noch auf der Erde spielt? Sie stellt sozusagen das Vorspiel dar: Der Bariton Andrew Hamilton, in der Partitur nur B genannt, samt seiner inneren, „digitalen“ Stimme eB (Theodore Platt) spielt wie wild eine ganze Nacht am Computer durch – und bleibt auch den ganzen Abend im blauen Bademantel über Shorts. Seine Freundin S (die Sopranistin Eliza Boom mit eS Juliana Zara) versucht den Nerd vergeblich zu überzeugen, dass ihr „Messaging“ – also die Sprachnachrichten, die von Kopf zu Kopf übermittelt werden, ohne dass man sie tippen müsste – ein Update braucht, da stürzt das System zusammen. S kollabiert und B findet sich mit Tenor T (George Vîrban) und seinem eT (Andres Agueldo) sowie M (Mezzosopranistin Daria Proszek) und eM (Yajie Zhang) im Weltraum wieder. Dort muss sich die Zufallsgemeinschaft erst sortieren, man hört T von seiner „Trostdrohne“, einem künstlichen Kanarienvogel, singen und B versichert, er hätte sich liebevoll mit seiner Freundin unterhalten. M, die laut Personenverzeichnis „nicht die beste Art hat, mit Menschen umzugehen“, glaubt das nicht. Weil die drei es nicht auf die Erde zurück schaffen, sind sie nun, wie Sartres Die Eingeschlossenen in der Hölle, unfreiwillig in ihrem Weltraum-Spa gefangen, welches ihnen ewige Jugend „schenkt“. Das erfahren sie von einem Computer, den sie reparieren und der irgendwann mit der Stimme von S zu reden beginnt. Die drei müssen nun miteinander auskommen und ein Wechselspiel von Nähe und Anziehung, Zuwendung und Eifersucht wie auch der Option sich körperlich näher zu kommen, beginnt. Es erreicht seinen Höhepunkt, als die tiefgreifend veränderte S in der elften Szene wieder auftritt – und nun gar Computer-, Kopf- und reale Stimme miteinander kommunizieren. Am Ende sind zum galaktischen Finale alle Stimmen miteinander so im Oktett vereint und damit menschliches und digitales Ich so eins geworden, dass man den gesungenen Zwist gar nicht mehr als solchen wahrnimmt.

Klangforum Wien mit knackigen Einwürfen und im Dialog

Was für eine eigenartige Utopie – oder doch Dystopie? – haben Komponist Miroslav Srnka und sein Textdichter Tom Holloway da ans Ende gesetzt, nachdem vier Sängerinnen und vier Sänger des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper sich jeweils als Doppel von realem und vermeintlich digitalem Ich nicht nur als famose SängerdarstellerInnnen erwiesen haben, sondern auch als hochpräzise SchauspielerInnen. Die fünfzehn Musiker des Klangforum Wien agieren selten als Orchester, sondern als interaktives Kammermusik-Ensemble, das die Stimmen nur manchmal stützt, oft dagegen treten einzelne Instrumente mit ihnen in Dialog oder knackige Einwürfe konterkarieren sie.

Andres Agudelo, George Vîrban, Yjie Zhan, Daria Proszek, Thedore Platt, Andrew Hamilton. Foto: Wilfried Hösl

Es ist ein kluger, prägnant umgesetzter Schachzug von Regisseur Nicolas Brieger, die digitalen Stimmen von schwarzgewandeten „Schatten“ live singen zu lassen, deren Gesicht unter einer schwarzen Strumpfmaske verborgen ist und so vielfältige theatralische Interaktion auf der Bühne möglich wird. Weil die allesamt schönen, sicher und gut geführten Stimmen der Mitglieder des Opernstudios auch durchaus charakteristisch gefärbt sind und alle nicht zuletzt im Spiel überzeugen, kann man die oft sekundenschnellen Wechsel von realer und digitaler Stimme beim Hören – und beim Zuschauen – gut realisieren.

Reise in galaktische Weiten

Für gelungene Science Fiction sorgt auch die Bühne von Raimund Bauer: ein weißer quadratischer Kubus mit schwarzen Löchern, wie er mal in den 1960ern Mode war und bis heute irgendwie an Raumschiff Enterprise erinnert. Dank der fantasievollen Videos von Stefano DiBuduo kann er in die verschiedensten Räume verwandelt werden, oder die explodierende Bilderwelt nimmt in den dichten Zwischenspielen den Zuschauer und -hörer auf eine Reise in galaktische Weiten bzw. das Innere eines Computers mit.

Miroslav Srnka hat auf den elaborierten, manchmal sehr witzigen Text eine rasante musikalische Komödie komponiert, in der es nur selten Inseln der Ruhe gibt. Die (instrumentale) Musik und die Samples reagieren seismografisch und doch sehr locker auf den Text; einzelne immer wiederkehrende emojis bekommen zum Beispiel ein entsprechendes Signum in Tönen, das von den Nutzern unabhängig vielfach identisch wiederkehrt. Das wird wie bekannt bebildert in den Untertiteln, da die Bühne des Cuvilliés-Theaters fast quadratisch geöffnet ist und Obertitel nur störend wären.

Mit einer Mischung aus atemloser Anspannung und gelöster Entspanntheit folgt der Zuhörer und -schauer dem Geschehen mit seinen fein zwischen Sprechen, Sprechen auf Tonhöhe, Sprechgesang, Parlando und Ariosem wechselnden Figuren wie den 15 MusikerInnen des Klangforum Wien unter Patrick Hahn. Sie spielen in traditioneller, jeweils solistischer Besetzung plus Akkordeon, E-Gitarre, Schlagwerk (Marimbaphon) sowie Syntheziser. Unter dem erst 25-jährigen Dirigenten gibt es einen vielfältig aufgefächerten Klangkosmos, bei dem Singen, Sprechen und Instrumentales eine wunderbare Einheit im Disparaten ergeben.

Am Montag, den 7. Juni 2021 wird die Vorstellung ab 19 Uhr live übertragen. Ab 9. Juni ist dann ein ebenfalls kostenloses Video 30 Tage on demand auf der Website verfügbar. Weitere Vorstellungen am 9., 11. und 12. Juni.

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