Das Gürzenich-Orchester „first“ in der Kölner Philharmonie!

Wie schön, wieder in der Kölner Philharmonie zu sein! Und Gürzenich first! Nach dem Lockdown steht das erste Konzert dem städtischen Orchester in ihrer Konzertheimat irgendwie auch zu. Am 9. März hat sich das Gürzenich-Orchester das letzte Mal hier seinem Publikum präsentiert. 90 Tage später – eröffnet das Gürzenich sogar landesweit als erstes Orchester den Sinfoniebetrieb. (Siehe erstes Konzert in München nach Coronalockdown) Freilich in Kammerensemblebesetzung, vor nur 100 Zuschauern und unter Hygienebedingungen der besonderen Art. (Von Sabine Weber)

(30. Mai 2020, Kölner Philharmonie) Die Karten sind unmittelbar vor dem Konzert verlost, die „Gewinner“ erst Freitag vor dem Samstag-Konzert informiert worden. Man musste wohl auch für Gürzenich first noch die Absegnung eines Hygienekonzepts abwarten. Der Einlass dann wie wir das derzeit gewohnt sind. Erst Kontrollzettel ausfüllen, ausgehändigt von Nasenschutz- und Plexiglasvisier-bewehrten Gesichtern. Einlass begleitet von ebenso vermummten blauen Engeln. Treppe runter, dann am ersten roten Strich anhalten und auf Zuwinken zum nächsten roten Streifen vortreten. Die Sitzreihen werden mit je drei freien Zwischensitzen gefüllt. Wer sitzt, nimmt die Maske ab und atmet durch. Das Publikum ist geduldig und zu allem bereit, um wieder in seinen geliebten Konzertsaal zu dürfen.

Mit 22 Musikern ist das Gürzenich-Orchester heute komplett. Es sind sechs ‘atmungsaktive’ Bläser dabei

Natürlich sitzen die zugelassenen knapp 100 Zuhörer und Zuschauer schon eine Viertelstunde vor Beginn parat. Die Finalfanfare aus Schumanns Rheinischer, das ultimative Lautsprechersignal hören alle aus dem Saal. Und scheinen es zu genießen. Jede Minute wieder hier sitzen zu dürfen, unter der riesigen Sonne des Kölner Philharmoniehimmels, das zählt. Nichts von einem „dystopischen Gefühl“ nur weil so viele Sessel leer bleiben. Herumschauen! Bald jeden meinen zu kennen und sich zu einer Glücksgemeinschaft zählen, die hier ein live-Konzert erleben darf. Und wie ein Musiker nach dem anderen mit Mundschutz aufs Podium kommt und seinen Platz einnimmt, ist schon eine bemerkenswerte Choreographie. Die hohen Streicher stehen. Mit 22 Musikern – die Konzertmeisterin bekommt bei ihrem Auftritt einen Extra-Applaus – ist das Orchester komplett. Immerhin sechs „atmungsaktive Bläser“ sitzen im Hintergrund. Zwei Flöten, zwei Hörner und zwei Oboen. Sie werden für Wolfgang Amadeus Mozarts erstes Flötenkonzert gebraucht. Und dann tritt Alka Velkaverh-Roskams, Soloflötistin im Gürzenich, gefolgt von François-Xavier Roth vors Orchester. Selbstverständlich auch mit Mundschutz. Der wird erst am Platz abgenommen. Schon ist man drin in der Musik.

Das Klatschen will gar nicht aufhören

Gürzenich-Orchester first in der Kölner Philharmonie nach dem Coronalockdown. Die Soloflötistin Alka Velkaverh-Roskams spielt Mozarts 1. Flötenkonzert
Die Soloflötistin Alka Velkaverh-Roskams. Foto: Holger Talinski

Velkaverh-Roskams artikuliert deutlich und phrasiert lebendig, ja sie spricht auf ihrer Flöte. Alles ohne Manirieren mit klar schlankem Ton, und sensibel begleitet unter der Anleitung von François-Xavier Roth. Er ist ja selbst ausgebildeter Flötist. Und er freut sich über ‘seine Soloflötistin’ und was sie hier macht. Für ihn ist es spürbar ein Genuss, mit ‘seinem Repertoire’ in das Konzertleben wieder einzusteigen. Mit Erfolg. Das Klatschen der Einhundert will gar nicht aufhören.

