Dortmund eröffnet in NRW die Opernsaison mit Mozarts Entführung aus dem Serail, gekürzt und mit Puppenspieler Nikolaus Habjan im Zentrum. Das Ensemble singt am Bühnenrand

Nikolaus Habjan sitzt als Papa neben einer Kinderpuppe im gestreiften Schlafanzug auf einem Bettgestell mit Vorhängen. Über ihnen Gartenleuchten, die ein dreiteiliges Tor märchenhaft andeuten. Das Kind will nicht schlafen. Es hat ein Buch in der Hand und erzählt und erfindet eine Geschichte. Angeregt durch das Buch, „Was ist das Serail? Ein Gefängnis?“, wird im Dialog und angereichert durch kindlich hintergründige Bemerkungen – „der kann noch nicht einmal singen und hält die Fäden in der Hand!“ – die Handlung der Oper angedeutet. Kleinere Puppen, das Personal der Oper, sind um das Bett verteilt und spielen mit. Das Bett dreht sich, je nachdem welche beteiligt sind. Sie werden auf den Bühnenhintergrund in vorab aufgenommenen Szenen in Großaufnahme lebendig. Nikolaus Habjan bewegt sie in den projizierten Szenenbildern, während die Sänger rechts oder links wie schwarze Geister erscheinen und ihnen ihre Stimme leihen. (Von Sabine Weber)

Foto: Theater Dortmund

(4. September 2020, Theater Dortmund) Nikolaus Habjan ersetzt mit seiner Kinderpuppe einen Großteil der Dialoge in Mozarts Singspiel. Im Puppenspielen ist er unbestritten ein Meister. Man merkt gar nicht, dass er die Kinderpuppe, während er mit seiner Hand in deren Kopf fährt und sie zum Leben erweckt, selbst auch spricht! Alle Puppen hat er selbst angefertigt, unterstützt von Marianne Meinl. Die Kinderpuppe, die er liebevoll auch in den Arm nimmt, in Echtgröße. Die anderen sind knapp 50 Zentimeter groß. Konstanze mit Kopftuch über roten Locken und einem schmerzverzerrten Ausdruck, Bassa Selim wie ein in die Jahre gekommener Sean Connery, Osmin mit Schnurrbart und tolldreistem Blick, Pedrillo und Belmonte als Herren mit Zopf. Blonde ist strohblond mit fröhlichem Ausdruck im Gesicht. Allesamt mit großen Augen und riesigen Händen. Osmin, wenn er seine berühmten Droh- und Polterarien schmettert, wird dann auch über die Bettkante geschwenkt und per Livecam projiziert. So auch wenn er sich zusammen mit Blonde am Beginn des zweiten Akts einen Schlagabtausch liefert.

Handwerklich ist alles großartig umgesetzt

Das ist alles unglaublich charmant und anschaulich gemacht. Die Puppen bewegen sich im Bild auch perfekt im Rhythmus der Musik. Die Livecam neben dem Dirigenten, im etwas hochgefahrenen Graben, lässt auch schon einmal die projizierten Puppen im Bild rotieren. Das ist handwerklich großartig gemacht. Zu keiner Zeit stören im Raum irgendwelche Gebläse von Geräten. Aber der Raum im Theater Dortmund ist groß. Und wirkt an diesem Abend leer. Jede zweite Sitzreihe frei, das Publikum verteilt mit freien Plätzen dazwischen. Haben die Salzburger Festspiele und auch Köln zuletzt beim Festival Felix denn nicht gezeigt, dass bis zu 1000 Leute im Publikum wieder möglich sein können? Bei doppelter Registrierung – mit Angabe von Reihe und Sitzplatz – blieben im Fall einer Covid 19- Infektion mögliche Betroffene verfolgbar. Nach der vollbesetzten Elektra und Così im Salzburger Orchestergraben wirken die 11 Musiker, Streicher in Quintettbesetzung – Quartett mit Kontrabass – dazu Flöte, Oboe, Fagott und ein Schlagzeuger, der für ein bisschen und von Mozart gewollter Janitscharenatmospähre mit Becken und schlagendem Besen sorgt, verloren. Unter der Leitung von Motonori Kobayashi haben sie am Anfang auch etwas Mühe, zusammen zu finden. Da mögen zwischen den Musikern aufgestellte Plexiglastrennscheiben eine Rolle gespielt haben.

Die Musiker der Dortmunder Philharmoniker geben dann aber ihr Bestes!

Im Verlauf hört man sich in den Klang ein. Und die Musiker der Dortmunder Philharmoniker geben dann auch ihr Bestes. Wenn im großen Ensemble-Quartett am Ende des zweiten Aktes ein Klavier ungewohnt heraus tönt, überkommt einen aber dann doch die Anmutung von den berühmten Strauß-Bearbeitungen Arnold Schönbergs. Die Sänger des Ensembles stehen immer im Sicherheitsabstand, schwarz angezogen, teilweise sind nur ihre Köpfe im Hintergrund zu sehen. Unterschiedlich kommen sie mit den durchweg gekürzten Arien zurecht. 50 Minuten, also mehr als die Dauer eines gesamten Akts, sind gestrichen, um auf die 80 Minuten Maximallänge zu kommen. Weil die Handlung doch arg kondensiert ist, konnten sie und das Publikum auch nicht genügend in die Stimmungen der Arien hineinfinden. Gestört hat auch, wenn die Sänger*innen in die Dialoge eingestiegen sind, mit Sprachakzent, die die deutsche Sprache unverständlich gemacht hat.

Denis Velev als Osmin. Foto: Theater Dortmund

Das war vor allem bei Denis Velev der Fall, der mit profunder Stimme allerdings die Tiefe seines ersten „Liedchens“ wunderbar drauf hat und auch sonst einen klanglich überzeugend polternden Osmin gibt. Auch Sooyeon Lee als Blonde mit schwebender Höhe und fein ausgelebtem Gestaltungswille braucht für das deutsche Singspiel unbedingt Deutschunterricht. Lee hat ihr Ensembledebüt gegeben, ebenso wie Sungho Kim als Belmonte, der, so schön er gesungen hat, auch besser zu verstehen sein sollte.

Foto: Theater Dortmund

Am Ende ist das Publikum dennoch glücklich, verzeiht, dass die Chöre gestrichen wurden, applaudiert dem Puppenspieler und denkt nach, über „eine Befreiungs-geschichte – keine Fluchtgeschichte!, die, wie Piratengeschichten immer gut aus gehe!“, so der Puppensohn. Aber wann darf sich die Oper endlich von den Covid-19-Maßnahmen befreien! Das Dortmunder Theater hat höchste Vorsichtsmaßnahmen über alles gestellt und große Fürsorgepflicht für sein Ensemble, seine Musiker und das Publikum gezeigt. Das Publikum lechzt weiter nach dem, was Oper bisher immer auch sein wollte. Opulent und ein Ort von ganzheitlicher Verzauberung.

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