Eric Jurenas und Michael McCown

Brillante Spaßszenen im Breughelland – der Untergangsprophet als Narr richtet in Barkhatovs Frankfurter „Grand Macabre“ da wenig aus!

In eingeblendeten Fernsehnachrichten aus aller Welt wird vor dem Einschlag eines riesigen Kometen gewarnt. Der Vorhang hebt sich und das Publikum lacht. Denn auf der Bühne ist eine Karambolage auf einer Autobahnauffahrt ins Bild gesetzt. Auf der Flucht und ausgebremst. Grell gelbes „Yellow Cab“ vorne, silbernes Coupé daneben, ein Wohnmobil hinten, und weitere Karossen ineinander verkeilt. Oben auf der Brückenüberführung hängt sogar ein originaler Polizeiwagen in der Leitplanke! Großartig gemacht von Bühnenbildner Zinovy Margolin. Die Einleitungstoccata von György Ligeti zu seinem „Grand Macabre“ hat ihr Bild. Denn ein wildes Hupkonzert hat Ligeti da hinein komponiert. Vasily Barkhatov verordnet dem Weltuntergangspektakel im fiktionalen Breughelland das Hier und Jetzt. Ob das in allem so aufgeht? (Von Sabine Weber)

(5. November 2023, Oper Frankfurt) Wie in US-amerikanischen Filmen steht auf den Ausfallstraßen alles still. Und zwischen den bereits gestikulierenden Fahrern schälen sich die Akteure aus den Karossen. Piet vom Fass, ein Säufer im Vollrausch, ein Liebespaar, Amando und Amanda. Und schließlich Nekrotzar aus seinem schwarzen Leichenwagen, ein kleiner Bestatter im schwarzen Anzug, der erst mal manisch am Wagen poliert. Später rutscht da auch der schwarze Sarg aus der Heckklappe, in dem das Liebespaar den Weltuntergang verschmusen will. Die Weltvernichtung ist Nekrotzars Sache, der sich als deren Advokat mit wüst-düsteren Prophezeiungen aufspielt. Oder ist er wirklich der Sensenmann, der auf dem Nachrichtenbildschirm eine Party ankündigt? Von Anfang an trägt er hier eine Narrenkappe, die er sich auch noch selbst überzieht. Er endet als traurige Gestalt.

Simon Neal als Nekrotzar
Simon Neal (Nekrotzar). Foto: Barbara Aumüller

Vasily Barkhatov hat in Frankfurt in der letzten Spielzeit (dafür von der Opernwelt zum Haus des Jahres gekürt) mit Tschaikowskys Zauberin mitgepunktet. In seiner neuen Grand Macabre-Inszenierung will er „die Figuren auf realistische Weise erzählen“, wie er im Programmheft erzählt. Und Menschen-Typen in Szene zu setzen, versteht er grandios. Nekrotzar ist im Schauspiel La Balade du Grand Macabre des Belgiers Michel de Ghelderode, das während Hitlers Aufstieg entsteht und von Alfred Jarrys Groteskem Theater beeinflusst ist, der „Grand Macabre“. Und – ganz klar – der Sensenmann! Für Ligeti, der den Stoff zusammen mit Michael Meschke 1978 für die Stockholmer Oper als Libretto aufbereitet, eher eine Reaktion auf die atomare Bedrohung des Kalten Krieges. Und er lässt offen, ob der Macabre der Sensenmann ist oder nur ein Hochstapler. Auf jeden Fall wird ihm am Ende der Stachel der Bedrohung gezogen. Der Weltuntergang findet nämlich nicht statt.

Ein Kleinbürger ohne Fallhöhe

In Barkhatovs Inszenierung geht ihm aber alles Bedrohliche ab. Er ist ein Mensch, ein Kleinbürger, ohne Fallhöhe. Und so fehlt in dieser insgesamt bildgewaltigen Inszenierung so ein bisschen das Drama, die Angst, das Unbehagen, wie es in der Musik bei aller Travestie und Comic-Attitüde sehr wohl in den typisch Ligetischen Atmosphärenflächen zu spüren ist. Oder wenn sich die Partitur mit höchstem Piccolo und tiefstem Bass gefährlich spreizt.

Der Weltuntergang bleibt Spiel und Behauptung

Der Untergang selbst bleibt Spiel und Behauptung am Rande der Show. Die gelingt allerdings großartig und unterhält das Publikum, das mehrmals zum Schmunzeln hingerissen wird. Beim Ehedrama von Mescalina, mit Mezzo Claire Barnett-Jones und Charakterbariton Alfred Reiter als Astradamors beispielsweise im Inneren eines Wohnmobils. Für das zweite Bild ist es aus der Karambolage nach vorn gerückt.

So etwas kann Barkhatov

Schon das ist ein genialer Inszenierungkniff. Der Umbau passiert hinter geschlossenem Vorhang zu einem instrumentalen Intermezzo und dann herrlich gurgelnd duettierendem Liebespaar (Elisabeth Reiter und Karolina Makula aus dem Ensemble), das in einem stroboskopisch erleuchteten Glassarg von rechts nach links vor dem schwarzen Vorhang geschoben wird. So etwas kann Barkhatov. Wenn das lesbische, zumindest bisexuelle Liebespaar im Finale fürs Happy End unter Rosenbogen heiratet, darf es noch einmal eine der schönsten Nummern geben, quasi ein finales Rosenkavaliersduett, sanft und verträumt. Ligeti spielt im Macabre immer wieder mit Allusionen aus der Musikgeschichte. Natürlich werden auch die leeren Quinten der Danse macabre von Camille Saent-Saëns in der himmlischen Bühnenmusik von einem Geiger angespielt.

