Fünf Opern in drei Tagen! In München geht das, denn es ist „Ja, Mai”

„Ja, Mai“ – heißt das neue Opernfestival, für das die Reise nach München angetreten wird. Den österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas und dessen Operntrilogie auf Libretti von Händl Klaus hat Serge Dorny, Intendant der Müchener Staatsoper, in den Fokus seines neu ins Leben gerufenen Festivals für Samstag, Sonntag und Montag auf den Plan gesetzt. „Bluthaus”, „Koma“ und „Thomas”. Das sonntags heiß erwartete „Koma“ in der Regie von Romeo Castelluci ist wegen des russischen MusicaAeterna-Orchesters unter Teodor Currentzis, das von einer der vier russischen, auf der EU-Liste der Sanktionen aufgelisteten Banken gefördert wird, vorsichtshalber auf übernächstes Jahr verschoben worden. Der Freiraum wird aber sofort gefüllt. Mit Ernst Kreneks „Jonny spielt auf” am Gärtnerplatz Theater, das gerade einen Blackfacing-Shitstorm überstanden hat. Und weil der geschätzte Münchener klassikfavori-Kollege die späte Gaetano-Donizetti-Oper „La Favorite” in einem Volkshochschulseminar vorstellt und dazu eine Produktion der Münchener Staatsoper von 2016 auch noch vorführt, wird das auch noch mitgenommen! (Von Sabine Weber)

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(21. bis 23. Mai 2022, Bayerische Staatsoper im Nationaltheater, im Cuvilliés-Theater, Utopia; Theater am Gärtnerplatz; MVHS München) Die erste „Ja, Mai Festival“-Ausgabe hat sich ambitionierter Opern-Avantgarde in Kombination mit frühbarocker Madrigalkunst im Cuvilliés und Utopia verpflichtet. Im Nationaltheater wird parallel dazu großes romantisches Repertoire gemacht. Das Bayerische Staatsorchester stemmt samstags vor der Eröffnung des Festivals, zu dem Spezialeinheiten für Neue Musik aus dem Orchester ausrücken, auf der Hauptbühne  Les Troyens. Bekanntlich verlangt dieses Opus magnum von Hector Berlioz, bestehend aus gleich zwei Opern, La Prise de Troie, Akt eins bis zwei, und Les Troyens à Carthage, Akt drei bis fünf, ein Riesenorchester. Dazu gewaltigen Choreinsatz nebst einem großen Solistenensemble. Insgesamt fünf Stunden, inklusive zweier Pausen, fordert diese Vertonung nach Vergil dem Publikum ab. Beginn daher schon um 17 Uhr. Bis zur Premiere von Bluthaus ist dennoch nur der erste Teil zu absolvieren. Der musste aber sein, weil Les Troyens in einer Neuproduktion die nächste Spielzeit in Köln eröffnen soll, und darüber einige Skepsis herrscht. Denn wie schwer es ist, dieses Werk mit seinen Massenchören und Einzelszenen mit wenig Handlung, um so mehr Reflektionen und Gefühlswelten in eine schlüssige Regie zu bringen, hat nicht nur die Nürnberger Produktion unter Calixto Bieito 2017 gezeigt, sondern auch die aktuelle Münchener Inszenierung unter Christophe Honoré.

Chor des Bayerischen Staatstheater. Bild: Wilfried Hösl

Les Troyens beginnt mit einer bewegt und packenden Ouvertüre, in denen drei Oboen von der Seitenloge her sehr wirkungsvoll Einsätze wie archaische Kommentare einbringen. Dann betreten die Trojaner im ersten Choreinsatz die Bühne  –  in heutiger Konzertkleidung. Sie stehen wie „overdresste“ Touristen in einer Art Trümmerlandschaft (Bühne: Katrin Lea Tag) und besichtigen eine historischen Stätte. Ein starres Meerbild hängt  darüber.

Cassandre (Marie-Nicole Lemieux). Foto: Wilfried Hösl

Aber es ist erst einmal nur von Feldern die Rede, in die sich Cassandre (großartig dominierend: Marie-Nicole Lemieux) geflüchtet hat, bevor sie ihre Mission erfüllt und den arglos gewordenen Trojanern immer wieder den drohenden Untergang einhämmert und stimmgewaltig warnt.

