Das Festival Felix Original. Klang. Köln. am zweiten Tag mit Dorothee Oberlinger und einem hinreißenden Scarlatti-Abend, den Roberta Mameli und Xavier Sabata zu einem Wechselbad der Gefühle werden lassen. Davor Pergolesis Stabat Mater mit dem Freiburger BarockConsort!

Felix lockt an diesem zweiten Tag erst in die herrliche Kölner Kirche Sankt Mariä Himmelfahrt. Keine romanische, eine barocke Kirche,

Foto: Sabine Weber

die im Zuge der Gegenreformation mit Zitaten der katholischen Kirchenbaugeschichte, einem gotischen Netzgewölbe und ebenso gotisch-spitzbogigen Seitenarkaden ausgestattet wurde. Und unter goldverzierten Mariendarstellungen mit herrlich theatraler Gestik, und einer„Stabat mater“-Darstellung im linken Seitenaltar, vor dem wir saßen, wirkte Pergolesis berühmtes Werk geradezu hypnotisch! (Von Sabine Weber)

Freiburger BarockConsort mit Marianne Beate Kielland und Christophe Dumaux als Solisten. Foto: Sabine Weber

(28. August 2020, St. Mariä Himmelfahrt, Kölner Philharmonie) Wer meint, dass Leidensschmerz sich von Liebesschmerz unterscheiden müsse, wird in diesem Kirchenkonzert um 17 Uhr eines besseren belehrt. Der erste Stimmeinsatz des Soprans, und des Altus, die sich in Pergolesis Stabat mater in Dissonanzen hochschrauben, macht Gänsehaut. Leidensdruck, der nicht inniger aufrühren könnte, als wenn es um Liebe ginge! Das Stabat mater dolorosa, versetzt sich in barocker Manie hinein in die Schmerzen einer Mutter unter dem Kreuz mit ihrem sterbendem Sohn. Das vermochte der erst 26 jährige und bereits Opern-erfahrene Giovanni Battista Pergolesi mit allen Gefühlsnuancen in Musik zu übersetzen. Lamento, Aufbegehren gegen das Schicksal, Mitgefühl und natürlich auch Glaubens-Belehrung mit einer Amen-Vertonung. Der neapolitanische Jungmeister, der an europäischen Opernbühnen bereits für Aufruhr gesorgt hat, verzichtet hier auch nicht auf fugenhaften Kirchenstil. Kurz vor seinem Tod verewigt er sich in diesem Meisterwerk.

Hier zählt Kirchenatmosphäre

Die Verse hat er zu Arien und zu Duetten mit instrumentalen Einleitungen oder Zwischenspielen verarbeitet. Marianne Beate Kiellands Sopran klingt im halligen Kirchenraum vor allem im Mezzoforte bis Forte leider etwas breiig. Countertenor Christophe Dumaux fokussiert seine Stimme mehr, artikuliert damit auch besser und setzt sich besser durch. Schwer zu sagen, wie die Stimmen ab Reihe fünf im Hauptschiff geklungen haben. Jetzt zählt eben Kirchen-Atmosphäre: Musik, die wie für diesen barocken Kirchenraum gemacht scheint. Zumal die Musiker*innen des Freiburger BarockConsorts wunderbar begleiten. Petra Müllejans, 1. Violine, unterstützt von Christa Kittel, 2. Violine, weiß, wie man kleine Überleitungen mit Geschmack dazu zaubert. Man konnte auch sofort die neapolitanischen Wendungen wiedererkennen, die Strawinsky von Pergolesi dankend übernommen hat. Lee Santana, Theorbe, Stefan Mühleisen, Violoncello, und Thorsten Johann, Truhenorgel, mit Matthias Müller, Violone, sind Continuo-Spezialisten. Werner Saller präsentiert im Einleitungskonzert sogar eine mächtige Tenorbratsche. In Nicolo Fiorenzas Violoncellokonzert, das Stefan Mühleisen mit Bravur und Virtuosität serviert und das erstaunlicher Weise viel moderner klingt als Francesco Durantes Concerto für Streicher. Ebenfalls Nepolitaner wie Fiorenza, klingt sein Werk eher wie eine Suite, teilweise sogar Canzonenhaft. Die geistlichen Duette von Antonio Porpora sind feine Werke, die aber den Opernkomponisten noch nicht durchscheinen lassen. Porpora wirkte als Gesangslehrer an einem der neapolitanischen Konservatorien. Sie waren an Kirchen angeschlossen waren und brauchten auch Kirchenmusik. Das Konzert entwickelt also einen wunderbaren Spannungsbogen bis zum Höhepunkt des Hauptwerks hin. Und die einfallende Abendsonne schien direkt auf die Künstler auf dem Podium vor dem barocken Hauptaltar mit einer großen Pietà im Zentrum. Das Publikum, diesmal annähernd 200 Besucher, applaudiert beglückt und lässt sich brav geordnet von den Saalhelfer*innen hinausführen.

