Nur die Epauletten kommen in den Himmel! Hans Werner Henzes Floß der Medusa in der Bochumer Jahrhunderthalle in einer halb szenischen Aufführung

Die Bochumer Symphoniker bei der Ruhrtriennale für Hans Werner Henzes Floss der Medusa unter Wasser. Foto: Ursula Kaufmann
Die Bochumer Symphoniker bei der Ruhrtriennale für Hans Werner Henzes Floss der Medusa unter Wasser.
Foto: Ursula Kaufmann

1816 läuft die französische Fregatte Medusa vor Mauretanien auf ein Riff. Die Obrigkeit, Offiziere, Geistliche retten sich in sechs Beiboote. Die einfachen Matrosen, samt Frauen und Kindern bekommen ein Floss gezimmert. Man verspricht, das Floss zu ziehen. Doch dann werden die Seile gekappt und 150 Menschen ihrem Schicksal unter sengender Sonne preis gegeben. Als das Floss 13 Tage später entdeckt wird, leben noch 15 Menschen. Einer von ihnen hat wie auch immer ein Logbuch geführt, das unmittelbar nach der Rettung veröffentlicht eine politische Debatte in Frankreich entfacht. Wer sind die Vielzuvielen???? (Von Sabine Weber)

Nur die Epauletten kommen in den Himmel! Hans Werner Henzes Floß der Medusa in der Bochumer Jahrhunderthalle in einer halb szenischen Aufführung weiterlesen

Die Universe Symphony wird bei der Ruhrtriennale zum Charles Ives Universum! Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Titus Engel in utopischer Mission für einen Komponisten, der seiner Zeit meilenweit voraus war!

Was kennen Sie von Charles Ives? Möglicherweise “The Unanswered question”, die in drei sich überlagernden Schichten eine philosophische Frage in den Raum stellt und seit Leonard Bernsteins Harvard Lectures ein Kultstück ist. Aber seine Sinfonien, Orchesterstücke, Klavierlieder, seine Streichquartette? Schon zu dessen Lebzeiten (1874-1954) sind sie ignoriert worden. Seine dritte Sinfonie bleibt 40 Jahre lang in der Schublade bis sie 1946 aufgeführt wird. Ives, über 70, mit einer Versicherungsgesellschaft wohlhabend geworden, winkt ab. Er kommt nicht zur Aufführung. Er hört sie im Radio. Die Sinfonie gewinnt den begehrten Pulitzer-Preis. Das Preisgeld verschenkt er. An seine Musik hat er immer geglaubt und komponiert. Und in einer kompromisslosen Art und Weise, er musste sich ja nicht um Aufführungsschwierigkeiten scheren. Also türmt er Klangschichten auf, lässt Dissonanzen reiben, arbeitet mit Mikrotönen und macht auch keinen Halt vor dem, was ihm musikalisch im alltäglichen Leben begegnet: Märsche und patriotische Lieder. Neben Kakophonie tönt es auch schon einmal richtig kitschig. Dieser Kosmos ist gerade bei der Ruhrtriennale zu erleben. Aus Charles Ives Relikten zu einer unvollendeten “Universe Symphony” haben Regisseur Christoph Marthaler, Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock und Dirigent Titus Engel ein Charles Ives-Universum entwickelt. “Universe, Incomplete”! Mit 12 Schauspielern, Sängern, Tänzern, dem Schlagquartett Köln, SchlagzeugstudentInnen von vier nordrhein-westfälischen Musikhochschulen, dem Ensemble Rhetoric Project und den Bochumer Symphonikern unter der Leitung von Titus Engel, die die utopischen Klangideen Ives in der Bochumer Jahrhunderthalle genial verräumlicht haben. (Von Sabine Weber) Die Universe Symphony wird bei der Ruhrtriennale zum Charles Ives Universum! Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Titus Engel in utopischer Mission für einen Komponisten, der seiner Zeit meilenweit voraus war! weiterlesen

