Metropolis in Fullsize in der Kölner Philharmonie – so gut wie zwei Mal Bruckner?

(Aus der nachkolorierten Fassung, der Giorgio Moroder 1984 Diskobeats unterlegt hat. Foto: Filmmuseum Berlin) Seit Jahren basteln François-Xavier Roth und sein Kölner Gürzenich-Orchester daran, den Stummfilm Metropolis von Fritz Lang in Fullversion zu der Orchesterversion Fullsize des argentinisch-französischen Komponisten Martin Matalon in die Kölner Philharmonie zu bringen. Trotz Corona ist der Traum jetzt wahr geworden. Mit ergänzten Filmfunden von 2002 aus den USA und 2008 aus einem Filmarchiv in Buenos Aires dauert er stolze zweieinhalb Stunden. Für die Szenen hat Matalon Beats, Geräusche und Elektroniksounds aus dem Pariser IRCAM dem Orchester zugemischt, und untermalt das beredte hochdramatische Schwarz-weiß-Schweigen mit Musik, die den Spannungsgrad von Lalo Schifrins Sound bei der Autoverfolgungsjagd in „Bullit“ erreicht. (Von Sabine Weber)

Die IRCAM-Sounddesigner mit Komponist. Foto: S. Weber

(16. Februar 2022, Kölner Philharmonie) Bevor Francois-Xavier Roth sein Orchester loslegen lässt, dreht er sich um und nickt zum Mischpult in der Mitte des Parketts. Da sitzen zwei Mitarbeiter des IRCAM, Toningenieur Luca Bagnoli, vorne rechts, und Tonassistent Sylvain Carton, hinten, vor Bildschirmen, Reglern und Computern. Zwischen ihnen Komponist Martin Matalon. Alle lächeln für mich einmal in die Kamera! Bevor von dort das „Go“ kommt. Roth stöpselt die Mikros für die Click Tracks ins Ohr, ein elektronischer Rhythmus-Beat mit Ethno-Einschlag geht durch die Philharmonie. Roth groovt sich dirigierend ein. Der Vorspann läuft. Und das – bitte französisch aussprechen: „Cine-Concert“ beginnt!

Natürlich fesseln erst einmal die Bilder. Zukunftsarchitekturen die damals noch alle im Studio gebaut werden mussten. Kolben, Zahnräder, rotierende Scheiben, Ketten hinter und voreinander. Turbinendampf. Die Arbeitermenschen in schwarz, die im Gleichschritt aus der Tiefe wie Kumpels aus dem Schacht hochfahren, zu ihren Maschinen schlurfen und wieder zurück. An Gitter und Gefängnisoptik wird erinnert. Es geht immerhin um moderne Nibelungen. Dagegen die hellen Göttergleichen Obermenschen, schnieke Boys in weißen Reiterhosen, die Olympia spielen während die Ladies unter Glitzerkappen mit Federchen in barockesken Grottengärten ihre Reifröcke ausstellen. Alles schrill, stereotyp, sogar ein bisschen faschistoid, auch biblisch, denn Maschinen gleichen Maya-Tempeln oder mutieren zur Vision eines menschenfressenden Molochs. Die Schaltzentrale ist in einem Turm namens Babel. Dort residiert Joh Ferderson über seine Maschinenstadt. Ein Obermitarbeiter ist Josaphat, bis er entlassen wird und gemeinsame Sache mit des Chefs Sohn Freder Fredersen macht. Der büchst aus dem Obermenschendasein nämlich aus, weil er sich in die Unterweltstadt-Maria verliebt. Maria ist gütig, zelebriert in Katakomben als anthroposophische Priesterin Messen vor Kreuzen und Kerzen. Vermittelt Hoffnung, wie sie die frühesten Christen auch gebraucht haben. Und prophezeit den Arbeitern einen Mittler zwischen Hirn – Oberwelt – und Händen – Arbeiterwelt. Freder wird dann auch zum Messias und bringt seinen Vater dazu, dem Unterweltmensch die Hand zu reichen. Aber erst muss ein teuflischer Faust – der Forscher Rotwang mit krampfenden Händen wie bei den Ungestalten in Murnau-Filmen – die Kunstmenschin erfinden. Die Utopie des Maschinenmenschen, der erst kürzlich zum Opernsujet geworden ist (siehe Klassikfavoribesprechung)! Vor allem aber unvergesslich: Brigitte Helm als heilige Maria und Maschinenmenschin zugleich – Starwars R2-D2 ist ganz klar von ihr abgekupfert worden, kann aber nicht wie Mata Hari tanzen und die Lebemänner aufwiegeln, eine großartige filmisch umgesetzte Männerfantasie der 1920er. Helm ist Legende bis auf den heutigen Tag!

