Barock-Voguing in Aachen? In exaltiert aufwendigen Kostümen wird Cavallis „Calisto“ zu einer besonderen Show, die dem Stück gekonnt auf den Zahn fühlt!

Jetzt sind alle Theaterhäuser geschlossen! Aber gestern ging noch etwas in Aachen über die Bühne, das ihres/seines gleichen sucht. Stichwort: Barock-Voguing! Eine frühbarocke Oper von Francesco Cavalli – die Musiker des Sinfonieorchesters spielen auf Originalklanginstrumenten – wird zur Voguing-Show. Wie am Abend zuvor in Frank Castorfs Münchener „Die Vögel“ (klassikfavori berichtet weiter oben) ist die Ästhetik und das Voguing den 1970ern entlehnt. Aber das Theater Aachen kommt ohne Trash und sexistische Machobetonung aus. Dabei steht ein Macho im Zentrum. Jupiter, der aus Lustgewinn sein Geschlecht ändert und täuscht! Ludger Engels Regie gelingt es, in Aachen mit Opulenz den Nerv von Francesco Cavallis „Calisto“ zu treffen. In einer Oper, in der sich alles um Geschlechtercamouflage dreht, lässt Engel exaltierte Selbstdarstellung an tragische Grenzen stoßen. Sexuelle Hörigkeit wird entlarvt und mit köstlichem Humor ausgestellt. (Von Sabine Weber)

Foto: Wil van Iersel

(1. November 2020, Theater Aachen) Die Komik, die Cavalli in die Partitur und sein Librettist Giovanni Faustini in das Libretto eingeschrieben haben, dürften in Sachen Schlagabtausch, Witz, Ironie und Pointierung von Schwächen in Liebeshändeln im 17. Jahrhundert unübertroffen sein. Jeder bekommt sein Fett weg. Das wird in der in Aachen vollständig gespielten Fassung deutlich, anders als in der gekürzten Bonner Version.

David Bowie oder Klaus Nomi sind noch heute als androgyne Voguing-Künstler bekannt

Das Voguing – eineTanzart – auf die sich Ludger Engels Inszenierung bezieht, hat aus heutiger Sicht auch etwas Komisch-Überladenes. Ein Barockkritiker würde ‘grotesk’ sagen. Voguing kommt aus einer transgender geprägten Ballroomszene, für die in den 1970ern tatsächlich solche Kostümen – wie in Aachen zu sehen – geschneidert wurden. Geschlechtsmerkmale werden über aufwendig extravagante Kostüme vom jeweils anderen Geschlecht übernommen und maniriert ausgespielt. David Bowie oder Klaus Nomie dürften heute die bekanntesten dieser Voguing-Künstler sein.

Für Komik und Opulenz sorgen in der Aachener Calisto-Inszenierung jedenfalls die Kostüme von Raphael Jacobs. Jacobs, Experte für Stoffe und Stile und deren kontextuellen Aneignung, hat stofflich aufwendigste und überbordende, ästhetisch stilistisch aber in sich stimmige Gewänder, Anzüge, Twinsets oder Mäntel erfunden und geschneidert. Haute Couture für die Bühne! Und immer wieder geht es auf den Laufsteg, inmitten der mondänen Bar, in die Ric Schachtebeck die Aachener Bühne verwandelt hat!

Die komischste Szene dieser Baorck-Voguing-Show ist im 2. Akt

Jupiter, Bariton Fabio Lesuisse, seit letzter Spielzeit im Aachener Ensemble, schießt als komische Transgenderwoman den Vogel ab. Wie von Cavalli gewünscht, falsettiert er auch, wenn er sich in die Jagdgöttin verwandelt. Und erinnert in seidenschwarz-blauem Humpelrock oder kanariengelben Tüllvolants über Lacklederoverknee-Stiefel an Eurocontest-Gewinner Conchita Wurst. Göttergattin Juno, Anna Graf, im Januar dieses Jahres hat sie den Preis als beste Liedsängerin beim Liedwettbewerb der HfMT gewonnen, macht in grellblonderAfrolookpracht und einem mit strengen Schottenkaros durchwirkten Kostüm hartnäckig aber vergeblich eine Szene. Hinter einem Bildschirm versteckt presst sie ihr empörtes „Gelosia/ Eifersucht“ hervor, als Jupiters erneute Verführungsabsichten in die komischste Szene überhaupt in dieser Barock-Voguing-Show im zweiten Akt führen.

