Hörner aus der Maschinenwelt. Erstes Konzert nach Coronalockdown in der Bayerischen Staatsoper

(Foto mit den Munich Opera Horns von Wilfried Hösl) Es war ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Abend: Nach elf Wochen ohne Oper und Konzert in München gelang es ausgerechnet der Bayerischen Staatsoper noch vor irgendwelchen anderen Konzertveranstaltern mit ihren „Munich Opera Horns“ erstmals wieder Livemusik mit Publikum anzubieten. Der Ort dafür war außergewöhnlich: die Unterbühne des Nationaltheaters mit ihren futuristisch anmutenden gewaltigen Winden, Zügen und Hubmechanismen, von denen man sich kaum genau vorstellen kann, wie sie funktionieren. (Von Klaus Kalchschmid)

(27. Mai 2020, Bayerische Staatsoper, München) Etwa 24 Menschen hatten das Glück, ein halbstündiges Konzert mit den „Munich Opera Horns“ des Bayerischen Staatsorchesters zu erleben. Einzeln wurde man von jeder Menge Personal mit Masken (auch selber trug man eine) über die Kassenhalle und das Probengebäude durch diverse Gänge des Nationaltheaters auf die Unterbühne geführt. Im Abstand von jeweils zweieinhalb Metern verteilte man die zwei Dutzend Hörer schließlich auf einer Empore, die um die riesige, quadratische Unterbühne läuft. Leuchtstoffröhren markierten den Platz, an dem man die Maske absetzen durfte und nun fast eine halbe Stunde den gewaltigen Raum auf sich wirken lassen konnte, bis auch der Letzte seinen Platz eingenommen hatte.

Die Unterbühne der Bayerischen Staatsoper. Foto: W. Hösl

In diesem spektakulären, mystisch beleuchteten Setting, das aussah wie der Bauch eines Kraftwerks oder entworfen für eine (Musik-)Theater-Version von Fritz Langs Film Metropolis, spielten die sieben Hornisten (Johannes Dengler, Pascal Deuber, Franz Draxinger, Rainer Schmitz, Maximilian Hochwimmer, Christian Loferer, Stefan Böhning) und zwei Hornistinnen (Milena Viotti, Casey Rippon). Akustisch ist der Raum mit vielfältig gebogenen oder verkanteten Metall- und Betonflächen zumindest für Blechbläser ideal, und als alle Neune die ersten Takte des Marschs aus Johannes Frederik Frøhlichs Jagdstykke op. 40 intonierten, war der Eindruck fast so überwältigend, wie wenn im verdunkelten Zuschauerraum des Bayreuther Festspielhauses der erste Akkord ertönt. Denn der Zauber, den es bedeutete, nach elf Wochen Zwangspause wieder live Musik zu hören, war auch ein sehr emotional gefärbter.
Für vier Hörner folgte das dreiteilige Born for Horn von Werner Pirchner (1940-2001) mit den launigen Titeln Kammerjäger, Einhorns lustige Reise und In die weite Welt hinein: eine Musik, die liebevoll spöttisch und sehr fein konzertant bis in die Gefilde des Jazz hinein wilderte und mit einer wunderbaren Mischung aus Eleganz und Lust am leicht Vulgären dargeboten wurde, bevor Casey Rippon und Christian Loferer mit zwei Alphörnern den andächtigen Tanzreigen von Urs Vierlinger intonierten. Richard Whilds verteilte das Solo und die Orchesterbegleitung des Rondos eines Mozart‘schen Hornkonzerts geschickt auf acht Hörner, die lebhaft zwischen Führung und Unterordnung wechselten, bevor noch einmal alle neun Hornisten und Hornistinnen Astor Piazzollas Libertango (eingerichtet von Sebastian Sager) zum Ereignis werden ließen. Da konnte man sich, den Blick auf die Decke gerichtet, ein wenig sehnsüchtig vorstellen, wie oben auf der „richtigen“ Bühne des Nationaltheaters ein Paar echten Tango tanzt.
In den folgenden Wochen werden jeweils um 18.30 Uhr und 20 Uhr weitere „Streifzüge am Mittwoch“ stattfinden, unter anderem im Ballettsaal, im Großen Chorprobensaal oder in den Werkstätten in Poing vor den Toren Münchens. Die wenigen Karten dafür verlost die Staatsoper jeweils am Montag davor um 10 Uhr über ihre Website www.staatsoper.de. Doch das ist noch nicht alles. Es wird zwar dieses Jahr keine Opern-Festspiele geben, wie überhaupt die reguläre Spielzeit offiziell für beendet erklärt wurde. Aber ab dem ersten Wochenende nach Pfingsten, also am 6. und 7. Juni, sollen auf der Bühne des Nationaltheaters Projekte und Probenbesuche folgen – ebenfalls für eine stark reduzierte Anzahl Besucher und nach Vorbild der Richtlinien für Museen und Gottesdienste.
Weitergeführt wird die seit März gepflegte Tradition der Montags-(Kammer-)Konzerte ohne Publikum auf der Bühne des Nationaltheaters. Derzeit sind noch Video-on-demand: das siebte (bis 3. Juni) und achte Konzert (bis 11. Juni ): Golda Schultz Lieder von Schubert und John Carter, der Flötisten Sergio Fundarò spielt zusammen mit Paolo Tabballione Fantasien und Mitglieder des Bayerischen Staatsballetts tanzen Ausschnitte aus Spartacus, Jewels, Dornröschen und Borderland . Am 1. Juni um 20.15 Uhr (ab 4. Juni dann Video-on-demand) singt Günter Groissböck mit Gerold Huber am Flügel Lieder von Tschaikowsky und Rachmaninow; außerdem tanzt das Bayerische Staatsballett aus Don Quixote.
Weiterhin gibt es 14-täglich wechselnd Mitschnitte von Produktionen der Bayerischen Staatsoper als Film: Ab 30. Juni bis 13. Juli (jeweils 12 Uhr) unter www.staatsoper.de Claudio Monteverdis L’Orfeo mit Christian Gerhaher in der Titelpartie.

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