Das Bayerische Staatsorchester beschließt im Nationaltheater die Saison 19/20; Am Wochenende zuvor: Pavol Breslik mit dem „Tagebuch eines Verschollenen“

Mit zwei Veranstaltungen beglückt die Bayerische Staatsoper, bevor sich das Haus in die vorgezogenen Theaterferien verabschiedet. Das Bayerische Staatsorchester beschließt im Nationaltheater die Saison 19/20 im letzten Montagskonzert unter Kirill Petrenko mit einer anspielungsreichen Programmierung. Mit dabei Jonas Kaufmann, der die Lieder eines fahrenden Gesellen von Mahler interpretiert. Eine Woche zuvor: Pavol Breslik in der Rolle des Verschollenen aus Janáčeks “Tagebuch”. (Von Klaus Kalchschmid)

Das Bayerische Staatsorchester beschließt im Nationaltheater unter GMD Kirill Petrenko die Saison. Jonas Kaufmann singt Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen.. Foto: Wilfried Hösl
Das Bayerische Staatsorchester im Nationaltheater strahlt unter seinem GMD Kirill Petrenko. Foto: Wilfried Hösl

(27. – 29. Juni 2020, Bayerisches Staatstheater, München) Gerade mal 100 Zuhörer (in Sachsen sind es immerhin 300) verteilten sich zum 13. und letzten Montagkonzert der Bayerischen Staatsoper in den Rängen des Nationaltheaters. Bis vor kurzem mussten diese wöchentlichen Abende ganz ohne Publikum auskommen und boten ausschließlich Lieder, Kammermusik und ein wenig Ballett für zuhause. Doch jetzt durfte Generalmusikdirektor Kirill Petrenko neben Schönbergs erster Kammersymphonie und den Liedern eines fahrenden Gesellen (Mahler/Schönberg) ein 33-köpfiges Orchester auf der Bühne dirigieren: mit Igor Strawinskys Pulcinella-Suite und Ausschnitten aus der Musik zu Moliéres Bürger als Edelmann von Richard Strauss. Beides ließ endlich ein wenig Theaterluft schnuppern, ist das eine doch Ballettmusik, das andere Schauspielmusik und darüber hinaus Teil der Urfassung des Vorspiels der Ariadne.

Glanz und farbige Durchsichtigkeit ist oberstes Gebot – wie fast immer bei Petrenko

Anspielungsreiche Programmierung ist das eine. Qualität und Raffinesse des Musizierens das andere. Letzteres ist bei diesem denkwürdigen Konzert vom Feinsten. Man hätte manchmal mittanzen wollen, soviel schwebend mal bodenständig Musikantisches entdeckt Petrenko in den Tarantellas, Gavotten und Menuetten, die Strawinsky 1920 zu Pergolesi und Strauss 1912 gar zu Jean-Baptiste Lully (1632-1687) zurückführten. Beide Komponisten spielen lustvoll mit der altertümlichen musikalischen Sprache, amalgamieren sie aber perfekt in die eigene Klangwelt. Vielfach dürfen die Mitglieder des Staatsorchesters ihre solistischen Qualitäten entfalten. Aber auch im Tutti ist feingeschliffener Glanz und farbige Durchsichtigkeit oberstes Gebot – wie fast immer bei Petrenko. Bei aller Raffinesse im Detail macht es allen Musikern, dem Dirigenten wie dem Publikum aber auch großen Spaß, immer mal wieder die Reißleine zu ziehen und auch schon mal gehörig aufzudrehen. Einmal mehr ist man baff erstaunt, welchen Sound ein 33-köpfiges Orchester entfalten kann.

Der hochgefahrene, von vier Reihen in den Zuschauerraum erweiterte Orchestergraben, wird ab dem 1. September für einige Zeit Standard für die Zuschauerplätze

Nicht minder gelungen ist die Aufführung der Kammersymphonie Nr. 1 E-dur von Arnold Schönberg, gespielt im hochgefahrenen und unter Ausbau von vier Reihen in den Zuschauerraum erweiterten Orchestergraben. Ab 1. September wird er für einige Zeit Standard aller Aufführungen der Bayerischen Staatsoper bleiben, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Das war bei den 15 Musikerinnen und Musikern – davon zwei Drittel Youngsters aus der Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters – kein Problem, erhöht sogar die Klarheit und Schönheit von Schönbergs kammermusikalischen Strukturen und ihren melodisch-harmonischen Verläufen ungemein.

Jonas Kaufmann, der mit seiner Otello-Aufnahme gerade für Furore gesorgt hat, findet in Mahlers Gesellenliedern einen fahl abgedunkelten verzweifelten Sehnsuchtston

Nur zehn Musiker sieht Arnold Schönbergs Bearbeitung des großen Orchesters von Gustav Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen vor: Neben solistischen Streichern, Flöte und Klarinette einen Flügel, Harmonium und zartes Schlagwerk. Ganz behutsam entfaltet Petrenko mit dem kaum je über Piano oder Mezzoforte hinausgehenden und viele Töne fahl abdunkelnden Jonas Kaufmann den verzweifelten Sehnsuchtston dieser Lieder. Sie bekommen mit ihm einen noch schwärzeren – oder besser grauen – Trauerrand. Damit war das der perfekte Kontrast zu der lebenszugewandt heiteren, ja oft frechen Musik von Strawinsky und Strauss. Ab Donnerstag, 2. Juli (12 Uhr) bis 1. August  ist dieses zweistündige Konzert übrigens on demand auf abrufbar. Also genau die vier Wochen, in der heuer eigentlich hätten Opernfestspiele stattfinden sollen.

