Der Deutsche Dirigentenpreis 2021 ist in der Kölner Philharmonie an den Belgier Martijn Dendievel gegangen

Die Dirigierzunft ist gerettet! Denn „es sei eine wahre Freude gewesen, sich mit den Bewerberinnen und Bewerbern zu beschäftigen.“ Markus Stenz, Vorsitzender der Jury des Deutschen Dirigentenpreises, spielt auf das Klasse-Niveau an. Eine Knochenarbeit muss es dennoch gewesen sein. Denn 274 Video-Bewerbungen aus 49 Nationen sind beim Dirigentenforum des Deutschen Musikrates eingegangen und mussten von der 11köpfigen Jury vorab gesichtet werden. Eine Besonderheit dieses hoch dotieren und seit 2017 international ausgeschriebenen Wettbewerbs: Oper und sinfonisches Repertoire werden gleichberechtigt in der Pflichtkür für die besten Nachwuchsdirigentinnen und -Dirigenten angesetzt. Und so waren vom 18. bis zum 23. Oktober auch die beiden Kölner Orchester im Einsatz. Das WDR Sinfonieorchester fürs Sinfonische und das Gürzenich-Orchester für die Opernszenen plus Mitglieder des jungen Opernstudios ergänzt von Sängern des Kölner Ensembles. 10 Bewerbungen aus 9 Nationen schafften es in die Aktivrunde, plus der zwei extra-nominierte Stipendiaten des Forums Dirigieren. Beide haben einen Preis abgeräumt. Schon die öffentlichen Probenphasen waren im Vergleich äußerst spannend. (Von Sabine Weber)

Martijn Dendievel gewinnt den ersten Preis beim Deutschen Dirigentenpreis 2021 in der Kölner Philharmonie. Foto: Heike Fischer

(23. Oktober 2021, Kölner Philharmonie) Das Finalkonzert am 23. Oktober in der Kölner Philharmonie hat dann den absoluten Gewinner ermittelt. Die drei beteiligten Charaktere – leider keine Frau dabei – hätten nicht unterschiedlicher sein können.
Der Südkoreaner Hangyul Chung präsentiert eine atemberaubend spannungsgeladene Leonore 3 Ouvertüre. Er fokussiert die Musiker auf sich, spannt mit Geduld vom pianissimo ausgehend einen Bogen, den man gar nicht auszuhalten glaubt und ist wendig und beweglich sofort im nächsten Einsatz, um Salven zu entladen. Die Ferntrompete für die militärischen Signale war wohl eine Idee aus dem Orchester heraus. Denn bei der ersten Probe hätte Hangyul Chung nach dem fehlenden Trompeter Ausschau gehalten. Jedenfalls macht die Ferntrompete hinter der Tür zum Philharmoniesaal einen ungeheuren Effekt.

Hangyul Chung gewinnt den zweiten Preis. Foto: Heike Fischer

Chung zeigt insgesamt die besten Techniken und ist auch beim quirligen Schmugglerquintett 2. Akt Carmen der einzige der drei Kandidaten, der wirklich ganz und gar bei den Sängern ist. Er bekommt auch die Klangbalance zwischen Orchester und Sängern auf dem Konzertpodium austariert. Die Sänger müssen sich nämlich von hinten über das dadurch leicht zu laute Orchester durchsetzen. Weder Martijn Dendievel im aufregenden Così-Sextett aus dem 1. Akt, noch Aivis Greter mit dem Antonia-Finale aus Hoffmanns Erzählungen gelingt das. Ist die Carmen-Partitur diesbezüglich etwas gnädiger?

Der Lette Aivis Greters gewinnt den zweiten Preis. Foto: Heike Fischer

Wenn Chung der Panther ist, dann der Lette Aivis Greters der Bär. Mit Wucht und Genauigkeit entfesselt er die Tragische Ouvertüre von Brahms. Das WDR Sinfonieorchester scheint fast zu explodieren. Und dennoch ist akademisch alles genauestens konturiert. Pech, dass der 1. Hornist verschollen ist und sein Part von den drei anderen Hornisten improvisierend übernommen werden musste, was für Kiekser und hörbare Unsicherheit in der Gruppe sorgt. Brahms braucht einfach alle und nur gute Hörner! Die Posaunen nebst Tuba sind auch grandios.

