Sinnlich, komisch, überwältigend: Filideis Passion “The Read Death” aus Donaueschingen in Köln

(Titelbild: Das SWR Sinfonieorchester beim Abschlusskonzert in Donaueschingen. Foto: SWR/Ralf Brunner) Das Schlusskonzert der traditionsreichen Donaueschinger Tage ist anläßlich 100 Jahre Donaueschinger Musiktage nach Köln gebracht worden. Unter der Leitung von Sylvain Cambreling durchfluten Bild-verhaftete, verspielte bis gewaltige, auch elektronisch unterstützte Klänge zu pandemischen Szenen die Kölner Philharmonie. Eine elitäre Gruppe von Menschen, repräsentiert von fünf Solisten und drei Chorgruppen, schottet sich von der Welt ab und findet doch den Tod. (Von Sabine Weber)

(21. Oktober 2021, Kölner Philharmonie) Hanna Dübgen hat das englische Libretto nach Edgar Allen Poes The Masque of the Read Death und Dante Alighieris Purgatorium aus dessen Göttlicher Komödie entworfen. Einen Erzähler im oratorischen Sinne gibt es nicht. Nur Zustände entfalten sich. Playmaker ist Prospero, eine Entlehnung Poes aus Shakespeares Sturm. Und es weht gleich am Anfang auch sehr viel Wind mittels Windmaschinen, Windwedel, Akkordeonblasebalg, behauchtem Blech, bepusteten Schläuchen, flirrenden Streicherbögen am Steg; das alles um einen Ton, der sich mühsam zentriert und irgendwann zaghaft in Ganztönen umspielt wird. Chorgruppen murmeln in unverständlichen Silben gedehnt von „killing times“ – wie viele Monate noch Langeweile hinter geschlossenen Türen? Das ist zäh, faszinierend, weil es etwas Unheimliches hat, woran Poe-Opernbühnen-Versuche (siehe Ruhrtriennale) meist scheitern. Der Rote Tod wütet draußen, die Cholera oder die Pest sind gemeint. Die Privilegierten hinter scheinbar sicheren Mauern warten ab, und doch hat sie das Grauen bereits hörbar im Griff. Das ereilt sie dann unerwartet auch in den Mauern, wenn Prospero, ihr Gastgeber (Hagen Matzeit), die rote Maske abzieht und sich selbst als der Tod präsentiert. Ein etwas schwacher Moment, der dann aber in ein finales Rheingoldwabern, oder vielleicht einen gigantesk auskomponierten Sonnenuntergang führt. “Es ist keine Zeit mehr, etwas zu ändern, wenn nicht jetzt -” Das sind die letzten Wort, die die Klimakatastrophenwarnung wohl gleich noch im Spektakel subsumiert. Akkorde verschieben sich gedehnt in slow motion und bauen sich gigantisch auf. Das ist Warnung. Und das kann Francesco Filidei großartig auskomponieren.

Francesco Filidei nimmt für “The Read Death” auch den diesjährigen Orchesterpreis des SWR Symphonieorchesters entzgegen. Foto: SWR/ Ralf Brunner

Den 1973 in Pisa geborenen Komponisten hat der Auftrag, ein musiktheatrales Oratorium zu komponieren, aus Donaueschingen ereilt. Und mit seiner Librettistin Dübgen hat er sich für Poe und Dante entschieden, um ein Untergangsszenario der großen Art zu entwerfen. Vor allem mit Bezug zur aktuellen Seuchen-Erfahrung. Ob es als Lehrstück in Extremsituationen gelten kann, mag dahin gestellt bleiben. Filidei schichtet jedenfalls klangsinnlich von fein bis gewaltig Klänge in langsamen Prozessen auf, oft Natur-verhaftet, beispielsweise mit instrumental auskomponierten Obertonspektren. Immer wieder mit synthetischen Klängen unterfüttert, die im IRCAM realisiert und von IRCAM-Spezialisten am Mischpult perfekt gesteuert werden. Alles mischt sich und formt eine Klangsprache, mit der Filidei virtuos jongliert, und die mit Anspielungen aus der Musikgeschichte sogar komödiantische Szenen bedient.

