Liebeslyrik als Verrat gegen sich und das Gegenüber: „L‘amour de loin“ von Kaija Saariaho treibt den mittelalterlichen Troubadour Jaufré in den Tod

Wieviel an der Legende vom okzitanischen Troubadour Jaufré Rudel historisch ist, trägt zur Handlung von Kaija Saariahos „L‘amour de loin“ nicht wirklich bei. Verdient dennoch Erwähnung. Denn historisch verbürgt ist, dass Jaufré sich 1147 dem zweiten Kreuzzug anschließt, für den Bernhard von Clairvaux und Hildegard von Bingen in Köln predigen und werben! Jaufré kommt nicht bis zum Heiligen Grab, sondern nur bis Tripolis und stirbt – die Legende beginnt – in den Armen einer französischen Gräfin, die dort auf der Zitadelle sitzt, einer Stellung der Kreuzfahrer . In seinem Werk „La fleur inverse“ über die Kunst der Troubadoure (1994) nährt Jacques Roubauds in einer zusammen getragenen „Vida“ des Troubadours einen Verdacht. Die Gräfin Clémence von Toulouse sei von vornherein das einzige Ziel Jaufrés gewesen. Denn Pilger hätten ihm von ihrer Schönheit derart vorgeschwärmt, dass Jaufré sie als unerreichbare Geliebte zunächst aus der Ferne bedichtet, besingt, sie aber dann leiblich sehen will. Roubaud wird als Librettist angefragt. Das vollendet dann der libanesische Autor Amin Maalouf, Librettist weiterer Opern Saariahos. 2000 wird „L‘amour de loin“ bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Und ist ein tödliches Unterfangen mit Projektionen im Liebesspiel zwischen Mann und Frau geworden. Der Kreuzzug spielt keine Rolle, dafür psychoanalytische Untertöne. Auch in der Regie von Johannes Erath. (Von Sabine Weber)

(24. Oktober 2021, Oper Köln im Staatenhaus) „Protect me from what I want!“ hätte Jaufrés Hilferuf aus der Wahnsinnsbox sein müssen. Er steckt in einem Kasten links auf der Bühne. Und das fast zwei Stunden, fünf Akte lang. Die Box ist so etwas wie eine Gummizelle. Bariton Holger Falk versteht sich auf den Wahnsinn, wie er in The mad King von Maxwell Davies zuletzt in Mannheim  gezeigt hat. Alias Jaufré, barfuss in gestreifter Schlafanzughose, beschäftigt er sich mit schwarzen Pumps, die in Paaren wie Fetische den Boden bedecken. Er ordnet sie immer wieder manisch minutiös, wozu er sein Loblied auf die Geliebte anstimmt. Mit weich verzaubertem Ton schmachtet er. Spricht mit einer Nachtigall, mit sich selbst, worauf ein mächtiger Chor auf der gegenüberliegenden Seite im Dunkel postiert, geisterhaft antwortet. Das hat sofort Magie, die verstärkt wird durch schwarz-weiße Videoprojektionen. Sie fahren über den Chor, die rauen Spiegelflächen an der Hinterwand oder lassen in der Box dürre Bäume vorbeiziehen, knochenähnlichen Strukturen wabern, Schatten richten sich auf, Verdopplungen der realen Personen wiederholen sich räumlich zu einem imaginären Fokus hin. Alles ein Traum oder eher ein Alptraum?

In der Wahnsinnsbox. Foto: Paul Leclaire

In der Box ist ein Frauendouble.  Schatten, Vision, Erinnerung? Kaum berührt Jaufré sie zaghaft, wird er auch schon grob, wirft erst sie, dann sich verzweifelt zu Boden und drückt den Kopf in die Wand. Richtige Frauen machen ihn zum Triebtäter. Eine Deutungsmöglichkeit für das  lyrische Worttheater, das die Frau unrealistisch idealisiert und Liebe aus der Ferne zelebriert. Daraus ist historisch vielleicht nicht von ungefähr eine Kunstgattung entstanden!

Foto: Paul Leclaire

Die ferne Liebe Clémence von Toulouse, alias einer stimmlich hinreißend und lyrisch-sinnlich Emily Hindrichs, muss auf einer sich drehenden Wellenbühne rechts ihr Gleichgewicht halten. Kostümbildnerin Katharina Tasch hat sie wirklich versucht hässlich zu machen. So, als müsse uns augenfällig werden, dass es bei ihr nur um Schönheits-Projektion ginge. Das singt sie ja sogar selbst, dass sie nur schön im Spiegel der Worte sei! Also unvorteilhaft sitzende Streifenhose mit unpassend gemustertem labbrigen Top und weit wallenden aufwendig gearbeitete Mantel, der mustermäßig aber gar nichts passt. Die noch junge Hindrichs ist um so mehr ‘hörbar’ das begehrenswerte Objekt der Liebe.

