Venedig singen und rudern! Nuria Rial und Holger Falk auf Spurensuche in der Lagune

“Il Gondoliere Veneziano” ist beim Label PROSPERO 0003 erschienen und “Venice’s fragrance” beim Label deutsche harmonia mundi.

‘Lagunenklänge’ bedienen die Sehnsucht nach Venedig gleich in zwei aktuellen Aufnahmen. Der deutsche Bariton Holger Falk beschwört das Flair der Lagune mit Liedern venezianischer Gondolieri, unterstützt vom Klangdesign-Duo Merzouga, das atmosphärisch Möwenschrei, Wellenschlag, knarzende Schiffstaue oder Glockenläuten einmischt.
Die katalanische Sopranistin Nuria Rial hat unerhörte aber original verbürgte venezianische Barockfarben aufgespürt. Sie lässt sich von Mandolinen begleiten, die venezianische Komponisten von Vivaldi bis Buranello, alias Baldassare Galuppi aus Burano, effektvoll eingesetzt haben. Das kitzelt ebenfalls die Sehnsucht nach dem Süden sehr charmant. (Von Sabine Weber)

(28. Mai 2020) Dieses Wochenende, Pfingsten, hätte die Vogalonga wieder stattgefunden. Das türkisblaue Wasser Venedigs gehört ein Tag im Jahr allen Gondolieri weltweit, ob in Einbaum-, Gigbooten oder venezianischen Mannschafts-Gondeln. Ein Gondoliere veneziano rudert die Vogalonga angeblich mit, seit sie 1974 ins Leben gerufen wurde. Corona-bedingt ist die Vogalonga dieses Jahr erstmals abgesagt worden.

Neue Lagunenklänge auf CD können die Sehnsucht nach Venedig stillen!

Die neue CD von Holger Falk, „Il Gondoliere Veneziano. Eine musikalische Reise durch Venedig“ rudert zwar nicht die Vogalonga-Strecke vom Canal Grande durch Murano bis Burano und wieder zurück in den Cannareggio. Mit traditionellen Volksliedern der venezianischen Gondoliere bedient sie aber die Sehnsucht. Ob die Gondolieri all diese Canzoni, Barcarole und sogar Tasso-Verse je gesungen haben, was selbst Goethe behauptet hat, wird in der Forschung eher bezweifelt. Se non è vero, è ben trovato! Ihnen zugeschriebene Volkslieder werden bereits im 18. Jahrhundert hoch gehandelt. Musik war ja schon immer auch ein Geschäft. Falk schlüpft also in die Rolle eines imaginären Gondoliere. Als traumverlorener Pierrot steigt er ein und singt den Mond über der plätschernden Lagune an. Mit der Aria del Tasso, ursprünglich der 4. Satz einer Soloviolinsonate von Giuseppe Tartini, die Tartini mit den Versen unterlegt hat. Rhythmus oder barocke Rhetorik interessieren nicht. Falk will nur Gefühlsausdruck. Auch Domenico Ceruttis Nächtlicher Gondelfahrt, um 1800 entstanden, hat in der letzten Strophe ganz frei gestaltete ritenuti. Hier ist er als Gondoliere erst mit Ohrengesäusel-Timbre verführerisch, dann ganz aufgeregt – rudert er etwa gerade zu ihr? Jedenfalls denkt er an seine Schönste und Liebste, während auf den immer gleichen Saiten eine Harmonie-Litanei gezupft wird. Das hat fast Beschwörungscharakter.
Falk ist eigentlich ein Spezialist für Neue Musik und in szenischen Uraufführungen gefragt. Zuletzt in der Briefszene von Manfred Trojahn in der Bonner Oper oder in Diodati.Unendlich für Basel.

Holger Falk. Foto: Otto Ehrenstrasser

Seine Stimme stellt Falk auch hier wieder hingebungsvoll in den Dienst der Deklamation und der Verlebendigung eines Gefühlszustandes, bei absoluter Textverständlichkeit. Er singt und gibt sich romantisch und spielt auch in komödiantischer Manier Commedia dell‘arte. Die Stimme verstellt er von geifernder Alter, bis knarzendem Liebhaber, er zetert, weint oder flüstert und schmachtet. Die hier zusammengestellten Lieder haben unterschiedlichsten Wellengang. Unter die Melodie des anonym überlieferten Si la gondola wird das wiegende Guten Abend, gute Nacht geschmuggelt. Die Canzone wird zur wiegenden Barcarole. Oder mit einem kleinen Badabadabadabam Skat schäumt die Gischt fröhlich über. Wenn sich die Soundscapes von Merzouga dazumischen, schlagen Wellen real gegen Kaimauern, kreischen Möwen, knarzen Taue. Auch mit den metallischen Glocken der Kirchen kommt Lagunenstimmung auf. Ja, so klingt Venezia.

