Wer ein sagt muss auch aus sagen! gamut inc‘s robot-opera wirft mit einem Theaterstück von Čapek Fragen über das Mensch-sein von Maschinen auf

Der tschechische Autor Karel Čapek ist Literatur- und Theaterkennern ein Begriff. Von ihm stammt „Die Sache Makropulos“, die sich, von Leoš Janáček vertont, bis heute zumindest in Opernform präsent hält. Čapeks Kollektivdrama „Rossum`s Universal Robots“ ist übrigens im selben Jahr wie Makropulos, 1921, am Prager Nationaltheater über die Bühne gegangen. Beide Theaterstücke sind gefeiert worden. Jetzt bekommt „R.U.R.“ – eine Abkürzung für „Rossum‘s Universal Robots“ – eine Opernverarbeitung posthum. „robot-opera“ heißt das neue Musiktheater, was wohl darauf anspielen soll, dass Maschinen auch musikalisch mitwirken. Die Designerin und Computermusikerin Marion Wörle bildet zusammen mit dem Komponisten Maciej Śledziecki den Kern von gamut inc. Auf ein Libretto von Frank Witzel haben sie für zwei Solisten, Chor und – natürlich – Musikmaschinen komponiert, inszeniert und Lichtregie geführt. Sieben rotierende Scheiben, nachgebildet nach einem Wsewolod Meyerhold‘schen antirealistischen Experiment, bestimmen das Bühnenbild. (Von Sabine Weber)

Der RIAS Kammerchor im Bild vor den rotierenden Scheiben von Nina Rhode entworfen. gamut inc

(5. Februar 2022, Comedia Theater, Köln) Der renommierte RIAS Kammerchor hat die Chorpartie für dieses Projekt aufgenommen. Das ist natürlich ein Prestige-Gewinn für das Ensemble gamut inc um Marion Wörle und Maciej Śledziecki, auch wenn der Chor vom Band kommt. Was die Aufführungsanforderungen an die Raumgröße im Zaume hält. Er wird aber immer wieder auf Großleinwand eingeblendet. Überhaupt bleibt erst einmal auch anzumerken, dass in Corona-Zeiten ein freies Ensemble eine Opernproduktion auf die Beine stellt und Aufführungen an freien Theaterstätten in Berlin und in Köln stemmt, die, zumindest die besuchte in Köln, ausverkauft sind.

Über die von Čapek in der Vorlage erfundene Roboterfabrik und die Roboter-Typen, denen von der Fabrikcheftochter Seelen eingepflanzt wurden, erfahren wir leider nichts. Die Seelen sollen aber der Grund für den Aufstand der Maschinen gewesen sein, der die Menschheit vernichtet hat. Hier setzt die aktuelle Handlung. Ein Mensch, der Forscher Alquist (Patric Schott, Sprechrolle) hat überlebt. Er soll für die beiden Robotern (Gina May Walter, Sopran, Georg Bochow, Countertenor) die Formel zur Reproduktion der Maschinen finden. Letztendlich führt das zu keiner Handlung, Konflikten oder Entwicklungen. Stattdessen wird maschinenmäßig getanzt – ruckartig quadratische Bewegungsmuster in Körpersymmetrie – inmitten der sich rotierenden Scheiben, die auch mal verschoben werden und mit grafischen Mustern durch Geschwindigkeit faszinierende Bewegungsmuster in den Raum werfen.

Orff‘sche Staccatochöre im Silbenrhythmus oder hin und herpendelnde Ganztöne

Die Musik geht schon mit Launch-Klangschleife vor dem Stück los. Bis ein gigantisches Brummen ablöst. Mit dem Chor wird die Musik zu einer Mischung aus Orff‘schen Staccatochören im Silbenrhythmus oder besteht aus hin und herpendelnden Ganztönen. Dazu gibt es solistisches Intervallsingen wie in frühbarocken Bicinien, Tritonus und rau-archaische Intervalle wie Quinten und Quarten werden allerdings bevorzugt. Oder einfaches Psalmodieren über einem stehenden Klangband. Die beiden Solisten singen verstärkt. Alles relativ einfache Musikmuster, die angeschoben oder durchsetzt werden mit tiefem Brummen oder fast geräuschhaftem Vibrieren. Sounds, die wohl von retro-futuristischen Instrumenten generiert werden. Die Wiederentdeckung der ersten Elektro-Sounds ist ein Anliegen des 2012 gegründeten gamut inc. Die Klangflächen mit der abgestimmten Lichtregie, auch mal stroboskop-ähnliches Flimmern, und der sich drehenden Scheiben, dazu das Agieren der Charaktere, summiert sich insgesamt zu einem ästhetischen Kleinkunstbühnengesamtkunstwerk.

