Hans Neuenfels – Nachruf auf einen genialen Vertreter modernen Regietheaters

(Titebild: Hans Neuenfels portraitiert von Oliver Mark, Berlin 2006. Wikicommons)

Er galt als heftig, hochfahrend, pathetisch, zerrissen, exzentrisch und verletzlich. Regisseur Hans Neuenfels sei der letzte Protagonist des Achtundsechziger Theaters. Mit Dauerzigarette in der Hand und knarziger Stimme verteidigte er seine Ansichten. Sein Name war ein Synonym für gepriesenes wie verschmähtes Regietheater. Seit über 50 Jahren haben seine provokanten Inszenierungen Theatergeschichte geschrieben. Am Sonntag, den 6. Februar, ist er 80jährig in Berlin verstorben. (Von Klaus Kalchschmid und Sabine Weber)

Hans Neuenfels portraitiert von Oliver Mark, Berlin 2006. Foto: Wikicommons

Da wäre als erstes Beispiel seine Aida zu nennen, die in Frankfurt 1981 als Putzfrau in einem Ägyptischen Museum daherkam. Das war zwar nicht der Urknall des Regietheaters, aber einer der ersten ganz hellen Sterne, der noch heute im Gedächtnis vieler Opernenthusiasten leuchtet. Wenig später dann Heinrich Penthesilea von Kleist, der schräge, wilde Theater-Essay-Film von Hans Neuenfels auf der Basis seiner Berliner Inszenierung der Tragödie Heinrich von Kleists. Natürlich mit Elisabeth Trissenaar, seiner Ehefrau und langjährigen künstlerischen Partnerin bis heute, als Penthesilea. Die Familie oder Schroffenstein, ebenfalls nach Kleist, sollte folgen und dann – endlich – 1998 die Premiere von Mozarts Entführung aus dem Serail in Stuttgart. Seine erste Mozartoper,  ein Geniestreich – der 20 Jahre später noch Geschichte in Wien schreibt. 2002 folgte in Stuttgart ein nicht minder genialer Don Giovanni im Sand einer Arena und dazwischen eine herrlich verrätselte Così für Salzburg.

In guter Erinnerung sind auch die Babylonier aus Nabucco, die im Biene-Maja-Kostüm – freilich mit übergroßem Stachel – 2000 über die Bühne der Deutschen Oper tänzelten. Unmittelbar nach dem Karrikaturenstreit 2005 wurde Neuenfels Berliner Idomeneo-Inszenierung sogar abgesetzt. Wegen vier geköpften Religionsstiftern, inklusive Mohammed, befürchtete man islamistische Anschläge. So die damalige Intendantin der Deutschen Oper Berlin Kirsten Harms. Da rief Neuenfels kurzerhand Frau Merkel an, die ein Machtwort pro Neuenfels sprechen musste. Und Idomeneo konnte wieder aufgenommen werden. Der damalige Intendant und GMD vom Aalto-Theater, Stefan Soltesz, lud den provokanten Theatermann, der bereits für den Bayreuther Lohengrin nominiert war, 2008 erstmals nach Essen ein. Vor der dortigen Tannhäuser-Premiere, den Neuenfels zusammen mit Reinhard von der Tannen, seinem kongenialen Bühnen- und Kostümbildner auf die Bühne brachte, streikte erst einmal der Chor, weil er nicht heilig pilgern durfte, sondern in satanischen Ledermänteln – innen rot – bedrohlich über die Bühne fahren sollte. Unter anderem für diese Produktion wurde Hans Neuenfels im Jahrbuch der Opernwelt zum Regisseur des Jahres gekürt und das Aalto-Theater zum Opernhaus des Jahres. Ja, und dann kam sein Bayreuther Lohengrin von 2010 mit wunderbar süßen, elegant-bunten Ratten!

(Ein Klassikfavori-Interview mit Hans Neuenfels über den
Stellenwert der Oper, wie er über den Beruf des Regisseurs denkt und was ein Neuenfels erfahrbar machen will, weiter oben)

Hans Neuenfels ist mit zahlreichen Produktionen und vielen Details im Gedächtnis abrufbar, nicht zuletzt wegen der genialen, höchst fantasievoll und nicht selten auch witzig umgesetzten Idee, einem singenden Protagonisten einen Schauspieler oder eine Schauspielerin als Alter Ego und/oder Widerpart an die Seite zu geben. So im Essener Tannhäuser, und in der Stuttgarter Entführung, letztere eine so stimmige Produktion, dass er sie im Herbst 2020 an der Wiener Staatsoper sogar neu einstudierte!

In Tschaikowskys Pique Dame, seine letzte Regiearbeit von 2018 – ebenfalls für die Salzburger Festspiele -, zeigte Hans Neuenfels noch einmal seine inszenatorische Pranke. Wieder mit einem großes Bilder-Rätsel und in der Personen-Regie ungemein packend.

Die Suche nach sinnlicher Erkenntnis, gepaart mit Unernst und einer feinen (Selbst-)Ironie prägte die Theater- und Filmarbeit von Hans Neuenfels seit den Anfängen Mitte der 1960er Jahre bis heute. Wie viel Musik braucht der Mensch – Über Oper und Komponisten von 2009 und das zwei Jahre später erschienene Bastardbuch – autobiografische Stationen nehmen im Regal neben der Literatur über Ruth Berghaus, Harry Kupfer und Peter Konwitschny einen Ehrenplatz ein, denn Hans Neuenfels hat mit seinen Arbeiten Aug‘ und Ohr‘, Seele und Herz vor allem für die Oper geschärft. – Dafür müssen wir ihm, der am Sonntag 80-jährig in Berlin gestorben ist, ewig dankbar sein!

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