Das entscheidende ist die politische Grundlage. Peter Konwitschny über sein Verständnis von Regiearbeit

Peter Konwitschny zählt zu den Regisseuren, die mit ihren Inszenierungen gern polarisieren und auch provozieren. Im Sinne der Wahrheitsfindung aus dem Stück heraus, so der Regisseur, der am 21. Januar seinen 75. Geburstag gefeiert hat. Während eines Meisterkurses “Szenische Arbeit mit Opernsängern” an der Musikhochschule Köln. Unmittelbar nach dem dritten Tag dieses Meisterkurses ist dieses Interview entstanden. Die Fragen stellt Sabine Weber

Drei Tage lang Ihre Arbeit zu verfolgen, heißt in Stimmungen einzutauchen, die Sie versuchen herzustellen, damit unser Nachwuchs hier gestalten kann. Ist die Stimmung das Entscheidende bei einer Szenengestaltung?

Nein, das Entscheide ist die politische Grundlage, die gesellschaftliche Situation, in der sich Menschen befinden, weshalb sich eben meistens ihre Liebessehnsüchte nicht erfüllen. Das ist erstmal das Wichtigste. Das müssen die Sänger verstanden haben. Dann wird die Sache schon ganz automatisch. Dann kommt das nächste, dass die menschlichen Details, Berührungen, Blicke, Lautstärken, dass das stimmt. Und da kommen wir langsam zur Stimmung, die unseren Beruf betrifft, dass wir die Wahrheit dessen, was komponiert wurde, ausdrücken. Also, es gibt die Stimmung der Ernsthaftigkeit und die Stimmung der Oberflächlichkeit. Und da sage ich, es ist wirklich ganz entscheidend, dass es hier nicht um irgendwelche „schönen Tönchen“ geht oder sich gut darzustellen. Das heißt, es gibt keine Opern, in denen keine essentiellen menschlichen Probleme verhandelt werden. Und diese Stimmung will ich unbedingt haben, dass wir mit dem Ernst an die Sache rangehen.

Jetzt handelt es sich da zum Teil auch um Situationen, die für junge Menschen, die Sie hier unterrichten, coachen und anleiten im günstigsten Fall ja noch nicht erlebt haben. Sterben! Selbstmord war ja ein Thema an jedem der Tage.

Das ist eigentlich ein gutes Zeichen dafür, dass diese Werke eben vom Eingemachten sprechen. Das sind ja keine Erfindungen von mir, und das mache ich deutlich. Im Sinne des griechischen Theaters, der Katharsis, werden junge Menschen mit der Wahrhaftigkeit des Todes konfrontiert. Das heißt, Oper ist ein Menschen- und Wertebildendes Ding. Das ist anders wie im Musical. In der Operette ist es aber das Gleiche. Es ist ein Vorurteil, dass die Operette oberflächlich sei. Das ist das von Amerika kommende Unterhaltungsding, das Musical. Oper und Operette sind in Mittel- und Westeuropa entstanden wie die Philosophie. Das sind genauso ernsthafte Werke. Und ich möchte eine Spur hinterlassen, wenn ich gestorben bin. (Lacht kurz verschmitzt) Meine Inszenierungen sind schnell vorbei. Hier kann ich aber an junge Menschen das weitergeben, eine Spur hinterlassen.

Was bedeutet Ihnen persönlich die Arbeit mit jungen Menschen, die verlangt ja auch ganz schön viel Praxis, Mut und Zugriff?

Das mache ich ja jetzt schon 50 Jahre schon. Ich kenne eben viele Opern, kenne die Befindlichkeit der Sänger, ich sehe sofort die Angst der Sänger, auch wenn er sie überspielt, dann muss ich nicht sagen „ne, mach das mal anders“, ich muss ihm die Angst nehmen. Dann wird er von allein gut…

Und was ist das Befreiende in der Arbeit mit den jungen Menschen. Ich habe sie streng erlebt, schimpfend, fluchend. Aber nach jeder Szene gab es auch ein Dankeschön, so, als ob es Ihnen auch etwas gegeben hätte…

Ich finde sowieso, dass ich den schönsten Beruf habe. Natürlich weiß ich, dass für andere der schönste Beruf ist, wenn sie viel Geld verdienen. Aber mit Menschen zu arbeiten, erstens, etwas zu analysieren, und das in die Sprache des Theaters zu übersetzen, das ist noch bevor die Menschen dazu kommen. Aber dann muss ich das mit Menschen umsetzen. Ich muss es in die Menschen bringen. Ich muss sie überzeugen, besser, begeistern für meine Idee. Und dann werden es ja , scheinbar auch ihre Ideen. Es ist ein Zusammenarbeiten. Und das ist ein Jungbrunnen. Ganz ernsthaft, es könnte sein, dass ich sogar mehr von denen bekomme. Natürlich bekommen die von mir ne Menge Hinweise und praktische Sachen. Aber dass die alle etwa 50 Jahre jünger sind und einen anderen Weltzugang haben. Anders reden. Mit technischen Dingen anders um gehen, im Kontakt mit denen bleibe ich in der Welt! Ich sitze nicht als Rentner irgendwo! Und ich verliebe mich auch in die Sänger. Das ist eine starke, für mich ganz starke emotionale Sache. Das habe ich von Ruth Berghaus, die hat gesagt, ich liebe meine Sänger. Das habe ich damals gar nicht verstanden. Ich liebe och den Marke und den Papageno. Das sind ja meine Geschöpfe in gewisser Weise. Und wenn sie verstehen, was ich sage, dann ist das für mich eine Daseinsberechtigung.