Am Wochenende zuvor gibt Pavol Breslik Janáčeks Tagebuch eines Verschollenen
Pavol Breslik als Janáčeks Verschollener. Foto: Wilfried Hösl

Am Wochenende vor diesem Montagskonzert war der Münchner Publikumsliebling Pavol Breslik zweimal mit dem Tagebuch eines Verschollenen von Leoš Janáček zu erleben – wie schon 2015 in einem Festspiel-Kammerkonzert. Bereits damals hat der slowakische Tenor in der tschechischen Originalsprache gesungen. Jetzt steht er vor 2 x 50 Menschen, die auf der Bühne mit Blick in den leeren Zuschauerraum sitzen. Und ist in einer szenischen Version von Friederike Blum zu hören und zu sehen. Plastisch begleitet von Róbert Pechanec am Flügel, wie eben auch auf CD für das Münchner Label Orfeo, wo Breslik auch schon – mit Amir Katz am Flügel – Franz Schuberts Die schöne Müllerin und Winterreise sowie Mozart-Arien veröffentlicht hat.

Da kämpft ein junger Mann sichtbar mit seinen Dämonen in Herz, Hirn und – Unterleib, während er sich schmerz-, aber auch lustvoll erinnert

In dieser szenischen Fassung bekommt die Geschichte vom Bauernjungen Janičku, der sich in die Zigeunerin Seffka verliebt und

Breslik bekämpft als Verschollener auch sichtbar mit seinen Dämonen in Herz, Hirn und – Unterleib, während er sich schmerz-, aber auch lustvoll erinnert
Foto: Wilfried Hösl

dafür von zuhause wegläuft – mit ihr und dem kleinen Jungen, den sie ihm geboren hat – eine wunderbar konkrete Gestalt: Da kämpft ein junger Mann sichtbar mit seinen Dämonen in Herz, Hirn und – Unterleib, während er sich schmerz-, aber auch lustvoll daran erinnert, „wie alles begann“. Mal leuchtet der erotische (Sub-)Text deutlich im Vordergrund, mal schimmert er zart durch die Metaphorik des Textes. Ihn umkreisen oft nah am Sprechgesang angesiedelte, aber am Ende zu einem leuchtenden hohen C sich aufschwingende Gesangslinien oder eine eloquente, aber oft karge, scharfkantige Klavierstimme.

Besondere Lichteffekte aus der Königloge und ein Frauenterzett beglücken zudem im Bayerischen Nationaltheater

Bei der Erwähnung von Glühwürmchen schimmert plötzlich die Tür der Königsloge dank rotgolden gefasster, sanft sich wiegender Silberfäden intensiv und zaubert einen Hauch Naturstimmung in die gähnende Leere des Nationaltheaters. Sonst braucht es für diese 40 Minuten nur Tisch und Stuhl, einen Blumenstrauß und einen Topf mit Gras. An dessen Erde riecht Janičku anfangs als wäre es die Haut seiner Geliebten, die dann auch mal, warm sinnlich gesungen von Daria Poszek, zusammen mit einem Frauen-Terzett (Mirjam Mesak, Sarah Gilford, Noa Beinart) von weit oben im rot erleuchteten Schnürboden wie eine Vision zu hören ist.

Am Ende flieht der junge Mann und klettert über die Stuhlreihen des Parketts – in eine ungewisse Zukunft

Wenige kleine Gesten offenbaren auch später große Gefühle, etwa wenn ein weißes Tischtuch als Augenbinde oder Bettlaken dient, in das sich der verzweifelt mit seinen Empfindungen Ringende einwickelt. Dabei singt und spielt Breslik mit einer Intensität und Klarheit, manchmal auch Zartheit, dass man kaum der Übertitel bedürfte. Am Ende flieht der junge Mann in die Freiheit und klettert über die Stuhlreihen des Parketts – einer ungewissen Zukunft entgegen.
Die nächste Spielzeit ist nicht ganz ungewiss: Am 1. September eröffnet die  Bayerische Staatsoper mit der Uraufführung des Opernprojekts 7 Deaths of Maria Maria Callas von Marina Abramović und Marko Nikodijević, die eigentlich mit dem Staatsorchester unter Leitung von Yoel Gamzou und sieben Sängerinnen schon am 11. April hätte stattfinden sollen. Ab 7. August werden schriftliche Anfragen beantwortet, ab 18. August (10 Uhr) beginnt online der Direktverkauf für alle fünf Vorstellungen vom 1. bis 6. September.

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