Dieser neapolitanische Konzerttag führt auch in einen weltlichen Zaubergarten

Viel Zeit bleibt nicht, um zur Kölner Philharmonie zurück zu eilen. Mit Alessandro Scarlatti führt dieser neapolitanische Konzerttag jetzt mit Dorothee Oberlinger und ihrem Ensemble 1700 in einen weltlichen Zaubergarten. Neapel war eine der Hauptwirkungsstätten Scarlattis. Und die mythologische Welt Arkadiens wurde in den italienischen Fürstenhäusern auch hier als Sehnsuchtsort gepflegt und musikalisch eingefordert. Mit der Serenata a Due Il giardino d‘amore. Venere e Adone vergibt Scarlatti an Adonis den höheren Sopranpart, hier von der unfassbar intensiv und leidenschaftlich agierenden Roberta Mameli interpretiert. Die Liebesgöttin Venus ist eine Altuspartie, die Xavier Sabata mit kultiviertem Countertimbre übernimmt. Auf Scarlatti scheint der katalanische Ausnahme-Counter abonniert. In einer szenischen Aufführung von Scarlattis Oratorium Kain und Abel – in der letzten Spielzeit im Essener Aalto-Theater – ist er im goldenen Brokatgewand in die Rolle Gottes noch in eindrücklicher Erinnerung. Jetzt in umbra-farbenem Anzug über weißem Rüschenhemd mit weißen Schuhen als bärtige Venus ist er in Adonis heillos verliebt. Variabel und sensitiv zeigt das Ensemble 1700 unter der Leitung von Dorothee Oberlinger in diesem Liebesspiel vor allem große Ensemble-Kunst. Sie hat natürlich auch Blockflöten mitgebracht und wirbelt ihr Pult immer wieder um 180 Grad, wenn sie zur Solistin wird.

Auch die Klangfarben im Continuo auch zu den Secco-Rezitativen wechseln zu den Charakteren

Alle Arien werden von obligaten Instrumenten begleitet. Immer wieder mit Blockflöte, oder Violinen, die ein Echo imitieren. Ganz apart und virutos ein Vogelstimmen-Konzert, mit Roberta Mameli, die zusammen mit der kleinen Blockflöte in den höchsten Lagen zwitschert. Konzertmeister Jonas Zschenderlein und der Stimmführer der zweiten Violine, Evgeni Sviridov, zaubern virtuose Einleitungen und Überleitungen. Zweimal ist auch eine Barocktrompete dabei. Jörg Altmannshofer beherrscht die höllisch schwere Partie ohne Ventile lupenrein und liefert sich mit Mameli ein Duett des Übersteigens bis ins pianissimo hinein. Da stockt einem der Atem. Axel Wolf bringt seine Archiliuto gestaltend ein, greift einmal sogar zur Barockgitarre. Die Klangfarben im Continuo auch zu den Secco-Rezitativen wechseln zu den Charakteren, einmal mit Orgelpositiv oder Archiliuto, dann wieder mit Cembalo. Einzelne Instrumente haben sich schon mit Improvisationen in einer einleitenden Sinfonie und einem Blockflötenkonzert eingebracht. Das war endlich mal wieder eine historische Aufführung – ohne Aufsatz pur – auf höchstem Niveau und live.

Glückliche Solisten vor einem glücklichen Ensemble. Foto: Sabine Weber

Xavier Sabata und Roberta Mameli ergänzen sich perfekt – und dies in ihrer doch sehr unterschiedlichen Art zu singen. Mameli singt mit ihrer Verve ihre männliche Venus doch tatsächlich einige Male fast an die Wand. Aber immer wieder erobert sich Sabata mit kultivierter Gestaltung und vokaler Linienführung die Bühne zurück. Im ewigen hin-und-her, wer-leidet-mehr und haben-wir-uns-endlich oder wieder-verloren, was die beiden auch szenisch um und über die Bühne streichend, mit suchenden Blicken und freudigem Lächeln andeuten konnten. Eine Lichtregie fokussierte mal diesen mal jenen Ort. Dass dann im Finale die Trompete von oben bläst aber nicht dort steht, wo der Lichtkegel hinfällt, amüsiert. Ein durch und durch beglückender Abend, der einen Ersatz für die ausgefallene Oper Polifemo von Bononcini liefern konnte. Diese Oper war ursprünglich geplant. Zur Zugabe kommt dann ein Liebesduett, das jeden Bann gelöst hätte, so das hätte geschehen müssen. Ein großartiger, beglückender Felix-Abend. Das Festival Felix feiert ja auch die Wiedereröffnung der Philharmonie-Saison!

Foto: Sabine Weber

Das Festival Felix geht bis zum 30. August. Hier weitere Infos

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