Schulstuhl, Bierkästen und Plastikeimer …

Aber warum braucht sie dazu einen 80er Jahre Schulstuhl, den sie von der Seite herzieht und auf den sie sich in ihrem schwarzen Rockschoßmantel und Leggins (Kostüme: Olivier Bériot) setzt, als könnte sie nicht mehr stehen? Als ihr Geliebter Chorèbe auftritt (Stéphane Degout selbstverständlich mit ebenfalls perfekt französischer Aussprache, wunderbarem Timbre und einem Rockschoßmantel in grün mit seltsam fleischfarbenem Auschnitt hinten), überredet Cassandre ihn zur Flucht. Und will auf seinem Oberkörper Blut wegwaschen, das von der zukünftigen Wunde kündet, zapft sich dafür aber Wasser in einen Nullachtfünfzehn Haushalts-Plastikeimer ab. Solche Details stören. Dann schleppt der Chor auch noch rote Bierkästen herein, aus denen tatsächlich Biergläser – statt Flaschen – gezogen werden. Vor einer Art Mariendarstellung, wahrscheinlich eine antike Göttin, brennen Kerzen wie in einer christlichen Kapelle. Das trojanische Pferd als Leuchtschriftzug ist keine schlechte Idee, aber das von oben Herablassen passiert unprofessionell und umständlich, muss mit greifenden Händen in der Luft vor eine Mauer gezogen und mit Karabinerhaken Marke Outdoor-Klettern befestigt werden.

Was will der Regisseur uns sagen?

Die bösen Griechen treten zuguterletzt mit Sado-Maso-Geschirr über blankem Oberkörper in weißen französischen Uniformhosen und Husarenstiefeln auf, als wären sie verirrte Relikte aus der Grande Armée Napoleons. Die trojanischen Frauen als Bettlerinnen in Lumpen zücken lächerliche Messerchen und fuchteln den Griechen vor der Nase herum. Musikalisch übrigens eine großartige Frauenchornummer, in der von Cassandre angeführt, sich die Trojanerinnen in den Freitod stürzen.

Großer Applaus für Chor, Solisten und  Orchester

Die Musik freilich überwältigt in jedem Moment, auch mit zu dieser Zeit unvermeidbaren Sieges- und Patriotenchören, aber noch mehr mit dunkel dräuend, auch mal Gespenstermusik-ähnlichen Klängen, beispeilsweise beim Auftritt des Schattens von Hector (Roman Chabaronok), auch wenn das Bayerische Staatsorchester unter Daniele Rustioni in plötzlich höhere Register ausbricht und nicht in jedem Moment präzise zusammen ist. Ein großes Klarinettensolo lässt hören, dass hervorragende Solisten im Orchester sitzen. Nach dem ersten Teil großer Applaus, vor allem für Marie-Nicole Lemieux und Stéphane Dégout aber auch für die beiden trojanischen Soldaten Theodore Platt und Andrew Gilstrap! Die erste Pause führt in den sommerlichen Tag zurück, der skandalumwitterte zweite Teil mit den monierten Softpornos bleibt ausgespart. Aber was wollte Christophe Honoré mit der teilweise hilflosen Bebilderung eigentlich im ersten Teil sagen?

 

2. Bluthaus: durch Mark und Bein ins Herz getroffen

 

Nadja (Vera-Lotte Boecker). Foto: Monika Rittershaus

Dagegen zeigt die Avantgarde im Cuvilliés ums Eck mit Bluthaus von Georg Friedrich Haas was gute Regie vermag. Claus Guth lässt in einer messerscharf präzis ausgearbeiteten Personenregie den während einer Hausbesichtigung durch Käuferinteressenten aufziehenden Alptraum eines erlebten Missbrauchs am Publikum vorbeiziehen. Und die Regie zieht in einen ungeheuerlichen Vorgang sogar regelrecht hinein, der wie ein Kriminalfall immer tiefere Abgründe öffnet.