Und Metropolis eine Parabel, die als Mahnung gegen Fortschrittsgläubigkeit noch heute zu uns spricht. Die Dystopie einer entpflanzten, zubetonierten, maschinisierten Welt! Auch wenn die Faszination dennoch an allen Ecken und Enden knistert. Unverbesserlich und – bei der zentralen Kussszene unfreiwillig komisch – der zelebrierte Glaube an die beiden Gutmenschen, mit Herz am rechten Fleck, die die Hebel rechtzeitig umlegen. Das Ganze ist natürlich auch noch ein bisschen Thriller. Und da kommt die Filmmusik ins Spiel!

Dieser Kultfilm lässt sich zur  Matalonschen Metropolis rebootet Filmmusik prächtig verfolgen. „Es knacke und rumpele viel“, merkt zwar ein junger Besucher in der Pause an, der nur wegen des Films gekommen ist. Aber auf jeden Fall ist sie heutiger als die hochromantische Uraufführungsmusik von Gottfried Huppertz, der mit Dreiklangswalzen die Maschinen und mit Leitmotiven die Protagonisten begleitet hat. Oder der seichte Diskopop von Giorgo Moroder von 1984. Matalon verzichtet auf Leitmotive oder instrumental-plakative Zuordnungen. Eine E-Gitarre zerrt zwar, wenn der Moloch Menschen frisst. Die Oboe d‘amore erhebt ihre klagende Stimme für die Opfer eines Maschinenunglücks, auf Bahren werden Verunglückte von der explodierten Maschine weg getragen. Das sind aber eher musikalische Zufallsmomente. Meistens baut sich von irgendwoher eine Klangfläche auf – vom Mischpult oder einer Orchestergruppe her – die steht, bis sie beispielsweise von gestopften Hörnern traktiert wird oder den ein bisschen sehr prägnanten beiden E-Gitarren. Es gibt Ensembles, auch mal die gesamte Cellogruppe oder nur die Kontrabässe, Soli für die Konzertmeisterin oder den Solocellisten, die allesamt elektronisch verstärkt sind und sich ein bisschen wie Popklassiker-Stars ins Zeug legen dürfen. Drei Vibraphone, chinesische Gongs, Tamtam. Irre viel Schlagzeug. Also Rhythmus nicht nur vom Band. Es gibt viel motorische Musik, jazzige Allüre, vor allem klackt und rumpelt es –  wie schon gesagt – in Metropolis. Geräusche fehlen nicht. Dramaturgisch geschickt arbeitet Matalon aber auch mit stillen Momenten. Die Farbigkeit dieser multiinstrumentalen Freitönigkeit – keine Melodie bleibt hängen – ist äußerst abwechslungsreich, autonom, verdoppelt nie das Bild, sondern führt ihr Eigenleben, bleibt aber dennoch beliebig. Vom ersten bis zum letzten Moment will sie Kulisse sein. Anders als beispielsweise bei Olga Neuwirths neukomponierter Filmmusik zu Die Stadt ohne Juden, die auch politisch motivierte Anspielungen collagenhaft in ihre Musik einbindet. Zuordnungen oder Zitate gibt es bei Matalon nicht. Wobei der Stil bei den Thriller-Momenten mich einige Male an Lalo Schifrins Musik zur Autoverfolgungsjagd in Bullit erinnert hat. Matalon lässt insgesamt ein Riesenklangmeer wogen.  An dieser Cine-Sinfonie arbeitet Matalon seit 1992, seit er mit seiner ersten Metropolis-Kammermusikfassung begonnen hat, die 1995 in Paris zum Film uraufgeführt wurde. Inzwischen ist sie für die rekonstruierte Langfassung für Riesenorchester plus Elektronik angewachsen. Und auch um viele neue Themen und Motive, zwar ohne neue zündende Ideen, aber die klanglichen Bebilderungen sind eine Topkulisse für den Kultfilm.

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