Roboter (Georg A. Bochow. Foto gamut inc

Und doch sind der Klischees viele. Gina May Walter, Sopran und Georg A. Bochow, Countertenor, sind geschminkt wie Nosferatu oder Frankensteins Kreatur. In schwarz mit weiß getünchten Gesichtern, die Augen rot umrändert, was zu Maschinen aus der ernsten Ecke passt. Sie sind natürlich auch Teil der maschinenverhafteten Choreografie, die von Choreograf Ruben Reniers als braun überzogene Kreatur noch ergänzt wird. Der Forscher bleibt natürlich steif außen vor, so sind sie. Er sitzt am Tischchen mit Leselampe, Notizbuch, reißt ein Blatt nach dem anderen aus und wirft es zerknüllt vor sich. Die Formel lässt auf sich warten, während um ihn alles in Bewegung gerät, sich dreht, flimmert. Im Grunde genommen räsoniert er lediglich über Gegensatz und Gemeinsamkeit von Mensch und Maschinen. In Bezug auf Freiheit, Beschränktheit, Perfektion, Träumen ja-nein, Individualität, Irrtümer… Der gesprochene Text bekommt manchmal sogar versponnene Reimallüre: „auf dem Papier sind alle gleich. Auf dem Papier sind alle reich. Erst die Praxis klopft sie weich…“ Das gesungene Wort, auch das vom Chor, bleibt oftmals unverständlich. Es gibt keine Übertitel. Dennoch ist der Diskurs zu verfolgen, weil der gesprochene Wortpart verständlich ist.

Der Forscher (Patrick Schott) räsoniert. Foto: gamut inc

Dennoch ist der auf Dauer ermüdend! Es scheint, dass alle Fragen, die es rund um die menschengemachte Menscherfindung gibt, wohl aufgequirrlt werden sollen. Aber keine wird in ihrer Konsequenz durchgespielt. Der Kunstmensch ist ja schon seit Ewigkeit Thema: angefangen mit dem mittelalterlichen Golem, Frankensteins Kreatur, es sei an die Androiden in filmischen Sci Fis erinnert, die Emotionen lernen wollen, die sich eine Vergangenheit und Erinnerung zulegen, um sich unerkannt unter die Menschen zu mischen, ganz aktuell Maria Schraders wirklich sehenswerter Film aus dem letzten Jahr „Ich bin Dein Mensch“, wo ein Android auf die Bedürfnisse eines Menschen konfiguriert wird, um den nicht vorhandenen Beziehungspartner zu ersetzen. Das macht dem echten Menschen kurioserweise richtig Probleme. (In der ARD Mediathek bis zum 25.6. abrufbar) gamut inc‘s robot-opera setzt sich mit keinem fassbaren Problem auseinander. Auch nicht mit der Vorlage. Die wird zwar als Aufhänger erwähnt und ihr sind Namen der Charaktere entlehnt. Aber da wären durchaus auch noch Fragen zu stellen. Wie die, was an dem damaligen Ansatz eigentlich legendär war? Was hat sich bewahrheitet? Was wurde thematisch wie später nochmals aufgegriffen? Warum greift gamut inc diese Vorlage eigentlich auf? Angeblich ist sogar im Zusammenhang mit der Schauspielaufführung der Begriff „Roboter“ erstmals abgeleitet worden. Aus dem Tschechischen „robota“ für anstrengende Arbeit sei der entstanden, so ist im Programmheft zu lesen. Die robot-opera reduziert sich letztendlich auf eine schöne und gelungene Show mit viel optischem Eindruck und ästhetischem Retro-Flair im Kreisverlauf. Es hört auch auf wie es angefangen hat…

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