Bo Skovhus, Vera-Lotte Boecker, Nicola Beller Carbone und die Kaufinteressenten in der zweiten Reihe. Foto: Monika Rittershaus

Nadja (Vera-Lotte Boecker) ist von ihrem Vater (Bo Skovhus) missbraucht worden, was die Mutter (Nicola Beller Carbone) irgendwann herausbekommt, den Vater, ihren Mann, ersticht. Und sich selbst bringt sie dann auch noch um. Ein blutiges Riesentrauma für die Tochter. Sie will, sie muss das Haus verkaufen, ihre Erinnerungen gleich mit, wird aber während die Interessenten auflaufen, von der Vergangenheit eingeholt. Die toten Eltern erscheinen, der Vater in Bademantel  und die Mutter in Rock und Pullover mit weißer Altfrauenfrisur. Nadja durchlebt noch einmal ihre Lebenshölle bis hin zum Missbrauch. Am Ende wird dann durch zwei neugierig auflaufende Nachbarn die Bluttat auch noch ruchbar. Die Kaufinteressenten ziehen Nadja zur Verantwortung, weil sie den Mord verschwiegen hat, werden bösärtig, lösen in ihr Schuldgefühle aus, bis sie sich selbst als Täterin verurteilt und damit erneut Opfer wird.

Die Kaufinteressenten um Nadja. Foto: Monika Rittershaus

Die Katastrophe ist im Stück streng konzipiert und in der Regie kongenial auch szenisch umgesetzt. Die Kaufinteressenten (großartige Schauspieler:innen aus dem Ensemble des Residenztheater) laufen beispielsweise in Farben auf und sind als Karikaturen genau typisiert. Der Makler, der Nadja unterstützt (Countertenor Hagen Matzeit) ist kobaltblau gekleidet, ein Männerpaar blaugrün, eine Mutter mit debilem Sohn senfgelb und so weiter, nur Nadja trägt schwarz und das Grauen: Vater und Mutter mausgrau. Wie Geister stehen sie zwischen den Farben und dem Schwarz des Opfers. Äußerst komisch ist ein Vater (Thomas Reisinger) mit seinen drei Söhnen (Tölzer Knaben), die als kleine Doppelgänger des Vaters mit gleicher Frisur und Brille in kardinalrot wie siamesische Drillinge agieren und großartig singen. Die Komik ist aber nie wirklich lustig, sondern erzeugt Fallhöhe vor dem menschlichen Horror.

Akkurat auf die Musik wird nicht nur gesprochen, sondern werden ganze Phrasen durchbrochen deklamiert

Die sich teilweise wie ein Obertonspektrum aufbauenden Streicher und Bläser-Klangflächen, Musiker des Bayerischen Staatsorchesters, begleiten nicht nur, sondern pointieren und schüren Ahnungen. Es flirrt ganz plötzlich, es hämmert, und dann stehen sogar tonale Klänge im Raum. Unter der Leitung von Titus Engel formen sie einen Choral wie in einer Passion. Akkurat auf die Musik wird nicht nur gesprochen, sondern werden ganze Phrasen deklamiert, auch zwischen mehreren Beteiligten aufgeteilt. Die Elterngeister stammeln erst , aber immer realer formt Händl Klaus ihre harmlosen Worte zu Missbrauchshinweisen. „Du bist alt genug“, der Vater. Die Mutter mit Gebetbuch in der Hand: „Was hast Du beim Vater gemacht?“ – „Ich habe ihn gewaschen!“ … Mit seiner ganzen Dämonie verkörpert Bo Skovhus den Vater, beim Annäherungsversuch äußerst subtil, bis er sich mit seinem Bademantel gewaltätig über das Opfer wirft. Wie die hübsch-unschuldige Vera-Lotte Boecker als Nadja die Rolle der Missbrauchten auch noch in höchsten Spitzentönen permanent also komplett in Extremsituation durchlebt, macht jede Distanz unmöglich.

Nadja (Lotte-Vera Boecker). Foto Monika Rittershaus

Real durchlebt sie die Erinnerungen, wie sich der Missbrauch anbahnt bis hin zum Vollzug, dazu lächerlich wirkende Frage nach tragenden Wänden, die entfernt werden könnten, oder Eingemachtes im Keller, karikaturverhaftete Komik, alles findet simultan statt, zumeist in einem fast leeren grauen Raum (Bühne: Etienne Pluss). Es gibt schwarz-weiß Projektionen von Hausansichten, die von den realen Missbrauchsorten wie Amstetten stammen könnten. Sie haben Georg Friedrich Haas zu dieser musikalischen Grenzerfahrungskomposition inspiriert. Eingerahmt wird die Oper in dieser Produktion von zwei Madrigalen Claudio Monteverdis, zu denen ganz zu Anfang und am
Ende ein Verhörraum zu sehen ist.   Aber das Opfer spricht nicht und bleibt stumm, während Monteverdis berühmter Ballo delle ingrate, bzw. das Finale daraus, für schnöde, sich der Liebe entziehende Frauen, die zur Strafe einsam bleiben, um Nachsicht bittet, was zum eigentlichen Inhalt der Oper wie die Faust passt. Denn es geht um eine Frau, die gegen ihren Willen missbraucht wurde, und aus diesem Grund keine normale Beziehung zu einem Mann haben kann.

