Fokus ’33 in Bonn: eine vergessene Meyerbeer-Oper wird zum Leben erweckt – und wie!

Die Oper Bonn macht es sich zur Aufgabe, im Rahmen des Programms „Fokus ’33“ Werke wiederaufzuführen, die der Vergessenheit anheim gefallen sind – unter anderem, weil sie durch das Dritte Reich verdammt wurden.  „Ein Feldlager in Schlesien“ ist keines der berühmten Werke Giacomo Meyerbeers und selbst Opernkennern unbekannt. Sie ist Singspiel und Festoper zugleich, denn Friedrich II. wird ein preußisch-patriotisches Herrscherlob gewidmet . Krieg, Patriotismus, Herrscherlob – wie kann man das gerade jetzt inszenieren? Kann das Gutgehen? Ja und wie! Die intelligente Regie von Jakob Peters-Messer, dazu ein bestens aufgelegtes Beethoven-Orchester unter Hermes Helfricht und das Gesangsensemble schenken dem Publikum eine überragende Wiedergeburt!  (Von Jukka Höhe)

(Besuchte Vorstellung am 15. Mai 2022, Oper Bonn, dritte Vorstellung/ Dernière)

Worum geht es?

Um ein Auftragswerk von 1844 für die Wiedereröffnung der im Vorjahr abgebrannten Berliner Oper. Ein Festspiel, das bis 1894 immer wieder zu besonderen Staatsanlässen aufgeführt wurde und dann vom Spielplan verschwand.  Freund Alexander von Humboldt hat Meyerbeer in der Stoffwahl beraten: es muss um Friedrich II. gehen, der jedoch nicht auftreten soll, weil Mitglieder des Herrscherhauses  nicht auf der Bühne gezeigt werden durften.

Zudem arbeitet Meyerbeer mit Eugène Scribe zusammen, der nicht als Autor genannt werden darf . Daher gilt offiziell der Übersetzer und Bearbeiter Ludwig Rellstab als Librettist. Unverkennbar die Meisterschaft von Scribe, denn er bewältigt die Unmöglichkeiten auch mit subversivem Witz!

Die Oper!

hat drei Akte – der erste und der dritte bilden den Rahmen für den (deutschen Ohren) problematischen Mittelakt: sie sind eine Opéra comique, es darf also auch gesprochen werden, über Verliebtheit, Verkleidung, Täuschungen und am Ende die glückliche Auflösung. Ein Chronist (der Schauspieler Michael Ihnow) führt durch die Handlung, liest Regieanweisungen vor und faßt das Geschehen zwischen den einzelnen Nummern zusammen.

Gerade in diesem ersten Akt erweist sich Meyerbeer – für mich ganz überraschend – als Meister des Lyrischen. Leise Töne überwiegen, gewissermaßen eine musikalisch-psychologische Einfühlung und Einführung in die Charaktere der Handlung. Und auch der Text dominiert hier. Der Blick wandert immer wieder auf die Übertitel, die Musik tritt fast zurück und wirkt dennoch eindringlich. Der Hauptmann a.D. Saldorf (Tobias Schabel ), preußisch durch und durch, hat drei Pflegekinder und einen eigenen Sohn, alle junge Erwachsene und miteinander verbandelt: Therese (Barbara Senator), Vielka (Elena Gorshunova ), Conrad (Jussi Myllys) und dann noch Leopold, der Sohn, der nur in Briefen auftaucht.

Pflegesohn Conrad ist Musiker, Flötist und Komponist, und ein jeder Aggression abholder Mensch. Er soll nach Berlin, um eine Kaufmannslehre zu absolvieren. Hier beginnt die Verwechslungskomödie: Auf seinem Weg nach Berlin begegnet er Friedrich II., den er nicht erkennt. Der König ist auf der Flucht. Ein Fluchtplan wird entwickelt: Conrad wird als Friedrich verkleidet und prompt verhaftet. Friedrich kann mit seiner Flöte und den Noten des jungen Komponisten entkommen, wird aber auch festgehalten. Die Rettung ist sein Flötenspiel! Er kann vor den Soldaten (dies alles geschieht unsichtbar) damit beweisen, dass er tatsächlich dieser virtuose Flötist und Komponist ist – und kommt davon.

Zweiter Akt: Friedrich II. wurde durch die Hilfe des Saldorf-Pflegesohns gerettet. Saldorf selbst wird jedoch durch ein Gerücht beschuldigt, den König verraten zu haben. Die Soldaten wollen ihn hinrichten, erfahren aber noch rechtzeitig von der Rettung Friedrichs durch dessen Hilfe: er wird gefeiert und ruft die Soldaten zum Kampf auf. Hier wird es dann auch in der Musik patriotisch-pompös – angesichts der späteren Geschichte (wie gesagt: für deutsche Ohren) problematisch.

Die Inszenierung fängt das auf. Durch mehrfache „Klammern“. Die erste Klammer liegt schon in der Oper selbst und in Scribes Libretto, das mit seinen komisch-gewitzten Figuren Kriegslüsternheit entkräftet oder ad absurdum führt. Im zweiten Akt sitzt das Publikum der ersten Reihen auf dem Bühnenpodium. Das vorn leergeräumte Parkett ist mit Holzbohlen abgedeckt und ist Bühne. Dieser Akt ist also schon durch das andere Bühnenbild (Bühne: Sebastian Hannak) von den anderen Akten abgegrenzt. Einzelne Stimmgruppen des Orchesters und der Chor (Leitung: Marco Medved) erscheinen oftmals von der Seite oder aus dem zweiten Rang. Die pompöse Musik löst sich in „Raumklang“ auf.
Zu Beginn und am Ende des Aktes werden zudem zwei Texte großformatig projiziert. Die Rede des ukrainischen Präsidenten Selenskyj am Anfang. Gehalten hat er sie am ersten Tag des russischen Angriffskrieges, am 24. Februar dieses Jahres. Darin wendet sich Selenskyj gegen jede Art von Aggression zwischen Völkern und Staaten und ruft zum Frieden auf. Am Ende des Aktes wird der Brief eines damals in den Schlesischen Kriegen beteiligten Soldaten gelesen, der von der Grausamkeit des Geschehens berichtet. Einfache Worte, die die Schrecken vergegenwärtigen.

Im dritten Akt dann die Rückkehr zur Opéra comique und die glückliche Lösung aller Konflikte. Was allerdings wieder zur problematischen Glorifizierung Preußens führt. Das Herrscherlob, fast eine Apotheose: „Heil dir im Sternenglanz, Vater des Vaterlands, heil König dir“, wird von den Protagonisten und dem Chor gesungen.

Tobias Schabel (Saldorf), Michael Ihnow (Chronist), Chor und Extra-Chor
(Foto: © Thilo Beu)

Und wieder bricht die Inszenierung auf.  Die Musik ist verklungen, der Chor fällt wie tot zu Boden und wird zum Leichenfeld! Aus dem Hintergrund erscheint er dann doch, Friedrich II. Schweigend und nachdenklich betrachtend bewegt er sich durch die Szenerie, ein letztes mal erklingt – einsam – das Flötensolo. Und Schluss!

Spürbare Bewegung im Publikum. Und dann großer Applaus für Solisten, Orchester und die großartige  Regie!

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