Verbrecherische Geheimnisse und betörende Madrigalklänge. Thomas Larchers erste Oper ist auf DVD nachzuhören!

In Japan gibt es ein neues Unternehmenskonstrukt. Ein Tourismusbetrieb vermietet Zimmer an die, die es mit der großen Liebe zuhause nicht mehr aushalten. In Zeiten der Corona-Pandemie sei das eine wichtige Scheidungsvorbeuge. Als Yasushi Inoue sein Drama über Fremd- und Hintergehen, Geheimniskrämerei und Einsamkeit in der Novelle Das Jagdgewehr 1949 veröffentlicht, hat es solche Scheidungsvorbeugen noch nicht gegeben. Bei Inoue betrügt ein Mann seine Frau Midori mit deren Cousine Saiko auch „aus verbrecherischen Absichten“, wie es heißt. Und das unmittelbar nach der Hochzeit. Saiko schwört, sich umzubringen, sobald Midori von diesem „Verbrechen“ erführe. Midori weiß von Anfang an von diesem Verhältnis, schweigt aber. Erst als Saiko tödlich erkrankt, offenbart Midori ihr Wissen. Saiko hat auch vor ihrer Tochter Shoko geschwiegen. Erst durch ein Tagebuch erfährt Shoko von dem Verhältnis ihrer Mutter zum Onkel. Das Schweigen ist Drama! Das Geheimnis lüften drei Briefe, die die drei Frauen unabhängig von einander an den Mann, Geliebten und Onkel Josuke Misugi schreiben. Der übermittelt sie an einen Poeten, der ihn einsam mit Gewehr durch den Schnee hat stapfen sehen und darüber ein Gedicht verfasst hat, in dem sich der einsame Jäger wiedererkennt und ihn kontaktiert. Daraus hat Friederike Gösweiner ein Libretto verfasst, hat die Briefe zu Parallelhandlungen verstrickt, die Thomas Larcher zu einer eiskalten aber das Herz quetschende Kammeroper vertont hat. (Von Sabine Weber)

Im Zentrum stehen Madrigal- oder Motettenartige Klänge. Die Schola Heidelberg übernimmt in der Werkstattbühne der Bregenzer Festspiele eine kommentierende, dennoch wegweisende Funktion. Immer wieder ein und dieselbe Wendung „Was betrübst du dich meine Seele“, ich tippe von Johann Hermann Schein. Verfremdet und wenig tröstlich, eher eiskalt einschneidend. Es geht um Gefühlskälte und Einsamkeit, verursacht durhc Schweigen. Die Bühne hat Katharina Wöppermann als eine verschneite Seelenlandschaft mit weißem Kasten angedeutet. Immer wieder flimmern Naturaufnahmen dezent im Hintergrund, kahle Bäume im Wind beispielsweise. Aus schwarzem Hintergrund ragt ein angedeutetes weißes Flussbett hinein. „Damit Sie verstehen, was in diesem weißen Nichts fließt“, sagt Misugi dem Dichter sinngemäß bei der Übergabe der Briefe. Ein Eiskristall hängt wie ein totes Herz im Bild.

Der Schweizer Komponist Larcher legt ergreifende, markige und aussdrucksstarke Gesangspartien an

Die Rahmenhandlung gehört dem Dichter und Tenor Robin Tritschler, der sein Gedicht über Josuke Misugi mit Jagdgewehr singt. Er beobachtet ihn nicht nur, er trifft ihn in dieser 90minütigen Kammeroper – anders als in der Novelle – auch persönlich. Bariton André Schuen ist mit Samurai-Zopf in weißem Anzug ein stimmlich markiger Josuke und geht als Japaner bestens durch. Die Frauen kommen mit Saiko ins Spiel, einer wenig japanisch wirkenden blonden Olivia Vermeulen in auftragendem hellgelbem Kleid mit Rollkragen und Bananenfrisur als Lebedame. Ergreifende Töne findet sie, um die Last zu vermitteln, die ihr das Geheimnis über 10 Jahre aufgebürdet hat. Giulia Peri als Midori im weiten Hosenrock, Grazia-Patrizia-Sonnenbrille und Kopftuch, ist eine gebrochene Frau. Doch sie agiert überlegt und überlegen in ihrer ausdrucksstark angelegte Partie und holt sich das Heft der Handlung schlussendlich zurück. Sie verlässt Josuke. Einzig Shoko mit stratosphärisch hohen Tönen und Ausbrüchen ist als Girlie etwas überzeichnet. Sarah Aristidou in unvorteilhaftem Hängerchen bewältigt die anspruchsvolle Rolle allerdings großartig.

Ein inneres Hördrama als Pendant zum Schweigen

Das Jagdgewehr als Hördrama geht auf DVD wunderbar auf. Die Briefe sind miteinander so zu einer Handlung verwoben, dass Zeitsprünge sich einordnen. Es gibt auch die deutschen Untertitel, es wird Deutsch gesungen, als extra. Aber vor allem bannt Thomas Larcher mit seinen vielschichtig flirrenden und subkutan wirkenden Klängen. Er kreiert ein inneres Hördrama als Pendant zum Schweigen. In dieser Tragedia dell’ascolto verdichtet Larcher mit immer neuen Klangspektren zu den Enthüllungen und dadurch entstehenden dramatischen Momenten. Seine Musik ahnt voraus und fühlt nach. Und immer wieder der Madrigalchor, der wie ein Geisterchor über dem Drama liegt. Ein Akkordeon und ein Hackbrett im klanglichen Zentrum sorgen übrigens auch für dezentes japanisches Kolorit. Sie imitieren die Mundorgel Shô und die Koto-Harfe. Wie gut, dass dieses eindringliche Werk jetzt auf DVD zu erleben ist. Denn wer die Bregenzer Festspiele 2019 zeitlich nicht geschafft hat, konnte wegen der Corona-Pandemie leider auch nicht nach Amsterdam reisen, wo die Aufführung hin reisen sollte. Diese DVD in Blu-ray Qualität ist dafür eine Entschädigung in hoher Qualität.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.