Strawinskys Petruschka neben Spektralklängen von Grisey, Choralartige Momente, einmal wird das Kochrezept eines Applepies mit großartiger Mimikry von Mezzo Tora Augestad zelebriert, was an Berios Comicverhaftete Stripsody erinnert. Bariton Dietrich Henschel fügt Worte aus dem letzten Abendmahl mit künstlicher Kopfstimme hinzu. Das gibt dem ganzen eine blasphemische Note, bleibt dennoch eine verspielt komische Szene. Quirlige Holzbläserflächen erinnern an Messiaën, auf lateinisch rezitierte Liturgie-ähnliche Worte werden mit Orffscher Quinten- und Quartenwucht versehen. Ein Klavierriff feuert an, als Prospero Festspiele ankündigt und die sieben Todsünden als Maskenspiel vorschlägt, was in Tumulten und Exzessen ausarten wird. Die Harfe begleitet Tenor Ed Lyon bei einer Art Minnegesang über einen Falken. Luzifer wird angerufen, der Fall der dunklen Engel ist hier natürlich weniger ein abschreckendes Beispiel als eine fesselnde Erzählung. Das bekannte katholische Wandlungsklingeln begleitet Anrufungen an die Mutter Gottes. Es wird auf der Chorempore geklatscht, geschnippt, gejohlt, gejubelt. Singende Sägen tun mit und Quietschentchen und sogar ein rosa Quietscheschweinchen. Das hat etwas von einem Spielzeugladen, in dem gespielt naiv zu allem Möglichen gegriffen wird. Immer wieder Uhrglocken-Klang, die Zeit schreitet voran. Einmal muss es dann auch eine Kuckucksuhr sein, die von hinten trällert. Die Vielfalt bündelt sich immer nach einem ähnlichen Steigerungsmuster und führt zu einem  Finale mit Überwältigungscharakter. Könnte moniert werden, ist aber ganz und gar nicht langweilig. Dass sich Countertenor Hagen Matzeit optisch als Schubertwiedergänger im Chordanzug, Schubertfrisur plus -brille präsentiert, irritiert allerdings etwas. Wenigstens hätte der Chordanzug blutrot sein dürfen. Aber Matzeit überzeugt mit runder, auch in Höhen klangschöner Stimme und mit technisch brillanter Stimmführung in der umfassendsten Solistenrolle durch das Oratorium, das er mit dem Ausruf „Sodom und Gomorrah“ auch beendet, bzw. das Finale entfesselt, in dem die Chöre wie zu Anfang in Schockstarre nur wieder summen. Die Textverständlichkeit blieb – kleines Mäkelchen – bei den Solisten insgesamt trotz Verstärkung schwierig. Zumal es auch schwierig war, dem im Programmheft Gottseidank – aber leider unübersichtlich – abgedruckten Libretto dann lesend zu folgen.

Das Chorwerk Ruhr und das SWR Vokalensemble präsentierten sich wieder mal als die Spitzenensembles ihrer Art in Deutschland. Das SWR Symphonieorchester spielte großartig auf. Einige Musikerinnen und Musiker dürften Sylvain Cambreling noch aus seiner GMD-Zeit von dem SWR Symphonieorchester Baden-Baden und Freiburg kennen, das bis zu seiner Fusionierung auch das Spezialensemble für Neue sinfonische Musik war. Dass die Kölner Philharmonie bei diesem hochkarätigen Gastspiel so leer blieb ist enttäuschend, fast beschämend, aber eben den Zeiten geschuldet.

Dieses und auch weitere Konzerte der diesjährigen Donaueschinger Tage können in der SWR Mediathek zuhause nachgehört werden!

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