Ein Anti-Musical? Heribert Feckler, Dirigent der Neuproduktion von „The Black Rider“ in Gelsenkirchen weiß warum!

Heribert Feckler. Foto: Pedro Malinowski

Heribert Feckler arrangiert Musicals und hat sogar ein Musical komponiert. Er kommt aus Essen wo er, nein, keinen Hobbykeller hat, sondern ein Heimstudio unterm Dach. Dort arrangiert und komponiert er oder covert seine Lieblings-Songs, das aber nur für den Hausgebrauch. Mit 16 Jahren hat er in der ersten semiprofessionellen Jazzband mitgesungen. Dann in einem Chor die Madrigale des 16. Jahrhunderts schätzen gelernt. An der Musikhochschule Köln studiert er Klavier, Dirigieren, Gesang und Tonsatz. Und liefert seit Jahrzehnten den Kölner Canzonisten seine schwarze Basstiefe, wenn es mit Barbershop-Stücken auf Konzerttournee geht und ist Dozent für Dirigieren und Bandleitung an der Folkwang-Hochschule in Essen. Seit 2006 leitet er Musical-Produktionen am Aalto-Theater in Essen. Jetzt steht er im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen im Graben. Für “The Black Rider” – eine pralle Show mit neun Musikern und einem Liebespaar und dem Teufel im Spiel. Der „literarische Underground-Veteran“ (Spiegel) William S. Burroughs entwickelte dieses Werk 1990 mit Songs des „Pop-Heiligen“ Tom Waits für das Thalia Theater. In Szene gesetzt vom „Bilderrätsler“ Robert Wilson. Eines der aufwendigsten Spektakel an deutschen Theatern ging über die Bühne. Das damalige Premierenpublikum jubelte. Letzten Samstag, am 19. September 2020, war Premiere einer Neuproduktion in Gelsenkirchen. Vor der zweiten Aufführung sitze ich im Foyer im zweiten Stock des Gelsenkirchener Theaters an einem Fenstertisch, Corona-konform mit gebührendem Abstand, um mehr über das Werk zu erfahren. Und Heribert Feckler antwortet mit voluminös Gesangs-gestählter Stimme auf die Fragen.

Welche Beziehung hast Du zu dem Stück, bist Du ein Tom Waits-Fan?

Das kann ich gar nicht sagen. Ich kannte einige Sachen von ihm. Hier im Musiktheater im Revier haben sie vor ein paar Jahren ein Konzert gemacht mit einer Steam-Punkband. Ein Konzert, das sich auch mit Tom-Waits-Stücken befasst hat. Da habe ich viele Songs von ihm gehört und seine spezielle Art Songs zu schreiben kennen und schätzen gelernt. Aber Tom Waits ist jetzt nicht jemand, den ich seit 20 Jahren auf dem Zettel habe. The Black Rider kannte ich überhaupt nicht, als das an mich heran getragen wurde, war aber sofort neugierig, weil jeder davon redet. Und dann habe ich mir gesagt, komm, da schmeiße ich mich mal rein!

Black Rider ist ja ein komischer Titel. Das Stück firmiert ja als ein Beatnik-Produkt. Hat der Titel etwa etwas mit Easy Rider zu tun?

Keine Ahnung. Um ganz ehrlich zu sein. Was die drei Herren, die 1990 das Stück fabriziert haben, was die sich bei all den Details gedacht haben, ist wahrscheinlich nur mit Bewusstseinserweiternden Substanzen zu erklären, (lacht) um es mal ein bisschen salopp auszudrücken. Black Rider bezieht sich auf den Teufel. Er ist mit dunklen Farben verknüpft. Bei uns kommt er lustiger Weise auf einem weißen Pferd herein. Das Stück steckt voller Widersprüche, das ist einer, mehr kann ich dazu nicht sagen.