„Es ist etwas Besonderes heute. Wir haben Euch so vermisst!“ – François-Xavier Roth

 

Gürzenich-Orchester first in der Kölner Philharmonie. Fraçois-Xavier Roth vergisst nicht, sein Publikum mit Mikrofon persönlich zu begrüßen.
François-Xavier Roth als Converencier. Foto: Holger Talinski

Nach der Pause dann das Divertimento von Béla Bartók in Streicherbesetzung. Mit dem letzten Satz, einem Menuett, hat Mozarts Flötenkonzert ja schon etwas Divertimento-ähnliches vorgelegt und eine Brücke gebaut. François-Xavier Roth nutzt die Umbaupause und greift zum Mikrofon, um sein Publikum wie immer mit französischem Charme zu begrüßen. „Es ist etwas Besonderes heute. Wir haben Euch vermisst!“ Applaus. Als Kapellmeister und für die Musiker sei es frustrierend gewesen, dass sie nicht realisieren konnten, was sie gern hätten. Aber sie seien zurück auf dem Podium und beim Publikum und dürften ein Konzert teilen! Das Programm des Abends sei insgesamt eine Reverenz an die Zeitumstände. Großes Orchester gehe aus Abstandsgründen nicht. Also kümmere man sich jetzt mal um die Bläserkonzerte von Mozart, und die eigenen „Solisten“. Am Morgen sind bereits alle Bläserkonzerte als Zyklus aufgenommen worden. Und Mozarts Harfen/ Flötenkonzert dazu. Jetzt könne sich mal mit verschiedenen Orchestergruppen beschäftigt werden.  Daher das Streicher-Divertimento. Und es passt doch in die Umstände. Bartók wollte damals durch die Unterhaltungsform des Divertimentos durchaus auf  die problematischen Zeitumstände hinweisen. Im August 1939 – Entstehungszeit – habe die Furcht vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in der Luft gelegen. Bartók wollte ihr musikalischen Ausdruck verliehen. Es gäbe aber auch Momente der Hoffnung! Soweit Conferencier Roth.

Bedrohliche Phasen bauen sich im typischen Bartóksound auf

Die 22 Gürzenich-Streicher mit sechs ersten und sechs zweiten Violinen, jeweils vier Celli und Bratschen und zwei Kontrabässen, fluten unter seiner Leitung die Philharmonie ziemlich satt. Immer wieder Solostellen für die Konzertmeisterin oder das Solistenquartett lässt grotesk eine Divertimento-Idee aufleben. So auch eine Pizzicatostelle im letzten Satz, wo Wienerische Geigenunart imitiert wird. Der mittlere Satz mit der lähmenden Fuge öffnet das größte imaginäre Spannungsfenster. Bedrohliche Phasen bauen sich im typischen Bartóksound auf. Dissonanzen reiben. Dann wieder beklemmende Ruhe. Und wieder Tanz. Bis es feurig ins Finale geht. Nicht ganz reibungsfrei, aber ausgelassen mit volkstänzerischer Verve.
Nur knappe 70 Minuten dauert das erste Konzert nach dem Coronalockdown. Die, die da sind, sind glücklich. Stehende Ovationen, die nicht aufhören wollen. Danach geregeltes Aus-der-Reihe-Schreiten und Abgehen. Die Kölner Philharmonie nimmt wieder Leben und Geschehen auf. Und das Gürzenich-Orchester first-Konzert ist im live-Stream wohl noch verfügbar!!!!

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