Shaghajegh Nosrati spielt Werke von Charles-Valentin Alkan ein

Die neue CD von Shaghajegh Nosrati
Das Cover der neuen CD von Shaghajegh Nosrati mit Klavierwerken von Charles-Valentin Alkan. Shaghajegh ist iranisch und bedeutet Klatschmohn

Für die Pianistin Schaghajegh Nosrati steht Bach an erster Stelle! 1989 in Bochum als Kind iranischer Eltern geboren, gelingt ihr 2014 der Durchbruch als Preisträgerin beim internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig. Auf ihrer Debüt-CD nimmt sie die „Kunst der Fuge“ auf. Drei Klavierkonzerte von Bach auf ihrer zweiten CD mit dem Deutschen Kammerorchester Berlin. Auf ihrer neuen CD beim CAvi-music Label spielt die Pianistin Werke von Charles-Valentin Alkan ein. Und dessen Klavierwerk hat erstaunlich viel mit Bach zu tun! (Von Sabine Weber)

Charles-Valentin Alkan war Franzose, Pianist, Freund von Chopin und Virtuosenkonkurrenz für Liszt. Er hat sich die Klavierwerke zumeist in seine Finger geschrieben. Seine 24 Etüden orientieren sich an den sämtliche Tonarten abschreitenden Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier Bachs. Alkans Concerto pour piano seul, in der das Klavier neben dem Solo- den Orchesterpart mitverwaltet, verweist auch wieder auf Bach. Auf dessen Italienisches Konzert. Immer wieder wendet Alkan kanonische und kontrapunktische Techniken an. Gleichzeitig schlägt er pianistische Kapriolen. Die könnten das Publikum seinerzeit verschreckt haben, zumindest die Humorlosen. Genau das schätzt Pianistin Shaghajegh Nosrati an Alkan. Dessen Glaube an die vielfältigen Möglichkeiten des Klaviers. Seine strengen Kompositionstechniken, sein Intellektualismus und sein Sarkasmus. Zeitlebends wurde Alkan nicht verstanden. Er galt auch gesellschaftlich als Sonderling, der sich jahrelang in die Einsamkeit seiner Pariser Wohnung einschloss, den Bart wachsen und seine pianistischen Ideen schießen ließ.

Nosrati adelt Alkans Klaviermusik auf ihrer neuen CD mit fantastischem Leggero

Sollte Alkans Klavierwerk unspielbar sein, was vielfach behauptet wurde, so spielt Shaghajegh Nosrati Alkan mit großer Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit. Die auf der CD geschickt verteilten Skizzen aus Alkans Esquisses op. 63 sind Moments musicaux oder Stimmungsbilder, die Nosrati mit kleinen unaufdringlichen i-Tüpfelchen garniert! Wenn sich Klaviertöne zu elegischen Melodien formen wie in La Vision, werden erste Zählzeiten sanft zu der wie in Chopinwalzern tupfenden Begleitung verzögert. Eine Petit Air im Siciliano-Rhythmus lässt an Debussys The little sheppard aus den Children‘s Cornern denken. Und schon huscht eine Staccatissimo-Studie derart leicht über die Tasten, dass die Schlussakkorde aufschrecken lassen, die plötzlich ruppig ein Ende setzen. In Alkans Toccatina op. 75, die sich zwischen die Esquisses fügt, fegt Shaghajegh Nosrati mit fantastischem Leggero in der rechten Hand über die Tasten, vergisst aber nicht, die kleinen Gegenakzente super präzis mit der linken zu platzieren. Irrsinnige Gegenrhythmen laufen scheinbar für einen Moment aus dem Ruder. Die ebenfalls zwischen die Esquisses geschobene Étude alla barbaro WoO lässt an Bartòk denken, klingt nach befremdlichen Auftakten dann nach Schumann, bis Virtuosität in den extremen Klangregistern des Klaviers barbarisch ausbricht. In En Songe, wieder aus den Esquisses op 63, schreckt Nosrati nicht zurück, das Haltepedal wie in Beethovens Mondscheinsonate gedrückt zu lassen. Einen seltsam entrückten Effekt macht das, wie aus einer verschwommenen Ferne gelauscht. Das Lied des Schiffers in der Barcarollette gesungen von der linken Hand wird von leichtem pianissimo Plätschern in den oberen Lagen mit der rechten Hand begleitet.

Nosrati spielt Alkans Esquisses wie aus dem Moment geboren und mit an Bach geschulter Anschlagskultur

Shagajegh Nosrati zeigt feinen Instinkt für die Nuancen, die es in den meist Minuten-kurzen Stimmungsbildern der Esquisses braucht. Wie aus dem Moment geboren entstehen sie und sind schon wieder verklungen. Ihre stupende Klaviertechnik, eine an Bach geschulte Anschlagskultur, aber auch enorme Krafteinsätze fordern sie im Concerto pour piano seul. Eine „Meta-Etüde“ sei dieses Werk, schreibt Shaghajegh Nosrati im lesenswerten Einführungstext des Booklets. Da erklärt sie auch, wie sie auf Alkan schon in frühen Studienjahren gestoßen sei, unter anderem angeregt durch ihren Mentoren und Klavierlehrer Rainer M. Klaas, den sie nie vergisst zu erwähnen. Dieses Alkan-Concerto ist jedenfalls ein Hammer. Es könnte durchaus mit Beethovenschen Hammerklavier-Sonate verglichen werden, so Nosrati. Schon der erste Satz dauert über eine halbe Stunde. Die postulierte Unspielbarkeit schiebt Nosrati auf die Schwierigkeit, aus deren komplexen Klaviersatz die musikalische Logik heraus zu lesen. Man begegnet einer Fülle von musikalischen Ideen, die sich hier tummeln, bedingen, herausfordern, abwechseln, hymnisch aufbrausen und wieder verflüchtigen. Eine grande Improvsiation über Chopinsche Nocturnes, Schumannsche Noveletten, über Liszts wilde Sturheit und seine ungarische Marsch-Attitüde, abgefedert von impressionistischer Farbgebung, das alles lässt Nosrati ganz selbstverständlich ineinander gehen! Das, was Alkans Skizzen im kleinen sind, liefern die drei Concerto-Sätze im großen Stil. Im kleinen wie im großen gelingt Shaghajegh Nosrati mit dieser beim Label CAvi-music produzierten Aufnahme sicherlich ihr originellster und überzeugendster Aufnahme-Wurf!

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