Haydn im Revier! Das Musiktheater in Gelsenkirchen zeigt „Orlando Paladino“ – eine Rarität, die eine begeisterte Wiederentdeckung feiert!

Haydn im Revier? Im Foyer des Musiktheaters in Gelsenkirchen schlendert das Publikum bei dieser Premiere erst einmal an einigen aufgestellten Tafeln vorbei. Sie erinnern an Pionierleistungen. Übrig geblieben von der 60-Jahrfeier im Dezember, stehen sie noch immer in diesem besonderen nordrhein-westfälischen Opernhaus, mit den fantastischen Glaswänden (Architekt: Werner Ruhnau) und den riesigen Yves-Klein-Schwammbildern in kobaltblau. Und informieren über die erste Operninszenierung Dietrich Hilsdorfs hier im Haus im Jahr 1981 oder Peter Konwitschnys Uraufführungsfassung von Lortzings „Regine“ 1998! Das Haus ist innovativ und Entdeckungs-freudig geblieben und wartet jetzt mit „Orlando Paladino“ auf, einer Oper von Joseph Haydn! Ein berühmter Sinfonien-, Streichquartett- und Oratoriumskomponist. Aber “Orlando”? Nie gehört und gesehen! Obwohl diese Oper das erfolgreichste seiner insgesamt 24 Bühnenwerke  gewesen sein soll. Was Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters an Aufführungsorten – noch zu Haydns Lebzeiten – aufzählt, beeindruckt und ist kaum zu glauben. Vereinzelt ist heute eine Haydn-Oper noch auf CD zu entdecken, aber szenisch sind die Werke fast ausgestorben. Im MiR steht jetzt das Personal um den wahnsinnigen Paladin Karls des Großen namens Roland aktualisiert in einem Pub. Und arbeitet sich – um komische Typen angereichert – aneinander ab. Das verstaubte Ritterepos aus dem 16. ist vom Librettisten Nunziato Porta für das 18. Jahrhundert aktualisiert worden, was den ernsten Charakteren noch ein paar buffoneske an die Seite stellt. Am Schluss ist der Wahnsinn gelindert, und es gibt fröhliche Paarbildung. Die Inszenierung von Jetske Mijnssen ist eine Übernahme von 2016 aus Zürich – und ein Gewinn, sie hier zu erleben. Noch mehr der in diesem Repertoire versierte und spezialisierte Werner Ehrhardt, der am Dirigentenpult die Neue Philharmonie Westfalen mit Verve durch die klassische Partitur treibt, und dabei zeigt, wie die barocke Affektenlehre mit Hornstößen und weiteren Orchesterakzenten wie Pistolenschüsse krachen können! (Sabine Weber)

(19. Januar, MiR, Gelsenkirchen) Bevor von der Inszenierung geschwärmt wird, muss die Musik und müssen ihre Protagonisten mit Worten gefeiert werden! Die Gesangseinlagen sind unglaublich differenziert, fein und personentypisch auskomponiert. Da zeigt sich dann schon Meister Haydn. In den volksliedhaften Kanzonen – Volkslieder hat Haydn ja gern bearbeitet und die Arien wie Gleichnisse, Wutausbrüche oder Liebesschmerz mit Seufzerketten und schmachtenden Wonnemomenten aufgezogen. Das erinnert noch stark an die barocke Affektenlehre. Aber vor allem ist zu entdecken, woher Mozart die Anregungen zu seinen Ensembles bekommen haben könnte, wenn er denn Haydns Opern überhaupt jemals hat hören können, worüber es kein Zeugnis gibt. Orlando Paladino ist vor den großen Da-Ponte-Opern entstanden und mit erstaunlichen Gesangsensembles ausgestattet! Zudem eine Semi-Seria der perfekten Art.

Angelica (Penny Sofraniadou). Foto: Monika und Karl Forster

Mit einem ernsten Paar: Angelica, der Partie eines großzügig bedachten Koloratursoprans. Und das Nachwuchstalent Penny Sofraniadou, frisch im neubegründeten Opernstudio NRW, bewältigt den Riesenpart höhensicher und tonstark, manchmal vielleicht mit leichter Schärfe und versucht als noch etwas Backfischige Dame ihren Geliebten Medoro, einen afrikanischen Soldaten (in Antonio Vivaldis Orlando-Vertonung jedenfalls) in den Griff zu bekommen. Medoro wiederum lässt Haydn zumeist sentimental schmachten und sich selbst bemitleiden, in seiner „Dille“- Arie sogar im Kinderwiegenliedstil. Der lyrische Tenor Khanyiso Gwenxane darf mit Melodienseligkeit seinen Gefühlen freien Lauf geben!

