Das Festival Felix Original.Klang.Köln. macht am 3. Tag mit 11 Veranstaltung rund um die Kölner Philharmonie mobil. Das Finale am 4. Tag mit L‘Arpeggiata alla napoletana endet im Wahnsinn!

Christina Pluhar und ihr Ensemble L‘Arpeggiata sorgen wie zu erwarten für schwungvolles Theater – dieses Mal alla napoletana mit gespieltem Wahnsinn! Die Saison-Eröffnung der Kölner Philharmonie mit dem Festival Felix Original.Klang.Köln. wird fulminant abgerundet. Dass in Corona-Zeiten musikalische Veranstaltungen überhaupt mit so einer Schlagzahl stattfinden können, hat die Kölner Philharmonie in diesem mutigen Vorstoß bewiesen. Und das Kölner Publikum hat mitgespielt und die Sicherheits-Regeln folgsam beachtet! (Von Sabine Weber)

Foto: Sabine Weber

(19. und 30. August 2020, St. Mariä Himmelfahrt, Kölner Filmforum, Stiftersaal im Wallraf-Richartz Museum, Kölner Philharmonie) Wir brauchen Musik und live! Vor allem für die vielen freien Ensembles, die im Verlauf der vier Tage von Felix Original. Klang. Musik. Köln hier zum ersten Mal seit Anfang März wieder eine erste Chance hatten, gilt das. Sie stehen erstmals nach dem Lockdown wieder vor Publikum und auf dem Podium. Und dafür war das Publikum gern bereit, mit aufgesetztem Mund-Nasenschutz zu lauschen. Christina Pluhar legt im Finalkonzert ihre Theorbe beiseite, greift zum Mikrofon und wendet sich dankend an das Publikum. „Hoffentlich überträgt sich unsere Freude, hier wieder Musik machen zu dürfen, auch auf Sie!“ Keine Frage. Denn der Liebeswahn in neapolitanischer Kunst- und Volkstradition mit Tarantella und Pizzica garniert, sorgt für ausgelassenen Wahnsinn, von einem erlesenen Sängerensemble komödienhaft im besten Sinne ausgelebt.

Auch der französische Ausnahme-Cembalist Jean Rondeau wendet sich dankend an das Felix-Publikum


Auch der französische Ausnahme-Cembalist Jean Rondeau wendet sich im Konzert zuvor in St. Mariä Himmelfahrt dankend an sein Publikum. Freie Künstler wie ihn hat es in Frankreich hart getroffen. Wie wunderbar, dass er eine Chance in Köln bekommt! Mit unglaublicher Perfektion – kaum falsche Töne – begeistert er sein Publikum. Zudem mit einer hinreißenden Poesie im Spiel. Aus gleich lauten Cembalotönen – das Cembalo hat keinen dynamischen Anschlag wie das Klavier – meißelt er Melodien auch über dicken Akkorden plastisch heraus. Er lässt sie im Cantabile schweben. Die Hände wechseln unterschiedlichst auf den beiden Manualen seines Cembalos. Und nach einer ersten, frei improvisiert klingenden träumerischen Fantasie oder einem Klavierkonzert-Adagio von Johann Sebastian Bach, leitet er in die verrückt vertrackten immer zweisätzig strukturierten Sonaten Domenico Scarlattis über. Das Überkreuzen der linken über der rechten Hand ist ein Markenzeichen der Klaviertechnik von Sohn Scarlatti, der, um dem Schatten des Übervaters Alessandros zu entgehen, nach Portugal ausgewandert ist. Hier hat er für die portugiesische Prinzessin Maria Barbara de Bragança seine Klavierkunst in rund 500 Sonaten ganz exklusiv entwickelt. Und hat den aus dem spanischen Flamenco stammenden klagenden Cant-jondo-Ton seinen Sonaten einverleibt, der nach freudigem ersten Teilen plötzlich den zweiten Teil verdunkelt.

Ein unglaubliche Konzentrationsleistung, die Rondeau wie versunken vor dem Himmelfahrtsaltar in magischer Ruhe vollbringt

Das anderthalbstündige Programm Jean Rondeaus gipfelt in Bachs Italienischem Konzert, das noch von Johannes Brahms Transkription der berühmten d-moll Chaconne aus Bachs Violin-Solopartita übersteigert wird. Diese Transkription für den modernen Flügel schenkt Rondeau dem Cembalo zurück, wobei er geschickt adaptiert, was Klaviertechnik mit dynamischem Anschlag vorbehalten scheint. Eine zudem unglaubliche Konzentrationsleistung, die Rondeau wie versunken – abgesehen von ein wenig Mimik – vor dem barocken Himmelfahrtsaltar in magischer Ruhe vollbringt. Als Zugabe verschenkt er noch François Couperins Barricades mystérieuses, omen es nomen: ein Rondeau!

