“Béatrice et Bénédict” von Berlioz – Die Kölner Oper punktet mit Spielfreude und perfekt austariertem Klangsinn

Und das in jeder Hinsicht! Denn schon die Ouvertüre mit ihren huschenden Gesten mit Akzentpausen ist eine Herausforderung. François-Xavier Roth, wie immer mit Bleistift als Dirigierstäbchen in der rechten Hand, leitet sichtbar entspannt, dennoch souverän das Gürzenich-Orchester. Es sitzt sichtbar rechts vom Bühnenbild. Das zeigt eine Kulisse mit Rundbogen-Arkaden und eine typisch italienische Straßenfassade mit Fensterläden und einem Platz davor für die großen Chorszenen. Und mit dem Chor, der die sizilianische Gesellschaft am Ort vorstellt, lebendig durchmischt von Alt bis Jung, Blind, fein, heruntergekommen, Männern und Frauen, bricht es los. Und immer wieder wird die Gesellschaft von dem urkomischen Kapellmeister Somarone zu einer Probe am Platz zusammengestaucht. Denn er wittert seine Chance, mit einem Auftritt berühmt zu werden. (Von Sabine Weber)

(Besuchte Vorstellung am 8. Mai 2022, Oper Köln im Staatenhaus Saal 2) Das Licht geht an bei den ernsten Horntönen im B-Teil der Ouvertüre. Und eine Sie erscheint erst einmal auf dem Arkadenbalkon zu einer sanft leidenden Melodie. Ist es Béatrice oder ist es Héro? Die jungen sizilianischen Damen warten auf Rückkehrer aus einem Krieg. Das italienische Flair einer süditalienischen Kleinstadt, Fensterläden öffnen sich sogar im Boden, ist dermaßen gut getroffen, dass man erst einmal irritiert ist, dass französisch gesungen wird. In geschmack- und stilvolle Kostüme der 20er Jahre gekleidet (Bühne und Kostüme: Christof Cremer) schmettert die Gesellschaft, der Chor, zur Begrüßung den siegreichen Heimkehrern “Victoire“ und „Gloire“ in solchen Salven entgegen, dass sich Béatrice vor der „Propaganda“ lieber in Sicherheit bringt. Héro, Typ Catherine Deneuve, sieht das anders. Sie brilliert nach dem turbulenten Choreinsatz mit einer Koloraturarie, in der sie ihre Hand für den heldenhaften Geliebten Claudio in höchsten Tönen anpreist. Claudio ist dann auch mit Militärbarett zur Stelle und umfasst sie liebevoll. Die Begegnung von Béatrice und Heimkehrer Bénedict folgt als ein gekonnter Schlagabtausch. Es wird auch gesprochen. Sie reizen und ärgern sich, das ist nunmal ihr festgefahrenes Spiel. Es dauert die ganze Oper lang, sie aus diesem Spiel heraus zueinander zu bringen.

Ursule (Lotte Verstaen) und Héro (Jenny Daviet). Foto: Hans-Jörg Michel

Der Regie der britischen Regisseurin und Choreografin Jean Renshaw gelingt es vorzüglich, zum Witz der Musik die Volten der Beteiligten ins Bild zu bringen. Allein die Mimik von Isabelle Druet als Béatrice ist so beeindruckend, dass kaum zu entscheiden ist, ob sie besser spielt oder mit großem Schmelz, Beweglichkeit, Höhe und frappierender Sprachdeutlichkeit singt. Ebenso Jenny Daviet in der Rolle der Héro, Cousine von Béatrice, die in ihrer ersten Arie etwas scharf sich auf Brillanz festlegt, später aber auch weich im Klang auf Liebesgefühle ohne heroische Preisvergabe eingeht. Sie verschwört sich mit Ursule, Lotte Verstaen aus dem internationalen Opernensemble in Köln, um Béatrice in den Hafen der Ehe zu bugsieren. Das gelingt am Ende auch durch die Offenlegung, bzw. das Vorlesen von Liebesbriefen, die sich Béatrice und Bénédict heimlich geschrieben haben, ohne sie abzuschicken.