Nadja-Double (Anna Ressel), Nadja (Vera-Lotte Boecker ), Vater (Bo Skovhus), Mutter (Nicola Beller Carbone). Foto: Monika Rittershaus

Monteverdis ebenso berühmtes Lamento della Ninfa, ebenfalls aus dem 8. Madrigalbuch, zwar eine Klage über den verlorenen Liebhaber, aber pure wie jenseitig reine Klänge, ermöglicht am Ende dennoch wohltuendes Durchatmen und die Überwindung der Schockstarre. Das Publikum wird in einer durch Mark und Bein gehenden Aufführung ins Herz getroffen. Und vielleicht war dies der furchtbarste Moment, als Nadja dem Makler in Verkehrung aller Tatsachen anvertraut, dass sie ihren Vater doch geliebt habe…  (Die Produktion wird in der kommenden Spielzeit von der Opéra de Lyon in Kooperation übernommen)

3. La Favorite: eine Sternstunde der Bayerischen Staatsoper von 2016 auf DVD in der VHS

DVD -Produktion der Gramophon/ Unitel in Kooperation mit der Bayerischen Staatsoper

Am Sonntag 11 Uhr ist die Welt in der Grande Opéra La Favorite (Paris, 1840) von Gaetano Donizetti auch nicht in Ordnung. Und es bahnt sich in der VHS in München auch wieder ein Drama an. Eine schief laufende, umso rührseligere Liebesgeschichte, in der die Tränen aber nicht Schock-gefrieren, sondern, wie schön, ein Taschentuch gezückt werden kann! Das war sicherlich bei der ein oder anderen der 20 Damen und Herren im Publikum der Fall, die zuvor vom Referenten Klaus Kalchschmid auf Besonderheiten der Regie von Amélie Niermeyer in dieser Produktion von 2016 aufmerksam gemacht wurden. Etwa auf die Umsetzung einer Ballettmusik als Fernsehszene, zu der sich der König (Mariusz Kwiecień, einen großartigen Macho-Gockel gebend) und seine Favoritin (Elīna Garanča, begehrenswert schön, selbst im Leid und stimmlich überragend) herrlich, reserviert bis komisch verhalten.

Ein blutiger Jesus am Kreuz überragt das Geschehen

Die Favoritin wird letztendlich in einem furchtbaren Spannungsfeld zerrieben. Sie ist nämlich unfreiwillig zur Mätresse des spanischen Königs geworden, der sie heiß begehrt. Gleichzeitig ist sie die idolisierte Geliebte eines Novizen, der für sie aus dem Kloster austritt, sie dann tatsächlich heiratet aber durch den Spott der Hofleute erfährt, dass sie als Mätresse bereits entehrt ist und ihm Schande einträgt. Für die Favoritin geht das tödlich aus.

Ein selten zu erlebender reifer Donizetti

Die Dramaturgie, aus letzter Hand von Librettist Eugène Scribe, ist ein großes Lehrstück. Die Verwicklungen sind absolut glaubhaft angelegt und umso tragischer. Alles steht natürlich unter Aufsicht der katholischen Kirche, die in Italien zur Zeit Donizettis ebenso präsent war wie im Spanien des 12. Jahrhunderts. Dort ist die Handlung angesiedelt. In der Regie von Amélie Niermeyer überblickt ein blutender Jesus am Kreuz das Geschehen. Und wie Garanča und auch Kwiecień, der bedauernswerter Weise und aus unbekannten Gründen seine Karriere beendet haben soll, zur Rollenhochform auflaufen, ist selbst trotz einer relativ schlechten Bild- und nicht optimaler Tonqualität keine Frage. Ein selten zu erlebender und reifer Belcanto-Donizetti „at it’s best!“

4. Jonny und der Blackfacing-Vorwurf am Gärtnerplatz

Elena Fink (Anita), Alexandros Tsilogiannis (Max), Holger Ohlmann (Manager). Foto: Christian POGO Zaxh