Wieder eine kleine, widerständige „deutsche“ Spur beim 71. Locarno Filmfestival

Letztes Jahr wurde Jean-Marie Straub mit dem Pardo d’honore geehrt. Ein überzeugter Kommunist und Filmemacher, der zusammen mit seiner verstorbenen Lebenspartnerin Danièle Huillet rigoros die filmische Auseinandersetzung mit der Literatur durch entemotionalisiertes verfremdetes Sprechen und monotone Bildeinstellungen gesucht hat. Dieses Jahr wird der deutsche Filmemacher Wolf-Eckart Bühler nicht geehrt, aber wiederentdeckt.
(Von Sabine Weber)

Die Piazza Grande wird beim Locarno Filmfestival jedes Jahr zu einem gigantischen Kinosaal!  Foto: Massimo Pedrazzini
Die Piazza Grande wird beim Locarno Filmfestival jedes Jahr zu einem gigantischen Kinosaal!
Foto: Massimo Pedrazzini

Wieder eine kleine, widerständige „deutsche“ Spur beim 71. Locarno Filmfestival weiterlesen

La Fura dels Baus inszeniert „Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann und setzt für Köln Zimmermanns vehement postulierte Idee der Kugelgestalt der Zeit ins Szenische fort!

4. Akt 1. Szene mit Video-Sequenzen von Marc Molinos und Alberto de Gobbi u.a. mit Emily Hindrichs (Marie) und Martin Koch (Desportes), Gürzenich-Orchester Köln, Musikalische Leitung: François-Xavier Roth; Foto: Paul Leclaire
4. Akt 1. Szene mit Video-Sequenzen von Marc Molinos und Alberto de Gobbi u.a. mit Emily Hindrichs (Marie) und Martin Koch (Desportes), Gürzenich-Orchester Köln, Musikalische Leitung: François-Xavier Roth; Foto: Paul Leclaire

Vier Pauker, 21 Schlagzeuger, ein großes Orchester, vier Dirigenten, dazu ein großes Ensemble und Solistenpartien, die eigentlich alle eine Quart zu hoch sind (Michael Gielen) mit rigorosen Intervallsprüngen. Dazu fordert Bernd Alois Zimmermann die Umsetzung von Simultanszenen. Der Uraufführung der „Soldaten“ an der Kölner Oper 1965 ist nicht von ungefähr eine konfliktgeladene Vorgeschichte voraus gegangen, die fast zum Scheitern geführt hat. Diese Scharte ist jetzt ausgewetzt. So transparent, teilweise sogar kammermusikalisch ist die wuchtige Partitur noch selten zu hören gewesen. Auf einer gewaltigen 360° Grad Umlaufbühne agieren Solisten und Statisten. Die ungeliebte Ausweichspielstätte im riesigen Staatenhaus liefert dafür die Voraussetzung. Spektakulärer hätte die Bernd Alois Zimmermann Retrospektive des diesjährigen Achtbrücken Festivals in Köln eigentlich nicht beginnen können. (Von Sabine Weber) La Fura dels Baus inszeniert „Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann und setzt für Köln Zimmermanns vehement postulierte Idee der Kugelgestalt der Zeit ins Szenische fort! weiterlesen

Der Fall Tosca – In Hamburg mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros glänzend gelöst! Kaufmann erklärt, warum

Wieder auferstanden von den Toten und glücklich: Scarpia (Franco Vassallo), Tosca (Anja Harteros) und Cavaradossi (Jonas Kaufmann) Foto: Michael Bellgardt
Wieder auferstanden von den Toten und glücklich: Scarpia (Franco Vassallo), Tosca (Anja Harteros) und Cavaradossi (Jonas Kaufmann) Foto: Michael Bellgardt

