Dallapiccolas „Ulisse” in Frankfurt. Ein musikalischer Diskurs über die Selbstfindung

Gleich die zweite Aufführung der Oper in einem Prolog und zwei Akten „Ulisse“ (1968) von Luigi Dallapiccola (Inszenierung: Tatjana Gürbaca im kongenialem Bühnenbild von Klaus Grünberg) musste aus Corona-Erkrankungsgründen abgesagt werden! Die Folgeaufführung, wieder eine Woche später, konnte dann Gott sei Dank stattfinden, weil für die Rolle der Kirke und der Nebenrolle der Melantho Annette Schönmüller für die erkrankte Katharina Magiera einsprang. Heißt, mal eben in fünf Tagen Klausur eine neue Partie einstudieren! Schönmüller sang dann die Vorstellung mit Partitur von der Seite, während Regieassistentin Aleena Mokiievets die Szenen spielte. Was für ein Glück, den Beziehungen eines guten Hauses natürlich zu verdanken, das es zu Sängerinnen Kontakte hat und sie für eine solche Anstrengung – denn wer kennt schon so selten gesungene Partien? – gewinnen kann. Die Gesangspartien scheinen noch elaborierter als die in den „Teufeln von Loudun“, der letzten erlebten 68er Oper dieses Monats. In „Ulisse” geht es allerdings weniger um Skandale als um einen einsamen Ausgestoßenen, der auf der Suche nach sich selbst ist. (Von Sabine Weber)

Iain MacNeil (Odysseus). Foto Barbara Aumüller

(7. Juli 2022, Oper Frankfurt)

„…mich faszinierte die Begegnung des Odysseus mit den Toten, das Treffen mit Nausikaa, mit dem einäugigen Kyklopen, das Entscheidende für mich war, dass Odysseus trotz aller Mühen, aller Verführungen, aller Umwege und Gefahren, nie das Ziel aus den Augen verlor: Ithaka! Gewiss, in Ithaka lebten seine Frau Penelope und sein Sohn Telemachos, was schon genug gewesen wäre, aber vornehmlich schien von ihm selbst ein wesentlicher Teil dort zu sein, der die Erinnerung und Sehnsucht gleichermaßen so stark bestimmte, dass er auf dieser Insel sich am nächsten wart. Bei sich selbst zu sein, das war in diesen wirren Jahren der Pubertät mein größter Traum und Odysseus mein kraftspendendes Beispiel.“

Das schreibt Hans Neuenfels in seinem posthum dieses Jahr erschienen autobiografischen Buch Fast nackt – letzte Texte (Eisele Verlag). Besser ist Luigi Dallapiccolas Interesse an der mythologischen Figur des Ulisse gar nicht zu umschreiben. Für den Komponisten ist das auch ein Fazit seines eigenen Lebens. Ulisse sein letztes Musiktheater. Ulisse ein Einsamer, Ausgestoßener, vielleicht sogar ein Borderliner, der erstmal nur beobachtet und in den imaginären Spiegeln der Ereignisse sich selbst sucht. „Erst schauen, dann erleben, dann wieder schauen!“ So oder ähnlich lautet ein immer wiederkehrender Satz in Dallapiccolas Libretto, das er aus zahlreichen literarischen Schichten, von Joyce bis Dantes (Unterweltsszene!) selbst verfasst hat.

Ulisse – der Suchende

Iain MacNeil (Odysseus) und Dmitry Egorov (Telemachos; mit Bogen) sowie Chor der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller

Für den Suchenden hätte es auch stimmlich keinen idealeren Darsteller als Iain MacNeil geben können. Mit gewachsenem Alt-68er Pferdeschwanz machen ihn die Umstände auch gleich mal nackt. Nachdem der Chor mit Statisten die aus Pfeilern und Dachkonstruktion angedeutete antike Ausgrabungsstätte bevölkert haben (Bühne Klaus Grünberg) und eine Dame mit Putzeimer ihn am Boden liegend wie rituell säubert.

Iain MacNeil (Odysseus; in der Bildmitte) und Yves Saelens (Teiresias; mit Blumenkette) sowie Ensemble. Foto: Barbara Aumüller

Tatjana Gürbaca setzt die Chormassen – wegen Corona reduziert, aber völlig ausreichend besetzt – dem Individuum als Masse entgegen. Sie kommt bedrohlich von der Seite, wirft sich über Ulisse oder wird in der tumultuösen Freierszene zum frozen-Standbild, in dem sich Ulisse mal kurz orientiert. Seine Gefährten in Rennfahrer-Rot mit Motorradhelm rudern ihn durch die Gefahren, Kyklopen oder Skylla und Charybdis gibt es hier allerdings nicht. Dafür die Geliebte Nausikaa mit Sarah Aristidou, die ihre sphärisch hohen Koloraturen gestochen scharf setzt, auch wenn sie über Szenen hinweg wartend an einer Säule steht. Kirke mit Annette Schönmüllers Stimme und Aleena Mokiievets als 20er Jahre Glitterdame mit Kopf-Käppchen und Schlitzkleid. Sie versucht begehrlich, Ulisse in ihrem nur durch Vorhänge mit orientalistischen Mustern angedeuteten Etablissement zu halten. Die Freier in Ithaka sind von Kostümbildnerin Silke Willrett unaufdringlich heutig, aber mit grotesken Riesenperücken und grellfarbenen Suspensorien über Anzughose, dennoch ausgestellt. Danylo Matviienko, Jaeil Kim, Sebastian Geyer zeigen dann auch mal Fleisch unter geöffnetem Jackett.

Dallapiccolas einzigartige 12Tönigkeit

Dallapiccolas Musik ist irgendwie mit nichts zu vergleichen. Ungeheuer dicht und durchgängig 12tönig mit immer wiederkehrenden Motiven, emotional fordernd, präsentiert sie das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Francesco Lanzillotta. Nach fast zwei Stunden – die Oper wird ohne Pause durchgespielt – ist man angestrengt, aber dennoch immer noch hell wach dabei. Wie geht der Diskurs wohl aus, den Dallapiccola für die Uraufführung an der Deutschen Oper, Berlin, ins Deutsche übersetzten ließ und auch sehr sprachverständlich vertont hat?

Ulisse findet sich in seinem letzten großen Monolog, erklärt sich, wobei er offen lässt, ob er mit Hilfe der Götter oder des Meeres  seinen Frieden gefunden hat. Die Freier sind – ohne Gemetzel – verjagt. Penelope (Juanita Lascarro, die auch die Rolle der Kalypso singt) hat ihn mit seinem Namen gerufen. Ein magischer Moment, in dem nur die Becken aus dem Graben geschlagen tönen. Danach steht man gebannt noch lange vor dem Haus. Das hochanspruchsvolle Libretto würde man gern noch einmal nachlesen, aber auch die Musik, nein, das Ganze am liebsten noch einmal erleben. Ein musikalisch absolut gelungener Diskurs über die Selbstfindung macht eine Art Frankfurter Schule …

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