Olga Neuwirths „Orlando“ feiert an der Staatsoper in Wien Uraufführung

Und für die erste abendfüllende Uraufführung einer Komponistin an der Wiener Staatsoper seit 150 Jahren werden alle Register gezogen. Olga Neuwirths Orlando nach Woolfs gleichnamigem Roman – in Wien verkörpert von Kate Linsley – kommt sogar im hier und jetzt an! (Von Klaus Kalchschmid)

(8. Dezember 2019, Staatsoper Wien) Virginia Woolfs Orlando handelt von einem Mann, der als 30-Jähriger nach langem Schlaf als Frau erwacht und fortan ein Leben zwischen den Geschlechtern lebt, sich mal in Männerkleidung unters Volk mischt, schließlich eine durchgehend weibliche Identität annimmt und sich auch so verhält, wie man das damals von einer Frau erwartet. Letztlich aber versteht er/sie sich als Mensch und vor allem Schriftstellerin – jenseits des Äußeren und der sexuellen Identität. Geboren 1582, wandert Orlando durch die Jahrhunderte und lebt noch, wenn der Roman, der ihn als 16-Jährigen einführt, gerade vollendet ist. Dort heißt es auf der letzten Seite: „Der zwölfte Schlag der Mitternacht erklang, Donnerstag, elfter Oktober, Neunzehnhundertundachtundzwanzig.“

Auch Olga Neuwirth, geboren 1968 in Graz, und ihre Librettistin Catherine Filloux lassen das Geschehen im Heute enden – mit dem Datum der Uraufführung der Oper. Also spielt der ganze, musikalisch entsprechend härtere und näher an U-Musik angesiedelte zweite Teil der gute zweieinhalb Stunden dauernden „fiktiven musikalischen Biografie in 19 Bildern“ auf Englisch im 20. und 21. Jahrhundert. Stationen sind 1917 und 1941, also Erster und Zweiter Weltkrieg und der Holocaust, sowie Vietnam und die Hippies 1967. Station gemacht wird 1985, 1989, 2000 und beim Irakkrieg, Anspielungen gibt es auf die Konsumgesellschaft von heute, Trumps Größenwahn und eher diffuse Zukunftsängste. Der erste Teil geht zu Ende mit einer langen Szene, in der Missbrauch an Frauen und Kindern thematisiert wird, wie er im Viktorianischen Zeitalter an der Tagesordnung war und konsequent tabuisiert wurde.

Der Roman ist eine subtil und mit feiner Ironie erzählte „Biografie“, die tiefe Einblicke in die Psyche der Titelfigur gibt und ihre Rolle in der Gesellschaft zwischen den Geschlechtern, Zeiten und Räumen beleuchtet. Auf der Bühne der Wiener Staatsoper, die Roy Spahn dank Video (Will Duke) auf verschiebbaren Lamellen sekundenschnell verändern kann, wird alles vergrößert, oftmals in ein moralisierendes Pathos getrieben und Orlando so wort- und musikreich, aber auch etwas platt zur modernen Vorkämpferin für Frauenrechte gemacht.

Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Die Ausstattung bleibt im diffus Dekorativen, denn die Kostüme der japanischen Mode-Designer von COMME des GARÇON machen aus jeder Figur im schlimmsten Falle ein üppig eingewickeltes knallbuntes Bonbon, im besten Falle ein facettenreich schillerndes, elegantes Gebilde in Schwarz. Ausufernde Chor-Partien, mehrfach eingesetzter Kinderchor inklusive, überlagern die alles andere als schlanke Orchesterfaktur. Im ersten Teil, der zwischen 1598 und 1896 spielt, ist immer wieder ein Cembalo zu hören, im zweiten Teil dominiert mehrfach eine Jazzband mit Schlagzeug, E-Bass, E-Gitarre, Synthesizer und Altsaxophon.
Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Zwar gibt es auch mal ein Duett nur mit Begleitung der Glasharmonika, aber ansonsten malt Neuwirth vorwiegend mit breitem Pinsel: hier Klangballungen des ganzen Orchesters, dort ein intensiver Streicherteppich; scherzohafte Partien wechseln mit anderen, ebenfalls rhythmisch dominierten Passagen, Samples treten vielfach hinzu und jede Szene bekommt so durchaus eigene Prägung. Mehrfach würzen Zitate von Bach (der zweite Satz aus dem d-moll-Doppelkonzert in der Aufnahme mit Arnold und Alma Rosé von 1928) über Offenbach bis zu populärem Liedgut das Ganze; aber fast immer stellt sich das Gefühl eines „Zu viel“, eines Schielens auf den großen Effekt ein, kulminierend im Traktieren eines Boxsacks, der bei heftiger Berührung ein durch den Raum dumpf hallendes Geräusch auslöst. Da war das frühere Musiktheater von Olga Neuwirth wie etwa Bählamms Fest (1992/1998), Lost Highway (2003) oder American Lulu (2006-11) nach Alban Bergs Oper konziser und prägnanter. Polly Graham kann oder will da in ihrer Personenregie nicht gegensteuern, sondern begnügt sich mit Arrangements und sorgt für flüssige Auf- und Abgänge nicht zuletzt der Chöre.

Zwei Protagonisten freilich dominieren und adeln den langen Abend: Anna Clementi gibt ihrem umfangreichen Part als Erzählerin enorme sprachliche Intensität, noch grandioser ist Kate Linsley als Orlando. Den jungen Mann singt sie mit fast viril dunklem Register, um später als Frau mit nach wie vor bestechend präziser Tongebung und wunderbar weich und farbenreich abgetöntem Timbre im besten Sinne androgyn zu klingen und zu spielen. Da hat es der in derselben Tonlage singende Countertenor Eric Jurenas als Schutzengel schwer, aber auch die Sopranistinnen Constance Haumann (Königin, Reinheit, Freund von Orlandos Kind) und Agneta Eichenholz als Sasha, Orlandos russische Geliebte, sowie der Bariton Leigh Melrose als Shelmerdine, Orlandos späterer Gatte, bleiben Randfiguren wie auch gut zwanzig noch kleinere Partien.

Dem vor allem und nicht zuletzt als Komponist bekannt gewordenen Matthias Pintscher gelingt es am Pult der Wiener Philharmoniker Chöre, Solisten und das Orchester sicher zu führen. Ob eine größere Durchsichtigkeit und Prägnanz möglich gewesen wäre, verbietet sich freilich beim ersten Hören einer so hypertrophen Partitur. Großer Beifall, nicht zuletzt für die Komponistin.

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