Italie! „Les Troyens“ von Berlioz kreist in Köln auf einer Umlaufbahn. Das Gürzenich-Orchester ist das Epizentrum

Das Orchester kommt bei einem der musikalischen Höhepunkte sogar selbst in Bewegung, mitsamt rotierendem GMD François-Xavier Roth inmitten des Bühnenorbits, dem aber nicht aus diesem Grund sein Bleistiftdirigentenstab abhanden gekommen ist. Die Rotation bringt dann das liegende griechische Statuengesicht am hinteren Rand der Bühne nach vorne, und offenbart dahinter das Versteck einer abgehalfterten Göttergesellschaft. Regisseur Johannes Erath bebildert als Metaebene eine Götterdämmerung. (Von Sabine Weber)

Isabelle Druet (Kassandra). Foto: Matthias Jung

(24. September 2022, Kölner Oper im Staatenhaus) Handlungsmomente gibt es in diesem Mammutwerk ja kaum, das aus zwei Opern in einem beteht, Akt 1-2 spielen in Troja, Akt 3-5 in Karthago, und das satte fünf Stunden mit zwei Pausen dauert. Da muss der Regisseur sich was einfallen lassen. Troja und Karthago fallen in einem Kreis zusammen. Denn es geht vor allem um zwei starke Frauen, deren persönliches Drama vom ersten bis zum letzten Moment in den Bann schlägt. Kassandra ist eine immer randständige widerborstige Trojanerin und Seherin, deren Warnungen selbst von ihrem stets alles besänftigenden Geliebten in den Wind geschlagen werden. Isabelle Druet verkörpert sie mit Haut und Haar, intoniert glänzend, mit großer Verve in der Höhe, vollem Volumen aber auch feinfühligen Farben in verschiedenen Registern und mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz, die selbst beim Rampensingen noch einnimmt.

Nuit d’ivresse ein überiridisch schönes Duett
Enea Scala (Aeneas), Veronica Simeoni (Dido). Foto: Matthias Jung

Dann Dido, eine labile Königswitwe, die all ihre Lebenshoffnung und Liebessehnsucht auf den Flüchtling Aeneas setzt. Eine ganz große Partie, die Veronica Simeoni trotz kleiner Intonationsschwächen überzeugend ausfüllt. Erst als Glamourlady mit pinker Pagenschnitt-Perücke unsicher schwankend, dann durch Liebe erstarkt mit viel Dramatik und Verzweiflung. Ihr Bühnenpartner ist Enea Scala (nomen est omen). Ein Tenor, der wagemutig in der Einstiegsarie mit der Laokoon-Erzählung einen Kaltstart hinlegt. Scala ist vor allem ein jugendlich wirkender fescher Beau. Ganz in Weiß mit Rüschenhemd oder Silberbrokatjacke, versteht er sich auf mediale Auftritte, knödelt auch mal charmant. Macht vor allem Macho-mäßig routiniert gleich bei der ersten Begegnung Dido an, dass man seine späteren Gewissensbisse, sie verlassen zu müssen, fast nicht mehr glauben mag. Scala und Simeoni gehört jedenfalls der schönste Moment des Abends. Jenes überirdische Duett Nuit d‘ivresse – Nacht der Ekstase – in der alles wie oben beschrieben in rotierende Trance gerät. Eine silberne Diskokugel darf als Mond glitzern. Dem voraus geht eine wunderbare Chornummer mit Solisten-Sextett. Allein für diese Momente lohnt sich alles.

Die Ballettmusik ist die schönste Musik

Die Musik ist an diesem Abend sowieso das Ereignis. Was für Jean-Philippe Rameau gilt, dass seine Ballettmusik die schönste Musik seiner Opern sei, darf mit Les Troyens ab sofort auch für Hector Berlioz gelten. Sie wird in den meisten Inszenierungen gestrichen. Roth lässt sogar jede Wiederholung spielen. Das Orchester ist auch akribisch auf jede Feinheit eingeschworen, die es bei aller Blechgewalt ja auch gibt. Bemerkenswert ist, dass eine Ophikleide, das Vorläuferinstrument der Tuba neben den Posaunen sitzt. Sogar eine provenzalische Farandole mit Flöte und Handtrommel macht Effekt. Nicht zu vergessen sechs Harfen rechts außen, die auch einmal zusammen „solistisch“ Raum bekommen. Berlioz ist ein Meister instrumentaler Farben, und im Staatenhaus ist das Orchester sichtbar. Roth gelingt jeder der raschen Umschwünge, die von mendelssohnscher Holzbläser-Rasanz – Berlioz liebt offensichtlich die Piccoloflöten – über veritable Klarinetten-Konzert-Einlagen, das Saxophon hat allerdings gefehlt, bis hin zu Stereo-Surround-Effekten mit off-Chören, Blechzügen, einzelnen Posauneneinsätzen rund um die Zuschauerbühne reichen. Roth gibt die Einsätze per Videoscreen und wirft bei drohender Schlepptendenz seine Blicke sofort in die entsprechende Richtung.

