Melaten und Torso – ein Friedhof und ein Konzert in Köln…

Was haben die Gräber auf Melaten mit einem Sinfoniekonzert in der Philharmonie gemein? Die Gestaltung von Erinnerung und eine Kunst des vergänglichen Moments? Beides lebt und rückt nahe durch Geschichten hinter Grab , Komposition oder Komponist. In dem neuen Buch „Mein Melaten – ein persönlicher Friedhofsführer“ (Greven Verlag Köln) von der ehemaligen Dombaumeisterin Schock-Werner mit Bildern von Nina Gschlößl, geht es um Geschichten von Kölner Menschen, die auf Melaten begraben liegen. Im Programmheft zum Gürzenich-Orchester-Konzert am Abend gibt es auch Grabesstimmung. Schuberts „Unvollendete“ sei ein „Grabesgesang“. Und Anton Bruckner musste kurz vor der Vollendung seiner Neunten begraben werden. Skizzen und Papiere des fast vollendeten vierten finalen Satzes seien von Brucknerfans angeblich wie eine Leiche gefleddert und entwendet worden. Die „Neunte”, dieses Konzert, dieser Abend – endet also mit einem Adagio … (Von Sabine Weber)

Zum Programmheft

(20. Juni 2022 Kölner Philharmonie) Also ein Grabesgesang! Weil das zweite Thema in der Unvollendeten von Schubert („Ida! wann kommste denn? wann kommste denn wann kommste wieder“ – diese Worte hat mein Klavierlehrer der Melodie des Themas beim Singen immer unterlegt) so plötzlich abreißt? Generalpause. Dann Schicksalsschläge. Von „unerlangtem Heil!“ künde die Sinfonie, wird weiter ausgeführt, weil Schubert angeblich schwul gewesen sei und das nicht hätte ausleben dürfen!  Deutungen, die uns dem Kunstwerk an diesem Abend nicht näher bringen, was vor allem an der ungewohnt indifferenten Interpretation François-Xavier Roths liegt. Auch wenn die Phrasen wie bei Roth gewohnt atmen. Der Klang des Gürzenich-Orchesters bleibt wenig differenziert, alles andere als transparent und ausgeglichen. Die Flöten spielen sogar eine synkopische Begleitung mal so laut, dass das pianissimo gestrichene Ida-Thema gefühlt überholt wird. Dieser Schubert rauscht irritierend vorbei…

Ganz anders das Cellokonzert von György Ligeti (1966) mit Solist Jean-Guihen Queyras. Da ist Klangexegese in nuce zu erleben, Tonentstehungsprozesse aus dem Nichts. Subtile Subsumierungen weiterer Instrumente in seinen ersten Celloton (im achtfachen Piano) lassen einen Unisono-Klang anwachsen. Wenn zu dem aufgeblühten Ton dann irgendwann ein zweiter kommt, der sogar reibt (Sekunde) ist das wie ein monumentales Ereignis. Es bauen sich bald auch die von Ligeti mit seinem Orchesterwerk Atmosphère bekannt gewordenen Liegti-Cluster auf – allerdings hier deutlich kleiner, weil kleiner besetzt. Queyras fokussiert und behauptet aber immer wieder das Leise, formt einen neuen Ton und beginnt von vorn. Das Orchester reagiert sofort. Spürt sich in die Dynamik des Solisten perfekt ein.

Jean-Guihen Queyras. Foto: Jean-Guihen Queyras

Es ist ein Spiel, dass die Sinne weit öffnet. Der zweite Satz liefert dann einen gewaltigen Kontrast. Er explodiert. Eine aufgeregte Konversation fegt, ausgelöst durch das Violoncello, mit zahlreichen Gesten durch das Orchester. Eine Phrase wird dann auch mal zwischen allen möglichen Orchesterinstrumenten aufgeteilt, was höchst virtuos gelingt. Der Solist bekommt sogar so etwas wie eine Kadenz. Allerdings eine „geflüsterte“, was mit zu dem Beinamen „Antikonzert“ beigetragen hat, der mit einem Solisten wie Queyras allerdings pulverisiert wird. Souverän und selbstbewusst bewältigt er „die in ihrem Schwindel immer unpraktischer werdenden Harmonien, die den Seiltänzer (Solisten) an die Grenzen des Möglichen bringen“ – Worte Ligetis. Besser kann es nicht gesagt werden. Großer Applaus! Eine kleine Cellozugabe von György Kurtag gibt Queyras als Dankeschön.