Eltern als Puppen, gespielt und gesungen von Gloria Iberl-Thime und Merten Schoedter. Unten Sebastian Schiller und Annika Firley, das Liebespaar. Foto: Björn Hickmann

Du bist ja auch eher für die Musik zuständig. Carl Maria von Webers berühmter Freischütz verhandelt denselben Stoff. Die Vorlage zu Black Rider ist eine Geschichte, eine Geistergeschichte, die aus derselben Quelle schöpft wie die Vorlagen, aus denen der Freischütz entstanden ist. Kann das Opernpublikum den Freischütz in irgendeiner Art und Weise hier wiedererkennen?

Ich denke schon. Erst einmal ist die Geschichte sehr ähnlich, weil sie auf dieselbe Volkssage zurück geht. Es ist nicht Der Freischütz, wie wir ihn kennen. Es ist die Ursprungssage, auf der Der Freischütz basiert. Die Rollenamen sind andere, aber die Grundgeschichte ist dieselbe. Und es gibt auch in der Musik Anklänge an Weber, die man nicht sofort hört. Aber wenn die Eltern singen, ist das sehr traditionell im Stil des 19. Jahrhunderts sehr schlicht geschrieben. Eine Mischung aus Weber und Friedrich Silcher. Mit einem sehr Volksliedhaften Ton manchmal. Ob das alles so ernst gemeint ist oder Satire oder ‚Publikum-Hochnehmen‘, das ist sehr schwer zu sagen, wie generell einiges schwer zu sagen ist. (lacht)

Der Schuss, der Freischuss, um die Braut zu gewinnen, hat ja hier auch eine bestimmte Konnotation. William S. Burrough, ein Leader der Beatnik-Generation und Librettist, hat das Stück ja wohl auch unter Drogeneinfluss fabriziert. Gibt es in der Inszenierung eine Beziehung zu Drogenkonsum? Ist das aufgegriffen worden?

Ja, aber nicht direkt. Man kann durchaus Parallelen sehen. Wenn da einer unter einem Riesenpilz eine Nummer singt, könnte man sagen „Mm ja, den könnte man ja auch kleinstückeln und essen…“ (lacht) Es ist schon psychodelisch, es gibt Muster, die im Hintergrund ablaufen. Und Soundeffekte, die nicht naturalistisch sind, verfremdet sind. Auch in dem Bereich könnte man denken, das weist auf Drogenkonsum hin. Die Nummern sind teilweise so abgedreht und verrückt, das kann man nur damit erklären, dass die was eingenommen haben…

Lucy in the Sky lässt grüßen! Was für Vorlagen hast Du als Dirigent auf den Tisch bekommen. Musstest Du ergänzen, verändern, hast Du eigene Arrangements hinzugefügt?

Man bekommt eine Partitur vom Verlag, die ist schön ausgearbeitet. Da ist genau vorgeschrieben, was man da zu tun hat. Das habe ich im Prinzip auch gemacht. Was ich versucht habe, das Ganze klanglich zuzuspitzen, dass es Edge bekommt, wie sagt man…

Schärfe?

Ja, schärfer, klarer auch abgedrehter wird. Es wird sehr viel Harmonium benutzt, und da denkt man ‚bo‘, das hätte man ja vorher mal stimmen können, das beißt sich ins Ohr rein. Und das habe ich versucht, soweit es die Partitur hergab. Aber ich habe nix verändert. Das dürfen wir auch nicht.

Aber was heißt das ‚angeschärft‘? Neue Instrumente, Klänge dazu? Hast Du die Begleitung verändert?

Ich habe auf Artikulation geachtet, Abstimmung der Lautstärken der Instrumente und Herausheben von ungewöhnlichen Klangkombinationen, so kann man das Ganze besser strukturieren. Ein Beispiel, da gibt es ein Stück, da sind Lockdrums drin, das sind so kleine Trommeln, die sehen aus wie Holzstöcke. Das kombiniert mit einer Bassklarinette und einem Bass, der merkwürdige Akkorde zupft, und einem Marimbaphon in tiefer Lage, das sind ganz schräge Instrumentenkombinationen. Auch wenn die im Zusammenhang sind.