Die Sänger von L‘Arpeggiata stehen rechts und treten im Verlauf des Abends als Komödianten nach vorn

Und dann neapolitanisches Theater vor rund 700 Besuchern in der Kölner Philharmonie! Einen solchen Andrang hat es hier seit dem 9. März nicht mehr gegeben, dem letzten regulären Konzert. Für die Alte Musik strömt das Publikum zusammen, formt sich zu Riesenschlangen, die geduldig mit Abstand auf den Einlass warten. Sie müssen sich mit genauer Sitzplatzangabe registrieren. Christina Pluhar erwartet sie wie gewohnt mit einem bunten Ensemble. Zwei Barockgitarren, Salterio heißt das hell-metallene italienische Hackbrett, eine Lirone, und Doron Sherwin mit Zink ist wieder mit von der Partie. Der alte Weggefährte von Pluhar sorgt wie immer für Melodieimprovisationen zu dem ein oder anderen in Endlosschleife laufenden Tanz-Ostinato. Ein Castagnetten- und Tamburin-erprobter Percussionist fehlt auch nicht. Mit wilder Mimik und unflätigen aufstampfenden Bewegungen taucht eine Tänzerin auf und tanzt wie von der Tarantel gestochen durchs Ensemble und an den Sängersolisten vorbei. Die haben sich rechts aufgestellt und werden an diesem Abend zu Komödianten. Sie kommen nach vorn und singen und spielen unglaubliche Geschichten während sie Verrückte verkörpern. Luciana Mancini, Mezzo, will in Pietro Antonio Giramos Lamento della pazza aus dessen die Liebe verballhornende Kantate Pazzia venuta da Napoli erst singen und lachen, bis enttäuschte Liebe sie übermannt und sie das Wort amore nur noch wütend grölt. Vorsorglich hat sie sich vor dem Wahnsinn die High Heels abgestreift. Der Bassist João Fernandez ist später ein männliches Pendant, dialogisiert mit sich selbst, die fantasierte Geliebte mit hoher Stimme, sich selbst mit dunkler Stimme darstellend. Dabei reisst er die Augen auf wie Didi Hallervorden und verschießt Parlandissimo Kaskaden in höllischem Tempo.

Alessandro Giangrande taucht in den Golf von Neapel ab und trägt die Eifersuchtsgeschichte um eine Sardella vor, die einen kleinen mit einem großen Fisch in einen fischigen Bandenkrieg treibt. Mimik und Gestik sind so komisch, dass man den im neapolitanischen Dialekt gesungenen Text gar nicht zu verstehen braucht. Dazwischen virtuos-gelehrte Eifersuchtsszenen mit Koloratur für Adelspaläste von Luigi Rossi. Counter Valer Sabadus und Sopranistin Céline Scheen übernehmen. Vincenzo Capezzuto gibt dazwischen mit Popschmalz einen neapoletanischen Bellafonte, ergänzt sich auch wunderbar mit Giangrande im volksmusikalischen Duett und tanzt zum Schluss trotz Krücke wegen eines verletzen Fusses. Stehende Ovationen und begeistertes Gegröle in der Philharmonie! Egal. Gut, dass wir mal wieder daran erinnert werden, wie es ist gemeinsam Musik zu feiern.

Romina Lischka und Ghalia Benali entwickeln am Felix-“urban” am Samstag einen magischen Sog

Romina Lischka. Foto: Marisa Vranjes
Ghalia Benali. Foto: Karim Hayawan

Am Tag zuvor waren zudem junge Ensembles der Alten Musik zu erleben, die sich in Felix urban im Stundentakt an mehreren Spielstätten abgewechselt haben. Manches dabei unerwartet beglückend. Gambistin Romina Lischka öffnet im Filmforum der Philharmonie die Tür zu klassisch-indischer Ragamusik und zu arabischen Gesangstraditionen, lässt Gambenstücke eines Marin Marais pur erklingen und mit dem magischen Gesang von Ghalia Benali zusammenfließen. Davor trägt Daniel Thomson in englischer Manier mit wohllautig aber eng gehaltener Stimme englische Lautenlieder und italienische Madrigale mit Lautenbegleitung vor. Toby Carr begleitet ihn. Ob das Experiment der dazu vertanzten Geschichte von Pygmalion wirklich passt, darüber dürfte gestritten werden. Das Q Ensemble Berlin präsentiert sich im Stiftersaal des Wallraf-Richartz-Museum mit einem indisponierten Countertenor. Da hilft auch nicht, dass er mit Schleppenkleid auf der Bühne steht und anschließend noch in einem Filmdreh auf der Leinwand fast nackt durch seine Wohnung geistert. Und warum braucht es einen Dirigenten für drei Streicher? Zu einem Festival gehört eben auch mal ein Experiment, das daneben geht. Seine Chance genutzt hat das Ensemble Con|tactus. Die jungen Musiker*innen ordnen Bachwerke, auch Bearbeitungen aus Kantaten und Choräle, nach Kreis, Dreieck und Quadrat und tragen Bauhaus-Weisheiten über Geometrie, Farbe und auch Musik von Paul Klee und anderen vor. Das regt zumal vor dem Fenster aus Quadraten hinter dem Podium des Stiftersaals an, durch das die Bogengeometrien der alten Sankt Alban-Kirche scheinen. Eine Fassung der berühmten Orgel-Passacaglia in Auszügen für Violine, Blockflöte, Fagott, zwei Celli und Cembalo hat der Cembalist Tilmann Albrecht angefertigt. Kurz danach gibt ein volksmusikalisches Ensemble auf der Domplatte open air den Passanten einen Vorgeschmack auf folkloristische Tarantella-Kunst. Für jeden also etwas dabei. Wer das Festival Felix Original.Klang.Köln. in diesen Zeiten verschlafen hat, ist selbst schuld! Die Kölner Philharmonie-Saison ist jedenfalls eindrücklich eröffnet worden!!

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