Kosky inszeniert „Das Schlaue Füchslein“ in München – ohne Tiertheater

Leoš Janáčeks vorletzte Oper „Das schlaue Füchslein“ wurde in München seit der letzten Produktion am Nationaltheater vor 20 Jahren (Regie und Ausstattung: Jürgen Rose) immer wieder gespielt – mal als Produktion des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper oder in Koproduktion von Musikhochschule und Gärtnerplatztheater; zuletzt gab es 2018 eine konzertante Aufführung mit dem Symphonieorchester des BR. Nun spielt die Bayerische Staatsoper ebenfalls erstmals die tschechische Originalversion, aber Barrie Kosky verzichtet (fast) ganz auf die Imitation der Bewegungen von Tieren. (Von Klaus Kalchschmid)

Füchsin Schlaukopf und ihr Geliebter, der Herr Goldfuchs, Dachs und Grillen, Dackel und Hahn sind also junge Mädchen oder junge Männer in schlichter Alltagskleidung, streng schwarz die Herren, pastellfarben fließend die jungen Damen. Der Hahn (Andres Agudelo) inmitten knallgelber, weniger gackernder als schnatternder Hennen-Fräuleins ist also ein typischer Macho-Bursch‘, der seine Brusthaare stolzgeschwellt wie einen Harnisch trägt und breitbeinig in der Mitte der Mädels männliche Macht mimt. Wie sie alle ist er in eine knatschgelbe Wand eingebacken. Das ist neben dem in Fantasie-Tschechisch hysterisch vor sich hin brabbelnden und tippelnden, halb ausgeschlüpften Küken in seiner Eierschale der einzige Moment, in denen Regisseur Barrie Kosky mit den Tier-Metaphern der Oper lustvoll virtuos spielt.
Gleich zu Beginn muss man – nach einer stummen Szene, in der auf offener, leerer Bühne jemand begraben wurde –, schmunzeln. Denn der flirrend-glitzernde Vorhang, der sich nun senkt und im oberen Drittel tatsächlich wie für einen Theatervorhang gerafft ist, sieht aus wie schwarz-silbernes Lametta in Groß und Üppig. Opa Hoppenstedt wäre entzückt gewesen und hätte frei nach Loriot begeistert ausgerufen: „Oh! Oh! So viel Lametta!“ Michael Levine hat dieses abstrakte Setting entworfen, und so gibt es nicht nur keine Tiere, sondern auch keinen Wald, kein Förster-Haus, keine Kneipe.

Elena Tsallagova (Füchsin) und Angela Brower (Fuchs). Foto: Wilfried

Barrie Kosky, sein Bühnenbilder und seine Kostümbildnerin (Victoria Behr) zeigen uns, dass alles Theater, ist die abgerissenen Gliedmaßen der Huhn-Mädchen, die die Füchsin gerissen hat, sind nur Prothesen mit rotem Glitter an der „Wunde“, ein wenig Revue also noch dazu, aber das Motto ist auch: Wir spielen Euch ganz schlicht das pralle Leben vor – von der Wiege bis zum Grab! So steht der Förster schon zu Beginn am offenen Grab, einer Versenkung, aus der später immer wieder Figuren auftauchen und schnell wieder verschwinden. In sie kehrt Wolfgang Koch am Ende die Reste der gelben Küken-Federn, bevor er mit seinem Besen traumverloren tanzt und in der schwarzen, leeren Hinterbühne verschwindet. Kosky wagt die absolute Reduktion und überlässt alles der Musik und dem gesungenen Text. Das ist manchmal gefährlich nüchtern, manchmal bezaubernd schlichtes, „armes“ Theater.

Angela Brower (Fuchs) und Elena Tsallagova (Füchsin). Foto: Wilfried Hoesl

Elena Tsallagova als Füchslein Schlaukopf und Angela Brower als Fuchs sind ein feines, berückendes (Liebes-)Paar, das ebenso natürlich wie leidenschaftlich singen kann wie es ganz unprätentiös eine junge Liebe spielt jenseits aller Moral. Dabei wirken sie immer wieder wie ausgelassene Teenager, für die nichts existiert außer sie selbst. Das ist die zentrale Szene der ganzen Oper am Ende des zweiten Akts und auch das Zentrum dieser Aufführung. Manch‘ anderer Moment verpufft dagegen und die Liebesnöte der mittelalterlichen weißen Männer in Gestalt von Pfarrer (auch Dachs: Martin Snell), Schulmeister (und Mücke: Jonas Hacker) und sogar wie Wilderer Haraschta (Milan Siljanov), der die Füchsin verfolgt und schließlich abschießt, ereignen sich vor allem musikalisch.
Doch weil durchweg auf sehr hohem Niveau gesungen wird – auch vom Kinderchor der Bayerischen Staatsoper – und das Staatsorchester unter Mirga Gražinytė-Tyla die Kleinteiligkeit, aber auch die beredte Sprachmacht der Musik und ihre ganz eigene Expressivität wunderbar klar und sanft fließen lässt, ist man am Ende doch zufrieden und vielleicht sogar ein wenig glücklich über diese Feier des Lebens und der Vergänglichkeit.
„Das schlaue Füchslein“ wird am Donnerstag, den 3. Februar, ab 19 Uhr live auf BR-Klassik übertragen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.