Damit wäre der Opernsonntag eigentlich gefühlt ausgefüllt. Aber Jonny spielt auf im Gärtnerplatz-Theater um 18 Uhr! Und diese angebliche Jazz-Oper, die Ernst Krenek als Drama über eklatante und virulente Antithesen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verstanden wissen wollte, hat in München einen Shitstorm wegen Blackfacings ausgelöst. Eigenartiger Weise nicht nach der Premiere im März dieses Jahr, sondern nach der zweiten oder dritten Aufführung. Was heißt, dass die Shitstormer, zumeist Theaterwissenschaftsstudenten, aber auch Regisseure wie Milo Rau, das Stück eher nicht gesehen, sondern nur Wind davon bekommen haben und sich dann für den offenen Aufruf mit Unterschrift gegen das Stück kollektiviert haben. Warum? Jonny ist ein Jazzmusiker und kommt als „Afroamerikaner“ nach Europa (im Stück natürlich als „Neger!“), macht einer weißen Diva Avancen, klaut mithilfe eines Zimmermädchen einem Schnöselvirtuosen die Amati-Geige und spielt zum Schluss in einem Wintersporthotel den Touristen damit auf. Dieser Jonny wurde schon bei der Uraufführung in Leipzig 1927 von einem „geschwärzten“ Weißen dargestellt. Die aktuelle Münchener Regie von Peter Lund mit Bühnenbildner Jürgen Franz Kirner sowie Kostümbildnerin Kornysheva, wollte die historischen Zeitumstände und ihre Ästhetik im Bild kritisch zur Diskussion stellen.

Geschminkt wird am Gärtnerplatz-Theater auch nicht mehr

Jonny (Christoph Mittelhammer) und Max (Alexandros Tsilogiannis). Foto: Christian POGO Zach

Der strohblonde Ludwig Mittelhammer soll sich als Jonny-Darsteller angeblich sogar selbst auf der Bühne geschminkt haben. Und ist im Programmheft zu den ersten drei Aufführungen auch geschwärzt zu sehen. Doch damit ist Schluss, seit der öffentliche Aufruf „Blackfacing am Staatstheater am Gärtnerplatz“ über nachtkritik.de zum Boykott der Aufführung wegen einer „rassistischer Kulturpraxis“ aufgefordert hat. Dieser Aufruf ist inzwischen aus dem Netz verschwunden. Aber geschminkt wird am Gärtnerplatz Theater auch nicht mehr, und im Programmheft sind die entsprechenden Bilder gelöscht und eine Sicherheits-Entschuldigung abgedruckt, sollten Gefühle von Menschen etwa verletzt worden sein… „Man müsse sein Haus verteidigen“, so Intendant Josef Ernst Köplinger.

Jazz-Allüren, ein bisschen Foxtrott und Shimmysound…

Tanzensemble. Foto: Christian POGO Zach

Aber muss man wirklich und vorauseilend bei jedem Rassismusvorwurf in die Knie gehen? Was wird demnächst angeprangert? Die Aufführung ist jedenfalls gut besucht. Und das Ensemble und die Musiker spielen großartig, auch wenn der Darsteller des Schnöselvirtuosen ohne Stimme nur spielt und von einem jungen Ersatz von der Seite aus gesungen wird, was bestens funktioniert. Am Ende fragt man sich, warum gab es eigentlich keinen Shitstorm wegen der antijüdischen Anspielungen im Stück, und wieso klingt die Musik die meiste Zeit trotz kleiner Jazz-Allüren, ein bisschen Foxtrott und Shimmysound, sogar ein Habanera-Rhythmus ist zu hören, eigentlich gar nicht leicht? Eher nach nüchtern-hartem Hindemith? Und die beiden Kontrabässe ackern im Orchester ordentlich. Ja wieso darf Jonny Strafdelikte begehen, die ihm Krenek ausdrücklich verzeiht und sie sogar als nötig unterstreicht!? Das ganze ist eben eine Parabel und gegen die Behäbigkeit europäische Kunst und Geistigkeit gemünzt! Krenek äußert sich selbst – wie im gut aufbereiteten Programmheft nachzulesen ist: gegen die erbärmliche Arroganz und Eitelkeit unkreativ gewordener Kollegen, die die kreative Ansätze ausbremsten. Da spricht ein junger Komponist – Krenek war damals 27 – wohl von eigenen Erfahrungen! Für ihn steht auch der resignierte Komponist Max im Zentrum, der, statt sich auf einen Gletscher zurück zu ziehen, doch bitte durch Jonnys Vitalität, das „Naturprinzip der Urkraft“ bequeme Verzagtheit überwinden und sich ins aktive Leben stürzen soll! Aha! Ein Aufruf zu mehr Kreativität. Zu mehr Kunst, die provozieren soll wie Jonny es sollte! Haben die Shitstormer da etwas vielleicht nicht ganz richtig verstanden? Ganz schlau wird man weder aus dem Shiststrom noch auch aus diesem Stück! Aber großartiges Theater, und schon stehen wir im Finale dieses übervollen Münchener Opernwochenendes. Am Montagabend in einer existentialistischen Herausforderung!