Volksmusikalisch aufgemischt, das Barockensemble Nuovo Aspetto

Das Barockensemble Nuovo Aspetto peppt Lagunenklänge Volksmusikalisch bunt auf, mit Salterio, einem metallisch-hellen Hackbrett, Harfenklängen, Mandolinengezupfe, Barockgitarre, kitschigen Violintremoli, Kastagnettengeklapper und Perkussion. Das hat Christina Pluhar vor langer Zeit erfolgreich vorgemacht. Ihr L‘Arpeggiata Ensemble hat auch mit Improvisationen über immer gleiche Bassfiguren, sogenannten Ostinato-Figuren gepunktet. Die Musikeinlagen hier sind auch zumeist Ostinati, wie eine Passacaglia aus einem Vivaldi-Concerto. Die hell zirpende Tarantella ist ein bezaubernd ätherisches Stück. Auch wenn die Übergänge zwischen Soundscape, Canzone oder Musikeinlage nicht immer funktionieren, die CD hört sich locker und angenehm durch wie eine Gondelfahrt, die am liebsten kein Ende finden möge. Die Bilder im Kopf werden durch das Textbuch – auch in deutscher Übersetzung – vorab angeregt. Die „limited Edition“ ist aufwendig gestaltet und liebevoll mit Venedigansichten gefüllt. Von Canaletto bis hin zu einem Bild, in dem die Venedigperspektive im Riesenkreuzschiff ertrinkt. Eine Venedigimpression von Goethe und Motivationserklärungen der Künstler wirken dazu. Über die einzelnen Stücke, Komponisten und Werkauffindung, gibt es allerdings keine detaillierten Infos. Auch nicht über deren konkrete Auffindung und Verarbeitung. Das Musikerlebnis soll dem Venedig-Genießer unbelastet ins Ohr kommen.

Und nocheinmal Laguneklänge – mit Nuria Rial und Mandoline!

Die neue CD von Nuria Rial bedient die Sehnsucht nach Venedig mit Mandolinenklängen
Und noch einmal ‚duftet‘ Venedig mit der CD „Venice‘s Fragrance“, erschienen bei der deutschen harmonia mundi. Diesmal sind die Lagunenklänge mit Mandoline historisch verbürgt und erklärt und bedient ganz wunderbar die Sehnsucht nach Venedig.

Lagunenklänge mit Mandoline bedient die Sehnsucht nach Vendig
Artemandoline. Foto: Andreas Lander

Das Ensemble Artemandoline unter der Leitung seines Gründers Juan Carlos Muños hat mit der Sopranistin Nuria Rial Kantaten und Arien mit Mandolinenbegleitung venezianischer Komponisten gesichtet. Baldassare Galuppi, auf der venezianischen Insel Burano geboren, hat die Mandoline als Sinnbild einer stacheligen Krone aus Palm und Lorbeer in einem Oratorium gemacht. Francesco Conti setzt das Violoncello und eine charmant zupfenden Mandoline als solistische Instrumente in einem Drama pastorale ein. Nuria Rial verzaubert mit ihrer schwebend transparent klaren Stimme, wie immer. Und als Teofane aus Antonio Lottis gleichnamiger Oper, begleitet von einer obligaten Mandoline, zelebriert sie zu Herzen gehende Abschiedsstimmung. Lotti, Tommaso Traetta oder Baldassare Galuppi haben den größten Teil ihres musikalischen Lebens in Venedig verbracht. Aus der Zeit zwischen 1690 und 1799 sind etwa 200 Arien mit Mandoline bekannt. Ein goldenes Zeitalter für die Mandoline, wie Muños im Booklet der CD schreibt, das ebenfalls mit einer Ansicht von Canaletto auf die Santa Maria della Salute in Richtung Arsenale aufwartet. Die Gesangstexte sind auch ins Deutsche übersetzt. Drei Mandolinenspielerinnen und Spieler gehören zum Ensemble und präsentieren sich auch als Solisten. Antonio Vivaldi, Venedigs berühmtester Komponist aller Zeiten, hat ein Konzert für zwei Mandolinen komponiert, das Juan Carlos Muños und Mari Fe Pavòn größte Virtuosität abverlangt. Das solistisch besetzte Orchester begleitet sie mit Verve und Schwung, immer aufmerksam die Klangbalance austarierend auf dem Punkt. Die Bearbeitung einer Folia aus Venedig ist ein weiterer Höhepunkt. Alla Tolkacheva ist da die Ensemble-Solistin.
Die Mandoline beschert den hier präsentierten barocken bis frühklassisch galanten Werken eine wirklich unerwartet charmante Klangfarbe. Besonderen venezianischen Klangduft! Und es handelt sich bei Nuria Rial um eine katalanische Interpretin. Artemandoline ist ein Luxemburgisches Ensemble.

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