Eine Ersteinspielung von Boismortiers Sonates à deux violes und eine neue Marais-Einspielung von Johanna Rose bereichert die Gambenszene


Joseph Bodin de Boismortiers klangvolle Bassgamben-Duos op. 10 stehen sicherlich bei vielen Hobby-Gambisten schon lange im Schrank, wurden sie doch bereits 1975 bei Heugel & Cie in Paris in einem modernen Notendruck herausgebracht. Erstmals wurden sie 1725 zu Paris gedruckt. Und gehörten zu einer Fülle an Werken für zwei Melodieinstrumenten, mit denen Boismortiers die Musik-Amateure à la Mode in Paris am laufenden Band beliefert. Über 50 Sammlungen zu sechs Sonaten, Suiten oder Divers Pièces sind es um 1729, die mit königlichem Privileg gedruckt zu erwerben in Kleinschrift aufgelistet angepriesen werden. Boismortier schrieb – aus heutiger Sicht – für alle, die Flûte traversière, Blockflöte, Violine, Oboe, Basse de viole, Violoncelle oder was auch immer im Hausgebrauch zur Unterhaltung erklingen lassen wollten. Und auch schon einmal mehrstimmig, nur nicht zu schwer gesetzt durfte es sein.

Die sechs Duette op. 10 als Weltersteinspielung zu feiern, mag dick aufgetragen klingen. Ist es auch. Aber Georg Noeldeke und Rahel Klein, Bassgamben, bringen den Charme dieser Musik ins Wohnzimmer oder wohin auch immer. Diese Stücke reizen schon beim Zuhören die Musizierlust an. Musette-ähnliche Piècen wie das Doucement aus der zweiten Sonate, wo eine Art Dudelsack imitiert und Drehleiehrklänge produziert werden. Also Melodie über stehendem Quint-Bordun. Oder ein Tombeau-ähnlicher langsamer Mittelteil trennt zwei flotte Gayements. Es säuselt in Terzen, verschiebt sich in fugierten Einsätzen, schwingt im moderaten Dreier durch ein Gigue oder stapft im Zweier durch eine Gavotte. Der Charakter der vier bis fünf Sätze jeder Sonate ist noch an der Suite orientiert. Und es trägt immer mal wieder mit Doppelgriffen dick auf. Das macht herrlichen Gambensound. Und ist auch schon einmal elegisch wie am Beginn der dritten Suite. Allesamt sind es unerhört abwechslungsreiche Stücke, die ein bisschen den Schatten Sieur de Sainte-Colombes herauf beschwören, dem ersten berühmten französischen Gambenkomponisten, der Concerts à deux violes esgales komponiert hat. Dann klingen sie wieder galant, empfindsam. Die beiden Gambisten dieser Aufnahme musizieren mit Geschmack und Esprit. Sie haben sich für die Sonaten sogar Überschriften einfallen lassen, um sich beim Spielen in Stimmung zu bringen. Winzige Unsauberkeiten beim Zusammenspiel scheinen eher beabsichtigt, um dem Musizieren im hier und jetzt den lebendigen Anstrich zu belassen. Also eine Aufnahme, die jeder Gambenliebhaber hören will. Beide Musiker sind übrigens Fachdozenten für die Alte Musik und bilden seit 2012 das Ensemble „Les deux Violes“!