Herrliche Hilflosigkeit in dieser Gender-Camouflage

Fanny Lustaud (Diana),  Jaimes Laing (Endymion). Foto: Willi van Iersel

Dianas heimlicher Geliebter Endymion (Countertenor James Laing) im Schlabberlock auf Plateauschuhen, entdeckt Diana-gelb, in dem aber Jupiter steckt. Und wirft sich mit einem „Was machst Du hier, mein Herz!“ vor ihm zu Boden wie kurz zuvor seiner Diana. Dann kreuzt Hirtengott Pan (Takahiro Namiki) mit Satyrkumpanen auf. Fotomuster auf Hemd und Hose und aus bunten Lagen geschichteten Plateaus! Er stellt Diana – wohlgemerkt eine der Keuschheit verpflichtete Göttin – ebenfalls nach. Und macht ihr Avancen, während seine obszöne Begleitung, Silvanus, Bassist Paweł Lawreszuk, und Satirino Konkurrent Endymion bedroht. Bei Satirino wird lange überlegt, ob da jetzt ein Mann oder eine Frau auf der Bühne steht. Eine gelungene Transgender-Person. Tatsächlich ist es Counter Luca Segger, der noch in der Klasse von Kai Wessel an der HfMT studiert. Diana-Jupiter gerät jedenfalls in diesem verschuldeten Durcheinander in Not. „Pass auf!“ witzelt Merkur, Hyunahan Hwang in äußerst kleidsamen Bundfaltenschlaghosen und kurz talliertem Jackentop, „sonst hast Du am Ende einen Mann statt einer Frau!“ Herrliche Hilflosigkeit in dieser Gender-Camouflage. Jupiter kann nur noch fliehen.

Das Theater Aachen hat für barocke Produktionen eigene Originalklanginstrumente angeschafft

Das Theater Aachen hat für barocke Produktionen eigene Originalklanginstrumente angeschafft, die von ausgewählten Musiker*innen gespielt werden. Rechts und links des Laufstegs sind 14 Musiker im hochgezogenen Graben verteilt zu sehen. Joanna Huszca, 1. Violine, ist was Verzierungen und Phrasierung angeht, allerdings sofort hörbar eine ausgebildete Barockgeigerin. Sie sitzt neben Robin Lynn Hirzel, 2. Violine, aus dem Aachener Sinfonieorchester. So lässt sich lernen. Die beiden Bratschisten sind ebenfalls aus Aachen. Eine der beiden Zinkspieler*innen, Anna Schall, ist wieder Barockexpertin und greift wie Zinkkollege Stéphane Egeling mehrmals zur Blockflöte. Egeling ist eigentlich Oboist des Sinfonieorchesters und Zinkspielen keine Kleinigkeit! Vor allem wegen der unterschiedlichen Mundstücke von Oboe und Zink oder Cornetto muto. Hut ab! Bemerkenswert ist auch, wie Cellokollegin Almuth Ensinger souverän zur Viola da gamba greift. Absolut zuverlässig und sauber spielt und intoniert sie. Die Gambe hat im Gegensatz zum Violoncello eine Quart-Terzstimmung und Bünde auf dem Griffbrett. Die Lautenisten, beziehungsweise Theorbenspieler, und der Barockharfenist sind wieder ausgewiesene Barockspezialisten.

Spezifische Klangfarben im Continuo hätten mehr herausgeholt werden können!