Sébastien Dutrieux als Leonato, Gouverneur und Vater Héros, fliegt mit elastischen Beinen und ausgestreckten Armen im Nadelstreifenanzug als Witzfigur immer wieder hinter seiner Tochter her, um sie aus den Armen Claudios zu ziehen. Denn der Ehevertrag muss erst unterschrieben werden. Aimery Lefèvre, für den erkrankten Miljenko Turk als Héros Geliebter Claudio eingesprungen, ist sich seiner Sache sicher. Außer sich seiner Geliebten unzweideutig anzüglich zu nähern, hat er nicht viel zu tun. Bénédict hat es da schon schwerer zu punkten, denn er bekommt immer wieder einen Schuss vor den Bug. Der Chor fährt GottseiDank immer wieder wie eine Furie dazwischen. Mit Kinderwagen und schreienden Babys läuft er auf, und bricht in lautes Geschnatter aus wenn der Kapellmeister zum Einsatz ansetzt. Ivan Thirion als Kapellmeister versucht sich sogar mit Signaltrompete zu behaupten. Zur fröhlichen Hochzeit serviert er allerdings eine ernste Fuge, die prompt von den Herrn Offizieren zum fröhlichen Anlass moniert wird. Ist das die richtige Musik für diesen glücklichen Anlass? „Fuge käme doch von Fliehen und man wolle doch, dass Zuflucht im Ehehafen gesucht würde“, kontert der Kapellmeister. Berlioz macht sich über deutsche Fugenkunst herrlich lustig, so wie über die französischen Victoire-und-Gloire-Beschwörungen oder „l‘extase“, ein strapaziertes Wort in der französischen Kunst. Und einmal greift auch Kapellmeister Roth ein, als jemand aus dem Publikum vor den Schlusstönen der Arie anfängt zu applaudieren. Ernster Blick, weiter dirigieren und dann das Nicken, dass der Applaus jetzt sein darf. Des Bühnenkapellmeisters Bitte, man reiche ihm für die Chornummer 37 seinen zarten Elfenbeinstab, hat möglicherweise einen Bezug zu Berlioz. Denn Berlioz trifft als französischer Stipendiat in Rom auf Felix Mendelssohn-Bartholdy, dessen feinen Dirigierstab aus Elfenbein er bewundert, sodass Mendelssohn ihm den schenkt. Nachzulesen in Berlioz‘ Memoiren. In diesem Stück sind der Anspielungen viele. Shakespeare-Fan Berlioz hat Shakespeares Viel Lärm um nichts großartig in Musik und im Libretto umgesetzt. Jean Renshaw hat die gesprochenen Dialoge aktualisiert.

Chor der Oper Köln, Héro (Jenny Daviet) und Claudio (Miljenko Turk). Foto: Hans-Jörg Michel

Es braucht allerdings auch die szenische Verve, die in Köln in den Abend gelegt wird. Es wird auch hervorragend gesprochen, dank des französischen Sängercatings. Und behaupte mal einer, dass das Terzett der Damen – Béatrice, Héro und Ursule – im zweiten Akt nicht mindestens so schön sei wie das berühmte Terzett aus dem Rosenkavalier. Erneut wird in Köln hörbar, welche Opernschätze Berlioz bietet. Denen hat sich François-Xavier Roth ja verpflichtet. Mit Benvenuto Cellini hat er seine Opernchefzeit in Köln eröffnet und mit dem Mammutwerk Les Troyens wird er die nächste Spielzeit unter dem neuen Intendanten Hein Mulders eröffnen. Für das Finale von Béatrice und Bénedict hat sich die Regisseurin Renshaw noch einen netten Clou ausgedacht. Hochzeitsgeschenke für die jungen Damen sind Bügelbrett und Staubsauger, mit denen sie wie behindert, zumindest verstört im Raum stehen. Jetzt versteht man, warum den ganzen ersten Akt über eine italienische Mamma im Hintergrund Wäsche aufgehangen und zwischendurch ihren besoffenen Mann von der Straße eingesammelt hat. Die Ehe-Realität der Frau. Die jungen Damen wissen sich zu wehren und parken stante pede die Haushaltsgerätschaften in den Armen ihrer frisch angetrauten Männer!

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