 

 

5. Thomas und der Tod auf der Intensivstation!

Thomas (Holger Falk) auf der spacy Intensivstation. Foto: Wilfried Hösl

Thomas ist die zweite Georg-Friedrich-Haas-Oper, die das „Ja, Mai”-Festival am Montag im Utopia, in einer ehemalige Reithalle zeigt, zu der man durch Baustellenzäune und ohne Hinweisschilder oder Kundenstopper erst einmal hinfinden muss. Auch für diese Oper hat Händl Klaus das Libretto verfasst und nach ähnlichem Schema wie in Bluthaus Texte aufgebrochen. Hier gibt es allerdings nur Sänger:innen, die sich in die Textfragmente einteilen. Zwei Countertenöre (Rupert Enticknap und Randall Scotting, Arzt und Pfleger Michael), drei Soprane (die Pflegeschwestern Yajie Zhang, Jessica Niles und die Bestatterin Hélène Fauchère), sowie das Vokalensemble InVocare, das im Finale wie bei Bluthaus Monteverdi beisteuert.

Obertonharmonie-Flächen wie in Bluthaus

Und natürlich die beiden Freunde Thomas, Holger Falk, und Matthias, Konstantin Krimmel. Der nach Bluthaus fertiggestellte Thomas hat sowohl im Libretto aber auch musikalisch ein paar Schwächen. Geradezu langatmig werden klinische Handlungen an einem unheilbar komatösen Intensivpatienten kurz vor Exitus und unmittelbar danach aufgezählt. Das hat etwas Schematisches, fast Pedantisches und löst wenig Assoziation aus. Vielleicht aber doch für den, der eine Intensivstation in einem nahestehenden Fall erlebt hat. Die Musik für ein Zupforchester aus Cembalos, Zithern, Harfe und Gitarren, dazu Schlagzeug mit Xylophonen und ein Akkordeon (Musiker zusammengestellt vom Münchener Kammerorchester unter der Leitung von Alexandre Block) versuchen sich in Obertonharmonie-Flächen wie schon bei Bluthaus, wirken aber über weite Strecken redundant und weniger konturiert und zielgerichtet als in der Bluthaus-Partitur, die am Samstag übrigens auch in einer zweiten verbesserten Bearbeitung zu hören gewesen ist. Zitate von Beethoven, sogar ein Tristanakkord sollen drin stecken, lassen sich bei aller Liebe aber nicht heraus hören, wohl aber volksmusikalisch alpenlädnisch angehauchte Zitherklänge.

Es pusliert ein Riesenherz auf der Bühne

Die Regie von Anne-Sophie Mahler setzt auf abstrakt, anders als Regisseurin Elisabeth Gabriel in der Uraufführung in Schwetzingen 2012, die in einer realistischen Intensivstation spielen ließ. Im Utopia ist alles spacy, ein projiziertes Raster überzieht die Wände, es atmet und pulsiert, Geräusche einer Beatmungsmaschine sollen das sein, bereits beim Betreten der Halle, wobei ein Gewitter und Prasselregen später noch für unvorhergesehenen Raumklang von oben sorgen. Zu sehen auf der Bühne ist eine Art Weltraumobjekt Marke Riesenkartoffel (Meteorit? Bühnenbild: Katrin Connan). Darauf wird ein Herz projiziert, das unter Adern und Fett-überzogen pulsiert und ebenso wenig Empathie auslöst wie die Aufzählungen einer klinisch korrekten Totenbescheinigung mit Ziehen von Schläuchen und Stethoskop-Einsatz. Bariton Holger Falk bringt es dennoch fertig, sozusagen in den Weltraum geschossen, am physisch nicht vorhandenen Freund Matthias Anteil zu nehmen und seine Anteilnahme stimmlich wie körperlich auch ins Publikum zu vermitteln. Eine ungeheure autosuggestive Meisterleistung.