Martijn Dendievel. Foto: Heike Fischer

Martijn Dendievel wagt sich mit dem Tombeau de Couperin ans vielleicht anspruchsvollste Werk des Abends. Denn Ravel‘sche Orchesterwerke sind die schwersten in der Realisierung, was instrumentale Farbigkeit und spontan unvorhersehbare kammermusikalisch verspielte Gesten im rasanten, nicht selten waghalsig rhythmisierten Wechsel angeht. Das ist vor allem für deutsche Orchester nicht leicht, die auf geballten Mischklang statt auf solistisch gefärbten französischen Spreizklang getrimmt werden. Das Prélude ist zu Beginn ein reinstes Oboenkonzert, um das Holzbläser sprudeln, bis Streicherkantilenen übernehmen. Und schon mischen mit: die Harfe, das Englischhoren, die Klarinetten… Ein unentwegtes Gewusel, denn jeder hat noch was zu sagen, und alles muss klar kommen, egal bei welcher Dynamik. Ein Tanz auf Eiern! Ravel galt als ein Meister der Untertreibung, der ohne zu lachen mit furchterregender Leichtigkeit das Paradox und die Ironie beherrscht habe. Auch musikalisch. Die Forlane braucht einen elegant ordinären, zumindest kapriziösen Unterton. Martijn Dendievel gelingt er. Das WDR Sinfonieorchester lässt er die typisch Ravel‘schen Farben erzeugen. Auch in dem leicht melancholischen Menuett tanzen immer andere Instrumente miteinander, was unerhörte Klangfarben erzeugt, bis es mit einem verhauchten Akkord mit Sixte ajouté leicht jazzig endet. Als würde sich das Menuett müde auf den Barhocker sinken lassen. Vielleicht ist es Dendievels Schlacksigkeit geschuldet, dass er auf dem Podium etwas ungelenker wirkt als Hangyul Chung.

Der von diesem Abend ausgehende Eindruck scheint eindeutig, wird aber nach der Preisverkündung von Markus Stenz relativiert, der zur Preisverleihung auf die Bühne kommt. Die Probenleistungen in der Woche hätten entscheidend zu Buche geschlagen. Magie und Handwerk durchdringen sich im Dirigentenberuf. Und die Frage: wer zeigt nach kurzer Zeit die fertigste Leistung? Wie werden die Musiker erreicht? Wer kriegt die Punktlandung in der Probe hin, mit dem, was den Musikern vermittelt werden soll, wieviel Zeit braucht es, um neue Farben zu kreieren… Das sei bei Ravel nun wirklich die größte Herausforderungen gewesen – und dann erst die Übergänge von Detail zu Detail. Entscheidend sei bei der Bewertung auch die Entwicklung der Steigerungen im Wochenablauf zum Konzert hin gewesen. Wobei Stenz nicht vergisst zu erwähnen, dass Leonore 3 einfach atemberaubend war und das Carmen-Quintett sprudelnd entfesselt oder so ähnlich. Und Aivis Greters hätte sich hingestellt und musiziert und musiziert und musiziert. Alle Preisträger haben zweifellos ihre Meriten. Und Wettbewerbe haben immer einen Überraschungsmoment!

Zufrieden dürften alle drei sein, denn sie sind ohnehin auf bestem Wege. Aivis Greters hat in seiner Heimat Lettland bereits alle großen Orchester dirigiert und die höchsten Preise gewonnen. Hangyul Chung, der in Mannheim bei Stefan Blunier studiert hat, vor Dirk Kaftan GMD am Bonner Theater, spricht wohl inzwischen perfekt deutsch, und hat sämtliche Orchester Südwestdeutschlands, einschließlich der Stuttgarter Philharmoniker geleitet. Er wird auch als erster auf die Bühne gerufen und bekommt den von der Kurt-Masur-Stiftung gespendeten Publikumspreis von der Witwe Kurt Masurs überreicht. Und wird dann gleich noch einmal hinein gerufen, um einen dritten Preis entgegen zu nehmen. Die Preisverleihungskrönung ist, dass Dendievel die Ouvertüre zum Fliegenden Holländer dirigieren darf. Großer Applaus. Danach holt er die Preisträger zwei und drei, Greters und Chung, noch einmal mit aufs Podium. Eine schöne kollektive Geste. Zu dritt werden sie gefeiert. Und die Kölner Philharmonie ist nicht nur endlich mal wieder richtig gut besucht. Der Wettbewerb hat auch ein junges Publikum angelockt. Natürlich freuen wir uns, dass es ein Belgier im Nachbarland geschafft hat. Belgische Dirigenten, da fällt mal gerade André Clytens ein, der sich lieber als französischer Dirigent feiern ließ. Dendievel, der ebenfalls perfekt deutsch spricht, hat bereits den ersten Preis beim MDR-Dirigierwettbwewerb und beim Louis-Spohr-Wettbewerb in Kassel in der Tasche. Und in seiner Heimat ist er Assistent beim Symfonieorkest Vlaanderen, wo seit 19/20 Kristiina Poska Chefin ist. Auch sie hat den deutschen Dirigentenpreis 2013 gewonnen und ist inzwischen Mitglied in der Jury.
Das Preisträgerkonzert ist von WDR3 mitgeschnitten worden und kann noch 30 Tage lang nachgehört werden.

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