Gürzenich-Orchester erhöht trotz oder wegen Corona die Schlagzahl im Saison-Finale!

Das Gürzenich-Orchester erhöht die Konzert-Schlagzahl. Es kümmert sich um seine Abonnenten nach der Corona-Öffnung. Sie mussten sich allerdings zwischen vier Kurz-Konzerten – ohne Pause – entscheiden. Über die letzten beiden, beziehungsweise das letzte der beiden hat klassikfavori berichtet.
Jetzt gab es wieder zwei unter der Leitung von François-Xavier Roth. Eines mit Bläser-Fokus und eines für Streicher! (Von Sabine Weber)


(21. Juni 2020, Kölner Philharmonie) Wobei das nicht ganz richtig ist. Denn im zweiten Streicher-Fokus-Konzert gab es erst einmal Octandre für acht Instrumente von Edgar Varèse. Ein ideales Corona-Stück, weil die acht Instrumentalisten im weiten Halbkreis mit Distanz auf dem Podium der Philharmonie standen. Allerdings handelte es sich neben dem Kontrabassisten um sieben Bläser. Wahrscheinlich hatte man deshalb François-Xavier Roth am Dirigentenpult mit zwei Plexiglaswänden geschützt. Interessanter Weise musste die Querflöstistin nicht in einen Plexiglaskäfig wie noch Flötist Michael Faust beim letzten Konzert des WDR Sinfonieorchesters. Wer weiß in Corona-Zeiten schon was richtig ist. Für Octandre waren auch vier junge Musiker der Orchester-Akademie des Gürzenich-Orchesters im Einsatz. Und der war heftig! Auch wenn die Oboe solistisch den Prolog sprechen durfte. Es blies dann aber schnell atonal spielerisch durch das Rund. Abteilung rechts schien mit Abteilung links zu kommunizieren. Auch mal in gewaltigen Blöcken. Immer wieder neu formieren sich die Teilnehmer in der geballten Rede. Übrigens leitet sich Octandre nicht von acht oder Oktett, sondern von einer Blume ab. Ein Octandrus hat immerhin acht Staubblätter
Ich würde mal sagen, alle acht Staubblätter waren nach dieser wunderbaren Zusammenaktion und einem Animé et jubilatoire, dem letzten Satz, herrlich befruchtet.

28 Streicher füllen das Konzertrund – und was für Klänge und Sounds

Und dann kam die geballte Streicherladung mit Bohuslav Martinůs Konzert für zwei Streicherorchester, Klavier und Pauken. Wie voll das Streicherkollektiv um Klavier- und Pauke ganz hinten den Saal geflutet hat. Auch hier Kommunikation und erstaunlich redundant. Kleinste Motive werden sich um die Ohren gehauen, immer wieder. Es klingt oft Bartokmäßig nach Ganztonreihen. Und doch ist der Klang nicht ganz so rau. Paulo Alvarez am Klavier hat solistische Partien zu meistern. Die Pauke wirbelt auch zwischen durch. Dieses Werk hat Martinů im Auftrag von Paul Sacher in Basel sozusagen am Beginn des 2. Weltkrieges komponiert. Und die Raserei scheint der Vorahnung geschuldet zu sein. Aber was für Klänge und Sounds.

Für das Adagietto-Finale im Konzert des Gürzenich-Orchesters kommt noch eine Harfe aufs Podium.
Im Adagietto mit Harfe. Foto: Lowres

Immerhin 30 Musiker, also 28 Streicher füllen das Konzertrund. Und im Adagietto von Mahler tönte das Orchester – jetzt um die Harfe verstärkt – so innig seinem Publikum entgegen, dass man meinen konnte, diese Wirkung sei der Martinů-Wilderei zu verdanken, die jetzt besänftigt werden müsse. Und wie schön ist es, das Adagietto mal so pur im Konzert zu hören. Mahler groß geht ja vorerst nicht. Und weil einige Streicher im Aufstrich wegtröpfelten, spielten sie den fehlenden Abstrich in der Luft, was zu hören war. Ja, als ein absolutes Verstummen mit magischer Wirkung. Eigentlich bekommen einem die Kompaktkonzerte ganz gut, wenn sie denn so spannend konfiguriert werden wie an diesem Abend. Die Fête de la Musique wurde ja auch mitgefeiert, ein Tag für die Musik, wo privat bis professionell aufgefordert wird, Musik zu machen, wo immer sie sich befinden.

Kommenden Sonntag beendet Daniel Harding die Gürzenich-Orchester-Corona-Saison

Und das Gürzenich-Orchester schlägt kommenden Sonntag noch einmal zu. Mit einem Highlight wird die Saison beendet. Erstmals wird Daniel Harding das Gürzenich-Orchester leiten. Und die Drei Sätze aus der Lyrischen Suite von Alban Berg im Streicherarrangement. Dazu Lieder und Serenaden von Benjamin Britten für Tenor und Instrumente. Andrew Staples erhebt die Stimme in den Gesangspartien, die Britten für seinen Lebensgefährten Peter Pears geschrieben hat. Der Solohornist des WDR Sinfonieorchesters, Přemysl Vojta, rundet den Abend als Gast in Brittens Serenade für Tenor, Horn und Streicher ab.

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