Der erste Stream der Kölner Oper: „Written on Skin“ von George Benjamin, in Sand und Haut geschrieben!

(Foto: Paul Leclaire mit Magali Simard-Galdès) Die Dezember-Premiere von “Written on Skin”! Hat nicht sein dürfen. Und sie war doch! Die Oper Köln hat kurzerhand die abgesagte Premiere mit sowieso enorm reduziertem Publikum zu einem Streamingangebot für alle gemacht. Nötig dazu war nur eine Registrierung über die Opernnetzseite. Kurios dort der Spendenaufruf dazu, in den Kategorien der Sitzplätze als Entscheidungshilfe von 0 (Zaungast!) bis 350 € beste Parkettsitze! Die Sicht und das beste Hören beim Streamen hängt ja wohl von den Endgeräten zuhause ab. Auf jeden Fall hat alles wunderbar und auf den Punkt funktioniert. Eine herzliche Ansprache der Intendantin Birgit Meyer an ihr digital angeschlossenes Publikum gab es vorne weg. Und Sicht frei auf die Sandbühnenlandschaft und die drei Engel, die auf dem hinteren Treppenpodest erscheinen. Das Orchester rechts im Hintergrund aufgebaut leitet der Kölner GMD François-Xavier Roth. (Von Sabine Weber)

Cameron Shahbazi (Engel und Boy). Foto: Paul Leclaire

(1. Dezember 2020, Oper Köln im Staatenhaus) Was für ein schöner Engel ist Countertenor Cameron Shahbazi! Er löst sich aus dem Engelstrio (Dino Lüthy und Judith Thielsen) um in die eigentliche Handlung als Boy einzusteigen. Die von ihrem strengen Mann als Besitz behandelte und wie ein Kind klein gehaltene Frau unter Schleier muss sich in den jungen Mann verlieben. Und der Beschützer, „Protector“ ist der einzige an diesem Abend, der das nicht versteht! Er hat doch die Macht. Er ist der Patriarch. Robin Adams verkörpert ihn in seiner ganzen Starrheit und Hilflosigkeit in einer perfekten Mischung aus furchteinflößend und mitleiderregend. Ihm ist das Buch wichtig, das seine Taten und seine Macht zum Vermächtnis machen soll. Doch der schöne Maler beschreibt und bebildert lieber anderes, als maskuline Heldentaten. Die Frau fordert ihn auch auf: „Male die Frau, die echt ist. Male mich!“

Magali Simard-Galdès, Robin Adams. Foto: Paul Leclaire

Bühnen- und Kostümbildnerin Adeline Caron hat die Figuren orientalisch- mittelalterlich eingekleidet. In fein gemusterte edle Stoffe, die in Sand- und Erdtönen gehalten sind. Das passt zur Wüstenlandschaft. Die Frau mit Schleier in zunächst weit umhüllenden Mantel, wirft immer mehr Schichten ab, bis sie zum Schluss fast nackt ist. Die drei Engel tragen anfangs drahtige Flügel.
Sie verantworten das Experiment. Protector, wie Golaud in Pelléas und Mélisande ein rasend-eifersüchtiger Mann, wird in den Wahnsinn getrieben, bis er den Liebhaber seiner Frau umbringt, um ihr dessen Herz zu servieren. Dabei hätte er die Chance gehabt, die durch den schönen Neuling erwachende Sinnlichkeit in der Frau auch für sich zu gewinnen. „Küsse mich“, bittet, nein fordert sie ihren Mann sogar einmal auf. Er bleibt taub! Körper sind zum Aufwärmen da! „Küssen ist was für Kinder“, winkt er ab.

Magali Simard-Galdès verkörpert die Frau mit wachsender Intensität

Magali Simard-Galdès, Cameron Shahbazi. Foto: Paul Leclaire

Die Geschichte ist eine Parabel und rätselhaft. Der Protector, mit Fez ein Muselmann, gläubige Muslime gelten ja als Sinnenfeindlich – versteht nicht, warum ihm die Frau entgleitet. Sie entwickelt nämlich – anders als bei Debussy – Kontur. Diese Entwicklung, durch viele subtile Andeutungen angeregt, verkörpert Magali Simard-Galdès mit wachsender Intensität. Auf dem Höhepunkt des Dramas reißt sie sich die Kleider vom Leib und wälzt sich im Sand. Da begreift dann auch der Protector, kann aber nur mit Gewalt antworten. Er zwingt sie, das Herz des getöteten Liebhabers zu essen. Und sie lutscht genüsslich an ihren blutigen Fingern. Dieses Herz ist doch schon in ihr. Die Liebe kann ihr niemand nehmen.

