Das Linos Piano Trio philosophiert auf seinem Festival in der Kölner Orangerie über das Ende der Zeit!

Die Location des Linos-Festivals im Kölner Volksgarten hat von außen Vintage-Charme. Innen links geht man an einer minimalistischen Künstlergarderobe mit grauem Vorhang abgetrennt vorbei. 50 rote Polsterstühle sind im Raum in Reihen verteilt. Der zweite Festival-Abend ist ausverkauft, und vielleicht klingt der Raum deshalb akustisch so perfekt! Zeit ist das Festivalsmotto, und erst einmal rattern zum Einstieg Metronome mit- oder gegeneinander auf einem Podest, bis ihre Zeit abgelaufen ist. Dann ist Maurice Ravels „Le Tombeau de Couperin“ in Trio-Bearbeitung zu erleben. Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ – mit Klarinettist Han Kim als Gast – macht in seiner Wucht und Eindrücklichkeit fast betroffen. (Von Sabine Weber)

(25. Juni 2022, Linos Festival, Orangerie Theater Köln) Der Abgesang der Violine in der letzten Lobpreisung der Unsterblichkeit Jesu versucht nach mehr als 45 Minuten zu besänftigen. Geiger Konrad Elias-Trostmann scheint mitgenommen. Und seine stets nie nur platt schönen, sondern wie Sprache geformten Töne müssen davon zeugen. Soviel ist über Musiker und natürlich auch die Zuhörer in Olivier Messiaens Quartett auf das Ende der Zeit bereits hereingebrochen: die eröffnende Liturgie de Cristal ist eine Predigt mit kristallscharfen Worttönen. Ein Abgrund der Vögel tut sich auf, in die der Klarinettist mit wilden Tonkaskaden hineinstößt und mit aus atemberaubenden, unhörbar pianissimo angeblasenen Tönen wieder Spuren hinaus legt. Welche Farbnuancen Han Kim für die verschiedenen Vogelstimmen am oder im Abgrund hörbar gemacht hat! Für Vögel hatte der Hobbyornithologe Messiaen ja auch ein besonderes Faible. Die Lobpreisung der Ewigkeit Jesu für Violoncello und Klavier zelebriert Vladimir Waltham dann mit überirdischer Ruhe und mit demütigem, fast naivem Wohlklang. Dazu die ruhig dahinschreitende Klavierbegleitung, ebenfalls ein Sinnbild für die Ewigkeit. Die Danse de la fureur, ein apokalyptischer Wuttanz, fegt dann vehement und mit einer solcher Lautstärke die Gewissheit auf jeglichen Seelenfrieden weg, dass sich verzweifelt die Ohren zugehalten werden müssen. Messiaen kennt in seinem gnadenlos auskomponierten Wechsel von Schrecken und Hoffnung als Vision auf das Ende der Zeit kein Pardon. Und das Ensemble nimmt die durchaus religiös motivierte Partitur ernst.

Prach Boondiskulchok, Konrad Elias-Trostmann, Han Kim, Vladimir Waltham. Foto: Vincent Kleemann

Mit ungeheurer Konzentration und Anteilnahme sind die vier Musiker dabei. Während der solistischen Gebete versinken die nur hörenden Mitspieler auch mal in meditative Haltungen, um nach gefühlter Ewigkeit wieder für die Grenzgänge des Ausdrucksmöglichen parat zu sein. Wie gut sie aufeinander eingespielt sind, ist bei den vierfachen Unisono-Passagen, alle spielen synchron dieselben Töne, zu hören. Und sie rücken sich in den acht so unterschiedlichen Sätzen immer wieder anders in den Fokus. Das ist Spielkultur auf höchstem Niveau!

Das war schon in der Bearbeitung von Maurice Ravels Tombeau beeindruckend. Die Befürchtung, der Flügel, vom Bechstein Centrum in der Kölner Ladenstadt gesponsert, würde alles erschlagen, ist mit den ersten Tönen weggewischt. Pianist Prach Boondiskulchok ordnet den auch in dieser Trio-Bearbeitung relativ dichten Klaviersatz mit Samtfingern in den Gesamtklang, wobei sich Violine und Violoncello auch mal Passagen der rechten oder linken Klavierhand akkurat beifügen. Ravel hat die sechs Sätze zunächst ja auch für Klavier entworfen, bevor er einige Sätze für Orchester instrumentiert hat. Für jeden Dirigenten sind diese brillanten Orchestersätze eine Feuerprobe. Jetzt meint man erstmals zu hören, dass Ravel dieses Tombeau eigentlich als Klavier-Trio gedacht haben muss.

Mit eigenen Orchester-Bearbeitungen hat sich das Linos Piano Trio bereits profiliert. Für ihre aktuelle CD Stolen Music (Label CAvi) haben sie bereits – nomen es omen – französische Orchesterwerke adaptiert. Debussys visionäres Prélude à l’après-midi d’un faune, Pauls Dukas Zauberlehrling oder La Valse von Ravel sind darauf zu hören. Die CD ist gerade für den Opus-Schallplattenpreis nominiert. Das Ende der Zeit – Überschrift des Konzerts – ist für dieses Trio also noch lange nicht in Sicht. Boondiskulchok und Waltham haben sich als Guildhallstudenten in London kennen gelernt und das Linos Piano Trio vor 15 Jahren gegründet. Seit neun Jahren ist der Kölner Violinist Konrad Elias-Trostmann dabei. Die drei sollten jetzt erst einmal durchstarten. Und das ist diesen Musikern auch zu wünschen, die ihr dreitägiges Linos Festival jetzt zum dritten Mal in Eigenregie veranstaltet haben. Unterstützt auch von einigen Kölner Bürgern und Musikbegeisterten…

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