Eine aktuelle Gambenszene in Spanien? Dass die Viola da gamba in ihrer Urform der maurischen Rebec und Vihuela über die iberischen Halbinsel den Weg nach Mitteleuropa gefunden hat, ist bekannt. Ebenso, dass sie im Siglo de oro hochgeschätzt zumindest im Consort für die vielfältige Orgelliteratur eine perfekte Klangbalance abgegeben hat. Aber dass in Spanien aktuell – und da nehmen wir die Ausnahmeerscheinung von Uraltmeister Jordi Savall mal aus, er ist außerdem Katalane – die Gambe wieder rockt, wäre eine großartige Entdeckung. Es gibt jedenfalls eine deutsche Gambistin, die den Weg nach Sevilla gefunden hat und von dort die Szene aufmischt. Johanna Rose heißt sie, ist auch mal als dunkelhaarige Cellistin ausgemacht worden, trägt jetzt Wasserstoffblond. Was sie auf Ihrer im November erschienenen CD Histoire d‘un ange aufgenommen hat, lässt aufhorchen. Zu hören ist eine exquisite Auswahl aus den fünf Gambenbüchern des französischen Hofgambisten Marin Marais. Angereichert mit der Passacaille ou Chaconne aus der zweiten Suite e-moll von François Couperin und jeweils einem Lauten- und Cembalostück von Robert Visée und Jean-Philippe Rameau ihrer Begleiter Josep Maria Martí Duran und Javier Núñez. Freilich spielt Johanna Rose, die auf dem Coverbild im schwarzen Suit mit schwarzen Flügeln einem offensiv in die Augen schaut, eher wie der Teufel. Sie hat einen großen Ton, spielt Effekte wie enflés, im Text markierte Toncrescendi oder Sforzati, auch gern auf unbetonten Zählzeiten, wirkungsvoll aus oder abrupte Pausen, extreme pianissimo- oder forte-Passagen gehören auch dazu. Dass ihr Ton nicht wirklich französisch klingt, hat vielleicht mit ihrem Instrument zu tun, das eher deutsch wie eine Stainer-Gambe klingt. Da krachen die Arpeggien jedenfalls klanggewaltig aus dem Bauch oder mehrstimmig gestrichene Akkorde, wie in der Arabesque in F-dur oder einer Marche in A-dur aus dem vierten Buch. Dieses Buch von 1717 ist eines der interessanten. Marais widmet sich im zweiten Teil dem goût à l‘étranger, den nichtfranzösischen Einflüssen, in einer mit Charakterstücken und programmatischen Titeln gefüllten Riesensuite. Und da geht es auch in die entlegensten Tonarten. Der italienische Einfluss fokussiert Marais vor allem. Von der Violine dominiert mit seinen virtuosen Einlassungen erschien er den Franzosen damals bizarr und war dennoch sehr publikumsheischend. Und Marais wollte zeigen, dass er das auch kann! Damit hat Marais sicherlich auch seinem Hauptkonkurrenten Antoine Forqueray auch eine Antwort geben wollen. Forqueray, sein Sohn gibt später einige der hochvirtuosen Gewaltstücke des Vaters heraus, hat mit extremen Spieltechniken dem Gambenspiel am französischen Hof das Teuflische der Violine beigefügt. Marais bringt seinen Eskapismus allerdings immer in einem elegant austarierten Formenkanon an den Start. Die Pièces gehen bei Marais ihres französischen Charmes nie verlustig. Johanna Rose und ihr Team werden dieser Formgebung gerecht, atmen die Phrasen und können sich dann auch völlig zurücknehmen wie in La Rêveuse, notiert in der auf der Gambe obertonarmen Tonart As-Dur/f-moll oder Le Badinage in fis-moll. Allesamt Rondo-Formen mit einem immer wiederkehrenden Teil. Den variierten Couplets schenkt Marais sein ganzes Können, wie er im Vorwort auch ankündigt hat. Das Rondeau von Le Badinage beginnt Johanna Rose ganz zauberhaft solistisch. Im ersten Couplet setzt erst die Erzlaute ein. Mit inégalem Spiel der gebundenen Doppelachtel, eine im Frankreich dieser Zeit übliche Spielpraxis der etwas gedehnten ersten Achtel, sorgt dann für den nonchalant französischen Fluss. Mit einer ungemeinen Geläufigkeit der linken wie der rechten Bogenhand rauscht es durch Le Tourbillon, einen musikalisch gestalteten Wirbelsturm von nur wenigen Minuten. Und da sitzt jede Note. Die Intonation ist immer impeccable. Auch in der sehr schweren Cloche au Carillon Pièce, wo in h-moll gewaltig die Glocken angeworfen werden. Johanna Rose liebt das Zupacken! Insgesamt ist diese CD eine empfehlenswerte und faszinierende Aufnahme und ein “muss” für die Fans der Basse de viole und Marin Marais!

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