Über Torso würde weder in Bezug zu Ligetis Cellokonzert, noch  über Schuberts Unvollendete heute jemand ernsthaft diskutieren wollen. Das ist bei Anton Bruckners Neunter keine Frage. Denn kurz vor der Vollendung ist er verstorben. Die dem lieben Gott gewidmete Sinfonie ist ein Torso. Und Bruckners Ewigkeitswerk. Denn wenn vier der acht Hornisten plötzlich Wagnertuben umarmen und im dritten und letzten vollendeten Satz den Hornklang in der Tiefe wie mit Samt auskleiden, ist das wie Ins-Grab-steigen, oder ein finaler Choral-Effekt, der das Tor zugleich wie in die Unendlichkeit öffnet. Bruckners Neunte beginnt übrigens ähnlich wie Ligetis Cellokonzert aus dem Nichts, aus einem Ton, bis das Thema im dreifachen Fortissimo „feierlich, misterioso“ mit den drei Akzent-Triolen einfährt. Die Abschnittsblöcke wirken allerdings immer wieder wie Bilder, die nebeneinander in den Raum gehangen werden. Und einige Male zeitigt das Nebeneinander skurrile Effekte. Das zu großen Teilen hämmernde Scherzo, das feierlich ausschwingenden Adagio mit dem Abschiedsgruß der Wagnertuben. An Bruckners Gestaltung scheiden sich bekanntlich die Geister. Die Tutti-Einsätze, die Roth im Gürzenich-Orchester entfesselt, haben dennoch eine Wucht, die an diesem Abend beeindruckt.

Laura von Oelbermanns Grabstein auf Melaten. Foto: Nina Gschlößl

Am Vormittag waren es noch die wuchtigen Grabanlagen auf Melaten! Monumente, bewacht von trauernden Frauen oder Frauen-Engeln mit Trompeten in der Hand, deren Schalltrichter nach unten gesenkt sind. Auf Melaten sind Monumentalgräber auch wieder im Trend, natürlich nur bei den reichsten Kölner Familien. Die Millionenallee ist aber nur ein Teil der Melaten-Geschichten. Daneben gibt es Gräber wie die eines Kölner Kneipgängers, 1847 verstorben, dem der Wirt einen Ofen als Nachbildung aufs Grab gesetzt hat. Schließlich habe er sein Leben neben diesem Kneipenofen verbracht. Oder das Grab des Kartäuserpriesters Becker, 1812 verstorben, der sich um Arme gekümmert, sie mit seinen Tulpenzüchtungen erfreut hat und dessen Grab derzeit die Rechtsmedizin in Köln pflegt, um beim „Tulpenkönig“ „mit Respekt und und Würde Körperteile Verstorbener beizusetzen, die aus wissenschaftlichen und rechtlichen Gründen untersucht wurden“. Bepflanzt ist es mit Stiefmütterchen.

Barbara Schock-Werner. Foto: Raimond Spekking/ Creative Commons

Das ist eine kuriose Neunutzung einer alten Melaten-Grabstätte, über die Barbara Schock-Werner in ihrem neuen Melaten-Führer berichtet. Seit 1968 auf Melaten nämlich die „Ewigkeitsrechte“ auf ein Grab aufgekündigt wurden, wurden historisch wertvolle Gräber abgeräumt. Die Stadtkonservatorin stellt den Friedhof daher 1980 unter Denkmalschutz. Ein Jahr später werden Patenschaften wie die eben beschriebene eingeführt, mit dem Anrecht, das restaurierte Grab später selbst zu nutzen. Diese Idee soll von Melaten aus Deutschlandweit Schule gemacht haben. Der Melatenboden ist voll von Kölner Geschichten, aus denen Barbara Schock-Werner nach Gruppen geordnet 170 ausgewählt hat. Und sie erzählt locker, zugewandt, süffisant, immer bereit zu ein bisschen Humor. Eine Kategorie bilden „Bemerkenswerte Frauen“, darunter Laura von Oelbermann oder Else Schmitz-Gohr. Letztere war Pianistin, ist mit 17 Jahren im Gürzenich aufgetreten, hat komponiert und, als Professorin an die Musikhochschule berufen, neben weiteren, die Gebrüder Kontarsky ausgebildet.

Mit Hilfe eines dem Buch mit gelieferten und als Umschlag getarnten Friedhofsplans sind die Gräber auch zu finden. Auch das von Ferdinand Hiller, bedeutender Kölner Musikdirektor und 35 Jahre lang Chef des Gürzenich-Orchesters. Franz Wüllner wurde allerdings vergessen. Nachfolger Ferdinand Hillers, der durch die Empfehlung von Johannes Brahms das von Hiller gegründete Konservatorium in Köln übernimmt und das Gürzenich-Orchester zu einem städtischen Orchester umwandelt. Die zwei Jahrzehnte nach Hiller prägt er das Kölner Musikleben und ruht auf Melaten unter einem Grabstein mit folgender Inschrift: „Der Geist spricht, dass sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach.”

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