Im Wohnmobil
Simon Neal (Nekrotzar; am Steuer sitzend), Kinderstatist der Oper Frankfurt (darüber), Anna Nekhames (Venus), Peter Marsh (Piet vom Fass), Claire Barnett-Jones (Mescalina) und Alfred Reiter (Astradamors). Foto: Barbara Aumüller
Großartiges Regie-Handwerk

Zurück zur originale Sadomasoszene, in der Mescalina ihren langweiligen Mann auspeitscht. Die animiert Barkhatvo mit grob pixeligen Bildern im Stil eines Computerspiels der 1980er Jahre (Video: Ruth Stoffer und Tabea Rothfuchs). Das ist handwerklich großartig gemacht. Claire Barnett-Jones und Charakterbariton Alfred Reiter in Gummistiefeln und Daunenweste arbeiten sich da hörbar zur Belustigung des Publikums ab. Bis Mescalina ein herzzerreißendes Lamento anstimmt, weil Astradamors sie verlässt. Peter Marsh als Piet vom Fass, aus dem Ensemble besetzt wie das Liebespaar) springt in Schießerunterhose und Bademantel auf den Autos herum und schiebt später die Leiche aus dem Sarg auf der Schubkarre als Running Gag durch die Bilder.

Fantasievolle Kostüme

Preisverdächtig fantasievoll sind die Kostüme von Olga Shaishmelashvili im dritten Bild nach der Pause. Eine Sommernachtstraumgesellschaft mit bunten Tierköpfen, ägyptischen Kronen, goldenen oder schwarzen Plisséröcken sowohl für Männer wie Frauen, Kaiser Bocassa und anderen, macht Fürst Go-Go (Countertenor Eric Jurenas) in karmesinrot

Eric Jurenas als Fürst Go-Go
Eric Jurenas (Fürst Go-Go) und Ensemble. Foto: Barbara Aumüller

mit rotem Louis-Quatorze-Federhut unter wüsten Beschimpfungen vom schwarzen und weißen Minister (Michael McCown und Iain MacNeil) die Aufwartung. Ein Cembalo steht auf der Bühne, begleitet Go-Go und sorgt für barocke Klangfarben. Eine Passacaglia stapft übrigens im Partytumult auch mal durch den Bass, wie das Lamento eine originär barocke Erfindung. Fürst Go-Go übernimmt aber dann die Regie als DJ und Turntable-Spieler und lässt die Platte hängen, was zu einem kollektiven Stottern wird. Sehr witzig. Im Hintergrund läuft der Weltuntergangs-Countdown in gigantischer Digitalanzeige weiter.

Es gibt in diesem Bild übrigens schon ein bisschen Herrschaftskritik. „Die Verfassung steht nur auf dem Papier“! Oder Parolen fallen wie „nie wieder Krieg“. Das Volk übt auch kurz einen Aufstand. Und der Polizeichef der Gepopo, eine verbale Anspielung auf die Gestapo, erteilt durch Anna Nekhames mit Spitzentönen und halsbrecherischen Koloraturen in sich schon absurde Überwachungsbefehle.

Anna Nekhames als Chef der Gepopo. Foto: Barbara Aumüller

Sie ist übrigens die Leiche auf der Schubkarre und erinnert mit aufgesetztem Strahlenkranz fast an Brigitte Helm aus Metropolis. Piet vom Fass versucht sie zwei Mal durch Schüsse wieder zur Leiche zu machen. Widerstand? Solche „politischen“ Töne verhallen in Frankfurt an der Oberfläche. Last but not least füllt Simon Neal als Nekrotzar seine traurige Rolle bis zuletzt spielerisch wie in der Regie angelegt aus. Er hat dann aber doch noch ein bisschen menschliche Fallhöhe. Im Finale sitzt er ausgegrenzt allein an der Bartheke.

Wie steht es um Ligetis Oper heute?

Aber war am Ende doch ein bisschen viel reduntanter Leerlauf? Hat sich Ligetis Grand Macabre für heutige Verhältnisse überlebt? Liegeti selbst hat diese Oper im Rückblick einmal als großen Irrtum bezeichnet. Auch wenn er mit seiner Musik die Charaktere wirklich großartig zeichnet, und seine Stimmbehandlung einige Male herrlich bizarr übertreibt, normale Stimmumfänge überschreiten lässt, nahe am Sprechgesang und Comicartig mit Lauten und Silben singen lässt. Die komischen bis grotesken Überraschungen im Orchester überraschen zwar nicht mehr wirklich. Auch wenn Hupkonzerte, Sireneneinlagen und Klingelkonzert hörbar amüsieren und  den Musikern des Frankfurter Museumsorchesters unter ihrem neuen GMD Thomas Guggeis hörbar Spielfreude bescheren.

„Als politisches Stück gegen falsche Propheten“, wie Ligeti sein Stück verstanden wissen wollte, taugt es in der Frankfurter Lesart weniger, begeistert aber restlos. Die Solisten, der Chor, der immer wieder aus dem Off Einwürfe hatte, die Orchestermusiker, die mit Guggeis auf die Bühne kommen, werden frenetisch beklatscht. Und natürlich das Regie-Team um Barkhatov mit seinem wild aufgegeltem Blondschopf. Vielleicht gibt es den politischen Tiefgang demnächst in einer neuen Gesprächsreihe, die die Frankfurter Oper neu auflegt. „(Michel) Friedman in der Oper“ will Werke des Spielplans im Dialog mit Persönlichkeiten aus der Kultur und Politik diskutieren. Am 28.11. wird als erstes über den Grand Macabre diskutiert!

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