Eurilla (Dongmin Lee) und Pasquale (Tobias Glagau). Foto: Monika und Karl Forster

Dagegen steht das „lustige“ Paar. Eurilla, von Dongmin Lee mit Zerbinettaqualitäten ausgestattet und als gewiefte Barbedienung gespielt. Dazu Pasquale, beide sind wohl aus der Comedia dell‘arte herübergeschwappt, ein Buffotenor, aus dem Tobias Glagau einen Rockstar macht, der sich mit E-Gitarre auf die Knie wirft. Herrlich komisch finden sie zueinander. Dazu kommt Rodomonte, nicht umsonst im Libretto als König der Barbarei (Wortspiel mit Berberei) benannt. Hier ein Typ Holzfäller-Rocker mit langen Haaren und Cheps (Petro Ostapenko). Der Gegenritter zu Orlando will mit ihm tjosten, aktualisiert: prügeln, und fällt ziemlich ungehobelt gleich schon mit seiner Auftrittsarie ein, wobei diese von Haydn in eine der vielen Ensembleszenen eingebettet wird, sodass die Gegensätze: Erschrecken, leise da parte gesungen, und Wutausbruch nebeneinanderstehen. Das ist auch das Geheimnis dieses Werks, die deutliche Charakterisierung und die unverhofften Stimmungswechsel, die in der Person des Orlando kulminieren. Er ist die meiste Zeit der wütende und aufgebrachte Gegensatz. Hier taucht er als rothaariger Liebhaber mit Rosenstrauch ein und darf mit Ensemble-Heldentenor Martin Homrich in seinen Soloauftritten jedes Mal das gesamte Ensemble an die Wand spielen, wofür er dann auch die Pistole zückt (siehe Beitragsbild oben, Foto: Karl und Monika Forster). Nur die altbekannte Zauberin Alcina, mit Lina Hoffmann, einem weiteren Nachwuchstalent, besetzt, weiß da als Handleserin und Kartendeuterin Rat. Bei Georg Friedrich Händel ist sie ja böse, hier beschützt sie die Liebespaare. Es gibt außer der Ouvertüre kaum Instrumentaleinlagen, allerdings einige wunderbare Accompagnati- und Secco-Rezitative. Letztere leitet Martin Sotelo vom Hammerflügel aus mit Improvisationen ein- und aus. Dass dieses bunt durcheinandergewürfelte Personal mit seinen wunderbaren Gesangseinlagen sinnig zusammengebracht wird, zudem die Handlung im Fluss bleibt, gelingt dieser Inszenierung ganz famos. Denn die Charaktere spielen in der Bar rechts und links verteilt in typischen Posen oder verlassen Türkrachend das Lokal. Und sie werden im späteren Verlauf durch Doubles ergänzt, verdoppelt und treiben das Vexierspiel auf die Spitze. Gelungen ist der Gag mit dem Gewitter vor der Ouvertüre und einem aufbrausend streitsüchtigen Medoro, der dann zu den ersten Paukenschlägen seine Hände wütend auf den Tisch krachen lässt und aufspringt. Er streitet sich mit Angelica, die als schottische Schönheitskönigin mit Band (Proms Queen) fassungslos vor ihm sitzt und dann ihren Ratgeber (im Original das Zauberbuch) zur Hand nimmt. Die Szene wiederholt sich zu Anfang des zweiten Aktes, wenn die Bar dann seitenverkehrt gezeigt wird. Vorher alles in rot-Tönen, jetzt das Ganze in grün! Ein Hinweis darauf, dass die Charaktere sich nicht wirklich ändern, nur ihr Zustand verbessert wird. Zweieinhalb Stunden Musikgenuss, an dem das ganze Ensemble teil hat, unterstützt von der feinen Personenregie, die aus Orlando mit Double auch noch einen Charlton-Heston-Typ der Rifle Association ins Spiel bringt. Aber vor allem ist die Musik eine Entdeckung! Pasquales Triller-Arie, in der er sich mit seinen ausgespielten Musikkenntnissen von Triller, Staccato oder Kastratengesang aufspielt und lustig macht, ist hier nur ein besonderes Highlight von vielen!

(Weitere Vorstellungen: 26.01.2020, 30.01.2020, 02.02.2020, 07.02.2020, 29.02.2020)

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