François-Xavier Roth bringt die Kölner Philharmonie mit Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ in begeisterten Ausnahmezustand!

FXR und BAZs Soldaten! FXR, so wird Dirigent Roth intern hier abgekürzt, triumphiert sogar mit BAZ – das sind die Kürzel des berühmten Kölner Nachkriegs-Avandgarde-Komponisten Bernd Alois Zimmermann! Das muss ihm mal jemand nachmachen. Schon 2018 ist an der Kölner Oper unter seiner Leitung das bei der Kölner Uraufführung 1965 noch unvollständige, weil als unaufführbar abgestempelte Opus magnum Zimmermanns auf historischem Niveau Gerechtigkeit widerfahren. Damals, in der Interimsstätte im Staatenhaus, hat Fura dels Baus sogar versucht, BAZs Idee der „Kugelgestalt der Zeit“ zu entsprechen und hat die Simultanszenen im Gestern, Heute und Morgen auf eine 360° Grad Bühne gebracht. Jetzt, fünf Jahre später, wird vor allem musikalisch getoppt. In der Minimalregie von Calixto Bieito agieren auch dieselben Solisten wie damals. Auswendig! (Von Sabine Weber)

FXR und BAZs Soldaten in der Kölner Philharmonie. Roth reicht Regisseur Bieito die Hand. Foto: Sabine Weber
Bieito und Roth reichen Sich die Hand! Foto: Sabine Weber

(18. Januar 2024, Kölner Philharmonie) BAZs Die Soldaten sind das Ereignis 2024. Und das Jahr ist noch jung. Keiner, der nicht in der Philharmonie war, wird dieses Werk so schnell so perfekt wieder hören können. François-Xavier Roth kontrolliert die Gewalt der in Schichten dick aufgetragenen Partitur und entfesselt sie. Entspannt, fast leicht scheint sein Dirigat, das ohne Mätzchen auskommt, feine Stellen wagt, gegen die ziemlich oft brachial-akustischen Wände. Wie Gerhard Richter! Richter trägt Farben auf Vorlagen auf und verfremdet mit Rakeltechnik. Bei Zimmermann heißt das Collage. In seine gewaltigen Klangblöcke bindet er noch heterogene Klangelemente ein. Einen Bachchoral, ein Dies irae, ein Jazztrompetensolo, Kombo-Musik. Eine E-Gitarre sitzt im Orchester, dazu Cembalo, Klavier, Harfen, vierfach Holz, jede Menge Blech und viel Klangwerk und Schlagzeug. In der Philharmonie sind Gruppen oben rund um das Auditorium verteilt aufgebaut. Ein perfekter Surround-Klang, der von Roth via Videobildschirm-Übertragung ausgelöst wird.

Krieg korrumpiert den Menschen

Die Streicher sind weniger dominant. Aber einmal bohren sie sich ganz perfide mit einem unisono-Ton im fortissimo in die Hörer. Im Finale, nachdem alles verloren ist. Moral, Ehre, der Glaube an das Gute im Menschen. Vom Zuspielband hallen zuvor noch Kriegsgeräusche und Schreie durch den Raum. Es gibt durchaus eine psychotische Note im Stück. Die steckt ja schon in der Vorlage von Jakob Michael Reinhold Lenz von 1776. Der Krieg korrumpiert den Menschen. Enfesselt die Männerhorde. Auf jeden Fall gibt es kein Happy End für die Frau.

In Klangschichten schwelgen und leuchtende Details

Es hat in Köln schon etwas Mantra-mäßiges, Roth und seine Arbeit mit dem Gürzenich-Orchester zu loben. Aber was sollen wir machen? Wie das Gürzenich-Orchester unter seiner Leitung in den komplex überlagerten Klangschichten schwelgt und Details zum Leuchten bringt ist sensationell! Daher kein Wunder, dass die Kölner Philharmonie schon bei seinem Auftritt nach der Pause in Jubel ausbricht. Und die im Schlussapplaus aufstehende Orchestermusiker lassen das Publikum aus den Sesseln aufspringen und johlen. Es hört gar nicht mehr auf, so wie der erste Einsatz des Orchesters gleich zu Anfang.