Du hast nur die Instrumente der Uraufführung von 1990 im Thalia verwendet? Keine neuen Instrumente dazu genommen?

Da sind genug verrückte Sachen dabei, das war nicht nötig. Die Partitur ist zwar erst 15 Jahre später entstanden. Davor haben sie immer nur von Leadsheeds gespielt, die konnten das wahrscheinlich alles auswendig…

Leadsheeds?

Ach so, das sind Blätter, wo grob drauf steht, wo es lang geht. Das waren damals alles freie Musiker, Jazzer zum Teil, die haben sich das zurecht gelegt und gespielt. Und dann hat sich jemand viel später daran gedacht, da mal eine Partitur daraus zu machen. Was nicht ganz einfach war…

Und das war wohl nicht Tom Waits, das war ein anderer?

Nicht Tom Waits! Ich glaube nicht, dass der irgendwas damit gemacht hat. Das habe ich zwar mal verschiedentlich gelesen, das glaube ich aber nicht. Das hat jemand anderes gemacht, den ich nicht kenne, keine Ahnung. (In der Partitur steht: “Score realization (2016) after an adaptation by Bent Clausen (2004)”, Anm. Redaktion)

Da muss man ja auch ein bisschen Ahnung von Partituren haben, so einfach ist das Metier des Partituren-Schreibens dann auch nicht.

Nee…

Wie würdest Du denn diese Musik einordnen. Du sagtest schon verrückt, es hat etwas halluzinogenes, wie würdest Du sie beschreiben. Musical kann man das ja nicht nennen.

Ein Musical ist es nicht. Es wird zum Teil als Anti-Musical beschrieben, weil es 1990 in Hamburg herauskam. Hamburg war seit ein paar Jahren die Musical-Hauptstadt Deutschlands, wo Cats lief. Ich glaube das Phantom der Oper ist in dem Jahr auch herausgekommen. Zwei Jahre davor Starlight Express in Bochum. Und das waren die vom gehobenen Bildungsbürgertum als etwas flach und sehr unterhaltsam gesetzten Stücke. Die wollten damals ganz bewusst einen Gegenpol setzen. Zumindest war das die Initiative des Thalia Theaters. Deshalb haben die sich die Leute geholt, von denen sie wussten, das sind absolute Querdenker, die haben damit überhaupt nichts am Hut. Das war wirklich als Anti-Musical geplant. Und das zum Musical umzufunktionieren ist nicht in Ordnung. Das ist es nicht. Das wollte es auch nicht sein.

Wie würdest Du das jetzt nennen?

Ich würde das als ein … absurd ist zu viel gesagt, es ist ein … abgedrehtes Theaterstück mit Songs und Underscores, die alle Stile bedienen und persiflieren, um möglichst, ja, eine disparate und seltsame Atmosphäre zu schaffen. Vielleicht auch die Leute ein bisschen zu reizen. Da bin ich mir eigentlich ziemlich sicher.

Gibt es denn darin auch so etwas wie einen Schlager? Einen Black Rider Song?

Den gibt es tatsächlich. Er kommt direkt am Anfang, das Black Rider Theme heißt es in der Partitur. Und das ist ein Stück im ganz gefälligen Vaudeville-Stil. Ein bisschen wie Cabaret von John Kander und Fred Ebb. Ein bisschen klingen auch die 30er Jahre Brecht/ Weill durch. Cabaret spielt auch in den 30er Jahren. Der Stil wurde bewusst kopiert. Das ist sehr gefällig. Und das ist oft hier so, je süßer die Musik, um so brutaler ist der Text. Wenn man natürlich nicht so gut Englisch kann, dann versteht man es nicht so richtig. Weil es sehr abgehobene Texte sind. Im süßesten Ton wird davon geredet, wie einem die Haut vom Leib gerissen wird und er mit klappernden Knochen daher geht. Und das in eine süßliche Atmosphäre gepackt. Die Musik geht oft extrem gegen den Text. Und wenn man das versteht, dann nimmt man das wahr. Das hat eine spezielle Wirkung.