Dirigent Christopher Bucknall gilt in England als ein ausgewiesener Spezialist für das Opern- und Konzertrepertoire des 17. Jahrhunderts. Also auch für diese Cavalli-Oper, die 1651 in Venedig uraufgeführt wurde, wo Cavalli als Kirchenmusiker am Markusdom eine feste Anstellung hatte. Sicher trifft Bucknall die Tempi, gestaltet souverän Übergänge, gibt zuverlässig Einsätze. Aber dass er die ganze Zeit auf seinem Cembalo spielen (klingeln) muss, weder die Doppelchörigkeit der Aufstellung rechts und links des Laufstegs nutzt, noch die spezifischen Continuo-Klangfarben einzelner Instrumente sinnstiftend herausholt, ist doch Schade. Vielleicht ein oder zweimal ist die Harfe in den zweieinhalb Stunden kurz mal allein zu hören. Der zweite Cembalist rechts spielt noch ein Organo soave, eine kleine Truhenorgel. Der Kontrabass im 16-Fuss ist auch im Klangbild irritierend. Zu Cavalli-Zeiten hat es den Violone (einen modernen Kontrabass schon gar nicht) in den klein besetzten Orchestern der venezianischen Opernhäuser nicht gegeben. Dass die Theorben immer gleichzeitig spielen und sogar verstärkt waren, hat wohl damit zu tun, dass die Sänger auf der großen Bühne der Musik sonst nicht hätten folgen können.

Das Aachener Sängerensemble läuft in dieser Barock-Voguing Party zur Hochform auf

Suzanne Jerosme (Calisto). Hinten: Anna Graf (Juno). Foto Wil van Iersel

Die Musik selbst, obwohl eine allenfalls dreistimmige Partitur, steckt voller Überraschungen. Von dem „Pur ti miro“- Duett, bezogen auf das berühmte finale Liebes-Duett aus Monteverdis Poppea, gibt es in Calisto gleich mehrere. Szenische Liebesschmerz-Abschiede der wunderbaren Sorte! Die Musik hat neben aller Komik, eine tragische und auch erotische Note. Die Gesangspartien sind allesamt dankbar. Und lassen das Sängerensemble auf dieser Voguing-Party zur Hochform auflaufen. Fanny Lustaud mit kernigem Mezzo als Diana und natürlich Suzanne Jerosme als Calisto, ebenfalls aus dem Aachener Ensemble, müssen noch genannt werden. Calisto ist das Sexualopfer, wird dafür auch noch ‚geblamed‘ und verliert in jeder Hinsicht. Ein brisantes Problem, das durch die aktuelle Me too-Debatte ja hochgespült wurde, ist also schon in der Barockzeit virulent gewesen! Mit der Erhebung Calistos in ein Sternbild soll alles wieder gut sein? In dieser Inszenierung wirkt Jupiter – wieder in Anzughose, das Jacket fehlt allerdings – dabei etwas hilflos und versteckt sich hinter einer zaghaften Voguing-Geste. Calisto nimmt das Angebot mit unbewegter Miene an. Das Tutti stimmt im letzten Ballo dem Obergott notgedrungen zu. Ein bitterer Tropfen bleibt in dieser opulenten Show.

Finale Szene in Francesco Cavallis “Calisto”. Foto Wil van Iersel

Stehende Ovationen in Aachen! Erste Opernpremiere dieser Saison und schon wieder die letzte Vorstellung!

Großer Applaus, stehende Ovationen und minutenlanger Applaus für alle. Auch für Kostümbildner Jacobs, der in seitlich halb durchscheinendem Ganzkörperanzug unter kurzem Mantelüberwurf auftritt! Eine aufregende erste Premiere und schon wieder die letzten Vorstellung! Die Eindrücke halten Gott sei Dank vor. Was Intendant Schmitz-Aufterbeck zur Begrüßung des Publikums betont hat, gibt zu denken. In Merkels Regierungserklärung zum neuen Lockdown sei das Wort „Kultur“ nicht mal erwähnt worden. Und dass ein Gauland es später als einziger in den Mund genommen hätte, peinlich. Dem Theater ginge es ja vielleicht noch leidlich, aber wie steht es um die freien Künstler – dazu zählen auch einige Mitstreiter im Bühnen-Off? Hier in Aachen gut, so Schmitz-Aufterbeck, man bezahle die engagierten Künstler diesen Monat durch! Wenige Opernhäuser sind so kulant.

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