Bis unters Dach ausverkauft! An der Hamburgischen Staatsoper hat die letzte Tosca-Vorstellung der Saison am 17. April auch für den Höhepunkt der neu ausgerufenen Italienischen Opernwochen gesorgt. Mit Anja Harteros als Floria Tosca und Jonas Kaufmann als Mario Cavaradossi. 2009 trafen sie erstmals an der Bayerischen Staatsoper aufeinander. Seitdem sind sie im Duo das Operntraumpaar und garantieren für ausverkaufte Vorstellungen. Derzeit sind sie in einer Andrea Chénier Produktion am Wiener Staatstheater zu erleben – für die, die Karten bekommen!
Starsänger im Rausch! Aber auch sie brauchen ein normales Maß, wie Jonas Kaufmann im Interview verrät. Der Fall Tosca – In Hamburg mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros glänzend gelöst! Kaufmann erklärt, warum weiterlesen

Echnatons Sonnengesang in Bonn und Vogelfänger in Köln – inszeniert von zwei Regisseurinnen, die tanzen lassen!

Echnaton im Schulunterricht und ein Mädchen (Tänzerin Katharina Platz) dreht durch. Foto: Thilo Beu
Echnaton im Schulunterricht und ein Mädchen (Tänzerin Katharina Platz) dreht durch. Foto: Thilo Beu
Die drei Uccelatori Young Woo Kim, Hoeup Choi und Yunus Schahinger. Davor María Isabel Segarra und Sara Jo Benoot. Martin Dvořák turnt auf dem Hochsitz hinter der Bühne. Foto: Paul Leclaire
Die drei Uccelatori Young Woo Kim, Hoeup Choi und Yunus Schahinger. Davor María Isabel Segarra und Sara Jo Benoot. Martin Dvořák turnt auf dem Hochsitz hinter der Bühne. Foto: Paul Leclaire

Unterschiedlicher könnten zwei Opernereignisse nicht sein! Philip Glass huldigt Pharao Echnaton in einem Minimalmusic-Ritual. Das junge Opernstudio in Köln setzt eine Liebeskomödie von Florian Leopold Gassman auf einer schiefen Ebene in Szene, auf der alles ins Rutschen kommt!
Doch eines hatten die beiden Aufführungen gemeinsam. Regisseurinnen, die das Tanzen lieben! (Von Sabine Weber) Echnatons Sonnengesang in Bonn und Vogelfänger in Köln – inszeniert von zwei Regisseurinnen, die tanzen lassen! weiterlesen

In Essen wird Heinrich Marschners Schaueroper ‘Hans Heiling’ wiederentdeckt – und zu Alfried Krupps Biographie in Verbindung gesetzt.

Prolog Unter Tage mit Hans Heiling (Heiko Trinsinger) und seine Mutter (Bettina Ranch) © Thilo Beu
Prolog Unter Tage mit Hans Heiling (Heiko Trinsinger) und seine Mutter (Bettina Ranch) © Thilo Beu

Alfried Krupp, Biographie eines „Erdgeistes“ ist ein Beitrag im Programmheft betitelt. Der letzte Krupp-Erbe war gewiss ein Außenseiter wie Heiling. Freilich kein teuflischer Erdgeistgeborener und König der Trolle und Zwerge wie der ursprüngliche Legenden-Heiling. Aber wie Marschners Heiling von einer Mutter dominiert, die ihn gezwungen hat, sich von einer Liebesheirat zu distanzieren. Das Unternehmen durfte er dadurch behalten. Sein Lebensglück hat er verkauft. Wer sich im Gästehaus der Villa Hügel dem dort nachträglich konstruierten udn ausgestellten Personenkult aussetzt, dem läuft es eiskalt über den Rücken. Aus all dem inszenierten Unternehmenserfolg auf Tafeln und Fotos lugt der emotionale Verrat, der für diese Macht verlangt wurde. Ein Besuch der Villa Hügel neben dran erklärt viel. Dort ist eine beängstigende architektonische Inszenierung von Dominanz zu erleben, mit überdimensionierten Stühlen und Tischen, die den Menschen tatsächlich zum Zwergen machen. Und riesige Hallen, die mit französischem Renaissance-Decorstil der Gründerzeit freundlich sein könnten, aber durch dunkles Eichenholz ein erdrückenden und niederschlagender Ort sind. Hier will man kein Kind gewesen sein!
(Von Sabine Weber) In Essen wird Heinrich Marschners Schaueroper ‘Hans Heiling’ wiederentdeckt – und zu Alfried Krupps Biographie in Verbindung gesetzt. weiterlesen

Die königliche Oper in Lüttich entdeckt eine Rarität von Daniel-François-Esprit Auber: Le Domino Noir!