Was ist Dein Fazit zu dem Stück, Du hast ja schon viele Musicals gemacht? Und dieses Stück, nehme ich mal an, machst Du zum ersten Mal?

Genau, ich mache es zum ersten Mal. Ich bin völlig unbedarft daran gegangen. Und habe zuerst die Partitur gelesen und gedacht, was ist das denn für ein Zeug! Völliges Durcheinander! Und habe erst einmal versucht, für mich da einen Sinn draus zu machen. Aber dann habe ich gedacht, macht es Sinn, einen Sinn daraus zu machen, was die Sinnlosigkeit zum Thema hat? Das geht fast schon in philosophische Fragen. Da habe ich mich dann ein bisschen verstrickt. Ich habe letzten Endes versucht, die Partitur so wieder zu geben, wie ich glaube, dass sie gedacht ist. Und wie schon gesagt, alles Scharfe und Provozierende herauszuarbeiten. Und die Stilistik so zu bedienen, wie sie gemeint ist, was dann zu den Antagonismen führt, weil der Text passt jetzt gar nicht dazu! Es ist mir in vielem gelungen, glaube ich, bei einigen Nummern überlege ich noch, ob ich es richtig gemacht habe. Das kann mir auch keiner sagen. Weil es rätselhaft ist, selbst, wenn man alle Wörter im Englischen versteht, versteht man doch nicht alles.

Und Du arbeitest hier mit Musikern der Neuen Philharmonie Westfalen, das sind ja alles keine Jazzmusiker!

Das ist auch keine Jazzmusik. Es gibt ein paar Stücke mit Jazz-Anklängen. Man braucht aber keine ausgewiesenen Jazzmusiker dafür. Die Musiker haben sich da rein geschmissen und machen das toll. Da gibt es keine Zweifel. Ich hatte ein paar Befürchtungen. Das hat sich komplett zerstreut. Die machen das wirklich toll! Und haben Spaß. Das ist natürlich für so eine Nummer wichtig.

Und singst Du immer noch? Du hast ja immer noch eine sehr artikulierte Stimme beim Sprechen.

Ich singe schon noch… Wir haben sogar in Erwägung gezogen, ob ich hier in dem Stück singen soll. Da gibt es so eine Jodel-Nummer, da haben wir überlegt, ob wir einen Jodel-Battle machen zwischen Bühne und mir und ich anfange zu jodeln. Das hat sich aber dann von der Inszenierung her zerschlagen. Ich singe manchmal schon. In der Corona-Zeit haben wir Stücke aufgeführt und da hatten wir nicht alle Leute zur Verfügung. Und da habe ich gesagt, was solls.

Im Aalto-Theater?

Ja, wir haben so eine 60er Jahre Show gemacht, Yesterdate, die ist zwei Mal gespielt, dann abgesagt worden. Wir haben die dann in eine Art Sommerbespielung in kleiner Besetzung draußen gemacht. Und dann habe ich einige Stücke übernommen, weil wir nicht alle Leute bekommen konnten. In solchen Situationen singe ich dann. Das ich mich groß als Sänger dahin stelle, das habe ich aber nie ernsthaft betrieben.

Jetzt musst Du ja auch dirigieren!

Habe beides aber auch schon mal gemacht. In einer Jesus-Christ-Vorstellung, da ist der Darsteller von dem tiefen Kaiphas ausgefallen. Und dann haben sie mir kurzerhand ein Headset aufgesetzt und dann habe ich das gesungen, während ich dirigiert habe!

Die nächsten Vorstellung von The Black Rider im Musiktheater im Revier sind am Sonntag, den 27. September und am Samstag, den 10. Oktober. Weitere Informationen hier

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