Dramatisches Spiel auf der Chorempore

Der blies einem wie ein mittlerer Orkan ins Gesicht. Flöten klingen in den schrill pfeifenden Registern durch. Da auch mal Schlieren von den Hörnern. Aber die Wucht steht. Und da springen schon drei Türen zu den Rängen hinter dem Podium auf, grelles Licht blendet und bedrohliche Menschensilhouetten erscheinen. Regisseur Calixto Bieito zeigt, dass sich die Sitzreihen hinter dem Podium bestens als Bühne für ein reduziertes, aber deutlich dramatisches Spiel eignen. Zeitlich verschobene Szenen gleichzeitig links und rechts in den Sesseln. Pointiert durch Lichtnuancen, Lichtfluten bis -gewitter. Das ganze ist dem Titel nach ja auch martialisch.

Die Story ist bekannt

Die Solisten treten also nicht von ungefähr immer mal wieder schematisch, marschartig auf der Chorempore auf der Stelle. Oder klopfen mit Löffeln gegen ihren Helm. Viele Männer, Soldaten, dazu eine Handvoll Frauen. Die Story ist altbekannt: harmlos unbedarftes Mädel lässt sich gutgläubig beeinflussen, wird reingelegt und landet entehrt in der Gosse. Heute würde ihre Gutgläubigkeit im Drogenmilieu oder mit einem Schuldenberg enden.

Wie Männer fies sein können

Marie heißt das Opfer oder „dummes Keuchel“. Emily Hindrichs aus dem Kölner Ensemble wird diesem Opfer in allen Nuancen gerecht. Vor allem bewältigt sie das von Zimmermann erfundene unmögliche Stimmfach des dramatischen Koloratursoprans und fügt jeden melodischen Zacken noch in eine Phrase. Ebenso Bariton Nikolay Borchev als ihr Verlobter Stolzius, den die Mutter (Alexandra Ionis widerlich auftrumpfend) tyrannisiert und ihm die Liebesbriefe Maries vorenthält, damit er sie nicht beantworten kann. Ausgerechnet die dem Sohn die Liebe nicht gönnende Mutter sympathisiert dann mit der geilen Soldateska. Wenn sie mit ihren Ledergürteln Sadomaso-Peitschen schwingen, hebt sie antreibend die Faust. Stolzius wird dann ihr Prügelknabe und in der Kaffeehausszene von den Soldaten missbraucht, was Bieito in slow motion an der Choremporen-Rampe zeigt. Wie Männer fies sein können, das hat er ziemlich genau studiert.

„Weil der Mensch nicht denkt!”

Stolzius muss dann erleben, wie seine Braut vom adligen Desportes (mit typischem Tenortimbre absolut wortverständlich in seiner Fies-Rolle Martin Koch) verführt wird. Wenn beide sexen, lässt Zimmermann sie nur in Vokallauten singen. Später liefert Desportes die Unstandesgemäße den Soldaten aus und gibt sie der Schande preis. Dem Vater, Tómas Tómasson, ein souverän-autoritär, basslastig grundierter Vater, hat das Einfühlungsvermögen gefehlt, um Marie zu erreichen und vor dem Schicksal zu bewahren. Kismara Pezzati als Maries Oma erlebt also noch einmal, was sie einst selbst durchmachen musste, und kommentiert in gutturalen Mezzofarben am Rande des Wahnsinns an ihren Haaren zwirbelnd. Noch Oliver Zwarg als Feldprediger und John Heuzenroeder als abgedrifteter und philosophierender Prizel seien erwähnt. Das alles kommt doch nur so, „weil der Mensch nicht denkt!“, behauptet Prizel. Aber eine wirkliche Antwort gibt es nicht auf die von Zimmermann/ Lenz gegen Ende gestellte Frage.

„Warum müssen die Unschuldigen leiden und dürfen die Schuldigen fröhlich sein?“

Wenigstens bringt Stolzius Desportes um, auch wenn er mit ihm stirbt – wenigsten ein bisschen Gerechtigkeit. Marie bettelt bei ihrem Vater um Brot, weil sie seit drei Tagen nicht gegessen hat. Der Vater erkennt sie nicht und verweigert sich. Er singt aus der Reihe der mit Helm stehenden Männer, während Marie, ebenfalls mit Helm vorne steht. Sie beschmiert ihr Double mit Blut. Zum Schluss trotten alle im Gleichschritt gleichgültig über das Ende hinweg. Ein empörendes Ende, das aufrührt, ins Herz stößt. Aber genau so ist es, wenn die Gesellschaft sich den Schwächeren versagt und das Recht des Stärkeren sich nimmt, was es zum Amüsement begehrt …

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