Ingo Metzmacher gelingt mit Nonos „Intolleranza“ in Salzburg der Spagat zwischen höchster Brutalität und berückender Schönheit

Nach einem wunderbaren Liederabend mit dem französischen Tenor Benjamin Bernheim mit Liedern von Ernest Chausson, Clara Schumann und Johannes Brahms in perfekter deutscher Diktion, feinstem Benjamin Britten und den Zugaben-Perlen mit Strauss‘ Morgen sowie der ungemein differenziert gestalteten großen Arie des Werther aus dem 3. Akt der gleichnamigen Oper von Jules Massenet, die das Publikum im Haus für Mozart zu Ovationen hinreißen, wetterleuchtet und donnert es gewaltig über Salzburg. Heftiger Regen setzt ein. Um 20 Uhr beginnen dann im wieder traumhaft sanften Abendlicht die Glocken aller Salzburger Kirchen samt Dom zu Mariä Himmelfahrt vielstimmig zu läuten – kurz vor der Premiere von Luigi Nonos Intolleranza: was für ein „Theatrum Mundi“ in der katholischen Erzbischofs-Stadt! (Von Klaus Kalchschmid)

Sung-Im Her (Schauspiel und Solotanz), Ensemble. Foto: Maarten Vanden Abeele

(15. August 2021, Salzburger Festspiele) Nonos „Azione scenica“ wurde 1961 am Teatro la Fenice in Venedig uraufgeführt, von Störaktionen begleitet, die das Werk schon vor seiner Premiere als kommunistisches Machwerk verunglimpften, das die ehrwürdige italienische Operntradition beleidige und verhöhne. In dieser „szenischen Aktion in zwei Teilen“ mit großen Chorpassagen geht es um nichts weniger als die Sehnsucht eines Bergbau-Arbeiters nach der Heimat, nach Frieden und wirklichem Leben. Stattdessen erlebt er Folter, Internierung im Konzentrationslager, dann wieder Verbrüderung und Flucht, vergebliche Liebe und schließlich eine alles überspülende Flut. Auf sie antwortet am Ende ein sanfter Schlusschor in Richtung Publikum mit Bertolt Brecht: „Ihr aber, wenn es soweit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist, gedenkt unsrer mit Nachsicht.“

In der Nacht der Premiere haben die Taliban Kabul eingenommen und kaum jemand weiß, wie jetzt noch zu helfen ist. So holt die Realität ein 60 Jahre altes Werk ein, das ein Manifest für Humanität ist und den Finger auf die Wunde von Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun, legt. Und das mit einer Intensität und auch Wut, die damals wie heute aufregt, schmerzt, verstört.

Denn es gibt schier brachiales Schlagwerk und Blech bis an die Grenze des Erträglichen, trotz aller Atonalität in der Zwölftönigkeit aber auch traumhaft schöne, intime (Streicher-)Musik und ein Gesangsmelos, das bei aller Komplexität berührt. Die Collage aus Text-Fragmenten eines für Nono geschriebenen Bühnenstücks von Angelo Maria Ripellino sowie Zitaten von Paul Éluard, Sartre, Brecht, Majakowski und anderen verbindet sich mit hochexpressiver, oft schier schreiender, dann wieder fast zärtlicher Musik. Das ist bis heute faszinierend.

Ensemble. Foto: Foto: Maarten Vanden Abeele

Noch bevor ein Ton erklingt, gibt es in die Dunkelheit hinein einen scheppernden Rumms in der Batterie der 12 Schlagzeuger links vor den Arkaden der Felsenreitschule. Ordnungskräfte schreiten ein, im Halbdunkel kommt es zu Tumulten, Schreie gellen und Schläge hallen durch den riesigen Raum, Menschen laufen wild durcheinander bis sie innehalten und der erste Chorsatz wie von Nono vorgesehen vom Band die Felsenreitschule beschallt: „Leben heißt wach bleiben und sich den anderen hingeben, stets sein Bestes tun und nicht berechnend sein.“ Was für ein Auftakt!