Der Pilger ist die dritte Rolle im Spiel. Er berichtet ihr überhaupt erst vom schwärmenden Troubadour. Ursprünglich als Bassstimme geplant, ist es eine Hosenrolle geworden. In Köln mit Mezzo Adriana Bastidas-Gamboa großartig besetzt. Auch in merkwürdig wallende Labberhose und Hemd mit Pierrotkragen in fleischrosa gekleidet. Gedanklich segelt sie zwischen Blaye und Tripolis, hier zwischen Box und Wellenplateau und vermittelt mit viel Menschlichkeit und Anteilnahme zwischen den selbstverliebten Antipoden. Clémence genießt es durchaus, aus der Ferne umschwärmt zu werden.

Die Figuren würden einem bestimmten Teil von ihr selbst entsprechen, so die in Paris lebende Finnin Kaija Saariaho. Der Troubadour Jaufré der Musikerin, Clémence der im Ausland lebenden unter Heimweh leidenden Frau, und die Figur des Pilgers, der die beiden Schicksale zu verbinden suche. Die Gesangspartien hat sie jedenfalls äußerst lyrisch sanbar angelegt. Kantilenen ergießen sich mit Wohlklang in die wabernden, metamorphierenden Klangflächen. Ihre Klänge, kaum beschreibbar, scheinen im Gegenzug zu den wie in Trance gebannten Figuren, unentwegt vor den Klippen und Gefahren der lyrischen Wortergüsse zu warnen. Sie sind gewaltig, das Blech kracht, aber immer motivisch konfiguriert. Es gibt mikrotonale Einfärbungen. Saariaho baut ihre Klänge anders auf als Francesco Filidei, der kürzlich mit seinem neuen Oratorium The Read Death in der Kölner Philharmonie zu erleben war.

Aus dem Nichts beginnt zwar auch bei Saariaho der Sound zu Anfang. Aber es gibt nicht nur riesige Crescendo-Bögen. Gleich in der Ouvertüre funktionieren Xylophontöne wie ein Lockmotiv über einer fast unhörbaren Fläche. Dieses Pattern mutiert, es melden sich weitere Instrumente. Der Chor mischt sich in den Klang mit Vokalisen ein. Wenn es rhythmisch wird, ist es ein Ereignis. Saariaho hat wie Filidei elektronischen Spuren hineingearbeitet, die sich wie ein Knochenmark in den Gesamtklang einlagern.

Großartig ist der Moment, wenn die Streicher mit sul ponticello – ganz nah am Steg – mit Quint und Quarten den Klang einer mittelalterlichen Fidel täuschend echt imitieren. Die Harfen ahmen pentatonische Floskeln der Troubadour-Leier nach. Dazu ist ein Lied in okzitanischer Sprache zu hören. Der Pilger verzaubert die Gräfin mit dem Zauber des Troubadours.

Es gibt im Finale einen sehr berührenden Punkt. Die Musik verstummt und auch die Worte. Stille. Jaufré klettert aus seinem Kasten, die Gräfin springt von ihren Wellen, sie treffen sich, nehmen sich in die Arme und tanzen gemeinsam inniglich ein paar Schritte. Wie schön Liebe sein könnte. Statt dessen stirbt das Double von Jaufré, weil er die Frau nicht in echt ertragen kann. Der echte Jaufré stirbt in seiner Blase. Er ist nirgendwo angekommen. Dann wird es bei Clémence kitschig. In einer religiös verbrämten musikalischen Apotheose erklärt die Gräfin die Liebe zum Troubadour zur Liebe zu Gott. Darauf geht Regisseur Johannes Erath Gott sei Dank nicht bildlich weiter ein. Der leblose Double-Körper wird nicht zum heiligen Leichnam. Und die Gräfin keine Thérèse von Lisieux…

Von den jederzeit auf der Bühne präsenten Sängerdarstellern – stimmlich perfekte Besetzungen – wird viel verlangt. Die Regie lässt sie ein bisschen zu viel liegen und schlafen oder sich in die Ecke drücken. Das haben sie bravourös überstanden und darüber hinaus viel dazu beigetragen, dass hier ein Opernerlebnis entsteht, das nachhallt und zu denken gibt. Über das, was Liebe war, ist, sein kann oder sein sollte… Ein überwältigender Abend zudem, weil die Panoramaweite des Saals im Staatenhaus genial genutzt wurde (Bühne: Bernhard Hammer). Das Gürzenich-Orchester sichtbar zwischen Box und Wellen und vor dem Chor ganz rechts verteilt, ist das Meer. Nebenbei kann beim Produzieren der Klänge unter der Leitung von Constantin Trinks sogar zugeschaut werden. Das trägt zum Gesamterlebnis bei einer solchen Oper durchaus bei. Wertet auch die Leistung der Musikerinnen und Musiker auf. Tags zuvor haben sie in der Kölner Philharmonie noch das Finalkonzert, die Woche davor die Proben  für den Deutschen Dirigentenpreis gespielt. Absolut flexibel und einsatzbereit! Und der Opernchor präsentiert sich endlich mal wieder voll besetzt!

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