Angèle (Anne-Catherine Gillet) trifft auf ihren Liebhaber Horace (Cyrille Dubois) © Lorraine
Angèle (Anne-Catherine Gillet) trifft auf ihren Liebhaber Horace (Cyrille Dubois) © Lorraine Wauters

Das ist schon ein erstaunliches Niveau, das die 200.000 Einwohner zählende belgische Stadt hier präsentiert. Und eine Rarität, jedenfalls aus Deutscher Repertoire-Sicht. Mit einem glänzend aufgelegten Orchester, spielfreudigen Ensemble und einer bewegten Regie mit gehörigem Tempo, die einen abwechselnd schmunzeln und staunen lässt. Dazu bezaubernde Kostüme mit elegantem Witz und Pfiff! Es lohnt sich der Blick über die Landesgrenzen hinweg. (Von Sabine Weber) Die königliche Oper in Lüttich entdeckt eine Rarität von Daniel-François-Esprit Auber: Le Domino Noir! weiterlesen

Apokalypse Now lässt grüßen! Hildorf setzt seinen Ring in Düsseldorf mit der Walküre fort

Maria Hilmes (Rossweisse), Katharina von Bülow (Grimgerde), Jessica Stavros (Gerhilde), Josefine Weber (Helmwige), Linda Watson (Brünnhilde), Katja Levin (Ortlinde), Zuzana Šveda (Siegrune), Katarzyna Kuncio (Waltraute), Statisterie Bild Hans Jörg Michel
Maria Hilmes (Rossweisse), Katharina von Bülow (Grimgerde), Jessica Stavros (Gerhilde), Josefine Weber (Helmwige), Linda Watson (Brünnhilde), Katja Levin (Ortlinde), Zuzana Šveda (Siegrune), Katarzyna Kuncio (Waltraute), Statisterie Bild Hans Jörg Michel

Es ist schon erstaunlich, wie modern die Themen sind, die Wagner in seiner Walküre verhandelt: freie Liebe gegen den heiligen Bund der Ehe wenn er durch Zwangsehe zustande kommt. Fremdbestimmung und blinder Gehorsam. Da prahlen die Walküren in roter Festseide unter Wehrmachtsmantel damit, dass sie im Krieg gefallene Männer im blinden Gehorsam auferstehen lassen und für Wotans Heer rekrutieren. Der Wehrmachtsmantel wird in Dietrich Hilsdorf aktueller Inszenierung seines Ring des Nibelungen an der Oper am Rhein in Düsseldorf zum Symbol der Göttermacht. Apokalypse Now lässt grüßen! Hildorf setzt seinen Ring in Düsseldorf mit der Walküre fort weiterlesen

Mit Rossinis vorletzter Oper Le Comte Ory zieht die Opéra Comique alle Register, vor allem gesangliche!

Was für Tumulte! Und was für Stimmen! Die Camouflage eines liebestollen Comte entfesselt nicht nur Koloratura, sondern auch unglaubliche Ensembleszene mit Chor. In dem mit Goldstuck protzenden Salle Favart klingt auch das Originalklangorchester wie man sich es nicht besser wünschen könnte. (Von Sabine Weber)

Jean-Sébastien Bou (Raimbaud),  Julie Fuchs (la Comtesse), Philippe Talbot (Comte Ory), Gaëlle Arquez (Isolier) Foto : Vincent PONTET
Jean-Sébastien Bou (Raimbaud), Julie Fuchs (la Comtesse), Philippe Talbot (Comte Ory), Gaëlle Arquez (Isolier). Foto : Vincent Pontet

Mit Rossinis vorletzter Oper Le Comte Ory zieht die Opéra Comique alle Register, vor allem gesangliche! weiterlesen

social listening and reading