Später werden die blutigen Folterungen, Misshandlungen und Vergewaltigungen fast realistisch und doch überhöht als Tanz gezeigt. Das geschieht in einer Atemlosigkeit, Unerbittlichkeit und Total-Bespielung der riesigen Felsenreitschule, dass es auch ermüdet. Dennoch ist das eine faszinierende, konkrete wie abstrakte Verdeutlichung von Text und Musik mit radikaler Körperlichkeit, die schon Jan Lauwers erste Operninszenierung, Monteverdis L’incoronazione di Poppea, in Salzburg geprägt hat. Vier Performer und 25 Tänzerinnen und Tänzer von Bodhi Project und SEAD (Salzburger Experimental Academy of Dance) verausgaben sich dabei bis zur Erschöpfung und erzielen mit der Musik einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Der blinde Dichter (Victor Afung Lauwers) Foto: Maarten Vanden Abeele

Zwei komplementäre Momente fallen heraus: Einmal der wüste, absurde Monolog eines blinden Dichters, der zitternd den ganzen Abend an der Rampe steht und innerhalb der italienisch gesungenen Aufführung immer mal englisch redet. Er klagt zu Beginn des zweiten Teils die Ignoranz des Lachens und der Lachenden an, und wird dafür von der Menge bis hin zur körperlichen Erniedrigung wüst verlacht und verspottet. Gesprochen und gespielt von Victor Afung Lauwers, ist das der vom Regisseur verfasste Ersatz für eine rein gesprochene Collage von Zeitungsmeldungen („Einige Absurditäten des gegenwärtigen Lebens“) bei Nono.

Und es gibt den utopischen Moment der Hoffnung, wenn gegen Ende „die Gefährtin“ vom Wunder der Natur wie der Liebe singt und man dazu ein intimes Video sieht (Wonders of Nature, 2021). Ein kleiner, selig strahlender Bub (Song Louis) liegt, spielt und nuckelt da verzückt auf und an den Brüsten von Romy Louise Lauwers.

Sean Panikkar (Un emigrante). Foto: Maarten Vanden Abeele

Der grandiose Chor der Wiener Staatsoper, szenisch enorm gefordert, bewältigt seinen horrend schweren Part auswendig. Auch der junge Tenor Sean Panikkar (Un emigrante) muss eine manchmal exorbitant hohe Tessitura und wüste Sprünge meistern.

Sara Maria Sun (la sua compagna). Foto: Maarten Vanden Abeele

Sopranistin Sarah Maria Sun (La sua compagna) wagt nicht nur sängerisch, sondern auch darstellerisch den Totaleinsatz, während Anna Maria Chiuri (Una donna) die leidenschaftlich widersprechende, dunkler timbrierte Instanz verkörpert und Antonio Yang (Un algerino) sowie Musa Ngqungwana (Un torturato) kleinere Partien hervorragend meistern.
Der Spagat zwischen höchster Brutalität und berückender Schönheit, der Ingo Metzmacher mit den Wiener Philharmonikern gelingt, ist schlicht staunenswert, benötigt aber auch die grandiose akustische Groß-Raum-Wirkung der Felsenreitschule, die zu klingen beginnt, als wäre Intolleranza 1960 dafür komponiert.

Danach fällt der letzte Zug zurück nach München aus, weil heftiges Gewitter und ein Blitzschlag den Bahnhof Rosenheim lahmgelegt haben. Glücklicherweise bringt uns ein Journalisten-Kollege bis dorthin, wo um 23.30 Uhr unerwarteter Weise ein vier Stunden verspäteter, überfüllter Zug aus Budapest uns und viele gestrandete junge Touristen mit großen Rucksäcken aufnimmt und im Schneckentempo nach München zurückbringt. Salzburg ist eben immer ein Abenteuer in jeder Hinsicht; da sind die rigiden, Corona-bedingten Kontrollen, bei denen nicht nur die drei G’s überwacht werden, sondern auch Rucksäcke penibler mit Taschenlampen durchleuchtet werden als das Gepäck am Flughafen von Tel Aviv, noch das Wenigste! Aber Oper, Konzert und Lied in vollbesetzten Sälen, wenn auch mit FFP2-Masken-Pflicht, lassen das alles als nichtig erscheinen!

Am Samstag, 21. August 2021, überträgt 3SAT „Intolleranza“ ab 22.15 Uhr.

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