Karfreitags-Passion mit Bach – Die Matthäuspassion unter Herreweghe mit Collegium Vocale Gent in heilignüchternem Klang!

(Titelbild: Geiselung Christi. Deckenfresco der Klosterkirche Niederaltaich. Foto: Wiki commons) Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion oder seine Johannespassion live zu hören, gehört an Karfreitag für viele Musikliebhaber und/oder Christen einfach dazu. Zwei Jahre war das in München nicht mehr möglich, umso größer die Erwartung, erstmals im Ausweichquartier der neuen Isarphilharmonie (während die Philharmonie am Gasteig saniert wird) Philippe Herreweghe und das Collegium Vocale Gent mit der berühmtesten und umfangreichsten aller Passion-Vertonungen zu erleben. Und das zu 100 % ausverkauft! (Von Klaus Kalchschmid)

Konstantin Krimmel. Foto: Konstantin Krimmel

Im ersten Teil mochte nicht so recht Spannung aufkommen, obwohl die beiden links und rechts vom Orchester platzierten, präzise und ausdrucksvoll artikulierenden Chöre präsent und konzentriert bei der Sache waren. Konstantin Krimmel sah mit seinem Vollbart nicht nur aus, als hätte er sich erfolgreich für die endlich im Mai nach Pandemiepause stattfindenden Passionsspiele in Oberammergau beworben, sondern war als Christus zugleich Mensch und Gottes Sohn. Trotz Bachs exquisiter, güldener Streichergloriole gelang dem jungen Bariton, exzellenter Lied-Sänger und seit dieser Spielzeit Ensemble-Mitglied der Bayerischen Staatsoper, singend die Quadratur des Kreises: Mit virilem Bariton verkörperte er zugleich einen Mann und etwas Übermenschliches. Weil ein Solist corona-bedingt ausfiel, übernahm er im zweiten Teil die Bass-Arie „Komm süßes Kreuz, so will ich sagen, mein Jesu, gib es immer her“, in der er also über sich selbst sprach.
Sein Bassbariton-Kollege Tobias Berndt war nicht nur Judas, sondern musste diverse Nebenrollen übernehmen, überzeugte aber mit wunderbar gerundeter Stimme auch in zwei Bassarien. Dorothee Mields übernahm mit gehaltvoll reichem Sopran die meisten Sopran-Arien und gestaltete sie expressiv, aber auch Grace Davidson konnte etwa mit „Blute nur, du liebes Herz!“ überzeugen. Die Tenorarien waren aufgeteilt auf Samuel Boden und Guy Cutting.
Reinoud van Mechelen als Evangelist hatte anfangs Probleme, die Register zu verblenden und zu einem eigenen Evangelisten-Ton zu finden. Doch nach der Pause, als das Geschehen radikal verdichtet mit Riesenschritten auf die Kreuzigung zusteuerte, wurde er immer mehr zum am Geschehen Anteilnehmenden, wie auch Bach seinen Part immer expressiver komponierte. Van Mechelens Singen gerann manchmal fast zum Schrei, was jedoch nie Grenzen überschritt. Wenn er von Petrus mit einem herzzerreißenden Melisma sang: „…und weinte bitterlich“ war das großes Musik-Drama! Dass die folgende „Erbarme dich“-Arie nicht von einem weiblichen Alt, sondern einem klangvollen Altus bzw. Countertenor gesungen wurde wie Tim Mead zeitigte große Wirkung, zeigte sie doch berührend die große Verletzbarkeit und Anteilnahme eines Mannes. Die wie alle Instrumentalsolisten leider im Programmheft ungenannte Geigerin spielte ihr Solo ohne triefende Süße, wie man sie sonst oft zu hören bekommt, sondern verströmte mit schlankem, herbem Ton tiefe, gleichwohl gefasste Trauer. Ein weiterer Counter, James Hall, war in der Alt-Arie Nr. 52 („Können Tränen meiner Wangen/Nichts erlangen,/Oh, so nehmt mein Herz hinein.“) ein stimmlich ganz anderer, nicht weniger beeindruckender Charakter.
Wie immer waren die Solisten beim Collegium Vocale Gent in den (Doppel-)Chor zu je 12 Sängerinnen und Sänger integriert. In der Mitte standen hinter dem Orchester acht „Soprane in ripieno“, sonst oft ein Knabenchor. Schon im Eingangschor leuchteten sie über allen mit einem Choral als Cantus firmus. Ebenso gab es zwei Basso-continuo-Ensembles mit exzellent gespielter Viola da gamba und natürlich zwei Oboe da caccia, also charakteristisch gebogene Barock-Oboen in Altlage! Herreweghe hat Sänger und Orchester seit Jahren auf einen wunderbaren, wie Hölderlin sagen würde, „heilignüchternen“ Klang eingeschworen, dirigierte aber rein technisch so diffus, dass beim Schlusschor am Ende des ersten Teils plötzlich Chor und Orchester für einige Takte gefährlich auseinander waren. Aber das war am Ende glücklich vergessen!

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