Das trojanische Pferd als männliche Gewalterscheinung

Regisseur Johannes Erath gelingt die Quadratur des Kreises, nämlich die Handlungsarmut und auch die Ballettmusik durch Assoziationen und Bebilderungen von imaginären Zusammenhängen aufzufangen und über die Rotation der Orbitbühne in einen Fluss zu bringen. Auf dem Drehorbit rotieren nicht-vorhandene Personen als imaginäre Gesprächspartner hinein. Sitzend, stehend, hier scheint alles von Visionen geplagt zu sein, Wunschbildern bis Horrorvisionen. Gestalten wie Panthée (Lucas Singer), Sekretär von Aeneas, steht sogar wie eine Comicfigur aus Tin-Tin mit Schirm und nach hinten geworfenem Aktenkoffer im Laufschritt eingefroren. Das trojanische Pferd wirft sich als männliche Gewalterscheinung auf Kassandra. Der Seekrieg der Karthager und der trojanischen Flotte wird in einen Krieg gegen die Götter umgemünzt, die als posierende Spaßgesellschaft – auf einem Sofa links – vom karthagischen Volk überwältigt und ihrer Insignien wie Bogen, Hammer, Pfeil oder Geweih (Artemis/ Diana) beraubt werden.

Die Götter sind Schein und Helden zählen in Hollywood

Dass die zwölf olympischen Götter in Hector Berlioz‘ Trojanern eigentlich nicht auftreten, sondern nur im Libretto vorkommen (Berlioz hat sich das Libretto nach Vergils Aeneis selbst verfasst) und menschengemacht allenfalls Hoffnungen verstärken (Athene/ Minerva), Drohungen aussprechen (Zeus/ Jupiter ), in einem Lied besungen werden (Demeter/ Ceres), hat den Regisseur wohl dazu bewogen, die Götter generell in Frage zu stellen und dann als nicht ernst zu nehmend in einer Art Daily Soap (in anspielungsreichen Kostümen von Heike Scheele, die auch das Bühnenbild gebaut hat) untergehen und im Paramount-Sternenkreis von Hollywood wieder aufgehen zu lassen. Im Schlussbild steigt Aeneas als Held in diesen Himmel auf.  Die Götter sind Schein und Helden zählen in Hollywood. In dieser insgesamt auf schwarz-weiß-grau-silberne Ästhetik setzenden Inszenierung leistet sich Erath auch Komik. Zwei Götter treten außerhalb der göttlichen Abstiegsmannschaft in Erscheinung. Weingott Bacchus /Dionysos, wohl weil er der Theatergott ist, darf mit Jabots am Ärmel und Barockpluderhose beim Sofa unmotiviert rumtänzeln. Hades/ Pluto im dunklen Pelzmantel wird als Leichensezierer aktiv, weil die Stimmen der Toten Aeneas in schaurigen Nummern verfolgen. Ob sich Eraths Göttertheater wirklich jedem erschließt? Immerhin gibt es zu keinem Zeitpunkt Leerlauf oder Spannungsabfall. Die Bilder begleiten und werden, so sie nicht anregen, subsumiert, weil sie perfekt auf die Musik gesetzt sind.

Der größte Jubel geht wie immer an Roth und das Gürzenich-Orchester

Am Ende dieser ausverkauften Saisonpremiere ist der Jubel für diese Berlioz-Trojaner einhellig. Kein einziges Buh für die Regie! Man denkt unwillkürlich an die gescheiterten Inszenierungen in Nürnberg (Calixto Bieito) und jüngst in München unter Christophe Honoré. Jubel auch für die große Schar der Solisten und Darsteller, die alle Erwähnung verdienten, auch für den gewaltigen Kölner Opernchor, der in verschiedenen Formationen ganz großartige Einsätze hat. Vielleicht an manchen Stellen ein bisschen zu viel rumgehampelt ist, aber das „Italie!“ so wirkungsvoll von hinten nach vorne schmetterte, dass es noch lange im Ohr vibriert. Der größte Jubel geht wie immer an Roth und das Gürzenich-Orchester, das gibt es glaube ich an kaum einer anderen Opernstätte in Deutschland! Oberbürgermeisterin Henriette Reker darf sich glücklich schätzen. Sie hat ja auf Roth gesetzt, sich vor Premierenbeginn sogar vorne hingestellt und im Hinblick auf Berlio – das „s“ hat sie entlarvender Weise nicht ausgesprochen – auch dem neuen Intendanten Hein Mulders coram publico ihren Rückhalt versichert. In zwei Jahren dürfe er das neue Opernhaus einweihen! Da gab es allerdings Gelächter unter den Kölnern im Publikum…

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