Die fünf Akteure erzählen traumverloren

Alles ist irgendwie Imagination in Köln. Boy kommt als Buchmaler und Schreiber in ein Haus, das es in der Inszenierung von Benjamin Lazar gar nicht gibt. Das Haus ist die Seelenlandschaft. Eine leicht gewellte Sanddünen-Wüstenlandschaft, in die ein paar kahle Bäume kommen, wenn von Wald die Rede ist, und wo sich erste weiße, später blutige Streifen durch ziehen. Alle suchen und wühlen im Sand. „Frag ihn, der auf die Haut schreibt, was ich bin! Kein Kind!“ wirft die Frau ihrem steifen Mann irgendwann an den Kopf. Die fünf Akteure singen sich selten so direkt an wie in dieser Szene. Sie erzählen fast ausnahmslos traumverloren als Erzähler ihrer Person. „…, sagt die Frau zu ihm“, singt die Frau oder…, sagt der Boy zu ihr“, der Boy. Sie bewegen sich wie auf Metaebenen.

Judith Thielsen, Dino Lüthy. Foto: Paul Leclaire

Was dem übrig gebliebene Engelsduo erlaubt – in Smoking mit aufgelöster Fliege und in grellrotem Cocktailkleid – wie das Great Gatsby-Paar sich außerplanmäßig einzumischen. Sie sei Marie, die Schwester von Agnès, der Frau. Und sie habe sich mit Boy getroffen, nicht Agnès … „Warum lügst Du”, stellt Agnès Boy zur Rede. Vor allem das tragische Liebespaar ist Körper, ist Stimme, ist Erzählung, Beobachtung, Aktion und Reaktion in der Imagination. Textautor Martin Crimp hat die ursprünglich mittelalterliche Vorlage aus dem 13. Jahrhundert in seinem Text poetisch-mystisch aufgeladen. „Stoße unsere Liebe wie eine heiße Nadel in die Augen des Mannes, damit ich Blut weine“. Seltsam irritierend, geht die Sprache unter die Haut. Wie die Geschichte, die mit der Doppeldeutigkeit des in die Haut ritzen und unter die Haut gehen spielt. (Siehe dazu klassikfavori Interview mit Benjamin Lazar)

Immer wieder anders sind die Klangschichten in Written on Skin eingefärbt

Margaux Blanchard, Gambistin auf der Bühne. Foto: Paul Leclaire

Vor allem aber berührt die farbenreiche Musik von George Benjamin. Er baut Klänge wie Schichten auf. Immer wieder sind sie anders eingefärbt. Klingen bedrohlich, durch Blechblasinstrumente, vor allem Posaunen, bekommen durch Holzbläser Naturverhaftetes, das Fagott klingt einmal so hoch wie in Strawinskys berühmter Sacre-Einleitung. Streicher berücken und berühren zart und wecken Sehnsucht. Perkussiv werden Akzente gesetzt. Und immer wieder nehmen sich die geballten Klänge zurück. Das gesungene Wort wird fein bebildert. Da gehört auch mal zu, dass sich ein Ton in den Raum bohrt, über scheinbar gedankenverlorene Verse, die sich in die Geschichte bohren. Eine Gambistin sitzt zwei Mal auf der Bühne. Das erste Mal begleitet sie das Liebesduett, in dem sich Boy und Agnès erstmal näher kommen. Und es gibt eine seltsame Entrückung mit Glasharfenklängen.

Eine gelungene Online-Premiere

Alle Sänger klingen großartig. Da sie verstärkt sind und sein müssen, ist jetzt schwer im Detail zu beurteilen, wie viel das am Kunstklang liegt. Der Gesamtsound ist super. Die Lautsprecheranlage am Endgerät bewährt sich und gibt auch das Orchester in seinen vielen Schichtungen großartig wieder.
Mit Written on Skin gelingt in Köln die erste Online-Opernpremiere ! Ein bisschen Wehmut bleibt in der Home-Oper. Im Theaterraum wäre wahrscheinlich noch mehr Wirkung gewesen.

Heute Abend wird die Neuinszenierung von Wolfgang Korngolds „Die Tote Stadt“ aus der Kölner Oper gestreamt. Auf den Tag vor 100 Jahren ist dieses Werk in Köln uraufgeführt worden. Regie führt Tatjana Gürbaca. Über die Seite der Kölner Oper kann man sich registrieren und kann auch spenden!

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