Eine entzückende Komische Oper nach Calderón de la Barca von Joachim Raff in Regensburg: „Dame Kobold“ in der Regie von Brigitte Fassbaender

„Irgendwie seicht, schon sehr seicht!“ „Na halt wie RTL…“ „Und auch kitschig…“ „Aber kitschig kann ja auch mal ganz schön sein!“ So der Loriot-Dialog zweier junger Männer nach der zweiten Vorstellung der feinen Spieloper „Dame Kobold“ von Joachim Raff (1822-1882) in Regensburg. Sie fand vor etwa 180 Besuchern im nur 514 Plätze bietenden Theater am Bismarckplatz aus dem frühen 19. Jahrhundert statt. Derweilen ging der zeitgleich aufgeführte Verdi’sche „Macbeth“ am Nationaltheater in München mit seinen 2100 Plätzen vor gerade mal 50 Besuchern über die Bühne. Die Bayerische Landeshauptstadt hatte den Inzidenzwert von 100 überschritten, Regensburg aber noch nicht. Es war zugleich die vorerst letzte Vorstellung dieser bemerkenswerten Ausgrabung, denn am Montag schließen leider alle Theater und Opernhäuser der Republik wieder bis mindestens zum 30. November. (Von Klaus Kalchschmid)

Dame Kobold von Joachim Raff in Regensburg! Klaus Kalchschmid hat die Aufführung in der Regie von Brigitte Fassbaender besucht und eine entzückende Komische Oper kennen gelernt. Eine Repertoire-Entdeckung
Oliver Weidinger (Rodrigo), Sara-Maria Saalmann (Beatrice), Anna Pisareva (Angela). Foto: Martin Sigmund

(27. Oktober 2020, Theater Regensburg) Umso nachhaltiger dürfte der Eindruck dieses wahrlich albernen Abends sein, dessen musikalischer Teil den meisterlichen Spielopern Lortzings oder Otto Nicolais absolut ebenbürtig ist. Die Handlung von Dame Kobold ähnelt einer Soap Opera: Donna Angela wird von ihrem Bruder namens Don Juan (nicht verwandt oder verschwägert mit Tirso de Molinas, Molières oder Mozarts Schwerenöter) eifersüchtig bewacht. Denn er hat für sie einen Ehemann bestimmt! Einmal wird sie vermeintlich verfolgt. Ihr hilft Don Manuel, bis dieser nach dem Kampf mit dem Unbekannten erkennt, dass es sein Freund Don Juan ist. Eine geheime (Dreh-)Tür hinter einem Gemälde, auf dem Bett deponierte Briefe und fremde Männer bei Damen im Schlafzimmer halten das Lustspiel im Gange bis in erneutem Kampf wieder Don Manuel und Don Juan aufeinandertreffen. Dann lösen sich alle Verwirrungen und Manuel kann seine Angela heiraten, wie ursprünglich von Juan geplant.

Die Regisseurin Brigitte Fassbaender setzt in Dame Kobold auf Tempo und Witz

Wenn man etwas kennt aus dieser dritten von sechs Opern Raffs, der sich hier erstmals nach der historischen Oper König Alfred und dem Musikdrama Samson 1870 einem leichtgewichtigen Stoff widmet, dann ist es die Ouvertüre. Und sie verquirlt sich immer mehr. Dazu proben in Regensburg Statisten mehr oder minder unbeholfen spanischen Tanz!

Sara-Maria Saalmann (Beatrice). Foto: Martin Sigmund

Mit feiner Ironie inszenieren das Brigitte Fassbaender und ihre Choreographin Sara-Maria Saalmann, die zugleich als Beatrice eine wunderbar aufgekratzte, prägnant singende Dienerin Donna Angelas verkörpert. Auch später setzt die Regisseurin auf Tempo und Witz, den die Drehbühne von Bettina Munzer mit dezidiert gemalten Kulissen befördert und der nicht zuletzt aus den knallbunten Kostümen von Anna-Sophie Lienbacher spricht.

Von Rossini bis zum frühen Wagner spukt einiges durchs Stück!

Den virusbedingten Einschränkungen gehorchend, musste das romantische Orchester Raffs auf 21 Musiker reduziert, die Bläser und Streicher halbiert werden. Eine zusätzliche, im Original nicht vorgesehene, Harfe vermittelt klanglich ausnehmend schön und raffiniert. Daher wird die Reduktion irgendwann nicht mehr als solche wahrgenommen. Um dem Ganzen etwas Zug zu geben, werden langsamer (Cavatina) und schneller Teil (Cabaletta) einer Arie schon mal auseinander gepflückt, aber vielleicht kommen so der wunderbare melodische Reichtum der Partitur wie auch das Satirische umso besser zur Geltung. Denn von Rossinis bis zum frühen Wagner spukt so einiges durch das Stück.

Wirklich ernst nehmen darf man hier nichts!

Oreste Cosimo (Manuel) Anna Pisareva (Angela). Foto: Martin Sigmund

Wirklich ernst nehmen darf man hier in Raffs Dame Kobold nichts: Also ist Oreste Cosimo ein langhaarig gelockter, junger Tenor als leicht schmieriger Don Manuel, Johannes Mooser (Siehe Beitragsbild) dagegen ein nicht gerade leichtgewichtiger, mit viel Selbstironie ausgestatteter Baritonbuffo als Don Juan. Theodora Varga (Zweitbesetzung der Angela) wirft sich Arme und Beine breitmachend mehrfach bäuchlings aufs Bett ihres Boudoirs, als gälte es einen Sketch-Wettbewerb zu gewinnen. Und sie übertreibt auch sonst aufs Schönste: Etwa mit leuchtenden Spitzentönen, die immer sagen: „Hey, Leute, ich kann’s, oder?!?“

Endlich ein Opernabend ohne Tränen!

So muss musikalische Komödie sein und auch Dirigent Tom Woods hält die Zügel bei seinen 21 Musikern ebenso fest in der Hand, wie er sie auch, wann nötig, immer mal wieder locker lassen kann. Fazit: Endlich ein Opernabend in diesen wirren, beängstigenden Zeiten, an dem keine einzige Träne verdrückt werden muss, es sei denn die eines herzlichen Lachens!

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