Schwestern, Pfleger, Ärzte als leuchtende Seifenblasen. Foto: Wilfried Hösl

Wobei er dann auch noch unfreiwillig komisch mit Leichenwäschern konfrontiert wird, die als absurde Lichterwolken hinein schweben, an Seifenschaum erinnern und von Hautfalten singen, unter denen sie waschen. Auch die Kartoffel wird mit Hautfaltenprojektionen überzogen…

Grotesk ist der Auftritt der Bestatterin im mandarinfarbenen Kostüm, die mit Glissandi enervierend über den trauernden Thomas regelrecht hereinbricht – er hat in einem Monolog zuvor gehadert und Gewissensbisse über das, was er dem toten Freund vielleicht noch schuldig sei, mit sich ausgetragen. Und der fehlt irgendwie auf ganzer Linie. Der Mensch, um den es geht! Aber plötzlich ist er da!

Matthias (Konstantin Krimmel) und Thomas (Holger Falk). Foto: Wilfried Hösl

Sofort ist alles anders, Spannung, selbst eingesunkene Journalisten heben ihren Kopf und suchen die Sitzreihen ab.  Matthias (Konstantin Krimmel) antwortet Thomas aus einer Publikumsreihe. Dann steht er mit Bart wie Jesus da und steht dem ungläubigen Thomas auf der Bühne Rede und Antwort. Im gleichen Hemd ergänzen beide Baritonstimmen sich stimmlich, fast verschmelzend, es ist zum ersten Mal ungemein berührend. Diese beiden schönen gleichgroßen Männer sind ein Balsam nach langer Durststrecke!

Camping-Idyll vor Weltraumkartoffel

Matthias versucht seinen Freund zu überzeugen, dass er real sei. Das erinnert an die biblische Emmaus-Szene. Pfleger Michael wird leider allzu plakativ mit Engelsflügeln zum Erzengel mutiert, was die feine Doppeldeutigkeit sofort wieder banalisiert. Händl Klaus intendierte in seinem Libretto wohl, dass Matthias tatsächlich wieder lebendig werden würde, allein durch die Kraft des Freundes. So hat er sich mal geäußert. Die Oper lässt es offen. Sie endet in dieser Premiere nicht damit, dass beide Freunde gemeinsam essen. Die Weltraumkartoffel hat vorne eine Luke geöffnet, vor der sie wie im Camping-Idyll sitzen. Hinter ihnen sind noch die Instrumente zu sehen. Die Musiker haben also in der Kartoffel gespielt! Aber Dirigent Alexandre Bloch und seine Mannschaft haben das Raumschiff bereits verlassen.

Das Finale adelt das Stück und rettet den Abend

Plötzlich bricht die Bühnenwand dahinter unter Donner krachend ein. Helles strahlendes jenseitiges Licht, und das berühmte Lamento d’Arianna aus dem sechsten Madrigalbuch Claudio Monteverdis tönt überirdisch schön und historisch wunderbar und stilsicher vom Ensemble InVocare interpretiert aus dem Licht. (Anders als der Monteverdi Samstagabend mit Instrumentalbegleitung, was vor allem an den im rhetorisch-barocken Spiel wenig geschulten Instrumentalisten lag) Matthias steht zu dem in Dissonanzen gerufenen „l’asciate mi morire“ – „lass mich sterben“ auf, verabschiedet sich nicht, die innere Kraft von Thomas befördert ihn ins Jenseits.  „Ja, ich lass Dich sterben!” Endlich kann er loslassen. Und der schöne Jesus, schreitet durch die Weltraumkartoffel ins jenseitige Licht, und Thomas weint nicht, obwohl mir schon allein der Musik wegen Tränen in den Augen stehen. Thomas alias Holger Falk nimmt sein Jäckchen, zieht es ordentlich über und geht zu dem Zuschauerplatz, den Konstantin Krimmel alias Matthias freigemacht hat. Das ist ungeheuer wirkungsvoll. Das Finale adelt das Stück dann doch noch. Und rettet den Abend!

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