Das hat vielleicht auch mit Dankbarkeit zu tun, wenn man etwas zurückbekommt, nachdem man investiert hat. Wie hat sich denn die Regieszene insgesamt verändert? Wenn Sie an die Anfänge zurückdenken und jetzt sehen, was für Möglichkeiten existieren, zum Beispiel, dass hier so ein Unterricht möglich ist. Da hat sich doch schon viel Wertschätzung entwickelt für diesen Beruf?

Ja und nein! Natürlich ist manches besser geworden. Walter Felsenstein, Götz Friedrich, Joachim Herz, Harry Kupfer, Ruth Berghaus, das sind jetzt nur Ostleute, die haben schon eine Wirkung gehabt, obwohl sie alle gegeneinander waren, aber sie wollten die Wahrheit aus den Stücken rausbringen. Ich hatte das Glück, dass ich bei alle zugucken durfte. Es gab am Anfang mehr Sänger, die sich meinen Ideen gegenüber gesperrt haben. In Floriodante von Händel wollte ich mal den Sänger, der den König gesungen hat, und der im Rezitativ zu einer jungen Frau sagt, die den Floridante heiraten wollte und sollte, da hat er plötzlich zu ihr gesagt, ich will Dich heiraten. Und der konnte Cellospielen. In dieser Szene müsste er Cello spielen, das continuo-Cello übernehmen. Das hat er auch gemacht, das war super, man dachte, was ist jetzt los. Und dann hat er plötzlich gesagt, er hat sich in den Finger geschnitten, er kann nicht Cellospielen. Weil er einfach gegen meine Idee war. Das war in Halle, bei mehreren Stücke, da hat er sich immer quer gestellt. Das musste ich manchmal erleben. Wenn der Intendant hinter mir stand, war es nicht so schlimm. Das ist heute weniger geworden. So wie hier ist es etwa auch an den meisten Theatern, die warten darauf, dass sie auch mal mit mir arbeiten können. Da gibt es nicht so dumme Dinge wie: ich muss hier singen, da kann ich nicht auch noch das machen. Aber andererseits muss ich sagen, dass bei der modernen Regie, da gibt es viel Humbug. Schnulli! Da wird gedacht, da muss ich jetzt den Freischütz in einem Spielsalon spielen lassen. Und der Teufel sitzt am Spieltisch. Oder Rigoletto spielen wir in einer Schwimmhalle, wo kein Wasser mehr drin ist oder in einem Fleischerladen. Das muss ich bedauern, dass junge Regisseure nicht mehr wissen, wie es geht. Die denken, ich kann irgendetwas drauflegen und ich muss es nur spannend machen. Das ist dann Oper. Es gibt viele Leute, die darauf abfahren. Aber so geht das nicht. Das wird dazu führen, dass die Position der Oper in der Gesellschaft immer schwächer wird. Muss ich leider sagen…

… durch mangelnde Personenregie? Und weil glaubwürdige Gesten, Mimik abgestimmt sein müssen. Sie haben es auch immer wieder gesagt, dass eine Geste zu viel den ganzen Ansatz kaputt machen kann.

Die Personenregie ist bei diesen spektakulären Designinszenierungen oft null! Ich weiß nicht, warum das so ist…

Das können wir wahrscheinlich hier und jetzt nicht klären, aber eine letzte Frage, Sie haben diese Woche Ihren 75. Geburtstag gefeiert, hier in diesem Kurs mit den jungen Leuten. Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, zu tun, zu machen oder etwas, das verändert würde, was wäre das?

Ganz genau weiß ich das. Ich würde verlangen, dass alle Menschen in die Oper gehen. Alle Menschen und zwar regelmäßig. Unter der Voraussetzung, dass alle Operninszenierungen sinnvoll sind. Also die wichtige Botschaft, politisch und menschlich, wirklich übertragen wird von der Bühne auf den Zuschauerraum. Dann würden wir vor dem Untergang gerettet. Denn unsere Zivilisation, da bin ich überzeugt, dass sie sehr nah an ihrem Untergang ist. Die Oper war auch zur Entstehung der Demokratie in Griechenland ganz wesentlich, da gab es keine Oper aber das Theater. Das hat dazu beigetragen, die Menschen in Diskussionen zu üben. Die wichtigsten Themen, Krieg oder Frieden, klar zu machen. Oder alle möglichen Formen von Betrug, von Mord, die die Gesellschaft erschüttern. Das sind die Themen, die die Autoren in ihre Stücke aufgreifen, weil die wollen, wie ich auch, dass diese Zivilisation nicht kaputt geht! Opern sind fantastische Lehrstücke!!!

Peter Konwitschny wird im März in Dortmund “Die Stumme von Portici” von Daniel-François-Esprit Auber inszenieren. Premiere ist am 13. März 2020 am Theater Dortmund. Weitere Informationen hier.

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